Der Jurist, Politiker und Journalist Dr. Richard Treitel

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Dr. Richard Treitel war eine beeindruckende Berliner Persönlichkeit. Das Ergebnis seiner juristischen Fähigkeiten wirkte  überall dort im Deutschen Reich, wo Theater gespielt, Opern oder Operetten aufgeführt wurden. Und wenn heute deutsche Bühnenstars ihre Gagenabrechnungen, Bühnenarbeiter, Regisseure, Chorsänger, Garderobieren,  Kartenabreißer und Platzanweiser  ihre monatlichen Gehaltszettel anschauen, müssten sie stets dankbar des Dr. Richard Treitel gedenken…

Von S. Michael Westerholz

Denn der hatte 1905 zusammen mit dem Präsidenten der  Internationalen Artistenloge, Max Berol-Konorah, das 217 Seiten umfassende  „Artistenrecht. Ein Handbuch über den Varieté-Engagementsvertrag“ verfasst. Es blieb die Grundlage der Tarife bei Gagen und Gehältern:  Bis dahin hatten die Mitarbeiter, aber auch die Stars,  für noch so lange  Proben keinen Pfennig bekommen. Und was dem übrigen Personal an Gehältern gewährt wurde, hing von den Launen der Principale und dem mehr oder weniger geschickten Antichambrieren der Mitarbeiter ab.1

Richard Treitel wurde  am 27. Oktober 1879 in Betsche (heute Pszczew) (Posen/Poznan) geboren. Dieser Geburtsort war insofern ein Glück, als dieser Teil der altpreußischen Provinz nach dem Ersten Weltkrieg deutsches Staatsgebiet blieb: Wäre auch Betsche an Polen gefallen, wären Dr. Richard Treitel und seine Angehörigen 1938  mit  rund 15.000 polnischstämmigen Juden nach Polen abgeschoben worden. Diese Abschiebung war e i n e der Reaktionen der Nazi-Regierung auf  den Mordanschlag eines jungen Juden auf einen deutschen Diplomaten in Paris.

Richard Treitel besuchte zunächst ein Gymnasium in Posen. Die Familie zog  1897 nach Berlin um. Er setzte seine Schulbildung bis zum Abitur dort im Friedrichs-Werderschen Gymnasium fort, das von 1681 bis 1944 bestand. Zu dessen Absolventen gehörten der von den Nazis ermordete Widerständler Dietrich Bonhoeffer;  Victor Klemperer, dessen christliche Ehefrau sich nicht scheiden ließ, und der in seinen Tagebüchern die Realität des Alltags im nationalsozialistischen Dresden schilderte;  der Maler und Akademie-Präsident  Max Liebermann; der Nobelpreisträger Otto Warburg; der aggressive Antisemit Ernst Henrici, der in den zwanziger/dreißiger  Jahren noch vor den Nazis im Raum Stettin massive antijüdische Unruhen und Krawalle auslöste;  Heribert Bismarck, ein Sohn des Reichskanzlers, und des Kanzlers  Nachfolger,  Ernst von Caprivi.

Richard Treitel studierte in Berlin und Rostock Jura und Literatur. Am 16. Juni 1902 begann er sein Referendariat am Amtsgericht Belzig. Bereits am 25. Juni 1902 wurde er in Rostock mit seiner Dissertation über „Die Unmöglichkeit  der Leistung und der Verzug bei Unterlassungsverbindlichkeiten“  zum Dr. jur. promoviert.  2

1914 erschien „Die Novelle der Gewerbeordnung“  als sein letztes eigenständiges Werk. Doch hat Dr. Richard Treitel  seit 1905 regelmäßig theaterrechtliche Aufsätze veröffentlicht, vorwiegend in der von Siegfried Jacobsohn im selben Jahr gegründeten  Zeitschrift  „DIE SCHAUBÜHNE“. Das Monatsblatt firmierte ab 1913 als Zeitschrift für Politik, Kunst und Wirtschaft, wurde 1918 in „DIE WELTBÜHNE“ umbenannt und erschien letztmals am 7. März 1933. Es entwickelte sich zum einflussreichen, im In-  und Ausland vielbeachteten  investigativen und radikaldemokratischen Leitorgan der regierungskritischen Medien.  Kurt Tucholsky übernahm „DIE WELTBÜHNE“ –Redaktion 1926. Ihm folgte 1927 der Journalist, Schriftsteller und Pazifist Carl von Ossietzky als Herausgeber. Als der  1931 die massive Aufrüstung der deutschen Reichswehr enthüllte, die der Friedensvertrag von Versailles untersagte, wurde er wegen Spionage verurteilt.

Der den Nazis verhasste Publizist wurde  1933 in das KZ Sonneberg bei Küstrin, 1934 in das KZ Esterwegen im Emsland verschleppt. Carl von Ossietzky erkrankte aufgrund brutaler Folterungen in Sonneberg und der grausigen Zustände bei der Moortrockenlegung im Emsland lebensbedrohlich. 1936 musste er in ein Gefängniskrankenhaus verlegt werden. Unter anderem der nach Norwegen emigierte spätere SPD-Vorsitzende und Bundeskanzler Willy Brandt beteiligte sich 1935/36 an einer internationalen Kampagne, die dazu führte, dass Carl von Ossietzky 1936 der Friedensnobelpreis verliehen wurde, rückwirkend für 1935. Dem Nazidruck, auf die Annahme zu verzichten, widerstand der Todkranke, doch nach Oslo zur Entgegennahme ausreisen durfte er nicht. 1938 starb der aufrechte deutsche Demokrat.

Sein gelegentlicher  Mitarbeiter Dr. Richard Treitel  fand sich in der Redaktion in bester Gesellschaft: Lion Feuchtwanger, Moritz Heimann, Kurt Hiller, Erich Mühsam, Else Lasker-Schüler, Erich Kästner, Alfred Polgar, Carl Zuckmayer und Arnold Zweig schrieben  für die WELTBÜHNE.  Richard Treitel hatte sich schon in jungen Jahren einen Namen als liberaler Jurist im Vertrags- und Unternehmensrecht gemacht. „Welche Papiere  benötigt man zur Gründung einer Damenkapelle?“ war eine seiner ersten Veröffentlichungen noch vor dem Ersten Weltkrieg. Er erregte damit Aufsehen, ging es doch um Grundfragen der Gewerbefreiheit in Deutschland.  Sein letzter Beitrag in der WELTBÜHNE erschien 1931: „Versicherungsschutz der Theatermitglieder bei Auslandsgastspielen“, hieß das für Richard Treitel typische sozialpolitische Thema.

1932 wird Dr. Richard Treitel  letztmals im Fachbuch „LITERATUR-KÜRSCHNER“ als Mitglied des Schutzverbandes Deutscher Schriftsteller und des Vereins Berliner Journalisten mit der Adresse Berlin- Halensee, Paulsborner Straße 8, genannt. Das im Krieg zerstörte Haus wurde im Stil der fünfziger Jahre neu errichtet  und beherbergt heute in der einstigen Wohnung Richard Treitels eine evangelische Kindertagesstätte mit zwei Gruppen. 1934 ist der Name Treitel im Haus und in den  genannten Vereinigungen nicht mehr aufgeführt. Aber noch der Doktorand an der Uni Köln, Thomas Krecek aus Bochum, bezog Dr. Treitels Rechtswissen in seine Doktorarbeit von 2001 ein: „Gewährleistungshaftung beim Unternehmenskauf nach deutschem und englischem Recht.

Als in der Gesellschaft und in der Politik, auf dem Theater und in frühen Filmen  immer heftiger diskutiert wurde, ob Homosexualität heilbar und mithin strafbar sei (nach § 175 des  Strafgesetzbuches seit 1871 bis 1969!), wer sie auslebt, oder als naturgegebene  mitmenschliche Entwicklung zu bewerten sei, war Dr. Treitel ein gefragter juristischer Experte bei wichtigen Randfragen. Seine Stellungnahme von 1921: „Filmaufführungs-Verträge über unsittliche Filme“  richtete sich gegen ein Urteil des Berliner Landgerichts I. Sie verschaffte jenen Kinobetreibern mit der Adresse Berlin Luft, die den Film „ANDERS ALS DIE ANDEREN“  des Produzenten und Regisseurs Richard Oswald  und des Sexualwissenschaftlers Magnus Hirschfeld  gegen alle Nazi-Proteste zu zeigen wagten. Quintessenz der Stellungnahme war die Erkenntnis, dass es in dem neuen, demokratischen Rechtsstaat Deutschland keine Zensur mehr gebe.

Der auf Aussöhnung vor allem mit Frankreich bedachte Außenminister Gustav Stresemann und der da schon berühmte Arzt Dr. Ferdinand Sauerbruch waren Zuschauer der Uraufführung des Films im Jahre 1919  in Berlin. Sie plädierten für Toleranz und wollten diskutieren, was Sexualforscher Magnus Hirschfeld da als Ergebnis seiner Forschungen ins Szene gesetzt hatte.  Aber auch ein Antisemit und Vorläufer der Nazi-Ideologen saß im Kino, Geheimer Justizrat Dr. Heinrich Brunner. Der  hatte brüllend gegen den Film protestiert und schreiend das Theater verlassen. Als Dr. Treitel abseits der Filmbewertung rein sachlich gutachtete, was Recht und Gesetz bei abgeschlossenen Verträgen sei  –  auch wenn diese plötzlich nicht mehr gefielen  –  erlebte er zum ersten Male die Wucht des Antisemitismus gegen seine Person. Unterschied sie sich von jenem  des Priesters Wilhelm Stich in Deggendorf, exakt 25 Jahre und sechs Millionen ermordeter Juden später?

Gegen das Filmzensur-Gesetz von 1918, das Reichspropagandaminister Dr. Joseph Goebbels gleich nach der „Machtergreifung“ noch verschärfte,  hatte Dr. Treitel  überzeugend argumentiert. Hat er die Gefahr unterschätzt,  ins Blickfeld des nachtragenden Dr. Goebbels zu geraten?

Im September 1913 eröffneten die Drs. Richard und Theodor  Treitel in Berlin, Unter den Linden 53, eine gemeinsame Anwaltskanzlei. Das Gebäude in Berlin-Mitte wurde im Krieg zerstört. In dem modernen Neubau  residiert heute die russische Fluggesellschaft AEROFLOT.

Theodor Treitel hatte dasselbe Gymnasium absolviert wie sein älterer Bruder Richard. Mit der hauptsächlich von ihm geschriebenen „Bier-Zeitung“ des Schuljahres 1904 blieb er  Absolventen als fröhlicher Zeitgenosse in  Erinnerung. Die mit 18 handschriftlichen Seiten für damalige Zeiten liberale Arbeit kennzeichnete den jüngeren Treitel.  Seine Inaugural-Dissertation („Doktorarbeit“), 1911 bei N. Mohns gedruckt, beschreibt auf 50 Seiten „Die Wirkung des vertragsmässigen Ausschlusses der Verkaufsberechtigung im Pfandrecht (nach römischem und bürgerlichem Recht)“.

Im Gegensatz zu seinem Bruder Richard, der als SPD-Mandatar  öffentlich in Erscheinung trat,  betraf Theodors  parteipolitische Nebentätigkeit die innere Verfassung der SPD. Die war schon während des Krieges 1914/18 und nach dem deutschen Zusammenbruch  verstärkt  sowohl von Monarchisten, als auch von den rasch bedrohlicher agierenden  radikalen Nationalisten und Antisemiten des Vaterlandsverrats  bezichtigt, ihre Mitglieder als ehrlos verunglimpft worden. Dank seines Fleißes, der Beharrlichkeit und seiner juristischen Fähigkeiten  gewann er das Vertrauen der Louise Ebert (1873 bis 1955),  Ehefrau des ersten deutschen Reichspräsidenten Friedrich Ebert. Die Frau aus ärmsten Verhältnissen war die unverdrossene Beraterin ihres von Gegnern der ersten deutschen Demokratie angefeindeten Mannes. Die entschiedene Pazifistin erlitt das Schicksal vieler Mütter: Von den vier Söhnen fielen zwei im Ersten Weltkrieg. Der Älteste wurde als willfähriger Anhänger der kommunistischen SED der DDR Oberbürgermeister in Ost-Berlin, der jüngste zog nach dem Zweiten Weltkrieg als Abgeordneter in den westdeutschen Landtag von Baden-Württemberg ein. Louise Ebert meldete sich nach den Krieg mit zwei Briefen bei Theodor Treitel in London.

Treitel-Klienten waren die Stadt und der Polizeipräsident von Berlin, die SPD, der Verband Deutscher Krankenkassen, die  Barmer Ersatzkasse (BEK) und der Verband der Ortskrankenkassen (VdAOK) Berlin. Richard Treitel war überdies Syndikus  der Internationalen Artistenloge. Sein Bruder vertrat im Einzelauftrag die „Landeshuter Leinen- und Gebildweberei F. V. Grünfeld“ in Berlin.  Im April 1924 wurde aus der Kanzlei auch noch ein Notariat.

Die Vertretung des Polizeichefs, vor allem jene des Stellvertreters  Bernhard Weiß (1880 bis 1951), erwies sich als aufreibend. Der NS-Chef von Berlin, Joseph Goebbels, hatte sich auf den Feingeist und Kunstfreund Weiß eingeschossen. Weiß hatte unterschiedslos Links-  und Rechtsextreme  unter Gesetzeskontrolle gehalten. Goebbels setzte ihn unter ein verbales Dauertrommelfeuer. Der Vizepolizeipräsident wehrte sich in mehr als 60 Prozessen, die er alle gewann. Aber  kaum saßen die Nazis an den Hebeln der Macht, fand sich der Polizei-Vizepräsident hinter Gittern wieder. Bernhard Weiß gelang nach seiner Freilassung mit der Hilfe von Kollegen die Flucht über Prag nach London.3

Wann genau die Treitel-Brüder  in die SPD eintraten, ist unklar: Doch 1920 wurde Richard  Mitglied der Bezirksversammlung (BV) Kreuzberg und im Dezember 1921 (bis 1930) zum unbesoldeten Stadtrat im Berliner Magistrat gewählt. Schon 1919 hatte er ehrenamtlich diverse Aufgaben in der Armenpflege übernommen. Am 15. Juli 1933 entzogen die Nazibehörden den Treitel-Brüdern das Notariat, am 30. November 1938 auch die Zulassung als Rechtsanwälte.  Richard Treitel  wechselte nun als ehrenamtlicher Mitarbeiter in die „Reichsvereinigung der jüdischen Deutschen“ . Als die 1943 aufgelöst war und ihre Vertreter in die KZ geschafft wurden, teilte er ihr Schicksal.

Fortsetzung

Anmerkungen

  1. Rehbinder Manfred, Richard Treitel  BÜHNENPROBLEME DER JAHRHUNDERTWENDE IM SPIEGEL DES RECHTS, Schriften der Gesellschaft für Theatergeschichte e.V., Band 70, Einleitung S. 7, Berlin 1990
  2. Vor die Tür gesetzt  Im Nationalsozialismus verfolgte Berliner Stadtverordnete und Magistratsmitglieder 1933 – 1945, Verein Aktives Museum Faschismus und Widerstand, Berlin 2006, S. 96, 101, 362
  3. WIKIPEDIA über Carl von Ossietzky, die  WELTBÜHNE und Polizei-Vizepräsident Weiß, eingesehen am 26. 01. 2012

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