Israelisches Orchester nach Bayreuth

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Das „Israelische Kammerorchester“ will im kommenden Sommer bei den Wagner-Festspielen in Bayreuth auftreten. Das berichtet Eldad Beck, Korrespondent der israelischen Zeitung Jedijot Achronot, aus Berlin. Es wäre der erste Auftritt eines israelischen Orchesters in Bayreuth…

Von Ulrich W. Sahm, Jerusalem, 5. Oktober 2010

Um die Tournee vorzubereiten wolle die heutige Leiterin der Bayreuther Festspiele und Urenkelin Wagners, Katharina Wagner, in der kommenden Woche Israel besuchen. Sie werde eine Pressekonferenz geben und dabei auch über die Beziehungen ihrer Familie mit Hitler und den Nazis sprechen. Wagner war der Lieblingskomponist Hitlers und zudem ein übler Antisemit. In den Konzentrationslagern mussten jüdische Gefangene Wagner spielen, während Juden in die Gaskammern geschickt wurden oder zur Fronarbeit ausrückten. In Israel ist die Musik Wagners verpönt.

Vor zehn Jahren führte dennoch das Symphonieorchester von Rischon Lezion erstmals auf dem Boden Israels eine Oper Wagners auf, nachdem das Oberste Gericht eine Klage zurückgewiesen hatte, Wagner nicht zu spielen. Im Frühjahr 2001 dirigierte der israelisch-argentinische Dirigent Daniel Barenboim mit der Berliner Staatskapelle Wagner-Melodien als Zugabe. Im Saal kam es zu Tumulten und lautstarken Protesten. Später beschloss ein Knesset-Ausschuss, Barenboim zu boykottieren, solange der sich nicht für seine Provokation entschuldigt habe. Es war bekannt, dass Barenboim Wagner spielen wollte, und er hatte den Veranstaltern des Israel-Festivals versprochen, es nicht zu tun.


Barenboim diskutiert mit Publikum vor der Wagner-Aufführung, Jerusalem 2001, © U. Sahm

Beck berichtet weiter, dass Katharina Wagner ihm vor zwei Monaten erklärt habe, die Familienarchive öffnen zu wollen, damit Historiker die umfassenden Beziehungen der Familie Wagner mit Hitler und den Nazis prüfen könnten. Die Untersuchungen sollen noch vor dem 200. Geburtstag Wagners im Jahr 2013 veröffentlicht werden. Eine namentlich nicht genannte, der Familie nahe stehende Person wird von Beck zitiert: „Katharina gehört einer Generation an, die keine Berührung mit dieser Vergangenheit hat. Sie schaut in die Zukunft und nicht zurück. Aber sie setzt sich mit der Vergangenheit ihrer Familie auseinander und hat klare Schritte in diese Richtung getan.“

Katharina ist keineswegs das erste Mitglied der Wagner Familie zu Besuch in Israel. Gottfried Wagner, ebenfalls ein Urenkel des umstrittenen Komponisten, hat Israel mehrfach besucht. Der seit 1983 in Italien lebende Gottfried gilt allerdings als „Verlorener Sohn“ der Wagner-Familie und hat sich mit ihr zerstritten.

Dem Bericht über den Auftritt des mit israelischen Steuergeldern finanzierten Kammerorchesters in Bayreuth ist ein sehr negativer Kommentar des prominenten Journalisten und Holocaustüberlebenden Noah Kliger beigefügt worden. Kliger bezeichnet den geplanten Auftritt als „einfach empörend“, zumal es in Israel immer noch einen offiziellen Boykott gegen Wagner-Vorführungen gebe. Dieser Boykott habe weder etwas mit Hitler noch mit dem Holocaust zu tun, sondern sei schon im November 1938 ausgerufen worden, wenige Tage nach der sogenannten „Reichs-Kristallnacht“, während der hunderte Synagogen verbrannt und Juden ermordet worden sind. Der Boykott ging vom Dirigenten Bronislaw Huberman aus, der wenige Tage nach der Kristallnacht mit einem jüdischen Orchester im damaligen britischen Mandatsgebiet Palästina Wagnerstücke aufführen sollte. Huberman beschloss den Boykott, weil er Wagner für den geistigen Vater der Erfindung einer Herrenrasse, den Ariern, und der Untermenschen, den Juden, hielt. Hitler habe die Ideen Wagners umgesetzt. In der Folge habe es sechs Millionen ermordete Juden gegeben, schreibt Kliger in seinem Kommentar. „Solange es noch Überlebende der Schoah gibt, die Wagner nicht hören wollen, habt Ihr (das israelische Kammerorchester) kein Recht, in Bayreuth aufzutreten“, beendet Kliger seinen Kommentar.

© Ulrich W. Sahm / haGalil.com

13 Kommentare

  1. Hallo Dave?
    Sind sie nicht so einer der den Ausschluß bestimmter Künstler fordert? Und nun „Bravo“???
    Nicht sehr helle, was? 😉

  2. Diese Verherrlichung und unrealistische Idealisierung von bestimmten Künstlern und der Ausschluss anderer entspricht wohl dem deutschen Bedürfnis nach einer eigenen deutschen Identität, die es so nicht gibt. Eine Art Komplex.
    Bravo!
     

  3. Diese Verherrlichung und unrealistische Idealisierung von bestimmten Künstlern und der Ausschluss anderer entspricht wohl dem deutschen Bedürfnis nach einer eigenen deutschen Identität, die es so nicht gibt. Eine Art Komplex.
    Auf der anderen Seite gibt es heute auch einige jüdische große Köpfe, die in Deutschland kulturell verehrt werden, z. B. Kafka, er ist auch in jedem Lexikon zu finden.
    Lieben Gruß
    Eine Schweizerin
     

  4. @Robert
    Ja, Dave, das genau ist der Punkt. Warum eigentlich wird einer verehrt, über den folgende Tatsachen bekannt sind:
    Genau auf diese Spur wollte ich kommen, weshalb ich in meinem Beitrag über R. Wagner erst einmal rein auf seine Kompositionen beschränke und für mich andere gleichbedeutende Werke heranzitiere, die zum Teil immer noch teils unbewusst unter der Hand geächtet werden. (Ein damaliger Musikprofessor, dem ich vorspielte, bekam beim Namen Hindemith einen Farbwechsel im Gesicht der an ein Chamäleon erinnerte – Anm. Hindemith fiel bei Hitler in Ungnade und musste D verlassen, Korngold emmigrierte nach USA, Das Wunder der Heliane dass Korngolds Konflikt mit seinem Vater und die Zeit beschreibt, wurde zur entarteten Musik)
    Aber Wagner steht im Vergleich zu den anderen Komponisten, die zweifelsohne international anerkannt sind, eigentlich hier wie ein Master of Classical Music da und wird von der Oberschicht geradezu als Kultobjekt zelebriert. Diese Fokussierung auf weniges mit deutlichen fragwürdigem Hintergrund lässt die Diversifizierung der klass. Musik in Deutschland kaum zu und kann erst recht nicht dazu beitragen, das sich hier nochmal ein Land der Dichter und Denker wiederholt, weil eine kulturell gewünschte Sonne (mit viel Schatten) die alles überstrahlt den Rest der Möglichkeiten geradezu weg brennt.

    Und dann eben noch die Historie Wagners, welche die ganze Jubelei dann endgültig fragwürdig erscheinen lässt. Nun denn. Es gibt hier noch viel zu Diskutieren und zu Beleuchten. Ein von einigen Stellen zunehmend gewünschter Schlussstrich käme einer Kapitulation der Aufarbeitung menschlicher Abgründe gleich und würde letztlich diese wieder eines Tages ermöglichen – so meine Einschätzung.
     

  5. @“Warum eigentlich wird einer verehrt, über den folgende Tatsachen bekannt sind:“

    So ein Blödsinn! Ja, Wagner war ein Antisemit aber so war Luther, ein anderer sehr verehrter Deutscher, so waren sehr viele in der langen  Geschichte…Künstler, Erfinder, Schriftsteller, Philosophen etc. pp.

    Ist ja durchaus verständlich wenn in Israel solche Taboos existieren aber bitte außerhalb des jüdischen Staates dreht sich nun mal nicht alles darum was die Juden davon halten…sorry!

    Ich glaube nicht mal die meisten Juden wissen wen und was sie alles aus diesem Grund besser noch boykottieren sollten…könnte ein bißchen zuviel werden!

    @“Da fragt man sich doch mit Recht, warum soeiner heute noch und weiterhin verehrt werden darf,“

    Na ja…und daraus spricht einfach dummdreiste Ignoranz. Aber Wagner ist ja eh nur etwas für die besser gebildeten…

  6. Zum Glück schlagen viele bei Wikipedia nach, dort wird Wagners Antisemitismus ziemlich ausführlich beleuchtet.
    Lieben Gruß
    Eine Schweizerin

  7. Als vollkommen verantwortungslos und zugleich höchst fragwürdig muss der Umgang der deutschen Nachschlagewerke, somit also der deutschen Wissenschaft,  von nach 1945 mit dem antisemitischen ‚Nachlass‘ Richard Wagners bezeichnet werden, und zwar sowohl in der BRD als auch in der DDR.
     
    Superlative und allerhöchstes Lob zeichnen die Wagner-Einträge in den jeweiligen Lexika aus. Echt Kritisches bleibt grundsätzlich außen vor.
     
    Der allerneuste Brockhaus (21. Aufl., 2006, 30 Bände) etwa kann sich gerademal zu folgenden Minimalinformationen durchringen:
     
    Unter den Schriften des umstrittenen Komponisten steht unkommentiert neben der Jahreszahl 1850 der Titel des oben genannten Pamphlets („Das Judentum in der Musik“), sonst zu Juden oder Antisemitismus NICHTS unter „Wagner, Richard„.
    Oder soll gar dieser Satz ALLES sagen:
    … Zugleich vermittelt diese seine populärste Oper (Meistersinger von Nürnberg) einen kräftigen Zug deutschnationalen Selbstgefühls, das der Gefahr einer Umdeutung im Sinne der Ideologie des Dritten Reichs allzu leicht erlag.
     
    Das „BI Lexikon A bis Z in einem Band“ aus dem deutschen Bauern-und Arbeiterstaat (Leipzig, 1981, 3. Aufl.) nennt Wagner einen „der größten Opernkomponisten des 19. Jahrhunderts, dessen Werk trotz aller in ihm ungelösten Widersprüche über die Begrenzung seiner Epoche hinausweist…“ und bringt sonst nur Schmus.
     
    Meyers Enzyklopädisches Lexikon in 25 Bänden, 9. Aufl. Mannheim u.a. 1979 zählt ebenfalls unkommentiert das bewusste Pamphlet unter „Schriften“ auf und das war’s dann mit dem Antisemitismus bei Wagner.
     
    Und diese Lexika sowie deren jeweilige Vorgänger aus den 1950er und 1960er Jahre, die alle miteinander gemein haben, dass sie nicht wirklich aufklären wollen, stehen in bürgerlichen deutschen Haushalten, in Bibliotheken, in Instituten, in Schulen…  herum.
     
    Wie sollen wir Deutschen je aus unserer Geschichte lernen, wenn wir sie nicht allen Bürgern zugänglich machen und sie ohne Tabus von vorne nach hinten durchdiskutieren ?

     

  8. „Wagner wird schon wirklich genug verehrt, vor allem in Deutschland.“
     
    Ja, Dave, das genau ist der Punkt. Warum eigentlich wird einer verehrt, über den folgende Tatsachen bekannt sind:
     
    …Disillusioned by the failure of the 1848 revolution in which he had played an active part, Wagner (…) made a bitter attack on the Jews, whom he portrayed as the incarnation of money power, symbolized by the Rothschilds and commercialism (…). This common stereotype and the composer’s emotional aversion to Jews were given a kind of rationalization in his racial deterministic theories. He transferred his dislike to the cultural field, denying Jewish cultural creativity in general and, in particular, that the composers Giacomo Meyerbeer and Felix Mendelssohn or Heinrich Heine could be considered truly creative. In ambiguous terms, under the guise of speaking of their redemption, he conceived the idea of the extinction (Untergang) of the Jews. Under his own name Wagner republished the article as a seperate pamphlet with a supplement „Enlightenment on Jewry in Music“ in 1869, blaming his current problems on the alleged control of the press, theater, and cultural life by Jews and including in his stricture those non-Jewish writers and editors who were opposed to his chauvinism. Identifying modern materialism with alleged Jewish influence, he envisaged the forced removal of Jews from cultural life or, alternatively (…), their complete assimilation by means of art and music.
    Like the original article, the pamphlet, the ideas of which were eagerly seized on by Eugen Duehring, provoked a storm of controversy. In a series of articles entitled „German Art and Politics“ (1867) in the semiofficial Bavarian „Sueddeutsche Presse“, Wagner expounded his ideas of the pure-blooded German mission opposed to „alien“ French and Jewish materialism. Founding his own paper, the „Bayreuther Blaetter“ (1878), he (and his disciples) used it as a platform for his notion that the pastoral Germans of romantic idyll were economically dominated by Jewish speculators and bankers, and reiterated his view on the control of cultural life by Jews, borrowing phrases from the anti-Semite Wilhem Marr. In „Know Thyself“, a supplement to „Religion und Kunst“ (1881) Wagner deplored the granting of civil rights in 1871, applauded political anti-Semitism, and branded the Jews as the „demon causing mankind’s downfall“ (Untergang).
     
    Wagner’s anti-Semitism was shared by his devotees and above all by his wife, Cosima, trustee of his estate for 47 years. She and Houston Stewart Chamberlain, who married Wagner’s youngest daughter in 1908, established the „Wagner cult“ as a faith adumbrating the Nazi Fuehrer principle. Wagner Clubs were founded on an international scale from the 1860s on. Wagner began publishing his „Collectetd Works“ in 1871; by 1912 they comprised 12 volumes. The articles and pamphlets on Jews and anti-Semitism are reprinted in volumes 5, 8 and 10. Wagner’s works, which circulated widely among the educated classes, made anti-Semitism culturally respectable, and generally spread racialist doctrines, popularizing those of Gobineau, with whom he was personally acqainted. Wagner’s political writings were among the great ideological influences on Adolf Hitler, and his favourite reading. He was an admirer of his operas from his early youth, and had them regularly performed at Bayreuth in connection with the Nazi Party conventions…
     
    In the State of Israel, Wagner’s music remained excluded from the repertoire of its Philharmonic Orchestra and broadcasting program, in spite of divergent opinions and even protests…
    (Encyclopaedia Judaica)
     
    Da fragt man sich doch mit Recht, warum soeiner heute noch und weiterhin verehrt werden darf, ganz abgesehen vom akustischen Minderwert seiner an eitel-pompösen Dissonanzen so reichen Töneaneinanderreihungen.

  9. Gut, hier noch weitere Links (Auszügen) aus grossen „nicht“ Wagner Werken:
    Karol Szymanowskis König Roger, Stabat Mater:
    http://www.youtube.com/watch?v=014AESt5Fy4&feature=related
    http://www.youtube.com/watch?v=2KrOUTp8UUo&feature=related
    oder hier aus Erich Wolfgang Korngolds Violanta, Wunder der Heliane:
    http://www.youtube.com/watch?v=SQBo9Kjaa_I
    http://www.youtube.com/watch?v=RPZwTJyRQP8
    Natürlich seine bekannteste Oper Die tote Stadt oder die ganz rar gespielte Kathrin.
    und so viele großartige weitere Werke verschiedenster Komponisten wie z.B. Arnold Bax (Garden of Fund) u.v.a….

     

  10. Wagner wird schon wirklich genug verehrt, vor allem in Deutschland. Es gibt genug andere Komponisten, wie wäre es mal wieder mit einer Korngold Oper, die reicht meiner nicht ganz so unbedarften Einschätzung nach bei weitem an Richward Wagner heran – und das mussten keine geschunden Menschen anhören.
    Oder wie wäre es mit Alexander Scriabin, einem der Genies Anfang des 20ten Jahrhunderts, z.B. eine Aufführung der vorausgehenden Handlung des Mysteriums mit Lichtspielen, oder Paul Hindemith oder Sergej Rachmaninow, oder Karol Szymanowski Oper „King Roger“, (Sinfonie No. 3) „Das Lied von der Nacht“ oder ein Jaques Ibert (Les Escales) oder oder oder.
    Und wenn man mal auch was anderes wagt, lassen sich vielleicht auch junge Leute, die nicht aus einem klassischen Umfeld kommen, dafür begeistern. Beweise gibt es meiner Ansicht nach genug.

  11. „Der gebildete Jude hat sich die undenklichste Mühe gegeben, alle auffälligen Merkmale seiner niederen Glaubensgenossen von sich abzustreifen: in vielen Fällen hat er es selbst für zweckmäßig gehalten, durch die christliche Taufe auf die Verwischung aller Spuren seiner Abkunft hinzuwirken. Dieser Eifer hat den gebildeten Juden aber nie die erhofften Früchte gewinnen lassen wollen: er hat nur dazu geführt, ihn vollends zu vereinsamen und ihn zum herzlosesten aller Menschen in einem Grade zu machen, daß wir selbst die frühere Sympathie für das tragische Geschick seines Stammes verlieren mussten.“ (Richard Wagner, „Das Judentum in der Musik“, 1850)
     
    In einem Brief an den bayerischen König Ludwig II., seinen Gönner und ‚Fan‘, bekannte der Leipziger Töneaneinanderreiher Wagner im November 1881: „die jüdische Rasse (halte er) für den geborenen Feind der Menschheit und allen Edlen in ihr: daß namentlich wir Deutschen an ihnen zugrunde gehen werden, ist gewiß und vielleicht bin ich der letzte Deutsche, der sich gegen den bereits alles beherrschenden Judaismus als künstlerischer Mensch aufrechtzuerhalten wußte.“
     
    Wagner sprach allen Juden grundsätzlich und generell die Fähigkeit zu Ton- bzw. Dichtkunst ab. Besonders Mendelssohn-Bartholdy schmähte er mit rassistisch-boshafter Gehässigkeit.
     
    Warum es nicht lieber  mit Franz Werfel halten?

    Der gab einst zu bedenken, warum solle er sich Wagner anhören, wenn es Verdi gäbe. Wie Recht er doch hatte!

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