Die Einsamkeit der Überlebenden

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Bruno Bettelheim überlebte die Konzentrationslager, wurde zu einem der phantasievollsten und einfühlsamsten amerikanischen Kindertherapeuten und schrieb bedeutende Bücher. Er lebte ein in jeder Hinsicht an Erfahrungen und Erfolgen reiches Leben. Doch vor einigen Monaten, im Alter von 86 Jahren, zog sich Bruno Bettelheim in einem Altersheim in Maryland eine Plastiktüte über den Kopf und machte seinem Leben ein Ende…

Von Michael Ignatieff

Ich habe einmal, als ich für das Fernsehen eine Diskussion über Freud und die Folgen filmte, einen Tag mit ihm zusammen verbracht. Er war ein höflicher, alter Wiener Gentleman von stählerner Geistesschärfe und beeindruckender emotionaler Zurückhaltung. Sein Buch Freud und die Seele des Menschen ist eine großartige Verteidigung der humanistischen Intentionen des Meisters gegen die Technokraten seiner eigenen Lehre, die in seinem Namen versucht hatten, den Freudianismus in eine mechanistische Psychologie zu verwandeln. In der Diskussion wurden einige geistreiche Einwürfe gegen Freuds Theorie vorgebracht, und Bettelheim hörte geduldig zu. Dann sagte er – sinngemäß -, wir alle würden die Hauptsache verkennen. Was zähle, sei nicht diese oder jene kluge Krittelei. Das einzig wichtige an einer Theorie sei, ob sie den Menschen helfe oder nicht. Freuds Theorie tue das, und mehr gäbe es dazu nicht zu sagen. Es fällt schwer, sich vorzustellen, wie jemand, der sein Leben auf so gewisse und sichere Art im Griff zu haben schien, sich selbst umbringt. Denn wie auch immer er gewesen sein mag – und er konnte arrogant und streitsüchtig sein -, er war einer jener Menschen, denen Weisheit wichtiger als Klugheit war. Ich habe immer geglaubt, daß die Weisheit einen Menschen vor der Versuchung des Selbstmordes bewahren würde. Wie unrecht ich doch gehabt hatte.

Und wie unrecht aber war auch meine Annahme gewesen, daß ihm seine Leistungen genug sein könnten, daß sie ihn mit dem Leben aussöhnen würden. Er war sich seiner Erfolge bewußt gewesen, ihm war bekannt, wie sehr er in der ganzen Welt geschätzt wurde und wie sehr die Kinder, denen er zu einem besseren Leben verholfen hatte, die Erinnerung an ihn in Ehren hielten. Aber nicht einmal das war ihm genug. Als ich nach Motiven für seine letzte Tat suchte, stieß ich auf einen Abschnitt in seinem letzten Buch Gedanken und Erinnerungen, in dem er anmerkt, daß er in seiner Jugend nie verstanden habe, warum alte Männer – sein Beispiel ist Goethes Faust – so jämmerlich eifrig die Antwort auf die Frage suchen, ob sich ihr Leben letztlich auch gelohnt habe. Nun, inzwischen selbst ein alter Mann geworden, gestand Bettelheim, wie heftig und doch auch wie blind er daran glaubte, daß seine Mühen nicht umsonst gewesen waren.

In dieser Stelle klingt etwas Trostloses an, das an den Augenblick in Ibsens Stück erinnert, als Peter Gynt eine Zwiebel aufnimmt, sie schält und über die Bühne verstreut, Schale um Schale, um dann verzweifelt in seine leeren Hände zu starren.

Bei der von den Lebenden unablässig geführten Debatte, ob Selbstmord Folge einer rationale Handlung sein könne oder sich notwendig aus einem irrationalen, dem Irresein verwandten Elend ergebe, schien mir die erste immer die beunruhigendste der beiden Alternativen zu sein: daß ein Mann wie Bettelheim, mit einem an Weisheit und Erfolgen reichen Leben, kalten Auges das Leben mit dem Tode vergleichen und sich dann ruhig für den Tod entscheiden könne.

Für die Lebenden ist die hellsichtige Verzweiflung bedrohlicher als die hysterische oder bloß unvernünftige. Es ist, als wolle uns der Selbstmord von der anderen Seite des Grabes aus zurufen: Seht her, ich habe auf der Suche nach dem Kern die Schalen des Lebens entblättert, und nichts blieb übrig.

Um uns vor dieser anklagenden Stimme zu schützen, flüchten wir uns oft in die Schuld: Wir fragen uns, wie wir die Selbstmörder hätten retten können, hätten wir nur ihren Hilfeschrei gehört. Diese Schuld schützt uns vor einer anderen, düsteren Möglichkeit: daß nämlich nichts sie hätte retten können und daß, sollte es denn dazu kommen, auch uns nichts gerettet hätte.

Es ist also nicht verwunderlich, daß der Selbstmord eines Menschen, den wir liebten, eine solche Wut in uns hinterläßt. Er scheint uns sagen zu wollen: Was immer du auch getan hast, es war nicht genug. Schlimmer noch, nichts von dem, was deinen Glauben an das Leben trägt, macht es tatsächlich lebenswert. Selbstmord ist viel schlimmer als ein Hilferuf; er ist das nicht mehr zu beantwortende Urteil des Toten über das Leben und die Lebenden.

Mit Bettelheims Selbstmord kommt das Urteil von einem, der den Menschen in seiner scheußlichsten und entwürdigendsten Gestalt gesehen hat, in Dachau und in Buchenwald. Es fällt nicht schwer, sich vorzustellen, daß er mit seinem Selbstmord auch einen scharfen Verweis gegen eine Welt der Lebenden ausgesprochen hat, in der so etwas geschehen konnte. Zeuge dieser Niedertracht gewesen zu sein, wäre allein schon Grund genug für hellsichtige Verzweiflung. Doch das eigentliche Rätsel liegt natürlich darin, daß Bettelheim aus diesem Inferno mit ungebrochenem Überlebenswillen hervorging. Ganz im Gegenteil, statt von den Erfahrungen überwältigt worden zu sein, widmete er seine ganze kreative Kraft dem Versuch, verstehen zu wollen, wie Menschen mit solchen Erfahrungen fertig wurden; und wenn es jemanden gibt, von dem sich sagen ließe, daß er ein solches Schicksal gemeistert hat, dann wäre das Bruno Bettelheim. Warum entschloß er sich also noch im allerletzten Moment zum Sterben, erst dann, als ihm, wenn man so will, der Sieg über seine Erfahrung – wenn es denn überhaupt einen Sieg geben kann – bereits gewiß war? Die gleiche Frage kann man angesichts des Selbstmords von Primo Levi stellen, diesem unvergleichlichen italienischen Chronisten von Auschwitz, der sich 1987 umgebracht hat. Ihre Tode, so wurde behauptet, bewiesen, daß all ihre Einsicht und ihr Verstehen letztlich nicht ausgereicht habe, die Wunden des Holocaust zu heilen. Aus diesem Grund hinterläßt der Tod dieser beiden weisen Männer ein besonderes Gefühl des Verlassenseins in uns allen.

Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube, die Tatsache, daß beide, Levi und Bettelheim, sich so lange Jahre nach ihren Leiden in den Lagern zum Sterben entschlossen, sagt uns etwas über die zunehmende Einsamkeit der alternden Überlebenden dieser Verbrechen aus. Wenn es in den Voraussetzungen für Selbstmord etwas Gemeinsames gibt, dann ist es Einsamkeit, dieses Gefühl, daß es zwischen einem selbst und dem Rest der Welt einen unüberwindlichen Graben gibt. Man denke nur an die Einsamkeit der Überlebenden der Konzentrationslager. Sie sind Reisende, die aus einem grauenhaften Land zurückkehrten. Sie erzählen ihre Geschichte, und niemand kann die Schrecken ihrer Berichte nachvollziehen. Jahr um Jahr schrumpft der Tod die Zahl derjenigen, die verstehen können – die anderen Überlebenden. Jahr um Jahr wird ihre Erfahrung durch die Medien immer weiter verflacht; Jahr um Jahr wachsen mehr junge Menschen heran, die entweder nicht wissen, was die Überlebenden der Lager gelitten haben, oder die es nicht kümmert. Es könnte sein, daß die tröstlichste Stimme, die ein Überlebender in dieser zunehmenden Einsamkeit hört, die Stimme der Toten ist. Wer jemals einen geliebten Menschen verloren hat, weiß, wie hartnäckig die Stimmen der Toten locken können. Und dann stelle man sich vor, wie es sein muß, wenn die Millionen des eigenen Volkes flehen, man möge sich zu ihnen gesellen. Man stelle sich vor, man habe so lange mit der Erinnerung an den Tod gelebt, daß er seinen Schrecken verloren hat. In solchen Momenten wird der Selbstmord zur Flucht aus der Einsamkeit des Überlebens, eine Reise der Rückkehr in die Gesellschaft der Dahingegangenen.

Es wurde viel Aufhebens darum gemacht, daß Bettelheim sich den 13. März – den Jahrestag des Einmarsches der Nazis in Österreich, des Tages, an dem die alte Welt starb – zum Tag seines eigenen Selbstmordes wählte. Doch vielleicht hat dies nichts weiter zu bedeuten. Ich weiß nicht, ob wir überhaupt das Recht haben, irgend etwas aus dem Selbstmord eines Menschen abzuleiten. Schlußfolgerungen sind ein unerlaubter Zugriff auf die Geheimnisse der Toten und bedeuten feiles Schachern in simplifizierender Respektlosigkeit. Wer kann schon sagen, in welchem Maße ihre letzte Dunkelheit vom Schatten des Holocaust oder vom einfachen Schrecken des Altwerdens überlagert war? Wer kann schon sagen, wieweit Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit ihre letzte Absicht bestimmten, oder ob nicht eine hellsichtige und würdevolle Weigerung, sich der Würdelosigkeit des persönlichen Verfalls zu überantworten, entscheidend war? Sollte das letztere der Fall sein, dann wäre Selbstmord der Weg der Weisheit und kein Abweichen vom Pfad. Jedenfalls ist dem Andenken derer, die sich ihr Leben nehmen, immer Respekt geschuldet, Respekt nicht nur für den Mut, den ein solcher Schritt verlangt, sondern auch für die letztliche Unerforschlichkeit ihrer Wahl, die dieses Ende unausweichlich machte. Wollen wir die Überlebenden des Holocaust ehren, dann ist Schweigen das Mindeste, was wir tun können, und es bleibt uns nur noch, jenem Geheimnis Respekt zu zollen, das sich hinter der Frage verbirgt, warum sich einige für das Leben und andere für das Sterben entschieden haben. Denn dies ist letzten Endes die Last, die wir Lebenden zu tragen haben, wenn sich jemand das Leben nimmt: Wir können niemals mit Gewißheit sagen, ob sein letzter Schrei ein Schrei um Hilfe oder ein Schrei der Erlösung war.

Dieser Aufsatz ist erstmals erschienen in: „Lettre International“ 9/1990, S. 98.

Dieser Beitrag wurde dem von Roland Kaufhold herausgegebenem Buch „Annäherung an Bruno Bettelheim“ (Reihe Psychoanalytische Pädagogik, Bd. 13) (336 S.) entnommen. Wir danken dem Autor für die Nachdruckrechte. Das Buch erschien 1994 – vier Jahre nach Bettelheims Freitod – beim Matthias-Grünewald- Verlag, Mainz; es ist in einer kleinen Restauflage beim Verfasser für 12 € (plus Porto) erhältlich. Der Grünewald Verlag existiert nicht mehr. Bestellung über: rolandkaufhold (at) netcologne.de

2 Kommentare

  1. Ich habe eine Deutung ueber Primo Levi’s Freitod,Selkbstmord gelesen in der jemand,der ihn gekannt hatte schrieb,es sei der letzte eigenverantwortliche Akt von Levi gewesen.Die Nazis haetten es nicht geschafft ihn zu toeten,er habe zu einem von ihm gewaehlten Zeitpunkt seinem Leben ein Ende machen koennen,als sein eigener Herr

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