Ungarns konservative Revolution

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Ein Vortrag mit Karl Pfeifer und Magdalena Marsovszky im DGB-Haus München…

Die Ergebnisse der ungarischen Parlamentswahlen sind besorgniserregend. Die rechtspopulistisch-nationalkonservative Partei Fidesz wird die Regierungsmehrheit stellen. Die rechtsextremen Jobbik halten mit einem Stimmenanteil von knapp 17 Prozent Einzug ins Parlament. Von Jobbik getrieben kündigte Fidesz an, am 4. Juni, dem 90. Jahrestag der Unterzeichnung des Friedensvertrages von Trianon, eine Gedenksitzung des Parlaments abzuhalten. Die geplante Verleihung der ungarischen Staatsbürgerschaft an ethnische Ungarn in den Nachbarländern sorgt bereits vorab für Unmut. Revanchistische Töne und rassistische Übergriffe gehören schon jetzt zum Alltag. Mehr als während der ersten Regierung Orbán 1998-2002 besteht heute die Gefahr, dass Ungarn durch die gegenwärtige »konservative Revolution« zu einer geschlossenen Gesellschaft wird.

Von einem »politischen Erdbeben« ist die Rede, von einem »Rechtsruck«, die politische Situation in Ungarn habe sich zu einem »Pulverfass mitten in Europa« entwickelt, die Stimmungslage der ungarischen Gesellschaft sei vergleichbar mit einem »Hassvulkan«.

Schon seit einiger Zeit machen Beobachter darauf aufmerksam, dass Rechtsextremismus in Ungarn kein Randgruppenphänomen mehr ist. Breite Teile der ungarischen Gesellschaft sympathisieren mit den Rechtsextremen, die sich mittels Blut- und Bodenideologien als Widerstandskämpfer gegen den globalen Kapitalismus stilisieren. Die Ungarische Garde – eine von Jobbik zum »Schutz« der Bevölkerung vor »Zigeunerkriminalität« gestellte paramilitärische Organisation – marschiert trotz Verbot ungestört durch Ungarn. Antiziganismus, Antisemitismus und Homophobie nehmen stetig zu.

Das Erstarken rechter Kräfte in Ungarn kann jedoch nicht vereinfachend als eine lediglich ungarische Problemlage gekennzeichnet werden. Ebenso muss die wirtschaftspolitische Problematik in den Blick genommen werden, die der aktuellen Entwicklung einer radikalen europäischen Rechten zugrunde liegt. Wir freuen uns daher sehr, dass wir Karl Pfeifer und Magdalena Marsovzsky als Referenten gewinnen konnten, um diese differenzierte und dringliche Auseinandersetzung anzustoßen.

Karl Pfeifer lebt als Journalist und Autor in Wien, seit drei Jahrzehnten ergreift er kenntnisreich und vehement das Wort, wenn es darum geht, Antisemitismus, Antiziganismus und Rassismus aufzuspüren und ihre Wirkmechanismen der Gesellschaft vor Augen zu halten. Seine Beträge erscheinen unter anderem in der Budapester Wochenzeitung Hetek, der Berliner Wochenzeitung Jungle World und auf dem jüdischen Onlineportal Hagalil.

Magdalena Marsovszky ist freie Kulturwissenschaftlerin und Publizistin, lebt in Budapest und in München. Sie ist Mitglied der Forschungsgruppe „Demokratie und Extremismus“ im Institut für Politikwissenschaft der Ungarischen Akademie der Wissenschaften sowie Vorstandsmitglied des Villigster Forschungsforums zu Nationalsozialismus, Rassismus und Antisemitismus e.V.

Zur Veranstaltung lädt herzlich das Hinterland Magazin mit Unterstützung des Bayerischen Flüchtlingsrates und des Kurt-Eisner-Vereins Bayern.

Ungarns konservative Revolution | 24.06.2010 | 19:30 | DGB-Haus | Schwanthalerstraße 64, München

2 Kommentare

  1. @Olaf König@
    So kann man das auch sehen. Manche wollen uns auch glauben machen, dass für die Machtübergabe an Hitler allein das Versagen der Linken (das nicht bestritten werden kann) und der Versailler Friedensvertrag verantwortlich sind.
    Und jetzt versuchen völkische und national-sozialistische Ungarn und ihre Apologeten uns zu überzeugen, dass für den Ruck nach Rechts lediglich die Linken und die Nachbarländer die Verantwortung tragen. Aber wieder hat die Slovakei einen Strich durch diese simple Rechnung gemacht. Die antiungarische Slotapartei hat nur wenig die 5% Hemmschwelle übertroffen und ist schwer geschlagen. Meciars Partei kam gar nicht in das Parlament und die mit Orban verbündete MKP kam auch nicht ins Parlament. Dafür aber Most-Hid, eine Partei die darauf baut, dass die ungarische Minderheit, den Budapester nationalen Wahn (Trianon etc) nicht braucht, sondern den Frieden mit der Mehrheitsbevölkerung.
    Und man muss es  Fidesz lassen, es ist Ihnen binnen ein paar Tagen mit idiotischen Bemerkungen einiger ihrer wichtigen Politiker den Forint schlechter zu machen. Ca 1 Million Ungarn, die Anleihen und Hypotheken aufgrund fremder Währung (Schweizer Franken) aufgenommen haben, spüren es sofort, andere werden es bald spüren. Ausser nationalistischen Pharasen und nationalistischen Symbole hat Fidesz wenig zu bieten.
     
     

  2. Die Ursachen für den Rechtruck in Ungarn sind eher als Reaktion auf das Versagen der Linken, sowie die nationalistischen Antiungarischen Aktivitäten der Nachbarländer zu sehen. Das Volk fühlt sich allein gelassen und ist es wohl auch.

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