Zur Erinnerung: Auszeichnung für Tribüne

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1996 wurde Otto Romberg, Tribüne-Gründer und Redakteur, mit dem Leo Baeck Preis des Zentralrats der Juden in Deutschland geehrt. Aus Anlass der DVD-Gesamtausgabe der Tribüne möchten wir mit der Laudatio von Ignatz Bubis an diese Auszeichnung erinnern…

Ansprache von Ignatz Bubis, damaliger Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland:

„Liebe Frau Romberg, lieber Herr Romberg,

ich darf Sie zur Verleihung des Leo-Baeck-Preises des Zentralrates der Juden in Deutschland besonders begrüßen. Dieser Preis wird in Erinnerung an Leo Baeck, der zwar vielen bekannt ist als der letzte Vorsitzende der, wie sie von den Nazis genannt wurde, Reichsvertretung der Juden in Deutschland. Aber Leo Baeck war viel mehr. Er war jahrzehntelang geistiger Führer des deutschen Judentums. Er hat geistige Zeichen für das deutsche Judentum gesetzt, und er war derjenige, von dem der Geist des liberalen Judentums in alle Welt ausgegangen ist. Obwohl er hätte auswandern können, blieb er freiwillig in Deutschland und ging nach Theresienstadt. Dort ist er nur durch einen Zufall dem Tod entgangen, denn als er abgeholt werden sollte, stand er ursprünglich versehentlich auf der Liste der bereits Verstorbenen. Auf diese Weise hatte er die Chance zu überleben. Er blieb in Theresienstadt und betreute die Kranken, solange sie seiner Hilfe bedurften. Als letzter hat er Theresienstadt verlassen, und zwar, als dort Deutsche interniert waren, um die er sich gekümmert hat. Der Zentralrat hat nach diesem großen geistigen Führer den Preis benannt.

Zu der heutigen Preisverleihung darf ich sehr herzlich viele prominente Persönlichkeiten begrüßen. Den Hessischen Ministerpräsidenten Hans Eichel, für den Magistrat von Frankfurt Frau Linda Reisch und eine ganze Reihe weiterer Stadträte. Ich freue mich, daß Herr Georg Schwinghammer, der langjährige Chefredakteur der TRIBÜNE, heute hier ist, natürlich auch die Kollegen des Zentralrates und des Vorstandes der Jüdischen Gemeinden, den Präsidenten des Goethe-Instituts, und last but not least unseren Rabbiner. Ich freue mich, daß Sie alle zu der heutigen Preisverleihung gekommen sind.

Bundestagspräsidentin Frau Prof. Süssmuth schrieb: »Es ist mir eine große Ehre, zu diesem Preis zu gratulieren, der an Persönlichkeiten und Institutionen des öffentlichen Lebens vom Zentralrat der Juden in Deutschland verliehen wird. Zumal, wenn dieser Preis einer Zeitschrift zugesprochen wird, die selbst seit 35 Jahren eine publizistische Meisterleistung vollbracht hat. Die TRIBÜNE ist nicht nur wirtschaftlich selbständig und ohne Subventionen, sie ist vom ersten Tag an bis zum heutigen Zeitpunkt eine Zeitschrift mit gleich hohem Niveau geblieben. Die TRIBÜNE hat wertvollste Arbeit in der ständigen Auseinandersetzung mit dem schier unausrottbaren Phänomen des Antisemitismus geleistet und hat bei einer Vielzahl von Menschen über verschiedene Generationen hinweg erfolgreich für ein neues und humanes Miteinander unterschiedlicher Glaubensrichtungen gewirkt. TRIBÜNE ist keine jüdische oder israelische Zeitschrift in Deutschland, TRIBÜNE ist Ausdruck einer neuen, auf Verständigung und Kenntnis voneinander gründenden Auseinandersetzung mit all denjenigen gewesen, die sich zum weiten Feld der gesellschaftlichen Auseinandersetzung, insbesondere, wenn es um zumeist deutsch-jüdische Belange ging, äußert. TRIBÜNE hat keine Kontroversen gescheut, auch nicht gerichtliche Auseinandersetzungen, wenn es darum ging, der Wahrheit die Ehre zu geben und diejenigen in ihre Schranken zu verweisen, die sich als Verharmloser und Schlußstrichzieher hervortun wollten. Dafür sagt die Bundestagspräsidentin Ihnen, Ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in den verschiedenen Redaktionszusammensetzungen herzlichen Dank.«

Der Bundeskanzler schreibt: »>Zeitschrift zum Verständnis des Judentums lebendige Verbundenheit mit Israel spielt sie eine wichtige Rolle. Ich wünsche uns allen, daß dies auch künftig so bleibt, denn gerade in einer Zeit, in der sich das jüdische Leben in Deutschland verstärkt und belebt, kommt diesen Fragen große Bedeutung zu.«

Der Botschafter des Staates Israel hat Ihnen ebenfalls geschrieben. »Die Würdigung dieser seit vielen Jahren hoch geschätzten Veröffentlichung ist überfällig. Trägt sie doch seit langem unentwegt dazu bei, den Anliegen des jüdischen Volkes Ausdruck zu verleihen und sie zu unterstützen. Sie, sehr geehrter Herr Romberg, haben nicht zuletzt mit aktiver Unterstützung Ihrer verehrten Frau Gemahlin wesentlich dazu beigetragen, daß die Ziele, die sich die TRIBÜNE gesetzt hat , in die Tat umgesetzt werden konnten.«

Es haben auch der Vizepräsident a. D. des Deutschen Bundestages, Herr Heinz Westphal, gratuliert und viele andere.

Herr Romberg, Sie sind am 16. Dezember 1932 in Budapest in einem liberalen, bürgerlichen Elternhaus geboren worden. Erst als 12jähriger erfuhren Sie, und das war schon 1944, nachdem die deutschen Truppen Ungarn besetzt hatten, von der Judenverfolgung durch die Nazis, insbesondere, weil Ihre Eltern Sie weggeschickt hatten, um Sie vor Verfolgung zu bewahren und zu behüten. Unmittelbar nach der Okkupation Ungarns wurde ein Onkel von Ihnen, der Bruder ihrer Mutter, am hellichten Tag auf offener Straße von der SS erschossen. Die Bemühungen Ihrer Eltern, die sich abzeichnende Brutalität der Judenverfolgung vor Ihnen so weit wie möglich zu verheimlichen, nahm mit der Ermordung Ihres Onkels eine dramatische Wende. Anschließend wurde der Vater zur Zwangsarbeit verpflichtet, schließlich deportiert und ermordet. Ihre Mutter und Sie mußten in einem sogenannten Judenhaus leben.

Nach langwierigen und beschwerlichen Bemühungen erhielten Sie von Raoul Wallenberg einen schwedischen Schutz-Paß. Wallenberg, ein schwedischer Diplomat, rettete mit seinem wagemutigen Einsatz Zehntausenden Juden in Budapest das Leben. Aber die Nazis und ihre Helfershelfer, die kollaborierenden ungarischen Pfeilkreuzler, erkannten dieses schützende Dokument nicht als bindend an. Man war ihrer Willkür dennoch ausgeliefert.

Ohne den persönlichen heldenhaften Einsatz von Wallenberg, der Sie und Ihre Mutter aus einem Eisenbahnwaggon mit dem Zielort Auschwitz herausholte, hätten Sie nicht der Deportation und damit dem sicheren Tod entgehen können. Nach der Rettung kamen Sie nach einem langen Marsch wieder zurück nach Budapest, wurden jedoch in das Ghetto eingewiesen. Dort haben Sie im Januar 1945 die Befreiung erlebt.

Nach dem Ende des Krieges, nach dem Abitur wurden Sie Journalist. Während Ihres Militärdienstes kam es zu Verhaftungen wegen antikommunistischer Tätigkeit und Verfolgung durch die Kommunisten, anschließend folgte Gefangenschaft. 1956 haben Sie an der ungarischen Revolution teilgenommen und versucht, während des politischen Umbruchs dazu beizutragen, ein demokratisches System zu errichten. Nach dem Einmarsch der Roten Armee sind Sie aus Ungarn nach Wien geflüchtet. 1957 folgte dann endlich Ihre Mutter. Wegen der erlittenen Verfolgung vor 1945 haben Sie, als Sie in die Bundesrepublik kamen, nur sehr zögerlich eine Korrespondententätigkeit aufgenommen. Das war das wesentliche Motiv zu Gründung der Zeitschrift TRIBÜNE zur Jahreswende 1959/1960, weil damals erste erhebliche antisemitische Erscheinungen in Deutschland vor sich gingen; ich darf nur an den Anschlag auf die Kölner Synagoge 1957 erinnern. Seit der Konzipierung und Gründung dieser Zeitschrift hat Ihre Frau Sie ständig unterstützt.

Es war Walter Hesselbach, der Sie davon überzeugt hat, daß eine Zeitschrift ohne Subventionen und ohne Inserate nicht existieren kann. Sie glaubten, das sei machbar, und ich muß sagen, aus heutiger Sicht scheinen Sie mir damals sehr weltfremd gewesen zu sein. Schon nach der zweiten Ausgabe waren Sie praktisch am Ende, und es war wieder Walter Hesselbach, der Ihnen dabei geholfen hat, notwendige Inserate zu bekommen. Aber es ist eine Meisterleistung, daß Sie ohne jegliche Subvention bis heute die Zeitschrift erhalten konnten.

Sie ist immer in derselben Form erschienen. Heinrich Böll, Shalom Ben Chorin, Hermann Kesten und viele andere bedeutende Persönlichkeiten haben in Ihrer TRIBÜNE geschrieben. Dennoch hätten Sie kaum Aufmerksamkeit erregt, wenn die Deutschlandstiftung bzw. Herr Kurt Ziesel Sie nicht vor Gericht gezerrt hätte. Aber auch das haben Sie mit Hilfe und Unterstützung von Freunden überstanden.

Sie haben durch Ihre Zeitschrift das getan, was auch Leo Baeck zeitlebens getan hat: eine Brücke gebaut von Juden zu Christen oder Andersgläubigen. Sie haben versucht, Verständnis für Israel in Deutschland zu wecken. All das hat den Zentralrat einstimmig veranlaßt, Ihnen den Leo-Baeck-Preis 1996 zu verleihen. Ich gratuliere Ihnen dazu recht herzlich.

In der Urkunde heißt es:

»Der Zentralrat der Juden in Deutschland verleiht den Leo-Baeck-Preis 1996 an die Zeitschrift TRIBÜNE in Würdigung der journalistischen Arbeit für die Vermittlung der jüdischen Kultur, Religion und Geschichte, des Engagements gegen Antisemitismus und Rassismus, der unermüdlichen Bemühungen zur Verbesserung der Beziehungen und des Verständnisses zwischen Israel und der Bundesrepublik Deutschland.
Frankfurt am Main, den 1. September 1996«

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