Verwirrte Reaktionen in Israel

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Am Tag nach dem Debakel auf hoher See beim Kapern des Schiffes Miva Marmara der „Free Gaza“ Aktion herrscht in Israel Verwirrung, Verärgerung und Unsicherheit über die Stellung des Landes in der Welt…

Von Ulrich W. Sahm, Jerusalem, 1. Juni 2010

Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hatte vorzeitig seine Nordamerika Reise abgebrochen. Im Flugzeug erklärte er Reportern, dass Israel ein gutes Recht habe, sich zu verteidigen und die radikal-islamische Organisation Hamas daran zu hindern, sich mit Raketen auszurüsten, die dann auf Israel abgeschossen würden. Genauso hätten die USA seinerzeit die Sowjetunion daran gehindert, Kuba mit Raketen zu beliefern.

Derweil wurden alle rund 600 Teilnehmer an der „im voraus geplanten Provokation“ von den sechs Schiffen an Land gebracht, im Hafen von Aschdod identifiziert und befragt. Jene Ausländer, die sich schriftlich verpflichteten, „nicht wieder nach Gaza zurückzukehren“, wurden zum Flughafen gebracht, darunter auch 400 Türken. Die sollen nach einem weiteren Verhör in die Türkei abgeschoben werden. Vier Flugzeuge stehen in der Türkei bereit, sie abzuholen. Jene, die nicht unterschreiben, wurden in Gefängnisse gebracht, darunter auch eine syrische „Friedensaktivistin“. Ihr Mann erklärte in Damaskus gegenüber der arabischen Presse, dass sie an der „Free Gaza“ Fahrt nach Gaza teilgenommen habe, „weil sie immer schon mal Lust verspürte, Israelis verprügeln zu können“. Die Frau weigere sich, die schriftliche Erklärung zu unterzeichnen und sitze deshalb im Gefängnis. Ein Sprecher des Außenministerium erklärte, keine Angaben zu den Angehörigen verschiedener Länder machen zu können. Wer unterschreibe und bereit sei, sich deportieren zu lassen, werde noch am Dienstag (heute) auf Kosten des Staates Israel in seine jeweilige Heimat abgeschoben. Das gelte auch für die deutschen Teilnehmer, darunter zwei Bundestagsabgeordnete von „Die Linke“.

Eine arabisch-israelische Knessetabgeordnete, die sich auch an der Fahrt beteiligt hatte, wurde inzwischen freigelassen, „wegen ihrer Immunität als Abgeordnete.“

Polizei- und Kriminalbeamte haben die Miva Marmara bestiegen, um Fingerabdrücke einzusammeln, die Waffen zu untersuchen, die gegen die israelischen Soldaten eingesetzt wurden, um zu ermitteln, wer sich an den Attacken auf die Elitesoldaten beteiligt hatte. Fünf Soldaten wurden zum Teil schwer verletzt, während bei den anschließenden Feuergefechten an Bord des Schiffes 9 Passagiere getötet und etwa 30 verletzt wurden.

Während die gewalttätigen Passagiere, soweit sie ermittelt werden können, vor Gericht gestellt werden sollen, wurde inzwischen von israelischen Anwälten eine Klage beim Obersten Gericht eingereicht, mit der Forderung, alle Gefangene umgehend freizulassen, weil sie illegal in internationalen Gewässern gezwungen wurden, nach Israel zu fahren.

Politiker und Militärs haben in Rundfunk und Fernsehen ausgiebig über die Operation, deren Notwendigkeit und Planung sowie über die möglichen politischen Folgen ausgiebig diskutiert. Die meisten Sprecher fordern, den Soldaten selber keine Vorwürfe zu machen. Die hätten aus Notwehr gehandelt. Immer wieder wurde jedoch gefragt, ob die Operation falsch oder schlecht geplant worden sei, ob zu wenige Soldaten an Bord geschickt worden seien und ob es andere, weniger tödliche Mittel gegeben habe, die Schiffe zu stoppen und nach Aschdod zu geleiten. Die Regierung und das Militär wurden aufgefordert, umgehend die richtigen Lehren aus der „aus dem Ruder gelaufenen“ Operation zu ziehen, da sich noch zwei weitere Schiffe auf dem Weg nach Gaza befinden und ebenso gestoppt werden sollen.

Fast einmütig werden der Türkei vorwürfe gemacht, die „Free Gaza“ Aktion als Provokation gegen Israel mitgeplant zu haben. Inzwischen wurden alle rund 1000 Israelis aufgefordert, zu ihrer eigenen Sicherheit die Türkei zu verlassen. Israelische Urlauber stornierten spontan, teilweise beim Einchecken auf dem Flughafen in letzter Minute, ihre geplante Reise nach Antalya oder Istanbul. Reiseagenten erzählten, dass die Urlaubsreisen in die Türkei „völlig gestoppt“ worden seien. Ein Geschäftsmann erklärte, dass es in der Türkei für israelische Unternehmer „keine angenehme Geschäftsatmosphäre“ mehr gebe. Die israelischen Firmen planen, ihre Investitionen in Höhe von etwa einer Milliarde Dollar abzuziehen.

© Ulrich W. Sahm / haGalil.com

23 Kommentare

  1. @koshiro:
    Aus der letzten Diskussion bin ich noch einen Beleg über die vermeintliche Rückkehr der Flüchtlinge des Unabhängigkeitskriegs schuldig: Uno Resolution 194. Leider (und das war meine Fehlinterpretation – tut mir Leid) wurde sie nie umgesetzt.

  2. und ist die Türkei auf Israel angewiesen???
    Wohl kaum….siehe stopp der Gas und Wasser Pipeline…
    Auf Israelische Touristen angewiesen???
    das ich nicht lache…#
    1millarde abkommen stornieren???
    holen die mit Syrien oder Iran wieder ein…

  3. @Inan:

    Ich kann nur hoffen, dass nun Europa Druck macht auf die Türkei. Die Presse jedenfalls wendet sich nun eher gegen Erdogan, wie ich es vermutete. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Türkei dabei nichts zu verlieren hat, gerade wirtschaftlich gesehen. Geld hat die Leute schon immer am ehesten zur Vernunft gebracht bzw. dessen Entzug.

    Liebe Grüße
    Edith

  4. Während die Türkei kurdische Kinder tötet, prangert sie Israel an mit dem Satz “Du sollst nicht töten”, weil Israel sich in Notwehr verteidigte.

    TRUE !

  5. @Farid:

    Erdogan will ja jetzt höchstpersönlich die nächste Flotte mit Kriegsschiffen begleiten. Das wäre der Exodus …

    Die Rachel Corrie wäre abgehakt nach einer mühsamen Verfolgungsjagd. War natürlich nicht ideal für Erdogan, zu wenig Provokation, zu simpel, er will Israel noch viel mehr brüskieren. Das begann ja schon mit seiner Amtsübernahme, siehe seine Davoser Rede.

    In den europäischen Medien wird bereits von der Türkei-Wende Richtung Iran gesprochen, da ist auch die Rede von einem unzuverlässig gewordenen Politpartner, so wie ich es mir dachte. Während die Türkei kurdische Kinder tötet, prangert sie Israel an mit dem Satz „Du sollst nicht töten“, weil Israel sich in Notwehr verteidigte.

  6. Endschuldigt bitte meine Intervention, daß was die Israelis gemacht haben, war wohl die primitivste und dümmste Aktion, die Israel sich geleistet hat. Alle Israelfeinde, Antisemiten und Freunde der Hamas sitzen vor ihren Computern und lachen sich schenkelklopfend auf dieselben. Die Aktion geschah unter dem Motto: Ist der Ruf erst ruiniert…
    Warum wurden die Schiffe nicht erst in israelische Hoheitsgewässer hineingelassen und dann besetzt? Legt man in Israels Regierung keinen Wert mehr auf internationale Gepflogenheiten? Lebt man schon nach dem Motto: Nach uns die Sintflut? Ist das Projekt Israel gescheitert? Leider kommt es mir so vor.
    Ich denke, dass der Staat Israel einige Ähnlichkeit hat mit der 1990 untergegangenen DDR. Nur dass die sog. Elite der DDR sich ohne Widerstand in ihr Schicksal ergab. Sollte nun auch der Schwanengesang über Israel hereingebrochen sein? Der Feinde sind viele, die Freunde sind rar. Und die eigene Dummheit führt zum Untergang. Man möchte beten: Herr lass Hirn regnen über den Volk Israel.

  7. Zum Artikel: kann man vielleicht – es erhöht die optosche Seriösität, wenns auch sachlich fastr egal ist _ den Namen des Schiffs richtig schreiben ? „Mavi Marmara“ (Blaues Marmara). Ansonsten: Shemndrick hat recht: Erdogan will durch sein islamisches Getröte die kurdische Unabhängikeistbewegung weiter zerstreuen, denn dort gibts ja auch „atheistische“ Richtungen.

  8. @Eine Schweizerin: diese Schiffe hätten in dem Fall natürlich Hilfe von anderen Schiffen bekommen (es müssen keine israelische Schiffe sein da es ja natürlich internationale Gewässer sind und es keiner israelischen Genehmigung zu einer Rettungsaktion bedurfte), und die Passagiere hätten dann ohne Weiteres umsteigen können — wenn sie es wollten. Ich glaube nicht, daß sie eine Aktion im „Exodus“-Stil planten.

  9. @Inan:

    Ich denke, Israel ist sich absolut klar, dass wirklich ALLE Nationen zuerst an sich selbt denken und sich entsprechend verhalten werden. Heute dein Freund, morgen dein Feind. Von daher spielen vor allem wirtschaftliche Anreize eine Rolle, zumindest in den säkularisierten Ländern. Europa tendiert dazu, Frieden um jeden Preis haben zu wollen, auch wenn Israel dabei zum Schwarzen Peter gemacht wird. Nur sind Länder, wo die islamischen Fundis im Untergrund rumoren, ebenso wenig eine sichere Basis für die Zukunft. Spätestens wenn die Fundis an die Macht kommen, wird sich das Blatt wieder drehen. Von daher ist es besser, sich in Europa möglichst gut zu positionieren, denn das Gefälle „islamische versus nichtislamische Länder“ besteht spürbar. Spätestens wenn die Terrorakte gegen Europa zunehmen, wird Europa sich eher wieder aufseiten von Israel wiederfinden, denn Israel wird in diesem Moment der einzig strategisch sichere Punkt im Nahen Osten. Das wissen auch die USA.

    Was auch die Medien derzeit berichten, die normalen Bürger im Westen mögen die islamistischen Fundamentalisten noch weniger als die Juden. Das säkularisierte Israel ist ihnen bei weitem sympathischer als diese unkontrollierten Extremisten. Libyen z. B. hat viel dazu beigetragen, das Image der islamischen Länder in der Schweiz zu verschlechtern. Das Minarettverbot war die Quittung. Der Unmut gegen eine befürchtete Islamisierung des Westens wird immer größer. Deshalb wäre es ratsam, wenn Israel sich nicht aus Europa zurückzieht, sondern am Ball bleibt.

    Die Türkei z. B. eckt als islamisches Land immer wieder an in Europa. Es ist und bleibt ein Sonderfall unter kritischer Beobachtung. Die Türkei könnte sehr wohl ihre Position innerhalb von Europa verlieren und wäre dann isoliert. Ihr jetziges Verhalten rückt sie von Europa weg. Die Türkei hat sich mit ihrem Verhalten keinen Gefallen getan. Sie hat nicht nur das Vetrauen von Israel verloren, sondern auch dasjenige der Europäer, welche dem Islamismus kritisch gegenüberstehen und das sind VIELE.

  10. @Ratze: Sooo toll waren die Beziehungen zwischen der Türkei und Israel schon vorher nicht. Nicht zu vergessen die Anschläge auf Synagogen in der Türkei …

  11. @Ratze

    Das ist ja das Schlimme. Wenige radikale Elemente, anscheinend auf beiden Seiten, versuchen erfolgreich beide Staaten gegeneinander aufzustacheln. Menschen sind gestorben, ok, Menschen machen Fehler, ok, aber nun ist auch gut, vertragt Euch wieder und seid nett zueinander. Macht Geschäfte, trainiert zusammen, fliegt zusammen aber verdammt nochmal nicht gegeneinander.

  12. O.K.Meine Herren Israelis.Ihr habt mit dieser Aktion Jahrhundertelange Sympathien der Türken für Juden zertrümmert.Ich lehne zwar Gewaltsame Aktionen gleich von wem ab,aber ich kann mir vorstellen dass das Leben für Juden in der Türkei in Zukunft sich sehr schwierig gestalten wird.

  13. @Scheizerin
    Nach der jahrzehntelangen Hinhaltetaktik Europas ist wohl eine Orientierung in Richtung Teheran und Damaskus nur eine rationale Entscheidung. Ihr wolltet uns nicht, ok, nicht schlimm, dann gehts halt zu den Nachbarn. Gefällt mir zwar nicht, aber es hat auch keiner verhindert.

  14. @shmendrick: Ich denke, Israel hat das bereits gestoppt, israelische Firmen stiegen ja bereits aus. Bin jetzt schon etwas erstaunt, wie die Türkei auf Frontalkurs geht. Die Türkei wurde zwar in letzter Zeit auffällig, weil sie in Deutschland eigene Schulen aufmachten wollte, um die Ausland- Türken vor den deutschen Einflüssen bzw. der Säkularisierung zu bewahren, aber gleich so extrem hab ich sie nicht eingestuft, bisher. Es wirkt aber nun tatsächlich so, als hätte sich die Türkei von der Vewestlichung zurückgezogen und sich dem Fundamentalismus zugewandt.

  15. Stop the Unterstützung für die türkische Regierung wegen ihrer Verbindung zu den Radikalen:
    Israel darf der Türkei keine Rüstungsgüter mehr schicken!

    Ausgenommen die Waffensysteme Phillister I und II

  16. Wie stellen es sich die Israeliten, die dafür sind, daß die Zugänge nach Gasa wieder geöffnet werden, eigentlich vor???
    Die Hamas werden weiter das ausführen, was sie immer sagen: Die Juden aus Palästina entfernen! Massaker, wie sie in Pakistan, Iran, Afghanistan und anderen von radikalen Islamisten geführten Ländern durchgeführt werden, werden zur Tagesordnung gehören. Nichts hält die Hamas dann mehr davon ab. Ist das wirklich so gewünscht?

  17. Die Nähe der türkischen Regierung zu den Radikalen

    IHH unterstützt Gaza-Flottille und Gotteskrieger

    Istanbul – Die israelische Regierung bezichtigt die türkische “humanitäre” Organisation IHH, in Wirklichkeit eine Frontorganisation für die Finanzierung extremistischer Muslimgruppen zu sein und Gotteskrieger zu rekrutieren. Der türkische Außenminister Ahmet Davutoglu nannte solche Vorwürfe in seiner Rede vor den UN “Lügen”. Diese Bemerkung wirft ein Schlaglicht auf die Haltung der türkischen Regierung: Sie spricht und handelt, als habe sie sich die Sache der Aktivisten zu eigen gemacht. Vor dem blutigen Drama um den von der IHH maßgeblich organisierten Schiffskonvoi für Gaza hatte Ankara Israel aufgefordert, die Flotte passieren zu lassen. Die IHH präsentiert bei ihren Aktionen immer wieder AKP-Politiker als Unterstützer, beispielsweise begleiteten fünf Abgeordnete einen früheren IHH-Konvoi nach Gaza.

    “Ein guter Teil der Vorwürfe gegen die IHH ist begründet”, sagt Gareth Jenkins, Verfasser eines Buches über den politischen Islam in der Türkei. “Ich selbst habe wiederholt mit IHH-Leuten gesprochen, und ihre Aktivitäten in mehr als 100 Ländern sind natürlich einerseits tatsächlich humanitär. Sie machen andererseits auch kein Hehl daraus, dass sie Dschihadis (Gotteskrieger) für Afghanistan und andere Kriegsschauplätze rekrutieren und ausländischen Dschihadis in der Türkei helfen.” Jenkins verweist darauf, dass vor einigen Wochen zwei IHH-Militante in Afghanistan ums Leben kamen, wo sie auf der Seite der Taliban kämpften.

    http://www.welt.de/die-welt/politik/article7879368/Die-Naehe-der-tuerkischen-Regierung-zu-den-Radikalen.html

  18. @Eine Schweizerin:
    Ketten in die Schiffsschraube(n), bzw. das Ruder von Kampftauchern unbrauchbar machen. Sowas würde jegliches Schiff an die Weiterfahrt hindern.

  19. U. Sahm: @“ob es andere, weniger tödliche Mittel gegeben habe“.

    Besser als weniger tödliche wären nicht-tödliche Mittel gewesen!

    @“Gestörtes“ Verhältnis Türkei-Israel: Wie die türkische Regierung der BBC world auf Nachfrage sagte, bleiben die Rüstungsgeschäfte von der Abkühlung der Beziehungen ausgenommen. Die Türkei wird weiterhin in Israel Militärzeugs ordern und Rechnungen dafür prünktlich bezahlen. Honi soit qui mal y pense, oder:

    Was dem einen sein Gaza, ist dem anderen sein Kurdistan.

  20. Zitat: da sich noch zwei weitere Schiffe auf dem Weg nach Gaza befinden und ebenso gestoppt werden sollen

    Wollte ich jetzt auch gerade anmerken …

    Die Frage ist nur, ob solche Bugschüsse wirklich reichen, wenn die Schiffskäpitäne nicht nachgeben … Sind ja keine einfachen Kreuzer aus dem 19. Jahrhundert. Würde da gerne Fachleute dazu hören und keine Spekulationen.

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