Vom Typenwandel der Jüdin seit hundert Jahren

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Den folgenden Originaltext zur Lage der jüdischen Frau aus dem Jahr 1937 veröffentlichen wir aus Anlass des 125. Geburtstags seiner Autorin, der Publizistin Bertha Badt-Strauß

Von Bertha Badt-Strauß
Erschienen in: Der Morgen, Heft 10, Januar 1937

Welches Antlitz trug die Jüdin in Deutschland vor hundert Jahren? Schon war Rahel Levin gestorben; als Friderike von Varnhagen hatte man sie auf dem Jerusalemer Kirchhof zu Berlin in die Erde gebettet, und kaum einer außer dem getreuen Ehemann und Bewunderer Varnhagen wußte, daß ihre Tagebücher im letzten Jahrzehnt ihres Lebens zur altvertrauten hebräischen Schrift ihrer Kinderjahre zurückgekehrt waren und daß ihre letzten Tage sie „als eine aus Ägypten und Palästina Geflüchtete“ gesehen hatten. Mit ihr ging eine Epoche in der Geschichte der Jüdin in Deutschland zu Ende, ein Zeitalter, das die jüdische Frau, die dem engen Umkreis der Wirksamkeit ihrer Ahnmutter im Ghetto entwachsen war, zuerst als geistige Einzelpersönlichkeit würdigte; nicht freilich um ihrer selbständigen und neuen Gedanken, vielmehr um der „genialen Rezeptivität“ willen, wie man sie besonders Rahel Levin nachrühmte.

Gerade Rahel Levin hätte allerdings wohl fast als einzige aus dem vielbewunderten Kreise ihrer Zeitgenossinnen Anspruch auf ein Mehr an Leistungen aufzeigen können, wie ihr ja auch von keinem Geringeren als Goethe eine seltene Art der „produktiven Kritik“ bezeugt worden ist. In manchen Augenblicken ihres Lebens finden sich schon Keime jener für die Frau damals noch unerhörten Bestrebungen, die über das Ich hinaus zum Wir vordringen wollen: etwa wenn sie in der Zeit des Krieges und der Not des Landes werktätig helfend eingreift und darin, von ihrer eignen Persönlichkeit befreit, eine „Besorgung“ und damit ein tiefes Glück für sich empfindet.

Nach ihrem Tode kommt die kluge Königsberger Jüdin Fanni Lewald nach Berlin und sieht dort den Zug der Geister der Vergangenheit in den Gestalten der Frauen, die neben den bedeutendsten Männern der Zeit etwa die Rolle der Prinzessin im Tasso gespielt hatten, — gerne hörend, wenn kluge Männer sprachen, daß sie verstehen konnten, wie die es meinten. . . Vor allem sieht sie, „wie eine Ruine großer Bauten aus vergangener Zeit“, die mehr als siebzigjährige Henriette Herz im weißen Kleide, einst die schönste Frau von Berlin und Seelenfreundin des Hofpredigers Schleiermacher, nun anziehend nur noch durch „Wohlwollen und Duldsamkeit“, — Eigenschaften, die einst sie befähigten, sowohl den Oden Ramlers wie den berauschten Hymnen der jungen Romantiker zu lauschen, wobei denn ihre Schönheit und eine ihr eigne klare Verständigkeit den Hörern das Fehlen eines selbständigen Urteils wohl ersetzte.

Aber Fanni Lewald trifft im Berlin der Vierziger Jahre auch die einzige aus jener Generation der Mendelssohn-Kinder, die den Mut hatte, sich ihrer Welt entgegen zu stemmen. Das ist Sara Levy, die unscheinbare Schwester der schönen Wiener Baroninnen Arnstein und Elkeles, eine von den vielen Töchtern aus dem Hause Itzig. Ihr gehörte das berühmte Haus „hinter dem Packhof“ mit dem alten Garten, in dem sich Bettina Brentano mit Achim von Arnim verlobt hatte. Sie hat es später mit durchaus unhöfischer Hartnäckigkeit selbst gegen König Friedrich Wilhelm IV. verteidigt, als man es ihr zum Neubau des Museums abkaufen wollte. Sara Levy ist zugleich die letzte und die erste einer Epoche in der Kulturgeschichte der jüdischen Frau in Deutschland. Als einzige unter ihren Schwestern bleibt sie bewußt dem angestammten altbiblischen Namen wie dem angestammten Glauben treu; ja sie schafft sich, wie Fanni Lewald zu berichten weiß, eine Mission daraus, die „Verteidigerin ihres Glaubens“ zu sein, wo man ihn angreift, und dabei jeden Fortschritt der geistigen Bildung bei seinen Bekennern zu unterstützen.

Aber sie geht noch einen Schritt weiter, den ihr weder Rahel noch Henriette Herz vorangeschritten waren: sie ist wohl eine der ersten Jüdinnen damals, die sich planmäßig sozialer Arbeit widmen. Unter den Eingaben des neugegründeten Israelitischen Waisenhauses findet sich ihr Name als der „Waisenmutter“, die sich um das Waisenhaus nicht bloß durch ihre große Freigebigkeit, sondern auch durch Mitarbeit verdient gemacht hatte. Und es ist wohl verständlich, wenn Fanni Lewald von ihr berichtet, daß sie ganz anders als „die Hofrätin Herz“ mitten in der beginnenden Revolution der Geister lebte und sich sehr dagegen verwahrte, mit ihren Altersgenossinnen nun auch ausschließlich in der alten Zeit zu leben: „Wir Alten sind auch noch à la tête de la jeune phalange!“, erwidert sie mit ihrer tiefen Stimme, als die junge Königsbergerin ihr von eignen Kämpfen (mit einem Zitat aus Scribes „Camaraderie“) berichtet.

Manchmal freilich wird es dieser eigenwilligen Frau klar, daß sie als Jüdin „wie ein entlaubter Baum“ allein inmitten ihrer ausgedehnten Familie und Freundschaft übrig geblieben ist. Und es ist eine posthume Genugtuung für sie, daß die Jüdin jener Jahre gerade auf jenem Wege weiterging, den die kinderlose Sara Levy als eine der ersten beschritten hatte: dem Wege der sozialen Arbeit. Das neue Frauengeschlecht des 19. Jahrhunderts überwindet den Kultus der eignen Persönlichkeit, wie er im Kreise der Romantiker und Romantikerinnen herrschte — als Glanz und als Schuld herrschte —, durch die Hingabe an eine größere Gemeinschaft. Es ist kaum verwunderlich, daß in den Anfängen der Frauenbewegung Jüdinnen sogleich tätig und aufklärend sich beteiligten. Hier bot sich ihnen eine Gemeinschaft, die sie von dem lang getragenen Lose der Vereinzelung befreite; eine Minderheit, die gleich der jüdischen Gemeinschaft in ihrer Wirksamkeit jahrhundertelang unterdrückt worden war. So erklärt damals Henriette Goldschmidt die Arbeit, die ja altjüdischem Pflichtenleben entsprach und nun auch zur Grundlage der modernen Gesellschaft wurde, zur „Pflicht und Ehre“ des weiblichen Geschlechts. Generationen von jüdischen Frauen nach ihr kämpfen dann dafür, die der weiblichen Arbeitskraft überall im Wege stehenden Hindernisse aus dem Wege zu räumen.

Neben die Frau, die um die Mitte des 19. Jahrhunderts „tastend und mit unsicherem Schritte“ in das Berufsleben eintritt, stellt sich im Laufe weniger Jahrzehnte die jüngere Schwester, die in der politischen Frauenbewegung mit gelassener Selbstverständlichkeit ihre Rolle spielt. Auf allen diesen Gebieten arbeiteten wie bekannt Jüdinnen an wichtiger Stelle mit. Zuerst organisiert Lina Morgenstern die Hausfrauen; einige Jahrzehnte später leiten Jeanette Schwerin und Alice Salomon die Auskunftsstelle für Frauenberufe, und Josephine Levy-Rathenau schafft in den ersten Tagen des Weltkrieges zusammen mit Gertrud Bäumer den Nationalen Frauendienst, der als eine der wichtigsten Schöpfungen der heimischen Widerstandskraft gedient hat.

Wenn sich hier vielleicht ein Endpunkt einer Mitarbeit der Jüdin in ihrer deut-schen Umwelt zeigen könnte, so hat dieser gleiche Weg unterdes eine der eigenwilligsten und selbständigsten Gestalten der jüdischen Frauenwelt schon zur Erkenntnis des Aufgabenbereichs für die jüdische Frau im Kreise ihrer eignen Probleme und ihrer eignen Notlage geführt. Bertha Pappenheim hat, aus der allgemeinen Frauenbewegung her kommend, vor mehr als einem Vierteljahrhundert den Jüdischen Frauenbund gegründet und widmet ihre beste Kraft den Kämpfen und Aufgaben der Jüdin in aller Welt. Noch ihre schwindende Kraft gilt einer Reise zu den jüdischen Frauenschulen im Osten, den Bet Jaakob-Schulen, deren Ausbau und Erweiterung sie fast wie ein Testament ihren Mitarbeiterinnen ans Herz legt.

„Wohin gehen wir? — Immer nach Hause!“ Das tiefe Wort des Novalis leuchtet als Leitstern auf dem jüdischen Frauenwege im 19. Jahrhundert. Von der Vereinzelung zur Gemeinschaft; von der Gemeinschaft der Frauen zur Gemeinschaft der Jüdinnen; von der Mitarbeit in der deutschen Umwelt zur Mitarbeit am Aufbau einer neuen jüdischen Heimstätte in Palästina. Im gleichen Sinne wie Rahel Levin den Abschluß der ersten Phase im Leben der Jüdin des 19. Jahrhunderts bildet, kann man Bertha Pappenheim und Josephine Levy-Rathenau in ihrer Wirksamkeit als Marksteine der zweiten Phase betrachten. Unterdessen aber ist schon seit mehr als einem Menschenalter eine neue Form des jüdischen Frauenlebens erwacht — in der tätigen Mitarbeit der Jüdin an der Gestaltung des neuen Lebens im Lande der Väter. Nicht ohne Kampf geht diese Wandlung vor sich. „Wenn Gott der Herr eine Tür zuschließt, dann hat er schon vorher eine andre Tür geöffnet!“, sagt unser altes Volkswort. Schon mit den ersten Kolonisten der achtziger Jahre, den Biluim, die dem Spruche der Väter „Haus Jakobs, lasset uns aufstehen und wandern“ ihren Namen entlehnten, war eine Frau ins unbebaute Land gezogen, Darja (Debora) Sirot, die erste Chaluza der Bewegung. So wichtig sie für ihre Genossen bald wird — ist doch diese Frau die einzige, die in den ersten bangen Tagen der Arbeitsuche für die Gemeinschaft sorgt und alle bemuttert —, ist diese Frau doch für lange Zeit die einzige geblieben. In die eigentliche landwirtschaftliche Arbeit der Kolonisatoren tritt die Frau erst seit 1905 ein. Unter den größten Entbehrungen und Opfern sucht sie sich den Arbeitsplatz, der ihren Fähigkeiten entspricht. Erst 1910 gründet Channa Maisel-Schochat die landwirtschaftliche Lehrstätte für Frauen. Und nun entsteht im Laufe weniger Jahrzehnte die Gestalt der jüdischen Arbeiterin in Palästina, die jeder kennt, der heute Palästina durchwandert.

Es vollzieht sich eine Wiederauferstehung der Ghetto-Frau des Mittelalters, wie man fast sagen könnte. Nicht umsonst bemerkt Ernst Simon einmal, daß man in den Kwuzot fast meinen könne, in der Zeit des Matriarchats zu leben. In diesen Frauen ist die Urahne des Mittelalters wiedererstanden, die mit sicherer Hand das Geschick des Hauses leitete. Robuste Gestalten mit tief durchfurchten sonnenbraunen Gesichtern sind diese Landarbeiterinnen in Palästina. Meist kamen sie aus Rußland, aus der politisch-sozialen Arbeit. Debora Dajan hatte schon lange als einzige Jüdin im Semstwo mitgearbeitet, als sie ihr eignes Volk entdeckte und sich ihm zu widmen begann. Hier erwacht ein neues weibliches Heldentum, und, merkwürdig genug, eine neue Frauendichtung. Mit dem Häuflein Trumpeldors kämpfen Frauen mit, und mit ihm deckt sie das Grab in Tel Chaj. Und daneben erstehen Dichterinnen wie jene jung geschiedene Rachel Bluwstein, deren Verse heut im Lande gesungen werden, und die vielleicht noch bedeutendere „Elischewa“, die aus fremdem Glauben und fremdem Volke zum Judentum findet.

Noch einmal aber faßt sich heute in der Gestalt einer einzigen Frau das Einst und Jetzt, das Gestern und Heute des Typenwandels der Jüdin zusammen: die soziale Jüdin des 19. Jahrhunderts, die dem Ziel der ganzen Menschheit entgegenstrebt, und die Kämpferin und Arbeiterin für die Zukunft ihres Volkes in Palästina. Diese Frau ist Henrietta Szold, die amerikanische Rabbinerstochter. Aus allen Quellen der jüdischen Vergangenheit schöpfend, hat sie fast ein halbes Jahrhundert in ihrem Geburtslande für die Pflege jüdischen Schrifttums und zugleich für die bedrängten Juden ihrer Zeit, für die Einwanderer aus Rußland und Rumänien gewirkt. „In der Mitte des Weges“ — an jenem Wendepunkt, den Dante meinte, wenn er von dem mezzo del camin sprach — faßt sie den Entschluß, nach Palästina zu gehen. Dorthin rief sie eine damals noch ganz unerfüllte Aufgabe, die der sozialen Arbeit, eigentlich also die Aufgabe der Jüdin des 19. Jahrhunderts. Wir alle wissen, wie zukunftsreich sie diese Aufgabe gerade in den letzten schweren Jahren gestaltet hat. „Die Mutter der Jugend-Alija“ erscheint uns in fruchtbarer Bindung Gestalt und Werk der Jüdin von gestern mit dem Werke der Jüdin von morgen zu verknüpfen.

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