„Freedom Theatre“ aus Jenin auf Tournee in Deutschland

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Junge Studenten der Theaterschule des „Freedom Theatre“ aus dem palästinensischen Flüchtlingslager Jenin werden vom 06.09. bis 28.10.2011 auf Tournee durch 11 deutsche Städte gehen. Es ist die erste Inszenierung seit der Ermordung seines jüdisch-palästinensischen Gründers Juliano Mer Khamis direkt vor dem Theater im April 2011…

In ihrem neuesten Stück „Sho Kman?“ (Deutsch: Was noch?) zeigen die Schauspielschüler den Lebensrhythmus ihrer Generation im Zeichen von Besatzung und Gewalt. „Das neue Stück ist ein Zeichen der Entschlossenheit weiterzumachen und gleichzeitig eine Auseinandersetzung mit der Realität in Palästina, die in dem Mord an Juliano Mer Khamis kulminierte“, erklärt Tsafrir Cohen, medico-Referent für Palästina und Israel.

Gemeinsam mit 13 namhaften Intendanten und Theaterschaffenden ruft die sozialmedizinische Hilfs- und Menschenrechtsorganisation medico international „zur Unterstützung des Freedom Theatre auf, das den politischen Weg von Juliano Mer Khamis weiter beschreiten möchte“ und als „sprichwörtliche Insel der Vernunft, der individuellen wie gesellschaftlichen und politischen Emanzipation“ fungiert. Zu den Unterzeichnern gehören u.a. Thomas Ostermeier, Intendant der Schaubühne am Lehniner Platz und Ulrich Khuon, Intendant des Deutschen Theaters Berlin und Vorsitzender der Intendantengruppe im Deutschen Bühnenverein.

Das Programm
SHO KMAN? – Was noch?

„Sho Kman“ ist eine fiktive Performance, in der Eindrücke junger Palästinenserinnen und Palästinenser von der Welt, die sie umgibt, verborgen sind. Erkundet wird, wie Besatzung und Gewalt sich nach innen kehren und dort zum Chaos führen kann. Freundschaften und Familien werden zerstört, ebenso wie Gesellschaft und Staat. Es geht um einen brutalen endlosen Teufelskreis aus Fallen und Unterdrückung. Die Zuschauer folgen Träumen und Wünschen, Befürchtungen und Ängsten, dem Verbotenen und dem Verheimlichten.

„Wie sieht die Zukunft in einem Käfig aus? Wie kannst du Gefühle ausdrücken, wenn du nicht weißt, mit wem du sie ausdrücken kannst? Was bedeutet es, an einem Ort aufzuwachsen, an dem andere deine Zukunft immer kontrollieren? Ein Ort, an dem die Schwachen keinen Platz in der Gesellschaft haben und der einzige Weg zu überleben ist, Stärke zu zeigen? Wer sind wir?“

Die Performance nimmt das Publikum mit durch die Widersprüche der Realität in Jenin und in den Lebensrhythmus, der jungen Palästinensern, die im Flüchtlingslager von Jenin, der Stadt und den Dörfern leben, die Frage aufzwingt: Wer sind wir?

Ein wichtiger Meilenstein im Kampf, sich von den vielen Ketten zu lösen, die sie umschließen. – Mit dem Ziel, sich zu befreien. Die Performance basiert auf intensiver Körpersprache und zeigt ohne viele Worte Charaktere und Situationen des täglichen Lebens und der Geschichte Palästinas. Das Stück wurde für ein internationales Publikum entworfen.

  • Gespielt von Studenten von The Freedom Theatre
  • Idee & Regie: Nabeel Al Raee & Zoe Lafferty
  • Choreografie: Micaele Miranda
  • Licht Design: Mohammed Sadi
  • Sound-Design: Zoe Lafferty

Im Anschluss an die Aufführung hat das Publikum die Möglichkeit mit Schauspielern und Regisseuren über das Gezeigte zu diskutieren.

Der Tourplan
Organisiert durch die KinderKulturKarawane in Kooperation mit medico international

Termin

Stadt

Bühne

Kartentelefon

Di, 06.09., 19:30 Braunschweig Staatstheater Braunschweig 0531 1234567
www.staatstheater-braunschweig.de
Do, 15.09., 20:00 Bremen Kulturzentrum Schlachthof 0421 377750
www.schlachthof-bremen.de
Sa, 17. & So, 18.09.
20:00
Münster Theater im Pumpenhaus 0251 233443
www.pumpenhaus.de
Di, 20.09.,
Einlass ab 19:00
Aschaffenburg
Mainaschaff
Maintalhalle
Am Sportplatz 5
63814 Mainaschaff
Karten nur direkt an der Abendkasse
Sa, 24. & So, 25.09., 18:00
Mo, 26. & Di, 27.09., 20:00
Berlin Schaubühne am Lehniner Platz 030 890023
www.schaubuehne.de
Mi, 28. & Do, 29.09.
20:30
Hamburg Kampnagel Hamburg 040 27094949
www.kampnagel.de
So, 02.10., 18:00 Bonn Rheinisches Landesmuseum Karten über das Institut für Palästinakunde Bonn:
0228 18038637 (AB)
www.ipk-bonn.de
So, 09. & Di, 11.10., 20:00 Kiel Theater im Werftpark 0431 901901
www.theater-kiel.de
Mo, 24.10., 20:00 Freiburg Das Junge Theater 0761 2012853
www.theater.freiburg.de
Di, 25.10., 19:00 Karlsruhe Badisches Staatstheater 0721 933333
www.staatstheater.karlsruhe.
de
Fr, 28.10.
Beginn siehe: www.waggonhalle.de
Marburg Waggonhalle Kulturzentrum Karten ab dem 30.09. über den Weltladen Marburg oder über E-Mail: kikukamarburg@google
mail.com

Paradoxe Hoffnung im Flüchtlingslager Jenin
Auf einer Bühne im palästinensischen Flüchtlingslager Jenin nehmen Jugendliche eine Auszeit von ihrem tristen und gewalttätigen Alltag

Medico unterstützt ein einzigartiges Kulturexperiment: Das Freedom Theater im Flüchtlingslager Jenin. Hier, im Norden der durch Israel besetzten Westbank ist der Lebensrhythmus der Menschen durch die langjährige gewalttätige Auseinandersetzung mit der Militärbesatzung gekennzeichnet. So entstand eine Kultur der Gewalt, die auch die Beziehungen der Palästinenser untereinander prägt. Eine Realität, die wiederum reaktionäres Denken, etwa in Bezug auf das Geschlechterverhältnis, und patriarchale Machtstrukturen reüssieren lässt.

Früher die „Gartenstadt Palästinas“, umschließt Jenin heute eines der größten palästinensischen Flüchtlingslager mit mehr als 5.000 Kindern und Jugendlichen. Diese wachsen in einer scheinbar endlosen Schleife von Gewalt und Aggression auf. Sie kennen keine Kindheit, in der sie sorglos spielen, experimentieren, einen Sinn im eigenen Leben und in dem ihrer Umgebung entdecken können.

Lebenselixier gegen die Gewalt

Das Freiheitstheater will mit Mitteln der Kunst soziale und politische Veränderung erreichen. Den Bewohnern des Flüchtlingslagers werden unterschiedliche Möglichkeiten eröffnet, eigene Fähigkeiten zu entfalten und das Selbstvertrauen aufzubauen, das sie brauchen, um ihre Zukunft selbst in die Hand zu nehmen. Gemeinsam mit Kindern und Jugendlichen wird ein geschützter Raum geschaffen, in dem sich Phantasien entwickeln und andere Realitäten vorgestellt werden können. Man will Bedingungen herstellen, in denen sich Jungen und Mädchen in gleicher Weise und ohne Scheu einbringen, ausprobieren und Fähigkeiten entwickeln können, den kulturell, sozial und politisch gegebenen Barrieren selbstbewusst zu begegnen, um sie zu verändern.

Das Freedom Theatre ist gleichzeitig ein Ort des Austausches mit der ganzen Gemeinde. Kinder und Jugendliche zeigen selbst produzierte Filme und Aufführungen. Das neuste Projekt ist das „Playback Theatre“. Unter Leitung von besonders geförderten jungen Schauspielschülern – die Schauspielschule des Freedom Theatre, 2008 gegründet, ist die erste palästinensische Schauspielschule überhaupt – nimmt die ganze Gemeinde an einem interaktiven Theatererlebnis teil: Das Publikum erzählt eigene Geschichten, die dann von Schauspielern und Musikern improvisatorisch inszeniert werden. Eine kraftvolle Art, gemeinsamen Kampf und Widerstandskraft zur Sprache zu bringen. Neben dem Theater als Veranstaltungszentrum gibt es verschiedene Theater-, Zirkus-, Musik und Tanzgruppen.

Eine bewegte Geschichte

Begonnen hat alles 1988 mit zwei Kinderhäusern, die Arna Mer Khamis, die Mutter von Juliano Mer Khamis, aufgebaut hatte, um den Kindern von Jenin einen Zugang zu elementarer Bildung zu eröffnen. Es war nicht leicht für diese ungewöhnliche Frau, das Vertrauen der Bevölkerung zu gewinnen, denn bis dahin hatten jüdische Israelis das Lager nur als Soldaten betreten. Der alternative Nobelpreis, den die überzeugte Kommunistin dafür 1993 in Stockholm erhielt, ermöglichte ihr, den Aufbau des ersten Freedom Theatre zu finanzieren. Arna starb 1994, und das Haus, in dem sich das Theater befand, wurde während der Zweiten Intifada 2002 von der israelischen Armee völlig zerstört.

In den Fußstapfen seiner Mutter kam Juliano Mer Khamis nach Jenin. Als Heranwachsender wollte er noch ein richtiger Israeli werden. Sprich: ein Jude. Beide Elternteile waren zwar israelische Staatsbürger, doch sein Vater war Angehöriger der palästinensischen Minderheit. Juliano wurde Elitesoldat, doch die Identität, die er sich konstruiert hatte, brach in sich zusammen, als er zusammen mit Kameraden einen alten Palästinenser zusammenschlagen sollte. Solche inneren Widersprüche waren es, die ihn zu einer kraftvollen und faszinierenden Figur des israelischen Theaters und Kinos machten. Juliano begleitete seine Mutter immer wieder mit der Kamera nach Jenin. Während der Zweiten Intifada erkannte er einige der Kinder von damals in den Nachrichten wieder. Er machte den Film „Arnas Kinder“. Ein bewegendes Portrait seiner Mutter und ihres Lebenswerks. Zugleich dokumentiert er Leben und Tod einiger Jugendlicher, die in Arnas Theater mitgewirkt hatten. Aus den lachenden Heranwachsenden waren hartgesottene Kämpfer geworden, die auch vor Attentaten auf Zivilisten nicht zurückschreckten.

Im Jahre 2005 konnte Juliano Mer Khamis das Theater neu eröffnen. Im Licht der Theaterscheinwerfer wurde ein Zweifrontenkampf geführt: gegen die Besatzung, die Jenins Bewohner zu Gefangenen macht; und gegen die infolge von Isolation und Besatzung erstarkenden Denk- und Erklärungsmuster reaktionärer Provenienz. Diese doppelte Auseinandersetzung kulminierte in der skandalumwitterten Inszenierung von George Orwells Parabel „Farm der Tiere“, in der junge Palästinenser durch Besatzung (die Menschen) und eigene Obrigkeit (die Schweine) um ihre Lebenschancen gebracht werden. Von Anfang an musste sich das Theater mit den üblichen Schikanen der israelischen Soldaten herumschlagen. Doch in den letzten Jahren ist es dazu ins Visier palästinensischer Gegner geraten. Nachdem mehrere Brandanschläge auf das Theater verübt wurden, wurde Juliano Mer Khamis am 4. April 2011 ermordet, mit mehreren Schüssen aus nächster Nähe regelrecht exekutiert.

Kann das Freiheitstheater diesen Mord überleben? Abgesehen von der Unmöglichkeit, den Mentor, das Gravitationszentrum dieser Institution zu ersetzen, hängt ein Damoklesschwert über Jenin: Der Mord offenbart, wie explosiv die Situation, wie selbstzerstörerisch der Strudel der Gewalt geworden ist. Es ist keine gute Zeit für Grenzgänger. Doch Julianos Weggefährten wollen das Wagnis weiter eingehen. Der Mord soll nicht der Schlussakt des Freiheitstheaters gewesen sein. Medico wird sie dabei begleiten.

Weiterführende Links

5 Kommentare

  1. Jane der Mord weist hin auf Islamisten, die Musik und Theater ablehnen.
    Das Kindermädchen, das Zeugin des Mordes wurde ist nach Israel geflüchtet, warum wohl? Und auch die Frau des Ermordeten, warum wohl?

  2. @ Jane:
    „Wer Mer Khamis umgebracht hat, ist bislang nicht geklärt. Ein Interesse könnten islamistische Extremisten,aber auch Israel selbst haben, bemüht sich doch Israel verstärkt lästige Friedensaktivsten als Zeugen der Vorgänge in den besetzten Gebieten loszuwerden. Wie auch immer -“

    Genau, wichtiger Hinweis, seit keinerlei Pressevertreter mehr in die „besetzten Gebiete“ fahren dürfen, werden jetzt, nach und nach, sogar lästige jüdische Friedensaktivisten ausgeschaltet. Damit es nicht auffällt, haben die infamen Israelis erstmal einen Theatermann genommen, um zu sehen, ob es Ärger gibt. ( Die Pilze mit den roten Punkten können bei fehlerhafter Dosierung echt gefährlich werden.)

  3. “Ihre Gegner sind Juden und „andere Ungläubige“, ihr Ziel, die Scharia, das islamische Gesetzbuch, in Gaza zum gültigen Recht zu machen. Die Hamas ist ihnen zu sanft, zu liberal. „Sie hat sich für von Menschen gemachtes Recht entschieden, nicht für das göttliche“, erklärt Abu al-Hareth ernst. Ginge es nach den Salafis, würde Dieben die Hand abgeschlagen werden und Ehebrechern drohte der Tod durch Steinigung.

    Abu al-Hareth gehörte, wie die meisten Salafis, einst zu den „Kassam-Truppen“, dem militärischen Arm der Hamas. Weil die Hamas den Kampf gegen Israel aufgegeben hat, schloss er sich den palästinensischen Taliban an.“

    http://www.taz.de/!59906/

    Salafisten, die wohl eine kleine radikale Terror-Minderheit sind, die sich selbst auch als Feinde der Hamas sehen, sind eben deshalb NICHT mit dieser in einen Topf zu werfen. Letztere ist ihnen eben nicht radikal genug.

    Wer Mer Khamis umgebracht hat, ist bislang nicht geklärt. Ein Interesse könnten islamistische Extremisten,aber auch Israel selbst haben, bemüht sich doch Israel verstärkt lästige Friedensaktivsten als Zeugen der Vorgänge in den besetzten Gebieten loszuwerden. Wie auch immer –

    Mer Khamis war ja Israeli und soweit ich weiß mit Wohnsitz in Haifa. Daher ist es nur logisch, dass seine finnische Ehefrau in Israel lebt und die Nanny, da ist, wo die Kinder sind. Wie weit sie “AsyL“ nötig hätten, ist mir daher nicht so klar.

  4. Der Gründer dieses Theaters wurde vor seinem Theater erschossen. Die israelische Polizei hat ein paar mutmaßliche Täter verhaftet, das Kindermädchen, das Zeugin des Mordes wurde, erhielt in Israel Asyl, die Ehefrau des Ermordeten übersiedelte nach Haifa.
    Um zu verstehen, wie Hamas und die Jihadisten gestrickt sind lohnt es die Auszüge aus einem Interview, das von Memri ins Englische übersetzt wurde zu lesen.
    Die Moslembrüder (deren israelische Filiale Hamas ist) und andere Jihadisten dulden keine fremde Kultur. Das erklärte u.a.
    Scheich Adel Shehato, ein Anführer des ägyptischen Jihads, der am 23. März 2011 aus der Haft befreit wurde. Er wurde zu einer langen Gefängnisstrafe verurteilt 1991 nach seiner Rückkehr von einem dreijährigen Aufenthalt in Afghanistan.
    Hier ein Auszug aus einem Interview dass er der ägyptischen Zeitung Roz Al-Yousef am 13. August 2011 gab: ‚The Christian is Free to Worship His God in His Church, but if the Christians Make Problems for the Muslims, I Will Exterminate Them’
    Q: „If you rise to power, what will be your approach to tourism?“
    Shehato: „There will be tourism for purposes of [medical] treatment, but the tourism sites of the pyramids, the Sphinx, and Sharm Al-Sheikh will be shut down, because my task [as a ruler] is to get people to serve Allah rather than [other] people [i.e., tourists]. No proud Muslim will ever be willing to live off tourism profits, because the tourists come [to Egypt] to drink alcohol and fornicate. [If they] want to come, they must comply with the conditions and laws of Islam. We will explain to them that, according to the shari’a, the pyramids are [the remains of] a pagan and polytheistic age.“
    Q: „What will be the state of art and literature in such a state?“
    Shehato: „In Islam, there is no such thing as art. Painting, singing, and dancing are forbidden. Therefore, in the [Islamic] state there will be nothing but Islamic culture, for I cannot teach [people] the infidel culture. As for literature, such as [the works] of Naguib Mahfouz, it is forbidden. Naguib Mahfouz was a criminal who stimulated [people’s] desires and struck a severe blow to modesty. We will return to the decent culture of the Muslims and the Muslim forefathers, and to Islamic history.“ 
    Endnote: [1] Roz Al-Yousef (Egypt), August 13, 2011.

    http://www.memri.org/report/en/0/0/0/0/0/

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