„Ich möchte dieses Tabu brechen“

1
33

Regisseur Haim Tabakman spricht über die Unvereinbarkeit von Homosexualität und ultraorthodoxem Judentum…

Interview: Thierry Colby
Jungle World v. 6. Mai 2010

Basiert die Geschichte eigentlich auf einer wahren Begebenheit?

Das glaube ich nicht. Es stimmt zwar, dass wir etwas erzählen, das jederzeit passieren könnte, aber es gab kein historisches Ereignis, an dem wir uns orientiert hätten. Merav (Doster, der Drehbuchautor; d.Red.) hat viel Zeit mit der Recherche verbracht, und auch ich habe mit vielen Leuten gesprochen. Wenn du deine Zeit abgeschieden mit vielen anderen Jungs in einer Yeshiva verbringst, passiert das ziemlich häufig. Da geht es ständig um das Experimentieren und den Umgang mit allen möglichen Fragen der Sexualität. Aber das Hauptproblem dieser Art von Leben ist ja, dass religiöse Menschen Homosexualität gar nicht als Sünde begreifen – sie existiert einfach nicht für sie. Wie also soll man mit etwas umgehen, von dem geschrieben steht, dass es gar nicht existiert?

Im Talmud steht, dass die Söhne Israels noch nicht mal in den Verdacht geraten, so etwas zu tun. Gott hat diese Dinge nicht vorgesehen. Wenn du zu einem religiösen Menschen gehst und ihn fragst: »Ich bin schwul – was soll ich tun?«, wird er antworten: »Wer in Versuchung gerät, sollte um seine Pflicht gegenüber Gott und der Gemeinschaft wissen.« Für sie ist das einfach ein böser Drang. Schwulsein ist wie eine Krankheit, die man auf einfache Art und Weise loswerden kann. Völlig ausgeschlossen, dass das Teil des menschlichen Wesens sein könnte.

Sie sagen über den Film: »Je näher an der Sünde, desto näher an Gott.« Was meinen Sie damit?

Als religiöser Mann hat man zwei Möglichkeiten, die unvereinbar sind: Entweder man kämpft gegen die inneren Kräfte, oder man ist authentisch, akzeptiert sie und verliert dadurch seinen Bezug zur Religion. Religiöse Regeln sind konkrete Lebenshilfen: Sie geben einen Rahmen und eine Bedeutung vor. Aber wie jeder andere auch ist der religiöse Mensch ständig mit Sünden konfrontiert und muss sich darüber definieren.

Je näher du an der Gefahr bist, eine Sünde zu begehen, desto mehr bist du dir bewusst, wer du bist, was gut sein und schlecht sein heißt. Je näher du an der Sünde bist, desto mehr erfährst du über dein religiöses Wesen.  Aaron lässt Ezri in sein Leben hinein, weil er hofft, dadurch eine religiöse Wiedererweckung zu erleben. Er weiß, dass er da konkrete sexuelle Wünsche überwindet.

Wenn man einen Film über eine Liebesgeschichte zweier religiöser Männer macht, weiß man, dass man ein Tabu berührt, oder?

Ja, klar. Einige Leute aus der religiösen Welt haben uns sehr geholfen, aber niemand von ihnen wollte in den Titeln als Berater genannt werden. Es gibt eine wirklich starke negative Energie diesem Thema gegenüber. Wenn du Teil der orthodoxen Welt sein willst, gibt es keinen Weg, diesen Konflikt zu bereinigen. Bist du drinnen, ist Homosexualität inakzeptabel.

Wie kann man die beiden Hauptfiguren ­Aaron und Ezri interpretieren?

Die sind beide sehr stark. Aaron ist ein verschlossener Mensch, auf seine Art fast fanatisch. Er akzeptiert die Regeln der religiösen Welt und in seiner Verweigerung, ein Doppelleben zu führen, liegt eine große Stärke. Er scheint in seiner Jugend eine sehr bewusste Entscheidung getroffen zu haben, vielleicht als Reaktion auf seinen Vater und dessen Welt . Ezri ist ein »angry young man«, so wie James Dean in »Rebel Without A Cause«. Schwulsein ist für ihn kein Grund, von seinem Glauben abzulassen. Er handelt klug und religiös in vieler Hinsicht, quasi ein Ein-Mann-Revolutionsmechanismus. Die beiden ziehen sich an, weil sie so unterschiedlich sind. Wie eine chemische Reaktion. Jeder kann den Schutzwall des anderen zum Einsturz bringen. Ezri will Aaron wachrütteln, aufwecken. Er ist zwar jünger als Aaron, aber er weiß irgendwie, dass er selbstbewusster und authentischer ist und deswegen Macht über ihn hat. Gleichzeitig braucht er aber einen sicheren Ort, denn er ist in dieser Welt nicht sicher.

Glauben Sie, dass der Film in der religiösen Welt und den jüdischen Gemeinden Kontroversen auslösen wird?

Das hoffe ich! Ich möchte dieses Schweigen brechen, dieses Tabu in der ultraorthodoxen Gemeinschaft.

»Du sollst nicht lieben«. Regie: Haim Tabakman. Isr/FR/D 2009. Start: 20. Mai

1 Kommentar

Kommentarfunktion ist geschlossen.