„Kehrt erst einmal vor Eurer eigenen Tür!“

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Vor zehn Jahren starb der Psychoanalytiker Sammy Speier…

Von Roland Kaufhold

„Wie halten Sie es nur aus,“ wurde der jüdische Psychoanalytiker Sammy Speier einmal von einer zartfühlenden deutschen Seele gefragt, „wie halten Sie es nur aus, in Deutschland zu leben?“ Sammy Speier gab die Frage prompt zurück: „Und Sie? Wie halten Sie es aus?“

Sammy Speier„Die Erinnerung an das Weggehen von Israel ist mit ungeheuren Schamgefühlen verbunden; es war eine Nacht- und Nebelaktion meiner Eltern – selbst mein damals bester Freund durfte nicht wissen, dass meine Eltern auswandern.“ Sammy Speier ist 14 Jahre alt, als seine Eltern Israel verlassen – und ausgerechnet nach Deutschland gehen, 1958. Für ihn blieb dies ein lebenslang wirkendes Trauma. All seine Produktivität, sein Engagement vermochte dieses Trauma nicht abzumildern. Selbst sein tragischer, früher Tod, vor zehn Jahren in Frankfurt, blieb mit diesem Trauma verknüpft.

Foto: © M. Speier

Israel hat der 1944 in Tel Aviv Geborene als Paradies in Erinnerung. Bei seiner Geburt brennen die Verbrennungsöfen von Auschwitz und Treblinka, auch ein Teil seiner Verwandten gehört zu den Opfern der Shoah. Seine Mutter, eine Pianistin, stammt aus Riga, zu Hause wurde deutsch gesprochen. Sein Vater flieht 1936 von Frankfurt am Main nach Palästina, lebt dort „das erste Jahr in Tel Aviv unter Pappkartons, ein Obdachloser“, so Sammys Erinnerungen. Seine Eltern lernen sich in Tel Aviv kennen, heiraten.  1944 kommt er als zweiter von drei Jungen zur Welt. Die in Israel geborenen Kinder sollten es besser haben. Sie leben arm, aber glücklich und frei: „Wir Kinder hatten die Straße und gutes Wetter.“

Übersiedlung nach Deutschland

Irgendwann wurde es beruflich für seine Eltern schwer, sein Vater verfügt nicht über das notwendige Durchsetzungsvermögen. Die Übersiedlung nach Deutschland wird erwogen, dann wieder verschoben. 1958 gehen sie mit tiefen Schuldgefühlen nach Deutschland, niemand durfte etwas davon wissen. Sammy fühlt sich verloren, einsam, verspürt einen Groll auf seine Eltern: „In Tel Aviv durfte ich alles, in Deutschland war Schluss damit. In Tel Aviv konnte ich Rollschuh fahren, Fahrrad fahren, Blumen austragen, um Geld zu verdienen. Ich war auf der Straße, bis es dunkel wurde – und freie Auswahl von Freundschaft. Hier in Frankfurt waren es dann die Kinder der Nazis. Hier war Angst.“ Die Sehnsucht nach Israel, nach dem Meer, dem Sand, der Luft blieb. Monatelang muss der 14jährige Sammy weinen, erlebt seine Eltern als schwach.

In der Schule in Frankfurt fühlt er sich fremd, er erlebt Beziehungsabbrüche zu Klassenkameraden, weil er Jude ist. Nachts klingelt regelmäßig das Telefon, antisemitische Beschimpfungen, sie sollten endlich von hier verschwinden.  Er geht ans Telefon, seine Eltern haben resigniert. „Es war ein Fehler aus Israel wegzugehen“, dies formulierte er auch Jahrzehnte später immer wieder.

Engagement in der linken Protestbewegung

Sammy sucht Zufluchtsorte, wie später immer wieder. Er engagiert sich mehrere Jahre lang im Jugendzentrum seiner Frankfurter jüdischen Gemeinde, wird Madrich (Gruppenleiter) des drei Jahre jüngeren Micha Brumlik. „Ich habe wenige deutsche Freunde, verbringe meine Nachmittage fast immer im Jugendzentrum der Jüdischen Gemeinde, jahrelang gehe ich dahin, suche etwas, finde Israelis, Sprache, Vertrautheit, aber auch Unvertrautes, Fremdes.“ In der Phase der Loslösung nimmt er vorsichtig Kontakte zu deutschen Jugendlichen auf, sucht neue Zugehörigkeiten.

Er beginnt ein Studium der Psychologie an der Frankfurter Uni, nimmt Kontakte zu linken Studenten auf. 1965 stirbt sein Vater, er unterstützt seine Mutter in deren beliebten Schnellimbiss, muss das Studium für ein Jahr unterbrechen. „Ich war damals in der linken Szene. Morgens besetzte ich die Uni, abends ab sieben Uhr stand ich hinter der Theke. Der Imbiß war Tag und Nacht geöffnet.“

Dann ein Versuch einer Rückkehr nach Israel. Er geht zur israelischen Armee, soll zur kämpfenden Truppe. Hierzu ist er seelisch nicht fähig, er hält es nicht aus: „Ich will nicht töten müssen, selbst wenn es der Selbstverteidigung dient.“

Dann eine erneute Suche nach Selbstverständnis, nach emotionaler und sozialer Zugehörigkeit: Er schließt sein Studium ab und beginnt am renommierten Frankfurter Sigmund Freud Institut eine Ausbildung zum Psychoanalytiker. Politisch orientiert er sich kurzzeitig an der linksradikalen israelischen Gruppe der Matzpen, einer winzigen Gruppierung, die den „nationalen Konsens“ ablehnt, Kontakte zu Palästinensern sucht. Im Frankfurter Bahnhofsviertel werden er und einige seiner aufbegehrenden linken israelischen Freunde von jüdischen Überlebenden verprügelt; diese fühlen sich in ihrer Existenz bedroht.

Bald jedoch folgen politische Enttäuschungen: Sammy erlebt die Verlogenheit vieler linker Gruppierungen, gerade wenn es um den jungen jüdischen Staat geht. Ende der 60er Jahre kippt der aufgesetzte Philosemitismus in primitivsten Antisemitismus und Antizionismus um. Sie, die Kinder der Mörder, wählen die gleichen „Erklärungsversuche“, die gleichen Feindbilder, die gleichen wahnhaften, mörderischen Projektionen wie ihre eigenen Väter. Eine Ausflucht aus der Geschichte, der historisch gewachsenen Verantwortung.

Das Schweigen der Deutschen

Er erlebt die Instrumentalisierung seiner Person als linker Israeli, als linker Jude. Immer wieder beschreibt er deshalb deren eigenes Schweigen angesichts der Mordtaten von deren Elterngeneration: „Was ich nicht aushalte, ist das Schweigen auf deutscher Seite. Ich muss einfach in meiner nächsten Umgebung wissen, wer die Eltern meiner Freunde sind.“ Und: „Ich kenne Kinder von SS-Männern, die aus der linken Bewegung heraus, aus dem SDS heraus, sich im Libanon von der Al Fatah ausbilden ließen – ohne Bewusstsein dafür, ohne es überhaupt zu bemerken – hochintelligente Leute, die sich wieder auf die Seite des Feindes der Juden, auf der Seite dessen, der die Juden zu vernichten trachtet, befanden. Ich frage mich oft, was wohl dahintersteckt?“ „Kehrt erst einmal vor eurer eigenen Tür. Haltet erst einmal aus, Kinder von Tätern, von Zuschauern zu sein“ hält er seinen ehemaligen politischen Freunden immer wieder entgegen.

Sammy Speier wendet sich von der 68er Bewegung weitgehend ab, vertieft seine Publikationen über kulturkritische und psychoanalytische Fragestellungen. Und er engagiert sich intensiv in der psychotherapeutischen Hilfsorganisation AMCHA für Opfer der Shoah und deren Kinder.

Er baut seine psychotherapeutische Privatpraxis auf, hat fünf Kinder, um deren Zukunft er sich große Sorgen macht. Und der frühere Matzpen-Sympathisant nähert sich seelisch wieder seiner Heimat Israel an:

„Ich bin emotional mit Israel stark verbunden, verbringe mit meiner Familie jährlich mindestens einmal dort unseren Urlaub. Ich vermittle auch auf diese Weise meinen Kindern einen Teil meiner Identität, ohne wie früher dadurch bedroht zu sein, innerlich auseinandergerissen zu werden. Ich erlaube mir weiterhin, Israel zu kritisieren, aber zugleich kann ich dieses Land, wie es ist, sehr lieben.“

Seine seelische und familiäre Wiederannäherung an Israel bedeutet ihm viel: „Ich glaube, dass ich in dieser Phase, zum ersten mal nach meiner Ankunft in der BRD, wieder begonnen habe, Liebe zu Israel in mir zu entdecken. Erst jetzt die psychische Kraft besaß, mir diese Sehnsucht und Liebe einzugestehen, es wieder genoss Iwrith zu sprechen. Meine überbetonte Kritik an Israel in der Phase davor, sollte mir helfen, dieser drohenden innerlichen Zerreißprobe auszuweichen.“

Ein früher Tod

Sein plötzlicher Tod, im Juni 2003, er wird nur 59 Jahre alt, war von einer erschütternden Dramatik. Auch von vielen seiner psychoanalytischen Kollegen hatte er sich enttäuscht abgewendet. Auch bei ihnen vermag er keine wirkliche „Aufarbeitung“ der Geschichte wahrzunehmen.

An einem heißen Sommerabend in Frankfurt betritt Sammy Speier noch einmal die Stufen hoch zu seinem Frankfurter Sigmund Freud Institut. Lange hatten ihn seine Kollegen nicht mehr dort getroffen. Es war Schabbat, und doch hatte er seine Familie verlassen um den Vortrag eines Kollegen zu erleben. Sammy mochte diese sommerliche Hitze, sie verband ihn mit seiner Kindheit in Israel. Oben angekommen bricht er zusammen, Herzstillstand, Bewusstlosigkeit. Nach 45 Minuten wird er in ein Krankenhaus gebracht, der Vortrag findet dennoch statt, während er mit dem Tod ringt.

Sechs Tage nach seinem Zusammenbruch stirbt Sammy Speier. Er wurde nur 59 Jahre alt.

Sein jäher Tod hat viele berührt. Er, der sehr häufig Kontroversen entfacht, das Schweigen durchbrochen hat, findet am Ende besonders viele Freunde. Von ihm wollte man sich verabschieden, auf dem jüdischen Friedhof Frankfurts. An einem sehr heißen Tag versammelten sich hunderte Trauergäste – „so viele, dass sie nicht alle Platz finden in der Trauerhalle“, erinnerten sich Friedrich Markert und Esther Schapira in ihrer bewegenden Trauerrede.

Heute scheint Sammy Speier unter seinen Kollegen und in der Öffentlichkeit weitgehend vergessen.

Vielleicht ist die Erinnerung an ihn aber auch einfach verdrängt. Vermutlich hat er bei den Menschen, die ihn kannten, sehr viel an Eindrücken hinterlassen, und viele erkennen erst im Laufe der Jahre nach seinem Tod, welchen Wahrheitsgehalt seine Theorien und Visionen hatten – und haben.

Roland Kaufhold (2012): Der Psychoanalytiker Sammy Speier (2.5.1944 – 19.6.2003): ein Leben mit dem Verlust oder: „Kehrt erst einmal vor der eigenen Tür!“. In: Roland Kaufhold & Bernd Nitzschke (Hg.) (2012): Jüdische Identitäten nach dem Holocaust in Deutschland. Schwerpunktband der Zeitschrift Psychoanalyse – Texte zur Sozialforschung Heft 1/2012, S. 96-112.

Sammy Speier: Von der Pubertät zum Erwachsenendasein

10 Kommentare

  1. Es ist abstoßend, unter diesem erinnernden Beitrag eines Shoah-Ãœberlebenden der zweiten Generation nun die üblichen selbstgerechten, verleugnenden, antisemitisch konnotierten Phrasen zu lesen, wie sie eine Person wie „Fairness“ (allein die Selbstzuschreibung spricht für sich) absentiert. Formulierungen wie „wurde mir als Kritikerin der israelischen Politik…“ sind derart dümmlich, verleugnend und geschichtsrevisionistisch, dass Sammy Speier hiervon vermutlich schlecht geworden wäre.
    Ich bitte die Redaktion von haGalil deshalb darum, zukünftig keine Leserkommentare mehr unter meine Beiträge zuzulassen (mein Kollege Samuel Salzborn hat wohl bereits eine vergleichbare Entscheidung getroffen.)

  2. @ Roland Kaufhold

    Danke für diesen Bericht, der mir Einblick in die Seelenwelt Ihres Freundes gewährte, denn diese Sicht auf eine emotionale Ambivalenz war mir unbekannt.
    Leider, und so erlebe ich es nun, wurde mir als Kritikerin der israelischen Politik der letzten Jahrzehnte mal wieder die Tür vor der Nase zugeschlagen. Und ich stehe als DAS hier stellvertretend:

    „Sie, die Kinder der Mörder, wählen die gleichen „Erklärungsversuche“, die gleichen Feindbilder, die gleichen wahnhaften, mörderischen Projektionen wie ihre eigenen Väter. Eine Ausflucht aus der Geschichte, der historisch gewachsenen Verantwortung.

    War mein Vater oder sein Vater Mörder? Es ist ja gleichgültig, wie alt mein Vater war oder ob er jemals für den Hitlerkrieg zur Verfügung stand, oder ob er selber oder seine Familie Naziverfolgte waren, oder ob meine Großväter paktierten oder nicht, alles gleichgültig: ich bin als deutsches Kind in die späte Nachkriegszeit mit dem Wirtschaftswunder hinein geboren worden und das allein genügt schon.
    Schlimmer, ich greife auch noch zu „Ausflüchten“, denn in meiner Schulklasse war Aron, der hübsche Junge, dem alle Mädchen gefallen wollten, ein Mathematik-Ass sondergleichen, der völlig unbescholten durch uns die Höhen und Tiefen miterlebte. Oder die jüdische Familie im Nachbarhaus, Luzie und ihre Geschwister, wir wussten durch sie, dass sie jüdische Kinder waren und spielten gemeinsam ohne die geringste Häme, eben so, wie es Kinder tun und unsere Mütter sprachen wie selbstverständlich miteinander. Waren wir die Ausnahme?

    Herr Kaufhold, wenn ich Ihrer Interpretation, siehe oben, folgte, so würde ich bei jeder Israelkritik „den gleichen mörderischen Projektionen“ wie meine Großväter folgen, wenn ich auf einen gestern gehörten Beitrag im DLF von Michael Lüders hinweise, der sich über die Friedensverhandlungen äußerte, er sagte: Wenn 60 Prozent des palästinensischen Gebietes schon heute von jüdischen Siedlern benutzt wurde, dann weiß er auch nicht, worüber man überhaupt Verhandlungen führe.
    Oder heute im DLF in der Sendung „Sonntagsspaziergang“ die Redakteurin Gretel Rieber israelische Farmer in der Negevwüste besuchte und wenn sie äußert, dass man sich vor den „Beduinen fürchte, die hier ihre „“illegalen““ Dörfer errichten würden!

    oder dies hier: Konfliktstoff Wasser, DLF von Heiko Wimmen: :
    „Der Vorsitzende des Verbands der, israelischen Wasseringenieure Shaul Arlosoroff erklärt die israelische Position.

    „Die rechtliche Position Israels entspricht dem römischen, europäischen, westlichen Rechtsprinzip, wonach derjenige, der das Wasser zuerst genutzt hat, auch vorrangige Rechte besitzt. Die Palästinenser behaupten zwar, dass sie ein Recht auf das Grundwasser haben, weil es unter der Westbank liegt. Sie sagen, dass Israel ihnen nach 1967 nicht erlaubt hat, neue Wasservorkommen zu erschließen. Aber die Wahrheit ist, und das lässt sich auch belegen, dass das gesamte westliche und das nordöstliche Grundwasserreservoir schon lange vor 1967 von Israel genutzt wurden. Rein legal gesehen, haben die Palästinenser also keinen Anspruch auf dieses Wasser. Aber wenn wir mit unseren Nachbarn in Frieden zusammenleben wollen, wird Israel in der Tat Zugeständnisse machen und Kompromisse eingehen müssen.“

    Wer Gerechtigkeit und Fairness für Palis fordert, ist in Ihren Augen ein Antisemit und Antizionist und auch noch Kinder der Mörder obendrein? Jedenfalls steht es doch so hier.

    • Lieber @Sebastian,

      „WIE sollen wir sonst die Wahrheit erfahren?“ Impliziert ein bißchen, Sie würden in DE nur belogen werden? Versuchen Sie doch mal, den Deutschlandfunk öfter zu hören, neben iasraelkritischen Kommentaren gibt es viele Berichte über die Aufarbeitung des Holocaust, über den Bau neuer jüdischer Museen, über jüdische Ausstellungen, über verschollene Jüdische Kunst, Interviews mit jüdischen Künstlern, Herrn Graumann, ich finde es vielfältig.
      Vielleicht interessiert Sie das:
      „Ein Audiowalk durch die jüdische Vergangenheit des Kudamms
      Von Dieter Wulf
      Am 12. September 1931 kam es auf dem Kurfürstendamm in Berlin zu einer organisierten Judenverfolgung. Kaum jemand erinnert sich heute noch an das Pogrom. Studenten haben nun einen Audioguide für Smartphones entwickelt, der diese Geschichte erzählt.

      http://www.dradio.de/dlf/sendungen/sonntagsspaziergang/2184929/

      Auszug:
      „Jetzt kommen wir zur Uhlandstraße und im Prinzip ist das hier auch mehr oder weniger der Weg, den die Nationalsozialisten während des Krawalls genommen haben. Sie sind von der Gedächtniskirche vom Breitscheidplatz in Richtung Uhlandstraße gegangen und weiter vorne befindet sich auch das Café Reimann, wo Teile der Nationalsozialisten das Café überfallen haben.“

      An der Stelle, wo sich damals das Café Reimann befand, wartet heute das Hotel California auf Berlinbesucher. So wie damals gibt es auch heute eine Terrasse vor dem Hotel. An kleinen Tischen kann man Kaffee trinken und den Flaneuren auf dem Kudamm zusehen. So wie wohl auch schon an diesem Abend im September 1931. Genau hier hört man im Audiowalk nachgesprochen die Zeugenaussage von Walter Reimann, dem Cafébesitzer.

      „Gegen 20.45 Uhr bemerkte ich am Kurfürstendamm Ecke Uhlandstraße große Ansammlungen von 200 Personen. Ich hörte nun, dass von den versammelten im Chor gerufen wurde: Juda verrecke, Deutschland erwache, schlagt die Juden tot.“

      Das Café wurde völlig verwüstet, das Mobiliar zertrümmert, die Scheiben zerschlagen, die Gäste willkürlich verprügelt. Ein paar Meter weiter hört man die Zeugenaussage des damals 43-jährigen Journalisten Erich Kraft.

      „Ich ging am Sonnabendabend von der Wielandstraße mit meiner fast 70-jährigen Mutter und einer befreundeten Arztfamilie auf der linken Seite des Kurfürstendamms in Richtung Knesebeckstrasse. Unmittelbar stürzte sich ein etwa 25-jähriger, 1,75 Meter großer mit einem rötlich brauen Anzug bekleideter mittelblonder Mensch von der Seite auf mich und schlug mir mit aller Wucht ins Gesicht, sodass ich fast das Bewusstsein verlor. Die Ober- und Unterlippe, das Zahnfleisch und die innere rechte Backe waren aufgeschlagen.“

      Hier und in den Nebenstraßen wurden alle, die nach den Vorstellungen der Nazis jüdisch aussahen, gejagt. Heute erinnert hier nichts an diese Ereignisse außer den Texten von damals, die wir über den Kopfhörer eingespielt bekommen, erklärt Franziska Zimmermann.

      http://www.dradio.de/dlf/sendungen/sonntagsspaziergang/2184929/

      • Hier ist die Fortsetzung und weiter unten kommt der in Berlin lebende Israeli Aviv Netter zu Wort und der Besuch einer Synagoge:

        „Gerade an diesem Ort, wo die U-Bahn ankommt, wo der Starbucks sich befindet, wo die Leute mit Einkaufstüten von Urban Outfitters und dem Apple Store kommen, wo sich das Hotel Kempinski befindet und dann das Gedicht, das einen zurückversetzt in die Zeit von ’31. Ja ich finde, das ist ein sehr eindrückliches Bild von dieser Stimmung, die ’31 hier geherrscht hat.“

        Hepp, hepp den Schlagring in die Faust,
        hepp hepp, Deutschland erwache
        hepp hepp, der Naziknüppel saust, Juda verrecke, Rache
        Tilgt aus den Mackabäerstamm.
        Hepp hepp, Alarm Kurfürstendamm

        Erich Mühsam, der Dichter und Anarchist schrieb das Gedicht einige Tage später. Es erschien in der Zeitung „Welt am Montag“. Nur drei Jahre später, im Juli 1934, wurde er im KZ Oranienburg ermordet. Der Audiowalk bietet entlang des Kudamms und in einigen Seitenstraßen jede Menge weitere Facetten. Prozessaussagen und Gerichtsurteile, Zeitungsartikel und historische Aufnahmen. Aber auch das heutige jüdische Leben wird präsentiert.

        „Wir machen was Neues. In Berlin gibt’s eine Riesenszene für Weltmusik. Als ich erlebte, wie hier große griechische oder Balkanpartys organisiert werden, dachte ich, es kann doch nicht sein, dass es in Berlin keine Party gibt mit jüdischer und israelischer Musik.“

        Wie zum Beispiel der seit Jahren in Berlin lebende Israeli Aviv Netter, der hier regelmäßig so genannte Meschugge-Partys veranstaltet.

        „Das ist der einzige Ort, wo man zu Klezmer tanzen kann bis sechs sieben Uhr morgens. Ich liebe Berlin. Das ist der Ort, wo man jetzt sein sollte. Ich denke, Berlin ist heute momentan einer der tolerantesten Orte oder vielleicht sogar die toleranteste Stadt weltweit. Den jungen Leuten würde ich sagen, lasst uns die Zukunft leben, nicht die Vergangenheit. Wir dürfen nicht vergessen, was passiert ist, aber wir sollten uns auf das Leben konzentrieren, nicht den Tod. Und das ist die Möglichkeit, unseren Lebensstil zu feiern.“

        Ein Stück weiter südlich auf der Joachimstaler Straße kann man mithilfe des Audioguides die dortige Synagoge besuchen.

        „Sehen Sie Polizisten um sich herum patrouillieren, dann sind Sie hier richtig. Sie befinden sich in der Joachimstaler Straße Nummer 13. Die Synagoge wird, wie alle jüdischen Einrichtungen hier in Berlin, streng bewacht. Kommen Sie, treten Sie näher.“

        Tatsächlich stehen hier mehrere Polizisten vor dem Haus. Dass sich hier eine Synagoge befindet, ist von der Straße ansonsten nicht erkennbar. Der Audiowalk bietet hier zwar vor dem Haus eine Führung per Kopfhörer, wirklich besuchen kann man die Synagoge aber nur mit Voranmeldung. Daher habe ich mich mit Uri Faber verabredet. Er ist nicht nur Historiker und Judaist, sondern seit vielen Jahren hier auch aktiv in der Gemeinde. Erst nachdem wir das Vorderhaus und einen Sicherheitscheck durchquert haben, wird jetzt die Synagoge im Hinterhof sichtbar.

        „Dieses Haus ist erbaut worden Anfang des 20. Jahrhunderts als Logenhaus für eine jüdische Bnai Brith Loge und hatte eben einen großen Logensaal und einen kleinen Festsaal und verschiedene Räume drin und das hat sie dann prädestiniert, dass sie dann, nachdem sie 1945 restituiert wurde, dass man hier die orthodoxe Synagoge der Gemeinde eingerichtet hat.“

        Dann geht es hinein in die Synagoge.

        „Ich würde Sie bitten, dass Sie eine Kopfbedeckung aufsetzen, das ist die einzige Vorschrift, die man in einer Synagoge hat. Das ist das Herzstück, das ist die Synagoge, die wie gesagt nicht als Synagoge erbaut wurde. Sie sehen hier sehr viel Stuckschmuck, so ein bisschen Jugendstilelemente, 1902.“

        Fortsetzung und vollständiger Text hier: http://www.dradio.de/dlf/sendungen/sonntagsspaziergang/2184929/

      • @ Admin, nicht böse sein, das hier muss ich hervorheben, weil es auch meine Haltung ist:

        “Das ist der einzige Ort, wo man zu Klezmer tanzen kann bis sechs sieben Uhr morgens. Ich liebe Berlin. Das ist der Ort, wo man jetzt sein sollte. Ich denke, Berlin ist heute momentan einer der tolerantesten Orte oder vielleicht sogar die toleranteste Stadt weltweit. Den jungen Leuten würde ich sagen, lasst uns die Zukunft leben, nicht die Vergangenheit. Wir dürfen nicht vergessen, was passiert ist, aber wir sollten uns auf das Leben konzentrieren, nicht den Tod. Und das ist die Möglichkeit, unseren Lebensstil zu feiern.”

  3. Danke, Rani und Anat, für die freundliche Rückmeldung. Ich bin mir nie so sonderlich sicher, dass diese „Schreiberei“, diese Erinnerungen wirklich einen Sinn haben…

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