Ein Hinterzimmer in Shanghai

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Dies ist die Geschichte eines Menschen, den es vielleicht nie gegeben hat. Er hat Spuren hinterlassen, dieser Mensch, aber kein Grab…

Von Peter Finkelgruen (2005)

Zahlreiche Dokumente bezeugen seine Existenz in drei Kontinenten. Es hat ihn also doch gegeben. Eine noch nicht zu Ende erzählte Geschichte bestätigt eine Wirklichkeit, die sich durch die Legende wieder aufzuheben scheint. Die Herkunft des Menschen reicht weit zurück, in biblische Zeiten und Umstände. Dieser Mensch ist immer wieder gescheitert, nicht zuletzt an sich selbst. Er hat immer wieder neu angesetzt.  Auf seinen Wanderungen durch die Geschichte verwandelte er sich wie einer aus der Gemeinschaft der Zeeligen und wie ein buddhistischer Mönch – auch das ist er zeitweise gewesen -, glaubte er an seine immer neuen Existenzformen.

Auch die Stadt, von der in diesem Buch berichtet wird, erlebt ihre Metamorphosen. Totgesagt und von vielen, die sie gekannt haben, längst aufgegeben und betrauert, empfängt sie erst heute ihre Totengräber. Diese üben sich in der Kunst des Schacherns, nicht wissend, ob nicht sie selbst am Ende beerdigt werden. Inzwischen halten Gier und die Jagd nach Profit, die Ängste in  Schach.

Sowohl den Menschen als auch die Stadt habe ich kennengelernt. Den Spuren des Mannes Ignatius Trebitsch Lincoln, der 1943 verstorben sein soll – manche meinen,  er sei von den Nazis, die auch mich und die Meinen ermorden wollten, vergiftet worden -, bin ich in Paris begegnet. In dieser Stadt, die für so viele Flüchtende des letzten Jahrhunderts Anlaufstelle und fragile Exilheimat geworden war, fand ich ein Dokument das ihn erwähnte. Ich war auf den Spuren meines Vaters. Mein Vater, der im gleichen Haus in Shanghai starb wie jener Mann, hatte auf seiner Flucht vor den Häschern der Gestapo in Paris sein Glück versucht. Ein Denunziant hat ihn jedoch verraten, und vor einem Angehörigen der Deutschen Botschaft in Paris, einem Herrn Bräutigam, musste er Fersengeld geben. Er floh. Bis nach Shanghai. Dorthin hatte es zuvor auch Ignatius Trebitsch – Lincoln verschlagen. Aber auch hier, am anderen Ende der Welt,  haben Bräutigam und seine Gesinnungs- und Mordgenossen gewirkt. Selbst nach dem Krieg hat man sie an dem Schicksal Deutschlands mitwirken lassen.

Im Herbst 1989 hielt ich in Paris die Kopie eines Dokuments in der Hand: ein Telegramm des Deutschen Generalkonsulats in Shanghai vom 15. Mai 1941.  Generalkonsul Martin Fischer hatte den deutschen Außenminister von Ribbentrop telegraphisch vor… „  Lincoln…  der ein politischer Abenteurer (ist), der auch versucht (hat), Roosevelt anzusprechen...“ gewarnt.  Nach und nach habe ich mehr über diesen Mann erfahren. Ich habe weitere Dokumente gesehen, wissenschaftliche Arbeiten über ihn gelesen, ebenso eine von ihm selbst verfasste Autobiographie. Ignatius Trebitsch Lincoln, von dem die Rede ist, war ein Mann, dessen Leben nur als Roman, als Legende, als Mythos begriffen werden kann. Ein Ahasver der  Moderne.

Er soll zur Zeit der habsburgischen Donaumonarchie, im April 1879, in Ungarn geboren worden sein. Im Oktober 1943, heißt es, sei er in Shanghai gestorben. In den Jahren dazwischen war dieser Mensch, laut vorliegenden Dokumenten und Berichten, zunächst anglikanischer Priester in England und Kanada. Dann schloss sich eine Karriere als wissenschaftlicher Mitarbeiter des englischen Unternehmers und Philanthropen Sir Robert Rowntree an, gefolgt von einer politischen als Mitglied der englischen Liberalen Partei. Er wurde deren Abgeordneter in Whitehall, dem englischen Unterhaus. Das war aber nicht der Höhepunkt der Karriere des Jungen jüdisch orthodoxer Herkunft. Eine Episode als Erdölmagnat in Galizien, nach seiner Zeit als Abgeordneter im House of Commons, endete beim Versuch der Abwendung eines Konkurses per Unterschriftsfälschung. Das zwang ihn zur Flucht nach Amerika. Vom Land der unbegrenzten Möglichkeiten verlangte England jahrelang seine Auslieferung und setzte sie schließlich auch durch. Zuvor hatte er kurzzeitigen Ruhm als Kolumnist amerikanischer Zeitungen erworben. Es folgte ein Aufenthalt in den Zellen eines Gefängnisses des britischen Souveräns. Monate nach der Entlassung und Ausweisung aus Großbritannien war er in Berlin Mitglied der Kapputschregierung. Da war er für die ausländischen Medien, für Zensur, zuständig. Eine Art Staatsminister für das Informationswesen. In den Monaten davor bemühte er sich, im Auftrag von deutsch – nationalen Kreisen, den preußischen Kronprinzen im holländischen Exil dazu zu bewegen, Anspruch auf den Kaiserthron zu erheben. Eine Führungsposition beim Versuch des Aufbaus der Weißen Internationale, einer Allianz von rechtsnationalistischen Staaten und Kräften, als Gegenstück zur kommunistischen Roten Internationale, war seine nächste Rolle. Danach floh Ignatius Trebitsch Lincoln, die Feme einiger seiner Genossen fürchtend, aus dem „Irrenhaus“ Europa, wie er es selber schrieb. Nach China, nach Shanghai. Er wurde aber in Europa, in Deutschland, wieder gesehen. Als Begleiter und Organisator einer chinesischen Delegation, die 1923 versuchte, in Deutschland und in der Schweiz Kapitalanleihen auszuhandeln. Danach sah man ihn als buddhistischen Abt, der sich bemühte, Gemeinden in Kanada und in Europa um sich zu scharren. Eine Art Maharishi Yogi des Buddhismus. Später dann als Mitarbeiter der Gestapo und des Deutschen Generalkonsulats in Shanghai. Ein Mann, der Briefe an Hitler schrieb und ihn mit drohendem Unterton warnte, seinem Antisemitismus fortzusetzen. Ein Mann, den als Prototyp einer Legende wie die des ewig wandernden Juden namens Ahasver zu verstehen, vielleicht die einzige Art und Weise ist, sich ihm zu nähern.

Als Schuster hatte er seinen Weg begonnen. Ein kleiner Laden in einer der Gassen der Stadt König Davids. Ein beschauliches Leben. Sandalen reparieren, um die täglichen Kosten für Speis und Trank aufzubringen. Sandalen herstellen – am liebsten für die Soldaten des Kaisers. Die konnten Preise zahlen, die man verlangen musste, wollte man sich etwas für Notzeiten auf die Seite legen. Sein Kopf war gesenkt, der Blick auf die Arbeit geheftet. Das Gewimmel in der Gasse nahm er kaum wahr. Auch die Laute aus dem Gedränge rauschten an ihm vorbei. Er sah nur die Sandalen zwischen seinen Knien und in manchen Augenblicken Sandalen, die an Fußknöcheln  befestigt waren und an seinem Laden vorbei sich die Gasse  entlang bewegten. Manche langsam und bedächtig, andere schnell und wie in Schlangenlinien, seitwärts gedrehte Füße, die dennoch vorwärts strebten. Er konnte sich vorstellen, am Meer zu sein. Geräusche, die sich näherten, lauter wurden, sich zusammenfügten und ein Höchstmaß vor der kleinen dunklen Höhle erreichten, in der er seinem Handwerk nachging. Sie prallten am Pulk der über dem Eingang zum Verkauf herabhängenden Sandalen ab und kamen zurück. Täglich zu bestimmten Zeiten schwollen die Laute an. Und rollten in Wellen  an die Stufen seines Ladens. Es gab Zeiten, besonders  mittags, wenn die Sonne ihren Höchststand erreichte, da schienen sie völlig zu verebben. Stille legte sich über die Gasse. Dann hörte er manchmal das leise Schnarchen des einen oder anderen Nachbarn. Die Reglosigkeit dieser Momente mochte er am meisten. Nichts störte den Rhythmus seines Herzens. Er war eins mit seiner Arbeit und der heißen Luft, die sich ebenfalls kaum bewegte.

Jetzt aber schwollen die Laute plötzlich an. Die Wellen kamen in schnellerer Abfolge, als er es der Gewohnheit nach erwartete. Manche Sandalen und die nackten Füße von Kindern bewegten sich im Laufschritt. Rufe und Schreie der Lastenträger, die unter der Last der zu tragenden Bürde den Kopf gesenkt hielten, nur die nächsten zwei Schritte vorwärts abmaßen. Sie bahnten sich mit den Rufen ihren Weg. Dann teilten sich die entgegenrollenden Wellen und ließen sie mit ihrer Last passieren. Kinder Israels, die trockenen Fußes durchs Rote Meer ins Gelobte Land kamen.

Er arbeitete plötzlich schneller. Als würden die Geräusche ihn antreiben. Er musste seine Aufträge zur rechten Zeit erfüllen. Nun aber drohte eine Welle ihn zur ungewohnten Zeit zu überrollen, ihn bei seiner konzentrierten Arbeit, die mit Hoffnungen auf zusätzlichen Verdienst verbunden war, zu  stören.  Er bemühte sich, seine Aufmerksamkeit nicht vom unzeitgemäßen Strom erfassen zu lassen. Die Anstrengung machte ihn ungeduldig. Und nun sah er ein Paar Sandalen, deren Spitzen nach vorne zeigten, und die sich ganz langsam bewegten. Der Lastenträger, der unter dem Gewicht des ihm Aufgetragenen zusammenzubrechen drohte, war stehen geblieben. Die Füße drehten sich zur entgegengesetzten Seite. Der Schuster spürte, dass der Lastenträger sich auf der Treppe vor seinem Laden niederlassen wollte. Vielleicht um Atem zu schöpfen. Dieser Lastenträger aber unterschied sich von den anderen, die sich für gewöhnlich an seinem Laden vorbeischleppten. Das ließ schon die starke Welle von Geräuschen vermuten, die ihn begleitete. Unruhe und Schreie, Jubel und Schluchzen meinte er herauszuhören.  Nur der Lastenträger selbst war nicht zu hören. Eine ergebene Stille ging von ihm aus. Plötzlich eine ruhige Stimme:

Laß mich kurz bei dir ruhen.“

Wenn bloß die Unruhe und der Lärm nicht wären. Der Schuster machte eine ungeduldige Armbewegung, als wollte er eine zudringliche Fliege wegscheuchen.

Ab, weg, geh mir aus dem Licht. Du störst.“

Er meinte einen Peitschenknall zu hören. Die Welle, die den Lastenträger umgab, schwoll an zum Gebrüll und zischte, die Füße drehten sich wieder in Richtung der Gasse und bewegten sich schleppend weiter. Die Geräusche verebbten. Ahasver wandte sich wieder der Arbeit zu. Er wußte nicht, daß sich in diesem Augenblick das Schicksal von Millionen entschieden hatte. Er wußte nicht, daß auch sein eigenes besiegelt war. Er sollte den Tod nicht schmecken und andere ihn erleiden.

Als er mit seiner Arbeit fertig war, verfinsterte sich die Sonne.

Es wurde Nacht, aber es war Tag.

„Können Sie meine Rechnung fertigstellen? Zimmer 1721.“

Der Mann zückte seine American Express – Karte.

„Selbstverständlich“, antwortete die junge Chinesin an der Rezeption. Sie nahm den Schlüssel des Gastes und schob eine Magnetkarte in den unter dem Schalter eingelassenen Computer. Tippte Zahlen von einer Karteikarte ein – vom Gast unterschriebene Rechnungen für Nebenleistungen, die sich in den wenigen Tagen seines Aufenthaltes angesammelt hatten. Rechnungen aus den verschiedenen Restaurants des Hauses, von ihm quittiert, die meisten aus dem Drehrestaurant auf dem 28. Stockwerk, Rechnungen der Hauswäscherei, Rechnungen von der Minibar im Zimmer wie aus der Bar im Erdgeschoß.

„Haben Sie heute noch die Minibar benutzt?“  Fragte die Chinesin, ohne den Blick vom kleinen Bildschirm zu heben.

Er schüttelte den Kopf.

„Nein, vor dem Fliegen trinke ich nicht. Erst im Flugzeug.“

Ein automatisches Lächeln huschte über ihr Gesicht.

„Können Sie mir bitte ein Taxi bestellen? Zum Flughafen,“, fügte er hinzu.

„Fünfzig Yüan,“ sagte sie. „Bitte hier bezahlen.“

Er griff in die Brusttasche seines Hemdes, fand unter den chinesischen Banknoten einen Fünfzig – Ren Min Bao – Schein, den er auf den Schalter legte.

Die junge Frau – wie alt mochte sie sein? – war schon dabei, mit seiner Kreditkarte einen Beleg abzuziehen, während sie ihm das Blatt mit allen Rechnungspositionen über den Schalter reichte. Mit einer raschen Bewegung nahm sie den hingelegten Schein und steckte ihn in die Tasche ihrer dunkelroten

Kostümjacke. Während er die Rechnung ohne allzu große Aufmerksamkeit prüfte, drehte sie sich weg, öffnete eine der Türen hinter der Rezeption, steckte den Kopf durch die Öffnung und sprach auf chinesisch zu einem unsichtbaren Menschen. Dann wandte sie sich wieder um.

„Alles in Ordnung, Sir? Bitte unterschreiben Sie.“

Sie schob ihm eine Kopie der Rechnung, den ausgefüllten Abbuchungsbeleg von American Express und einen Kugelschreiber zu. Ihr Gesicht blieb ausdruckslos. Er schien für sie nicht mehr vorhanden. Sie trennte die Kopie des unterschriebenen Abbuchungsbelegs, schob sie ihm wortlos über den Schalter. Sie rief etwas auf Chinesisch um die Ecke. Trocken und kurz. Ein scharfer Peitschenknall.

Der Hotelboy, der plötzlich neben ihm stand, ergriff seinen Koffer und ging zum Ausgang. Rechts vom Eingang standen Taxis. Der Hotelboy bog nach links ab in Richtung eines kleinen Parkplatzes, auf dem verstreut einige Wagen standen. Er ging zu einem Minibus, in dem ein Fahrer hinter dem Steuer wartete. Auf der  Rückbank saß ein Chinese. Ein langer, kräftiger Mann. Beide Gesichter wirkten gleichgültig.

Ein hoteleigenes Fahrzeug, dachte er. Eine Art Shuttle-Bus. Zwar hatte er ein Taxi bestellt, aber hier wollte jeder seinen eigenen Profit machen. Wahrscheinlich waren fünfzig Yüan zu viel. Eine Quittung hatte sie für die Fahrt nicht ausgestellt. Auch auf der Hotelrechnung war sie, soweit er sich erinnerte, nicht aufgeführt.  Während seines Aufenthaltes im Hotel hatte er diese Beobachtung immer wieder gemacht. Seit der neuen Ära sozialistischer Marktwirtschaft blühten urkapitalistische Verhaltensweisen. Jeder war auf der Jagd nach Yüan – und nach Devisen. Er war überrascht, wie vergleichsweise offen ihm Angebote gemacht wurden, Deutschmark oder Dollars zum Schwarzmarktkurs zu tauschen. Immer hatte er wortlos auf die Angebote verzichtet, nur kein unnötiges Risiko, dachte er, obwohl der Verzicht auf den Reiz des Verbotenen für ihn eine schwere Überwindung war. Nun gut, er würde für die Abrechnung seiner Aufenthaltskosten einen weiteren Eigenbeleg schreiben müssen. Das war der unangenehmste Teil derartiger Reisen, die Abrechnung der Kosten und die Erstellung von Eigenbelegen für Ausgaben, für die er keine Quittungen hatte.

Der Chinese hinten im Wagen stieg aus und ließ ihn einsteigen, während der Boy die Heckklappe öffnete und seinen Koffer lässig mehr hinwarf als –legte. Dort lag kein anderer Koffer. Der chinesische Mitreisende schien sich ohne Gepäck auf den Weg zu machen. Einen Moment lang empörte er sich, wie mit seinen Sachen umgegangen wurde. Aber Ärger zu zeigen belustigte Chinesen eher, besonders wenn Ausländer ihrer Unzufriedenheit Ausdruck gaben. Er setzte sich also auf den Mittelsitz und schaute zum Fahrer, einem breitschultrigen Mann mittleren Alters. Er wirkte anders als die Taxifahrer, die er in den vergangenen Tagen kennengelernt hatte. Sein Anzug war eine Spur besser, und er trug eine dunkle Sonnenbrille.

Während sein Blick auf dem Ärmel des Fahrerjacketts haften blieb, weil dort, neben den Knöpfen, die Marke des Herstellers, ein kleines schwarzes Stück Seide mit silberner Aufschrift, angenäht war – eine Eigenart, der er in Shanghai häufig begegnete -, wurde die Schiebetür auf seiner Linken geöffnet, und ein weiterer chinesischer Fahrgast stieg ein. Der Chinese setzte sich neben ihn und zog die Tür zu. Im gleichen Augenblick drehte der Fahrer den Schlüssel des Anlassers, der Wagen rollte sanft und leise vom Parkplatz und fädelte sich in den Verkehr ein.

Keiner seiner beiden Mitreisenden sprach ein Wort. Bald fuhren sie auf einer der Schnellstraßen im Autobahnformat, die aus der Stadt hinausführten. Aber kaum hatte der Wagen den Stadtrand erreicht, lenkte der Fahrer ihn  von der Schnellstraße wieder herunter. Wahrscheinlich wollte der Mann hinter dem Lenkrad den Gebührenkontrollpunkt umfahren und würde bei der nächsten Auffahrt auf die Schnellstraße zurückfinden. Er hatte Spaß an der Beobachtung der kleinen Tricks, mit denen Menschen Regeln brachen oder, wie jetzt, zu umfahren versuchten. Trotzdem wollte er sicher gehen. Er beugte sich ein wenig vor, wandte sich an den Fahrer und fragte:

„Ist das auch ein Weg zum Airport?“

Der schien seine Frage zu verstehen. Er hob die rechte Hand leicht an und hielt Daumen und Zeigefinger knapp übereinander, während die anderen drei Finger gegen die Handfläche gedreht blieben. Entweder wollte er damit sagen, daß er eine Abkürzung fuhr, oder daß es nur wenig länger dauern würde als auf der Schnellstraße. Der Fahrer legte die rechte Hand zurück auf das Lenkrad und fuhr konzentriert und schnell weiter. Die Chinesen links und rechts neben ihm reagierten nicht.

Er blickte hinaus. Sie fuhren nicht mehr parallel zur Schnellstraße. Am Straßenrand sah er gelegentliche Ansammlungen von Häusern – früher vermutlich Dörfer, bevor die Schnellstraßen Einzug gehalten hatten und die Menschen in die Stadt zogen, auf der Suche nach besserem Verdienst. Die Felder schienen noch bearbeitet zu werden.

Er sah auf seine Armbanduhr. Das Flugzeug ging in drei Stunden. Das würde reichen für einen kurzen, ungeplanten Ausflug über Land. Vielleicht würde er tatsächlich noch etwas sehen, was für ihn von Interesse war. Die Mitreisenden folgten seinem Blick auf die Armbanduhr und wandten die Gesichter gleich wieder ab.

Plötzlich fiel ihm auf,  daß die beiden  ihn sozusagen eingekesselt hatten. Er hatte es gedankenlos geschehen lassen, obwohl er sonst die Eigenschaft hatte und sie immer mehr perfektionierte, sich einen Fluchtweg oder zumindest einen als sicher empfundenen Platz zu suchen. Im Kino saß er immer am äußersten Rand einer Reihe, im Lokal möglichst an einem Tisch in Türnähe, oder lieber noch an einem Ecktisch, den ganzen Raum in Auge behaltend. Wenn jetzt der Wagen von der Straße abkäme – er hatte beim Einstieg keinen Blick auf die Reifen geworfen -, könnte er nicht als erster aus dem Wagen springen, der ja möglicherweise in Brand geraten konnte.

Plötzlich bremste der Fahrer und bog scharf in einen Seitenweg ein. Am Ende stand ein Gehöft. Einen Moment dachte er, der Fahrer wolle auf einem Bauernhof, bei Verwandten oder Freunden vielleicht, ein Deputat abholen. Im gleichen Augenblick aber fiel ihm auf, daß der Fahrer und die Mitreisenden seit der Abfahrt vom Hotel kein Wort miteinander gesprochen hatten. Zwar schien das, als sie von der Schnellstraße abbogen, eher beruhigend, er konnte sich noch denken, daß die anderen die Nebenstrecke oder Abkürzung zum Flughafen kannten. Ein unplanmäßiger Abstecher zu einem Bauernhof aber hätte doch  wenigstens einer kurzen Mitteilung an die beiden anderen Fahrgäste bedurft. Also wußten sie, wohin die Fahrt ging.

Etwas stimmte nicht. Verwilderte Bäume und Sträucher um den Hof ließen die Schlußfolgerung zu, daß er verlassen war. Sein Alarmsystem schlug an.

Was konnte er tun? Dem Fahrer ins Lenkrad greifen? Die beiden Bodyguards – er war sich jetzt sicher, daß es keine zufälligen Mitreisenden waren – konnten ihn sofort in einen Zangengriff nehmen. Er mußte ruhig und aufmerksam bleiben. Sobald sie ausstiegen, würde sein Bewegungsspielraum größer sein. Wenn das ein Raubüberfall werden sollte – er hoffte beinahe, daß es ihnen nur um sein Geld ging -, dann wäre das letztlich verschmerzbar. Er würde um eine Erfahrung reicher sein. Eine Strafe für seinen Leichtsinn und seine Unaufmerksamkeit. Er hatte sich ein Taxi bestellt. Als sie ihn, ehe er sich’s versah, in einen Wagen verfrachtet hatten, den er für den Shuttle – Bus des Hotels halten konnte, hatte er nicht protestiert.

Der Wagen bog in die Hofeinfahrt. Er sah ein aus roten Ziegelsteinen gebautes längliches Gebäude. Die Längsseite des Hauses war eine Seite des Innenhofs,  der von drei weiteren Mauern umschlossen wurde. Drei grüne Türen führten vom Hof in das Gebäude. Zwischen den Türen waren Fenster. Alles wirkte leer und verlassen. Der Wagen blieb im Hof stehen, der Fahrer sprang aus dem Wagen und lief durch die mittlere Tür ins Haus. Die Bodyguards bedeuteten ihm auszusteigen. Jeder griff einen seiner Arme.  Er spürte den eisernen Griff von Profis. Sie blieben neben dem Wagen stehen, wobei sie ihn so drehten, daß er mit dem Rücken zum Gebäude stand. In diesem Augenblick verlor er die Hoffnung, daß es sich um einen einfachen Raubüberfall handeln konnte.

Er hörte chinesische Laute und spürte hinter seinem Rücken die Bewegungen  mehrerer Menschen. Die Bodyguards führten ihn ein paar Schritte seitlich. Zwei uniformierte Soldaten trugen einen länglichen Tisch aus dem Gebäude und stellten ihn vor ihm auf. Drei weitere Soldaten postierten fünf Stühle hinter dem Tisch. Die Bodyguards legten seine Hände blitzschnell in Handschellen. Im Gänsemarsch kamen fünf Offiziere und stellten sich nebeneinander hinter den Tisch. Hinter seinem Rücken hörte er das Geschlürfe zahlreicher Füße. Ohne den Kopf zu bewegen, ließ er den Blick zur Seite gleiten. Soldaten ohne Kopfbedeckung standen in einer Reihe hinter ihm. Der Fahrer holte seinen Koffer aus dem Wagen, legte ihn auf den Tisch und öffnete ihn.

Er  war so damit beschäftigt gewesen, die Umgebung bewußt wahrzunehmen,  daß ihm erst seit seine Hände in Handschellen gefesselt waren, klar war, daß ihm wirklich Gefahr drohte. Niemand wollte ihm die teure Armbanduhr abnehmen, sein Bargeld oder seine Kreditkarten. Die Uniformen bedeuteten nicht, daß er vor derartigem Ungemach geschützt werden sollte. Die Uniformen vor und hinter ihm vermittelten eine ganz andere, eine schlimmere Bedrohung. Es ging um etwas anderes. Es ging um ihn.

„Was soll das? Was geschieht hier?“

„Wissen Sie, was Sie tun? Sie machen einen großen Fehler.“

„Ich will sofort mein Konsulat anrufen!“

Er versuchte, mit seinen in Handschellen gefesselten Händen in die Innentasche seines Jacketts und an sein Handy zu greifen. Gleich nach der Ankunft in Shanghai hatte er sicherheitshalber die Telefonnummer des Deutschen Generalkonsulats einprogrammiert. Einer der Bodyguards griff mit schneller Bewegung durch seine verdrehten Arme und holte das Handy heraus. Er legte es auf den Tisch neben den Koffer, drehte sich um, und holte im zweiten Anlauf Brieftasche und Reisepaß aus der anderen Tasche und legte sie neben das Handy.

Mist! Er hatte sich nicht einmal beim Generalkonsulat gemeldet, was er manchmal, wenn er im Ausland war, tat. Manchmal auch nicht. Er hatte keine Ahnung, was das hier und jetzt sollte.

Es sah aus wie eine Militärgerichtszene. Aber wieso? Er war als einfacher Tourist, mit einem Touristenvisum, allein ins Land gekommen, war einige Tage in dieser Stadt gewesen, und hatte nichts anderes getan als jeder beliebige Tourist.  Was war los? Wollte man ihn in der Firma diskret loswerden? Er versuchte alle, auch die abwegigsten Möglichkeiten, durchzuspielen. Er wollte noch die letzten Tage Revue passieren lassen. Aber bevor er das tun konnte, hörte er einen knappen, scharfen Befehlston. Die fünf Offiziere setzten sich auf die Stühle und legten ihre Offiziersmützen auf dem Tisch ab. Der in der Mitte griff nach seinem Paß, blätterte in ihm herum, schaute hoch und sprach schnell und lang auf ihn ein.

Er verstand kein einziges Wort.

„German Consulate!“. Rief er immer wieder.

Er wollte sich bewegen,  einen Schritt auf den merkwürdigen Richtertisch hin tun. Die Gesichter hinter dem Tisch blieben reglos, unerschütterlich. An seinen Schultern spürte er zwei eiserne Griffe.

Der Fahrer griff in den Koffer, wühlte mit den Händen in ihm herum. Schnell fand er,  was er suchte. Er hielt es den Richtern hin. Fünf Köpfe drehten sich seitwärts, ein leichtes Nicken war zu sehen. Sie sahen sich gegenseitig an, griffen nach ihren Offiziersmützen, setzten sie auf und erhoben sich. Der erkennbar Ranghöchste in der Mitte begann wieder zu reden.

Wieder verstand er nichts.

Es klang wie knappes Bellen. Ein drohendes Bellen, das ihm das Gefühl vermittelte, es sei vorbei mit ihm, etwas Unabänderliches sei geschehen.

Er verstand.

H i m m e l  u n d  H ö l l e,  hatte er als kleiner Junge mit den Mädchen gespielt.

War später ganz oft im Himmel gewesen.

Manchmal war auch das die Hölle.

Aber immer auch Spiel.

Diesmal war es kein Spiel.

Ankündigung von Ewigkeit. Das war ihm jetzt klar.

Er hatte viele Situationen in seinem Leben durchlebt und überstanden, die nicht angenehm, die sogar gefährlich gewesen waren. Aber wie man im Rheinland zu sagen pflegte: Es war noch immer gut gegangen. Schließlich, und das war gar nicht lange her, hatte er für seine Leistungen eine hohe Auszeichnung von seinem obersten Dienstherrn, Staatsminister  Schulz – Ackermann, bekommen.

Jetzt stand ihm die Ewigkeit bevor. Große innere Kälte. Absolute Leere. Wissen, was geschehen würde.

Die fünf Offiziere bewegten sich im Gänsemarsch weg vom Tisch. Wie sie gekommen waren. Soldaten trugen Tische und Stühle weg.

Die eisernen Fäuste auf seinen Schultern drückten ihn vorwärts. Ihm wurde schwindlig. Die Mauer, gegen die sie ihn führten, wurde dicker, wurde höher. Er sah Einschußlöcher in den Ziegeln.

Ich bin nicht der Erste.

Nicht der Einzige.

Er merkte kaum noch, wie er durch Druck auf die Schultern  und Handkantenschläge in die Kniekehlen auf die Knie gezwungen wurde. Er drehte den Kopf nicht. Er kannte die Geräusche. Das Entsichern und Durchladen. Er wußte, was er sehen würde. Er brauchte keine Augenbinde.

Mehrfacher kurzer Knall. Trocken und hart. Er fiel zur Seite.

*

Hinter der Fensterfront zur Straße lag der kleine Frisörladen. Man betrat ihn, wenn man die erste Tür links im Hausflur öffnete. Der kleine Raum hatte Platz für vier Stühle, zwei davon vor zwei Spiegeln und zwei an der Wand rechts von der Tür. Einige Kämme, Bürsten und andere Utensilien waren auf einer Ablage vor dem Spiegel angeordnet. In der Ecke standen einige Schüsseln und zwei Krüge neben zwei Wasserbehältern. Auf einer zweiten Ablage über dem Spiegel waren eine Reihe von Tuben und Töpfchen aufgestellt, deren Inhalt einen angenehmen Duft nach Sauberkeit verströmte. Auch wenn nur wenige Kunden den Laden betraten, beschäftigte der chinesische Besitzer zwei weibliche Hilfskräfte, so daß das Gefühl von Enge verstärkt wurde. Hinter einem Stoffvorhang in der Ecke des Raums befand sich eine Tür. Das dunkle fensterlose Zimmer dahinter hatte verschiedene Funktionen. Der eine oder andere Kunde, der dem Besitzer bekannt war und von ihm als vertrauenswürdig befunden wurde, konnte dort in Ruhe seine Portion Opium rauchen, die er gegen Dollars vom Patron erhielt. Andere durften, gegen Aufpreis wohlverstanden, die vor dem Spiegel im Laden begonnene chinesische Massage auf der Liege fortführen lassen. Ein Tisch und drei  Sessel komplettierten die Möblierung des Raumes, der nur mit Kerzen beleuchtet werden konnte. Von Zeit zu Zeit aber war der Raum auch für derlei ja durchaus Verdienst bringende Tätigkeiten unzugänglich. Dann vertröstete der Patron die einen Kunden und gestattete anderen, sich mit dem Personal zurückzuziehen. Ein deutscher Journalist hatte den Raum als Möglichkeit für diskrete Treffen entdeckt. Manchmal traf er sich mit  Informanten, häufig Russen, von denen der eine oder andere nach einem Treffen im Laden für eine Massage zurückblieb. In nahezu regelmäßigen Abständen reservierte er den Raum beim Besitzer für Treffen mit drei anderen Männern. Es waren immer dieselben. Die Treffen dauerten lange. Manchmal ließen die Männer sich etwas zu essen und vor allem zu trinken besorgen. Einer der Männer verlangte jedesmal eine besondere Leistung. Als einziger von den Vieren brauchte er Morphium. Schon bei seinem Eintreten in den Laden war ihm anzusehen, daß er sein Zittern nur mühsam beherrschte. So war es auch diesmal.

Ivar Lissner kam als Letzter. Wie immer hatte er in einiger Entfernung auf der Straße  gewartet und kontrolliert, ob einem der anderen, vor allem Botschafter Stahmer, nachgespürt würde. Als er eintrat, sah er im flackernden Licht der Kerzen Rudolf Liepmann auf seinem Stammplatz, der Liege, sitzen, den Krückstock gegen die Wand gelehnt. Botschafter Stahmer hatte sich bereits in einen der Sessel gesetzt, Hut und Mantel an einen der Wandhaken neben der Tür gehängt. Abt Chao Kung stand  neben dem Tisch, die Arme in den weiten Ärmeln seines Gewandes versteckt. Als er eintrat, stand Botschafter Stahmer auf und reichte ihm die Hand:

Ich grüße Sie, mein Lieber. Es ist gut, daß Sie alle da sind. Es ist für mich ja jetzt nicht so einfach. Ich habe inzwischen den weitesten Weg von uns allen. Und Sie, lieber Lissner, sind ja auch viel unterwegs.

„Einen guten Tag allerseits.“

Ich denke, wir sind alle auf einem langen Weg. Dabei dürfen wir uns nicht beirren lassen. Nicht wahr?“ Theatralisch hob Abt Chao Kung seinen rechten Arm aus dem Gewand. Rudolf Liepmann winkte müde von der Liege.

Rudi, hast Du vorn im Laden schon deine Medizin bekommen?“, fragte Lissner, während er gleichzeitig seine Hand dem Abt entgegenstreckte. Rudi nickte, und ein wenig weinerlich sagte er:

Ja, danke, es wird ein wenig reichen. Aber ich brauche jetzt sofort etwas. Die Schmerzen sind sehr heftig, und ich kann mich so nicht konzentrieren.“ Dabei holte er aus der Tasche seines Mantels, den er anbehalten hatte, in ein Tuch gewickelte Injektionsutensilien, die er auf dem Tisch ausbreitete. „Ich fürchte, daß ich mehr denn je auf deine Hilfe angewiesen sein werde. Bisher bekam ich immer wieder einmal Medizin von Dr. Noll oder Dr. Miorini  zugesteckt. Aber jetzt kann ich nicht mehr einfach hinüber ins Settlement gehen. Jetzt sind wir hier in Hongkew eingesperrt. Nur mit einer Sondererlaubnis, wenn ich eine Arbeitsstelle nachweisen könnte, dürfte ich hinaus. Dieser Goya, der Kommandant hier in Hongkew, ist ein kleiner unberechenbarer absoluter Herrscher.“ Er warf einen hilfesuchenden Blick auf alle.

Meine Herren, diesmal habe ich zu diesem Treffen gebeten. Ich habe Ihnen einiges zu sagen. Heute geht es mir nicht nur darum, daß Sie Bescheid wissen und vielleicht auch anderen helfen können. Es geht um Sie ganz persönlich.“ Stahmer hatte eindringlich gesprochen und warf einen schnellen Blick auf den Abt, der versonnen ins Kerzenlicht blickte.

Lissner und Chao Kung blickten einander schnell an.

Was ich Ihnen zu erzählen habe, ist sehr ernst. Also, wie es immer heißt, die schlechten Nachrichten zuerst. Die gute Nachricht habe ich erst heute erfahren, kurz bevor ich hierhergekommen bin. Am meisten bedaure ich, daß ich Ihnen, mein lieber Dr. Liepmann, in Zukunft nicht mehr amtlich werde behilflich sein können. Aber diejenigen Kräfte in Berlin, die in der Judenfrage etwas sehen, was den Kern des Nationalsozialismus ausmacht, haben beschlossen, ihre Vorstellungen auch hier durchzusetzen. Die Errichtung des Gettobezirks hier in Hongkew – darauf haben Sie sich ja eben wohl bezogen – wird nur als ein Schritt betrachtet, dem weitere folgen müssen. Die Tatsache, daß Dr. Neuman hier in Shanghai angekommen ist, spricht Bände.

Die drei anderen sahen ihn verständnislos an.

Ach, Sie wissen nicht, wer Dr. Neumann ist? SS – Obersturmführer Dr. Robert Neumann, Parteigenosse mit der, wie Sie unschwer erkennen können, niedrigen Parteimitgliedschaftsnummer 203348. Er begleitete Höß, den Kommandanten des Konzentrationslagers Auschwitz, als erster Lagerarzt. Jetzt ist er hier. Natürlich ist hier eine Legende vorbereitet worden. Er gilt als Wissenschaftler, der hier an unserer medizinischen Hochschule forschen und unterrichten soll. Seine Ankunft hier signalisiert die Entschlossenheit des Reichssicherheitshauptamtes bezüglich der Umsetzung der Judenpolitik überall auf der Welt. Und damit bin ich bei Oberst Meisinger angelangt, den ich ja jetzt in Tokyo besser im Auge habe. Sie alle Drei, meine Herren, sind in sein Visier geraten.

Lissner setzte sich. Blickte Stahmer aus der Nähe ins Gesicht. Chao Kung stand weiter reglos, als sei er mit seinen Gedanken woanders. Liepmann konzentrierte sich auf seinen Unterarm. Seinen Mantel hatte er ausgezogen, Jacken- und Hemdsärmel hochgezogen, und war gerade dabei, sich geübt eine Injektion zu setzen, wobei er eine der Kerzen auf dem Tisch näher zu sich gezogen hatte.

Nun beeil Dich doch,“ zischte Lissner. Liepmann zog die Injektionsnadel aus der Vene und legte die Spritze auf den Tisch. Die Wirkung trat sofort ein. Sein bekümmertes Gesicht entspannte sich, Lissner schien es als, würde ein Lächeln sich darauf breit machen.

Entschuldigen Sie. Ich bin jetzt ganz bei Ihnen.“ Liepmann setzte sich aufrecht.

Ja, ja. Ist in Ordnung. Ich weiß ja um ihre Verletzung.“ Botschafter Stahmers Stimme wurde eine Spur weicher. Eine andere Empörung schaffte sich Luft. „Ist auch’ne Schande, einen Mann, der sich so um das Reich verdient gemacht hat, in eine derartige Situation zu bringen. Daß aber keiner Ihrer ehemaligen Kameraden aus dem Heer und den Freikorps Ihnen beistehen, die doch um Ihre Verletzung bei der Bekämpfung des spartakistischen Aufstandes in Leipzig wissen. Und dabei verdienen sich manche von denen hier eine goldene Nase!

Unsere gegenseitige Empörung und unsere Erinnerungen können wir nachher austauschen.“ Lissner wurde ungeduldig. „Bedeutet, was Sie eben gesagt haben, daß die Bewegungsfreiheit der hier in Hongkew Lebenden weiter eingeengt werden wird?

Das wird sicher vom Fortgang des Krieges gegen die Bolschewisten abhängen. Was ich Ihnen vermitteln will, ist, daß Meisingers Einfluß wächst. Sie, Lissner, brauchen vorerst keine Angst zu haben. Sie haben ja den Schutz von Canaris. Ihre Arbeit ist kriegswichtig, wenn nicht sogar kriegsentscheidend. Trotzdem warne ich Sie. Meisinger ist hinterhältig. Ihre Berichte über die Wirkung der Verhaftung Sorges auf dem Hof des Tenno durch die Japaner passen ihm überhaupt nicht ins Konzept. Er wird versuchen, Sie bei der ersten sich bietenden Gelegenheit abzuservieren. Und vergessen Sie nicht – er kennt Ihre Akte in Deutschland. Er weiß von Ihrem Vater.

Lissner zuckte mit der Schulter.

„Und von Ihrer Villa in Hamburg? Auch?“

„Vielleicht. Aber da müßte Ribbentrop selber einiges erklären. Außerdem weiß ich über einige Konten in Luxemburg Bescheid. Das garantiert, denke ich, meine Sicherheit. Jetzt aber zu Ihnen, mein lieber Abt. Sie sind ganz konkret gefährdet.

Chao Kung hatte sich inzwischen hingesetzt und hörte aufmerksam zu.

So lange Sie mit ihrem verrückten Vorschlag der Einrichtung eines anti-britischen Senders im Himalaya Meisinger als Befürworter begeistern konnten, war alles in Ordnung. Können Sie mir aber sagen, was Ihnen eingefallen ist, als Sie die Briefe an den Führer geschrieben haben – und ihn vor einer Fortsetzung seiner Judenpolitik gewarnt haben? Und dabei erkennen ließen, daß Ihnen Näheres über die Endlösung bekannt ist?

Sowohl Lissner als auch Liepmann schüttelten ungläubig den Kopf. Sie schauten den Abt an. Der schwieg.

Die Folge ist eine Anweisung an Meisinger, Sie zu eliminieren. Eher zufällig bin ich auf die Details gestoßen. Und ich rate Ihnen jetzt, was ich Ihnen sage, nicht nach eigenem Gutdünken zu benutzen. Hören Sie zu. Man wird dafür sorgen, daß Sie erkranken und ins nahe Krankenhaus kommen. Hier um die Ecke. Keine Sorge, nichts Ernstes. Sie werden Fieber bekommen und vielleicht ein wenig Durchfall. Während Sie im Krankenhaus sein werden – Sie werden sich natürlich, wie jeder vernünftige Patient, der dazu in der Lage ist, das Essen ins Krankenhaus bringen lassen… von Frau Szirmay, ihrer ungarischen Freundin…“

„Woher wissen Sie…“ Chao Kung fuhr hoch.

„ Ach, hören Sie auf, Eure Heiligkeit. Es würde mich wundern, wenn Meisinger nicht sogar detaillierte Kenntnisse über Ihre Sexualpraktiken hätte. Jedenfalls, ein Mann namens Tal, Angehöriger der Marine,“  Stahmer warf einen Blick auf Lissner,  „ wird Gift in dieses Essen praktizieren.“

Ein Moment der Stille folgte auf diese Eröffnung. Lissner fing sich als erster.

Vorgewarnt ist halb gewonnen. Dann wollen wir doch rechtzeitig nach einem Gegengift Ausschau halten.“ Er lachte auf.  „Mal sehen, wer das kleine Spiel besser beherrscht, mein lieber Ignatius. Ich werde mir etwas einfallen lassen. Wir lassen Sie nicht im Stich, wie Rudis Genossen ihn im Stich gelassen haben.

„Haben Sie, Herr Botschafter, wenigstens für mich eine etwas bessere Nachricht?“ Rudolf Liepmanns Stimme klang zaghaft.

Leider nein. Ich habe zwar unter Hinweis auf den sogenannten „Türken-Transfer“ eine im Finanzministerium ersonnene Möglichkeit, einige Devisen nach Shanghai zu transferieren, versucht, um auf die Ihnen ja genehmigte Kriegsversehrtenrente einen Vorschuß loszueisen. Aber Meisinger hat seine Pfoten überall drin. Devisenmittel der Reiches, die man brauche, um den Krieg zu gewinnen, könne man nicht Juden zukommen lassen. Na, Sie wissen schon. Sie sollten froh sein, daß Sie statt der 9600, – Mark nur 2000, – Mark Vermögensabgabe zahlen mußten, bevor man ihnen erlaubte, das Reich zu verlassen. Und so weiter…

Hätte ich in dieser Nacht gewußt, daß der Schuß auf Liebknecht 7600, – Mark wert sein würde…“ er hustete in ein Taschentuch, „… dann hätte ich, als man mir im Hotel Eden den Befehl gab, Liebknecht „auf der Flucht“ zu erschießen,  einen entsprechenden Preis aushandeln sollen.

Mein lieber Rudi, diese Ironie kenne ich bei Dir überhaupt nicht. Steht Dir aber gut.“ Chao Kung fügte hinzu:

Wenn Sie gestatten: Sie kommt zur richtigen Zeit. Oder, Herr Botschafter?

Meine Herren, meine Herren. Ich kann Ihre Stimmung verstehen. Es sind  fragwürdige Zeiten. Wer wüßte das nicht besser als ich.  Trotzdem wollen wir  nicht versäumen, es nicht nur beim Austausch von für uns alle wichtigen Information zu belassen – und, wie soll ich es sagen, unserem Treffen auch eine angenehme Note verleihen. Ich habe mir erlaubt,“ er griff nach seiner Tasche und öffnete sie, „etwas zur Hebung unserer Laune mitzubringen.

Während die anderen erstaunte Rufe von sich gaben, zauberte er zwei Flaschen Wein, zwei Flaschen VAT 69 und vier Gläser aus der Tasche sowie einige Päckchen amerikanischer Zigaretten.

„Oha, das scheint ja doch noch ein Festtag zu werden. Echt schottischer Whisky. Das Deutsche Reich läßt grüßen. Haben wir vor lauter Konzentration auf die Bolschewisten etwas verpaßt?“  Lissner konnte seine Anspannung nur schwer lockern.

„Muß ich, der Vertreter des Großdeutschen Reiches, mein Herren, Sie alle daran erinnern, daß wir heute tatsächlich einen Feiertag haben? Vielleicht, wenn ich bedenke, was uns hier zusammengebracht hat, sogar einen recht passenden.

Die drei anderen blickten ratlos. Stahmer öffnete rasch eine Flasche Whisky, goß in alle vier Gläser ein, riß eine Schachtel Zigaretten auf und hob sein Glas. Rudolf Liepmann griff sofort nach den Zigaretten. Lissner und Chao Kung nahmen die Gläser in die Hand, hoben sie ein wenig an und tranken  sie sofort leer. Stahmer stellte sein Glas direkt auf den Tisch. Aus der Innentasche seines Jacketts holte er eine Zigarre, biß in die Spitze, spuckte aus und zündete sie an. Langsam wich die Spannung. 

„Schämen Sie sich. Haben Sie hier in Hongkew in den letzten Tagen nichts bemerkt?“

„Meinen Sie den Zuzug derer, die vor fünf Wochen aus dem noblen International Settlement oder gar der French Concession hierhin kommen, nachdem die Reichsregierung sie von der Bürde der deutschen Staatsangehörigkeit befreit und das Generalkonsulat ihre Pässe eingezogen hat? Ich jedenfalls war früh genug in Shanghai angekommen, um für die Japaner nicht als Staatenloser zu  gelten.“  Chao Kungs Stimme war ein wenig schärfer geworden. Alle griffen wieder nach den Gläsern. Zeitgleich. Zum dritten Mal.

Ivar Lissner fiel ein, daß sein Vater ihn vor wenigen Stunden besonders gefühlvoll verabschiedet hatte. Vor dem Haus nebenan waren bärtige Juden auf der Straße um eine Blechtonne versammelt gewesen, in der ein Feuer brannte. Sie warfen etwas ins Feuer, und Ivar hörte en passant ein Gemurmel in einer fremden, ihm unverständlichen Sprache. Jetzt erinnerte er sich, daß er als kleiner Junge in Riga seinen Vater manchmal, in seinen schwarzweißen Schaal gehüllt, frühmorgens ähnlich hatte murmeln hören. Leise fing er zu singen an:

Rückwärts schweift mein Auge matt,

Reuevoll umdüstert,

Nach der alten Judenstadt, drin ich einst geschustert,

Derart, daß mich heute noch

Gottes Welt verachtet,

Weil ich nicht den Braten roch,

Eh’ das Lamm geschlachtet!

Wär Jener gekommen, wie dieser kommt heute,

Mit stolzem Gepränge und großem Geleite,

Ich wäre moralisch gegangen nicht pleite!

Er blickte versonnen in den Schein der Kerze. Sah die Bühne des Kabaretts, das er mit Kommilitonen während seines Jurastudiums besucht hatte. Eine kurze, beinahe sorglose Zeit. Viel war geschehen seitdem. Kaum zu glauben. Er hörte das Räuspern von Rudi Liepman.

Das Chanson war in den Zwanzigern sehr populär. Allerdings gefiel mir die dritte Strophe besser.

Er sang eine Terz tiefer:

 

Jener ritt die Eselin

Dieser den Trakehner,

Ehr’ und Glück trägt dieser hin

Und sein Leben Jener.

Durch der Rede reiches Wort

Einzig sind die Beiden,

Und ihr Ziehn von Ort zu Ort

Nicht zu unterscheiden.

Was aber hilft tief mir im Busen die Reue!

Versagt ich denn jemals dem Herrscher die Treue? !

Am Ende ereilt mich mein Unglück aufs neue!

 

Rudolf Liepmann lächelte verschämt: „Stimmt das nicht auf das Genaueste?“

Die wenigen Muskeln, die er dazu bewegte, gaben seinem griesgrämigen Gesicht einen Anschein von Milde.

Erstaunt schaute Lissner ihn an: „Hör mal Rudi. So ausgelassen, ja frivol, habe ich Dich noch nie erlebt.“

Nun ja, der Abstieg vom Trakehner im Berliner Umland zur Rikscha, wenn ich es mir mal leisten kann, ist unbestreitbar. Das ist mir, Sohn eines Geheimen Justizrats, Berliner Stadtverordneten  und Abgeordneten der Nationalliberalen im Preußischen Abgeordnetenhaus, auch nicht in der Wiege gesungen worden. Mit Schmach aus dem Vaterland, verjagt, wo doch die Familie zu den Finanziers des Reichsgründers Bismarck zählte  -…

„…und der Sohn und Enkel das Finanzierte so aufopferungsvoll verteidigte…“ Abt Chao Kungs Stimme klang eisig. „War Ihr Vater nicht zusammen mit Dr. Karl Liebknecht Mitglied im Abgeordnetenhaus?    

„Muß das sein?“  Botschafter Stahmer hüstelte vornehm. Chao Kung, fuhr unbeirrt fort, obwohl er nun etwas verbindlicher klang: „Keine Sorge. Ich meine gar nicht, daß es ihm ums Geld ging. Sie wissen doch wohl, daß auch ich auf derselben Seite der Barrikade stand. Und ich muß sagen, daß Dr.Liepmann und ich einige quasi gemeinsame Erfahrungen teilen. Wir haben beide vor Gericht gestanden. Mir fällt ein, daß seine Haft in Berlin, als er wegen der Erschießung Liebknechts vor Gericht stand, etwas mit meiner Haft in den USA gemein hatte, als die Engländer meine Auslieferung verlangten. Auch ich konnte meine Zelle verlassen und abends Lokale aufsuchen. Das waren gelegentlich überraschende Erlebnisse, Herr Doktor, oder?

Immerhin hatte Herr Dr. Liepmann zuvor eine juristische Promotionsarbeit über das Thema „Die polizeilichen Aufgaben der deutschen Wehrmacht“ vorgelegt, wobei er sich ausführlich mit dem Komplex „Erschießung auf der Flucht“ befaßte. Eine hervorragende Arbeit, muß ich sagen. Die kursierte ganz schnell an den Universitäten in Deutschland,“ warf Lissner ein. Stahmer nickte bedächtig.

„Ja.Ja,“ Chao Kung machte eine ungeduldige Handbewegung, „ich will Sie, Liepmann, ja nur anregen, diese Ereignisse und Jahre als eine Zeit der Prüfung zu sehen. Und Ihren Rauswurf aus Deutschland, wie Sie es nennen, als einen Auszug aus Ägypten.“

Stahmer riß den Kopf überrascht hoch. „Und ich dachte schon, daß keiner von Ihnen…“, aber Chao Kung ließ sich nicht unterbrechen.

Denn Sklaven seid ihr in Ägypten gewesen…“ fuhr Chao Kung fort. Stahmer griff nach einer der beiden Weinflaschen und zauberte einen Korkenzieher aus der Tasche. Lissner griff nach den Zigaretten.

Dann kennen Sie doch sicher auch den ersten Vers unseres Chansons?

Chao Kung legte den Kopf ein wenig zurück:

 

Ich, der alte Ahasver,

Habe große Eile,

Zu verscheuchen wünscht’ ich sehr,

Ewig lange Weile:

Lenke wieder meine Bahn,

Endlos mir beschieden,

Nach dem alten Kanaan, das ich lang gemieden.

 

Es war die Stimme eines jungen Mannes, die in dem kleinen Zimmer zu hören war. Der Schauspieler, der da vor ihnen stand, unterbrach sich und bemerkte, mit jetzt wieder anderer Stimme, zu Ivar Lissner hin:

„Die letzten Zeilen müßten Ihnen doch sehr liegen, nicht wahr?

Lissner erhob sich, und zweistimmig setzten sie beide fort:

 

Mir ist in der Ferne die Kunde geworden,

Es käme gezogen ein Herrscher von Norden,

Da setzt es vielleicht auch für mich einen Orden.

 

„Wollen wir doch hoffen, daß dieser Herrscher nicht von so weit hergezogen kommt. Darauf wollen wir mal anstoßen.“ Stahmer hob das Glas. Sie standen auf. Auch Rudolf Liepmann hatte sich von der Liege erhoben und blickte verwundert in die Runde. Seine Augen waren weit geöffnet. Auch sein Mund öffnete sich lautlos, als wolle er eine Frage stellen.

„Pessah ist ja eigentlich ein Fest der Befreiung. Vor wenigen Wochen erst hat es ein anderes Fest gegeben. Das hat auch etwas mit Befreiung zu tun. Das kleine Chanson übrigens, das Sie beide eben gesungen haben, erinnert mich daran. Das war Purim. Die Errettung der Juden von der Bedrohung  durch den Kanzler des persischen Königs Xerxes, Hamman. Der hatte die völlige Vernichtung der Juden geplant. Und wenn nicht die schöne Esther aus jüdischem Haus die Frau des Königs gewesen wäre…“

„Cherchez la Femme…“ warf Lissner dazwischen. Stahmer überhörte ihn.

Interessanterweise hat Luther nicht den hebräischen Namen des Artaxerxes benutzt: A h a s v e r u o s . Obwohl seine Gefolgsleute gerne vom Juden Ahasver sprachen. Was sollte das Versteckspiel? Ich frage mich, warum? Na, wie dem auch sei: Geschichte gehört immer denen, die sie benutzen. Heute aber ist Pessah, und da gilt der Satz: Einmal im Jahr soll ein jeder von Euch tun, als sei er selber aus Ägypten ausgezogen.“ Die sonore Stimme Stahmers, der seine Zigarre nicht aus der Hand legte, füllte das kleine Zimmer.

Woher kennen Sie das alles?“ Ivar Lissner versuchte erst gar nicht, sein Erstaunen zu verbergen. Er meinte die Stimme seines Vaters zu erkennen, so wie er sie als kleiner Junge in Erinnerung hatte. 

Von meiner Schwiegermutter. Schon lange, bevor ich meine Helga heiratete, war ich häufig Gast im Haus ihrer Mutter. Nahm an den meisten Feierlichkeiten teil. Meine Schwiegermutter führte mich ins Judentum ein. Ganz nebenbei. Es waren die Rituale in ihrem Haus, die mir in der unruhigen Zeit ein ruhender Pol waren.

Er goß Wein nach. Ein Moment nachdenklicher Stille entstand.

Bei uns wurde immer Weihnachten gefeiert.“ Beinahe trotzig ertönte die dünne Stimme Rudolf Liepmanns. „Ich bin ja schon bei meiner Geburt getauft worden.

„Ihre Eltern waren aus der G e m e i n d e ausgetreten. Ihren Austritt aus dem Judentum hat Ihre Mutter erst vor kurzem den Behörden angezeigt. Haben Sie sich nie gefragt, warum dieser Feiertag, scherzhaft bei Ihnen immer Weihnukkah genannt wurde? Natürlich nur im Kreis von Freunden! Und warum am ersten Abend neben den üblichen Kerzen eine einzige getrennt angezündet wurde? Und wurde nicht während der ganzen Woche, in der der Baum im Wohnzimmer stand, täglich diese einzelne Kerze neben dem Baum um eine weitere ergänzt?

Eine oberlehrerhafte Strenge lag in Stahmers Frage.

Meine Schwester Adelheid ist Sorror Thadäa im Kloster Säben.“ Immer schwächer klang Liepmann, ein Junge kurz vor dem Weinen, eine zweifelhafte Wahrheit verteidigend, von der er spürte, daß er sie nicht würde aufrechterhalten können.

„Ha,“ höhnte Abt Chao Kung, „nachdem sie zuvor bereits verheiratet war und als Preis für den Unterschlupf der katholischen Kirche ihre eventuelle Erbschaft überschreiben mußte. Wegen Erpressung von Schutzgeldern wird diese Einrichtung sicherlich nie angeklagt werden.

Die Tür zum Raum war geschlossen. Es gab auch kein Fenster, aus dem Zugluft in den Raum hätte dringen können. Die Kerzen brannten ruhig vor sich hin, und die Flammen bewegten sich nur, wenn die Männer heftig atmeten oder von einer von ihnen lauter wurde. Schweigend saßen sie jetzt auf ihren Plätzen. Stahmer öffnete die zweite Flasche Wein und schenkte nach. Jeder war in seine Gedanken versunken. Chao Kung summte Melodien, die er im Cheder gelernt hatte. Lissner murmelte für die anderen Unverständliches vor sich hin. Liepmann versenkte den Kopf in beide Hände. Plötzlich fuhr sein Kopf hoch, er schaute nacheinander jeden einzeln an:

Ist es wirklich so? Wir sind alle Juden?

Sein Kopf sank wieder. Die verschränkten Finger bildeten einen Schirm vor seinen Augen.

Sind wir am Ende unserer Reise?“, fragte Lissner leise.

Na, wer wird denn gleich die Flinte ins Korn werfen?“, Stahmer griff nach seinem Glas. „Ich will Ihnen jetzt die gute Nachricht übermitteln, die ich vor wenigen Stunden im Generalkonsulat erhielt. Streng Geheim. Ich kann es kaum erwarten, den Japanern davon zu berichten. Meine Herren! Im Warschauer Getto ist heute, am Tag des Sederabends, dem Beginn des Pessah Festes,  ein Aufstand ausgebrochen.“

Nicht der geringste Hauch bewegte die Flammen. Atemlosigkeit hatte die Vier befallen.

„Ein bewaffneter Aufstand. Juden haben zur Waffe gegriffen. Kein Tag hätte passender sein können, hätte diese Symbolkraft gehabt. Vielleicht ist es der Beginn eines Weges, mein lieber Lissner. Eben kein Grund aufzugeben. Der Beginn einer Reise in eine vielleicht nahe Zukunft: Ins Überleben. Trinken wir auf alles, was uns hilft, den Hamman zu überleben…“ er hob sein Glas, „…und vergeßt mir die Assimilierten nicht. Wie Sie sehen, gibt es sie in beide Richtungen. Und auch die Assimilierten wissen um die wirklichen Werte…“ Er stellte sein Glas ab.

Das Kerzenlicht begann zu flackern.

Ganz leise erklang die Stimme von Chao Kung :

Shma Israel, Adonai Eloheini, Adonai Echad

Höre Israel, der Ewige, unser Gott, ist ein einiges ewiges Wesen,“ fiel Stahmer ein.

Nun wurde die Stimme von Ivar Lissner, zögerlich noch, vernehmbar, und in den folgenden Satz fiel auch Rudolf Liepmann ein. Auf seiner Stirn erschienen Falten, als wundere er sich, woher er den Satz kannte:

Du sollst den Herrn, deinen Gott, aus ganzer Seele und mit all deiner Kraft lieben.

Während Chao Kung weiter sprach, zeigte sich, daß jeder die Worte verstand. Mit schwerer Zunge murmelten sie:

 

„Die Worte, die ich Dir jetzt befehle,

sollen dir stets im Herzen bleiben,

du sollst sie deinen Kindern einschärfen

und davon reden, wenn du sitzest in deinem Hause

und wenn du gehest auf deinem Wege,

wenn du dich niederlegst und wenn du aufstehst.

Binde sie zum Zeichen an deine Hand,

trage sie zwischen deinen Augen

und schreibe sie an die Pfosten deines Hause und deiner Tore…“

 

In dem Raum war es ganz still. Auch draußen, von der Straße, war nichts zu hören. Es war der Tag des Gedenkens an den Todesengel, der alle verschonte, die die Pfosten ihrer Häuser und Tore gekennzeichnet hatten. Chao Kung war wieder allein. Die Drei waren verschwunden.

Er wußte Bescheid.

Er ging zur Tür, drückte die Klinke.

Da lag sein Körper vor der Ziegelmauer. Einer der Soldaten trat heran, öffnete und entfernte die Handschellen. Linker und rechter Arm fuhren auseinander. Es sah aus, als hätte der Mann sich nur schlafen gelegt. Der ausgestreckte rechte Arm zeigte jetzt eine Richtung an: Nordwest. Der Jackenärmel war hochgerutscht. Auf dem Handgelenk blitzte eine Armbanduhr. Der Soldat zog sie ab. Betrachtete sie. Sie war nicht auf die Ortszeit gestellt, zeigte 2 Uhr. Wo der Mann zu Hause war, war jetzt Nacht.  Die Menschen schliefen dort. Der Körper, der da ausgestreckt lag, würde nicht mehr schlafen, nicht mehr wach werden, würde auch nicht mehr fliegen. Aus einer der Türen ertönte ein Befehl.  Drei Soldaten traten hinzu, hoben und trugen den Mann an Händen and Füßen vom Hof ins Innere des Hauses. Dort stand ein Sarg. Der Körper wurde hineingelegt und im selben Wagen untergebracht, in dem er lebendig hergefahren worden war. Die Räume des Hauses und der Hof wirkten plötzlich belebt. Bewaffnete Soldaten und die fünf Offiziere bewegten sich ziellos hin- und her. Sie sprachen durcheinander. Erst leise, dann lauter. Der Chauffeur und die beiden Leibwächter, die den Mann gebracht hatten, waren, außer dem Körper, der im Sarg lag, die einzigen in Zivilkleidung.

Der chinesische Offizier, der die ganze Zeremonie – oder wie sollte man es nennen – geleitet hatte, blieb beim Rückgang ins Haus an der Stelle stehen an der zuvor das hastige Urteil gesprochen worden war. Er sprach laut, wie ein zweites Urteil, zu einem unsichtbaren Publikum.

Ich habe die Erschießung dieses Mannes befohlen. Ich habe das Kommando gegeben, zu laden, zu zielen, zu feuern. Ich hatte kein Mitleid mit dem Mann. Kein Erbarmen. Als er „German Consulate“ rief, empfand ich Wut. Wenn wir einhundert Jahre früher leben würden, wäre mancher aus meiner Kompanie bei dem Ruf vielleicht eingeknickt. Die Zeiten sind vorbei.
Diese Erzählung ist 2005 in der Anthologie  „Offene Fragen“ der PEN Zentrums deutschsprachiger Autoren erschienen. Es ist ein Auszug aus einem unveröffentlichten Roman von Peter Finkelgruen nebst seiner Einführung zu dem selben.