100 Jahre Westend Synagoge – 90 Jahre Budge-Stiftung

0
71

2010 ist ein Jahr der „runden“ Geburtstage für die Westend-Synagoge und die Budge-Stiftung. Die Westend-Synagoge wurde 1910 als viertes großes jüdisches Gotteshaus in Frankfurt eröffnet. In dieser Zeit des großen Frankfurter Bürgersinns entstanden viele wohltätige Einrichtungen und Stiftungen. Überproportional viele Stifter waren Juden, so auch Emma und Henry Budge, die damals an eine Stiftung dachten, die Juden und Christen, Armen und Reichen ein gemeinsames Dach für den „Lebensabend“ bieten sollte, eine durchaus visionär und auch gewagte Idee…

Rabbi Andrew Steiman

1920 schließlich wurde die Budge-Stiftung am 20. November gegründet. Henry Budge war es nicht mehr vergönnt zu erleben, zehn Jahre danach das moderne Haus im Stadtteil Dornbusch zu eröffnen; seine Witwe Emma tat dies im gemeinsamen Namen. Die moderne Bauhaus-Architektur und der vorbildliche Pflegedienst machten damals das „Henry-Budge-Heim“ zu einer einzigartigen Einrichtung, die bald über Frankfurt hinaus nicht nur in Fachkreisen der Pflege und Architektur bekannt wurde.

Foto: Rafael Herlich

In der NS-Zeit erwies sich eine „Arisierung“ als schwierig, weil die Budges amerikanische Staatsbürger wurden. Nach dem Tod Emma Budges 1937 wurde das „Henry-Budge-Heim“ dennoch zum „Haus am Dornbusch“. Alle jüdischen Bewohner wurden deportiert und ermordet. Das Gebäude allerdings hat die Schreckenszeit weitgehend wenig zerstört überstanden.

Anders erging es der Westend-Synagoge. Wie die anderen Synagogen in Frankfurt und im gesamten damaligen Reich wurde sie in der „Kristallnacht“ geschändet; hier jedoch löschte die Feuerwehr bereits gelegte Brände. Die genauen Umstände sind bis heute nicht geklärt. Jedenfalls blieb dem Gebäude das Schicksal der anderen Frankfurter Synagogen erspart, die auf Gemeindekosten allesamt auf Befehl der NS-Behörden abgetragen werden mussten. Die Synagoge im Westend wurde stattdessen zweckentfremdet; zuerst als Fundus und Probebühne für die Oper, später als Möbellager für „Ausgebombte“, bis schließlich in einer Bombennacht die Kuppel einstürzte.

Erst nach dem Krieg gelang es einem Militärrabbiner der US-Armee, die Westend-Synagoge als Ort für ein wiedererstehendes jüdisches Leben zu bestimmen. Die US-Armee war es auch, welche das Nachkriegsschicksal des Budge-Heims bestimmte, und dort zeitgleich eine Zahnklinik für Soldaten einrichten ließ.

1946 fand der erste Gottesdienst wieder in der Westend-Synagoge statt, und 1950 konnte das Haus feierlich wieder seiner ursprünglichen Bestimmung übergeben werden; es blieb der einzige Wiederaufbau einer Synagoge in Frankfurt.

Ein Neuanfang für die Budge-Stiftung ließ noch einige Jahre auf sich warten. Der aus dem Exil zurückgekehrte Frankfurter Historiker und Journalist Paul Arnsberg kämpfte durch alle Instanzen darum, dass die Mieten, welche die Amerikaner für die Nutzung des alten Budge-Heims zahlten, einer wieder zu errichtenden Stiftung zugute kommen sollte mit demselben Stiftungszweck von 1920. Unter dem Namen „Henry und Emma Budge-Stiftung“ entstand so die Stiftung neu. 1968 schließlich konnte sie den Betrieb eines neuen Hauses auf einem städtischen Ersatz-Grundstück aufnehmen, inmitten einer herrlichen Landschaft am Lohrberg mit seinen vielen unterirdischen Quellen gelegen. Diese Quellen allerdings erwiesen sich bald als problematisch, was die Fundamente des neuen Hauses betrafen. Nur 20 Jahre später war der Bau sanierungswürdig. So entstand in einem langwierigen Aus- und Umbauprozess eigentlich ein völlig neuer Bau. Bereits am Tag der Wiedereröffnung 2003 wurde deutlich, dass dieser einladende Bau wie sein altes Vorbild am Dornbusch wegweisend in Architektur und Pflege sein sollte. Architekt Henryk Isenberg schließlich fühlte sich den Baumeistern von 1930 um Ferdinand Kramer verpflichtet. Diese Verpflichtung galt auch der Humanität der Bauhaus-Architekten.

Auch dem Architekten der Westend-Synagoge, Franz Roeckle, fühlte sich Henryk Isenberg ebenfalls verpflichtet, als er den Auftrag zur Sanierung und Rekonstruktion des Baus 1989 von der Gemeinde bekam. Das lässt sich leider nicht auf den Menschen Franz Roeckle übertragen: er wurde zu einem begeisterten Nazi, der eigenhändig Juden in den Tod trieb.

Henryk Isenberg, der als Baumeister in die Geschichte sowohl der Westend-Synagoge als auch des Budge-Heims eingeht, sieht darin die Brüche und Widersprüche des zwanzigsten Jahrhunderts. Es bleibt beiden Häusern zu wünschen, dass auch sie auch in Zukunft mit Leben erfüllt werden; mit Judentum und somit auch mit Humanität.

http://www.budge-stiftung.de