Ein rheinischer Dichter besucht den Judenstaat: „Tel-Aviv“ von Herbert Eulenberg (1929)

1
43

Ihre Zahl wird nicht allzu hoch ausfallen, die Zahl renommierter nichtjüdischer deutscher Literaten, die sich anerkennend und wohlwollend über den Judenstaat geäußert haben. Besonders aus der Zeit von vor 1933 dürften solche Dokumente der Judenfreundlichkeit eher rar sein. Von Heinrich Böll ist nach der Shoa noch ein sehr menschlich-zwischenmenschliches Essay („Shalom“) bekannt geworden, aber ansonsten? – Der, allem Anschein nach, zeitlebens hochangesehene rheinische Schriftsteller Herbert Eulenberg (1876-1949) besuchte wenige Jahre vor Beginn des Dritten Reiches Palästina und dokumentierte seine Reise in einem Buch…

Von Věnceslav Schwartz

Herbert Eulenberg zählte nicht zur ersten Garde deutscher Literaturschaffender; Vergleiche etwa mit Thomas Mann, Bert Brecht oder Hermann Hesse wären verfehlt. Jedoch gehört er auch heute noch, mehr als ein halbes Jahrhundert nach seinem Tod, zu den Persönlichkeiten, die moderne allgemeine wie literarische Nachschlagewerke mit einem eigenen Eintrag würdigen. Eulenbergs Bekanntheitsgrad war es denn auch, der ihn, der er sich dem nationalsozialistischen Regime nicht anschließen wollte und der dafür bewusst Nachteile in Kauf nahm, vor ernsthaften Repressalien bewahrte. Ende der 1920er Jahre besuchte Herbert Eulenberg mit seiner Gattin Hedda (1876-1960), einer vielbeschäftigten literarischen Übersetzerin, Palästina und berichtete über seine Eindrücke in seinem mit Originalfotos illustrierten Bändchen „Palästina“, das 1929 erschien.

Ehe das Tel-Aviv-Kapitel daraus wiedergegeben wird, soll ein Blick auf die Vita des Literaten Hintergründe erhellen helfen.

Herbert Eulenberg kam am 25. Januar 1876 in Mülheim (heute zu Köln) als Sohn eines Fabrikanten zur Welt. Sein Studium der Rechtswissenschaften und der Philosophie schloss er mit dem Titel eines Dr. jur. ab. Noch als Student war er mit schriftstellerischen Arbeiten hervorgetreten. Nach kurzfristiger Anstellung als Rechtsreferendar wechselte Eulenberg ins Theaterfach über und war als Dramaturg zunächst am „Berliner Theater“, später, 1905-1909, am Düsseldorfer Schauspielhaus tätig. In dieser Zeit schrieb er zugleich Beiträge u.a. für das Periodikum „Masken“. Bald gewann die schriftstellerische Seite in ihm die Oberhand und er wirkte in erster Linie als freier Autor. Sein Durchbruch gelang ihm mit den neuromantischen Dramen „Alles um Liebe“ und „Alles um Geld“. Als erfolgreich erwiesen sich ferner ab 1910 seine biografischen Skizzen bedeutender Persönlichkeiten „Schattenbilder“.

Den ersten Weltkrieg erlebte der Rheinländer als Berichterstatter mit. In den folgenden Jahren klang das Interesse des Publikums an Dramen ab und Eulenberg musste sich auf Prosa verlegen. Es entstanden Romane, Erzählungen, historische Monografien, Essays und Feuilletons. 1923 weilte er auf einer Vortragsreise in den USA und 1929 suchte er den in seinem Aufbau befindlichen Judenstaat auf. Während des Nationalsozialismus wanderte der Christ Eulenberg, zu dessen Bekannten- und Freundeskreis nach eigenen und den Angaben seiner Frau besonders viele Juden gezählt hatten, nicht aus. Er berichtet über jene Jahre von „Publikationsschwierigkeiten“. „Meyers kleines Lexikon“ von 1933 und „Der Neue Brockhaus“ von 1941 nennen Eulenberg einen „fruchtbaren Schriftsteller und Dichter“ bzw. einen „Schriftsteller“. 1948 veröffentlichte er seine Autobiografie „So war mein Leben“, die seine Gattin Hedda einige Jahre später mit der Herausgabe von „Im Doppelglück von Kunst und Leben“ noch ergänzte. Als ‚unbelasteter‘ Autor erhielt Eulenberg mehrere Auszeichnungen für sein literarisches Werk, ehe er am 4. September 1949 in Düsseldorf an den Folgen eines Unfalls verstarb.

Sein „Palästina“ gliedert der Autor in Abschnitte, die biblischen Stätten, den Kreuzzügen, modernen Städten und Regionen, dem Zionismus und der Person Theodor Herzls gewidmet sind. Das Tel-Aviv-Kapitel ist das letzte und es soll wohl zugleich die Funktion eines optimistisch-hoffnungsvollen Resümees des ganzen Buches erfüllen.

Tel-Aviv

„Gehen Sie doch nicht dahin!“ sagte mir Emil Ludwig, als ich ihn auf seinem prächtig gelegenen Château hoch über der blauen Bucht von Portofino aufsuchte: „Tel-Aviv ist wie ein Stück Kurfürstendamm von Berlin.“ Diesen Vergleich, den Ludwig auch in sein schönes Buch über das Mittelmeer aufgenommen hat, und den ich auch von anderen Leuten wiederholen hörte, kann ich nun freilich nicht gelten lassen. Viel eher den auch häufig gemachten mit Heringsdorf. Denn das Meer ist hier wie dort an der Ostseeküste das Ausschlaggebende, Bedeutungsvolle. Ohne das Meer, das herrliche blaue Mittelländische Meer, an dessen Küste es sich sonnt, wäre Tel-Aviv nicht das, was es ist, eine heitere, freundliche und lebhafte Seestadt, die den Europäer an Hafenplätze oder Badeorte in Holland, wie beispielsweise an Zandvort bei Haarlem und Amsterdam, erinnern mag. Ich muß gestehen, mir hat von all den vielen neuen jüdischen Siedlungen in Palästina, die ich gesehen habe, Tel-Aviv den besten und stärksten Eindruck gemacht. Und wenn ich gefragt würde, wo ich mich am liebsten im Gelobten Land niederlassen möchte, so würde ich, ohne mich lange zu besinnen, antworten: In Tel-Aviv. Vorausgesetzt, daß die jüdische Bevölkerung der Stadt, die 98, ja nach anderer Behauptung sogar 100 Prozent der Bewohnerschaft ausmacht, mich überhaupt als ständigen Mitbürger dort zulassen würde.

Die Stadt hat vor Haifa, dem nach Tel-Aviv schönsten Vorort der jüdischen Siedlungen, die Nähe von Jerusalem voraus, das man sonderbarerweise von hier mit dem Auto noch schneller, besser und billiger als mit der Eisenbahn erreicht. Und zum zweiten ist seine Nachbarschaft das uralte Jaffa, als höchst lebhaftes und bunt bewegtes Arabernest viel eigenartiger und sehenswerter als das schon recht modern wirkende Haifa. Ich weiß, die Zionisten und die Häupter der Siedlungskommissionen haben es gar nicht gern, wenn man Tel-Aviv, ihre Hauptkolonie, allzusehr auf Kosten der übrigen Pflanzstätten lobt. Ihnen liegt vielmehr daran, die neu ankommenden Kolonisten in der Diaspora zu verteilen, auf dem flachen oder noch lieber gebirgigen Lande Palästinas, wo die jüdischen Bauern als Pioniere zur Urbar- und Fruchtbarmachung des Landes besonders geschätzt sind. Aber ich gebe ja hier, ohne jede weitere Absicht, nur meine persönliche Meinung wieder. Und die geht dahin, daß Fleiß und Tatkraft es verstanden haben, in zwei Jahrzehnten – denn Tel-Aviv ist ja erst 1909 von ausgewanderten Jaffaer Juden gegründet worden – eine höchst ansehnliche, saubere und vollkommen neuzeitliche Stadt zu schaffen, in der es sich zu leben lohnt. Die Natur hat freilich bei der Anlage dieses jüdischen Gemeinwesens von vornherein mitgeholfen, indem sie den Kolonisten hier einen Strand schenkte, der einen herrlichen Wellenschlag hat, der, ohne so stürmisch wie der der felsigen Küste des nahen Jaffa zu sein, ständig bewegt, seinen kühlen Meereshauch der Stadt zuträgt. Viele der hier wohnenden Juden haben denn auch ihre übrigens mehr in alten Witzblättern als im Leben bestehende Wasserscheu so weit überwunden, daß sie im Sommer und erst recht im Winter, der ja hier nie allzu kalt wird, tagtäglich ihr Bad in den Fluten des Meeres nehmen. Auch die Witterung von Tel-Aviv, die weit wärmer als die von Haifa und erst recht als die des hochgelegenen Jerusalem ist, kann es einem leicht antun, daß man sich in dieser Strandstadt bald wohl fühlt. Hier weht nicht die kalte, eisige Gebirgsluft, die den Aufenthalt in Jerusalem im Winter, besonders nach dem Untergang der Sonne, des großen Ofens, der hier noch das meiste zur Heizung beitragen muß, recht ungemütlich machen kann. Auch der Sumpfgeruch, der das benachbarte schwülere Jaffa im Sommer häufig heimsuchen soll, wird in Tel-Aviv von der Brise, die das Meer entsendet, meist weggeblasen.

So kann man die Gründung dieses jüdischen Gemeinwesens an dieser günstigen Stelle nur als eine höchst glückliche und segenbringende Tat der sechzig Männer bezeichnen, die Anno 1907 mit Hilfe eines Darlehens aus dem jüdischen Nationalfonds hier im Norden des winkeligen und staubigen Jaffas für sich und die Ihrigen ihre eigene Stadt aufbauten: ihre Stadt, die sie nach einer schönen Stelle aus dem Hesekiel „Tel-Aviv“, zu deutsch: „Frühlingshügel“, benannten. Man muß die Unternehmungslust und Ausdauer dieser Männer bewundern, die aus dem flachen Sand eine rein hebräische und dabei völlig neuzeitliche Stadt erstehen ließen, deren öffentliche Einrichtungen schon heute allgemein anerkannt und gelobt werden. Nirgendwo in Palästina hat der zionistische Gedanke so tiefe und so schöne Wurzeln geschlagen wie hier in Tel-Aviv, das 1911 vor dem Weltkrieg erst 550 Einwohner hatte und heute bereits 40 000 besitzt. Überall wird hier in dieser Stadt, in der man an den Straßenecken und Anschlagsäulen nur hebräische Schriftzüge, keine anderen liest und nur Hebräisch oder allenfalls Jiddisch sprechen hört, noch gebaut: Kinos, Theater, Gasthäuser und neue Wohnviertel entstehen immerzu. Und der heilige Frühling, Ver sacrum, wie die alten Römer die jungen Kolonisten nannten, die sie in ihre neuen Pflanzstätten aussandten, verspricht hier in Tel-Aviv auch in Zukunft sich machtvoll zu entfalten.

Zum Abschied nach einem letzten Seebad und einem Sonnenbad am Strand, bei dem wir das zarte Lied von Mörike und Hugo Wolf: „Hier lieg‘ ich auf dem Frühlingshügel“ anstimmten, wandeln wir noch einmal durch die Hauptstraße der Stadt. Sie ist zugleich die älteste und heißt, wie es sich gebührt, Herzlstraße. Wie würden die Augen des Mannes, nach dem sie ihren Namen trägt, geleuchtet haben, wenn er über diese stets belebte Straße einherschreiten könnte! Er hat wie Moses am Berge Nebo das neue gelobte Land, das er seinem Volk wiederschenken wollte, nur aus der Ferne gesehen. Aber vielleicht ist dies das Schicksal aller Träumer und Seher, die in die Zukunft vorausschauen, daß sie selber nur erst im Geist in jenen Ländern sein können, die sie als Wohnstätten für die glücklicheren Nachkommen, die sich dort niederlassen, ersehnen.

(Herbert Eulenberg, Palästina, Berlin 1929, S. 200-203)

 

Bedauerlicherweise ist Herbert Eulenberg in seiner Autobiografie nicht näher auf die Palästinareise eingegangen. Hedda Eulenberg hingegen gibt auf mehreren Seiten die Tagebucheinträge zur Palästinareise wieder.

Anmerkungen:

Emil Ludwig (1881-1948) war ein jüdisch-deutscher, später Schweizer, Autor, dessen Werke zum Teil sehr hohe Auflagen erlebten.

Der deutsche evangelische Geistliche Eduard Mörike (1804-1875) wurde als Lyriker, Übersetzer, Erzähler bekannt.

Hugo Wolf (1860-1903), ein Deutsch-Slowene, erwarb sich als Komponist und Musikkritiker Ruhm und Ansehen.

Der antike Brauch des Ver sacrum („Heiliger Frühling“) war nicht nur bei den italischen Völkern, sondern auch bei Kelten und möglicherweise auch Germanen eingeführt.

Literatur:

„Eulenberg, Herbert“

In: Brockhaus Enzyklopädie in 30 Bänden, 21. Aufl., Leipzig u. Mannheim 2006

In: Der Brockhaus – Literatur, 2. Aufl., Mannheim und Leipzig 2004

In: Manfred Brauneck (Hg.), Autoren Lexikon deutschsprachiger Literatur des 20. Jahrhunderts, Reinbek 1984/1995

In: Der Literatur Brockhaus, 3 Bände, (Hg.) Werner Habicht, Mannheim 1988

In: Meyers Enzyklopädisches Lexikon in 25 Bänden, 9. Aufl., Mannheim u.a. 1973

In: Der Neue Brockhaus in vier Bänden, 2. Aufl., Leipzig 1941

In: Meyers kleines Lexikon in drei Bänden, 9. Aufl., Leipzig 1933

Hedda Eulenberg, Im Doppelglück von Kunst und Leben, Düsseldorf 1952

Herbert Eulenberg, Palästina, Berlin 1929

Herbert Eulenberg, So war mein Leben, Düsseldorf 1948

Kurt Wolff, Der Dramatiker Herbert Eulenberg, Bonn 1912

1 Kommentar

  1. Auf den ersten Blick hin klingt der Vergleich der heute über 400 000 Einwohner zählenden Metropole Tel Aviv mit Heringsdorf (Herings-what?) herabwürdigend. Der zweite Blick belehrt jedoch, dass dem deutschen Dichter nicht daran gelgen war die Stadt im südöstlichen Mittelmeer schlecht zu machen. Denn Tel Aviv war gegen Ende der Zwanziger mit nur einem Zehntel seiner heutigen Einwohnerschaft noch recht überschaubar und auf der anderen Seite Heringsdorf gemäß Wiki:

    Zu Kaiserzeiten wurde die Insel Usedom mit Heringsdorf, Ahlbeck und Bansin als „Badewanne Berlins“ bekannt. Sie gehörten zu den bekanntesten und meistbesuchten Seebädern der Ostsee. Auch die kaiserliche Familie weilte mehrfach zur Erholung in den Badeorten, mindestens zu den Kaisertagen am ersten Augustwochenende…

    1818 wurde zwischen Ahlbeck und Bansin eine kleine Fischeransiedlung mit einer Heringspackerei gegründet. 1820 besuchte König Friedrich Wilhelm III. Swinemünde und wurde auf diese Fischeransiedlung hingewiesen. Daraufhin besuchte er den Ort mit den Prinzen. Von Bülow bat den König um eine Namensgebung für die Ansiedlung. Ein Prinz, der spätere König Friedrich Wilhelm IV. nannte den Namen „Heringsdorf“ und so kam der Ort zu dem Namen.

    Ab 1825 begann der Badebetrieb, nachdem Georg Bernhard von Bülow (1768–1854), der Besitzer des Ritterguts Gothen, mit dem Weißen Schloß das erste Gästequartier auf dem Kulm, einer sandigen Erhebung oberhalb der Küste, hatte bauen lassen. Seine Ländereien erstreckten sich bis an die Ostsee. Er ließ sie parzellieren und verkaufte die Grundstücke für den Bau von repräsentativen Villen, vornehmlich an Adlige und wohlhabende Berliner, unter denen sich viele jüdische Familien befanden…

    An der Strandpromenade befinden sich zahlreiche Bäderarchitektur-Villen, die oftmals eine wechselvolle Geschichte hinter sich haben. In der Villa Oppenheim beispielsweise residierte Lyonel Feininger 1909 bis 1912. Direkt daneben steht die Villa Delbrück, die sich Geheimrat Hugo Delbrück, der Gründer der „Aktiengesellschaft Seebad Heringsdorf“ (1872) bauen ließ. Der nächste Bau, die Villa Diana, hat so unterschiedliche Gäste wie Gerson von Bleichröder, Hermann Göring sowie zu DDR-Zeiten den FDGB-Vorstand Harry Tisch erlebt. Nur wenige Schritte entfernt findet sich die Villa Augusta – hier verbrachte der Maler Bernard Schultze die Sommer seiner Kindheit. Im Garten der Villa Staudt erinnert eine bei Howaldt in Braunschweig gefertigte Büste Kaiser Wilhelms an dessen Besuche in Heringsdorf im Haus der Konsulin Elisabeth Staudt.
    Heringsdorf: Villa Oechsler, früher Haus Berthold, von 1883 mit Mosaik von Antonio Salviati

    Vergleichbar sehenswert sind auch die Villen abseits der Strandpromenade. Im Weißen Schloss logierte Kaiser Wilhelm I. in seinem Urlaub; die SED brachte zu DDR-Zeiten in diesem Bau ihre Parteischule unter. In der Villa Irmgard außerhalb des Zentrums versuchte Maxim Gorki 1922 seine Lungentuberkulose zu kurieren.

    Eine der ältesten erhaltenen Villen der Bäderarchitektur ist die Villa Achterkerke, die der Besitzer des Ritterguts Gothen, Georg Bernhard von Bülow (1768–1854), 1845 als Gästehaus in der heutigen Kulmstraße errichten ließ. Die Villa Oechsler, die der Berliner Kommerzienrat Hermann Berthold 1883 in der heutigen Delbrückstraße bauen ließ, ist wegen ihres Glasmosaiks von Antonio Salviati von kunsthistorischer Bedeutung…

    http://de.wikipedia.org/wiki/Heringsdorf

    Also – ein durchaus nicht böswilliger Vergleich des Rheinländers.

Kommentarfunktion ist geschlossen.