Wir verlangen, dass das Archiv von Max Brod in Israel bleibe!

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Wie letztens in einer Ausgabe des „Tagesspiegel“ mitgeteilt wurde, läuft gegenwartig in Tel Aviv ein Prozess, der für jeden israelischen Forscher der deutsch-juedischen Geschichte und Literatur von grosser Wichtigkeit ist…

Das Archiv des zionistischen Philosophen und Schriftstellers Max Brod, das während 40 Jahre verschlossen war und das sowohl Teile der Werke von Franz Kafka als auch Tagebücher, Briefe und bisher unveröffentlichte Werke von Max Brod enthält, steht dabei im Mittelpunkt eines Gerichtsverfahren, das über seine Zukunft entscheidet – bleibt es in Israel und wird der Nationalbibliothek in Jerusalem übergeben, so wie es Brod in seinem Testament wünschte, oder bekommte „das Archiv der deutschen Nationalliteratur“ in Marbach die Sammlung, wie es die Töchter und Erben von Frau Esther Hoffe, Brods Sekretärin, verlangen. Diese behaupten, dass ihre Mutter das ganze Archiv von Brod geschenkt bekommen habe und sie deshalb damit tun können, was sie wollen.

Das Archiv in Marbach hat sich ganz auf die Seite der Hoffe-Töchter gestellt, hat seinen eigenen Rechtsanwalt bestellt und ist heute direkt am Verfahren beteiligt, weil die zwei Töchter beabsichtigen, das Archiv ihm zu übergeben. Die deutsche Presse veröffentlicht Artikel, die verlangen, dass das Max Brod Archiv nach Deutschland komme, denn in Israel fehle das akademische Wissen, um das Max Brod Archiv zu bearbeiten, denn dieses ist ganz auf deutsch geschrieben und ausserdem gäbe es in Israel eigentlich niemand, der sich für Max Brod wirklich interessiere.

So schrieb zum Beispiel Reiner Stoch, der Biograph von Max Brod, im „Tagesspiegel“ vom 26 Januar 2010: “Marbach wäre sicher der richtige Ort für den Brod-Nachlass, weil man dort die Wissenschaftler und die Erfahrung hat im Umgang mit Kafka, Brod und der deutsch-jüdischen Literaturgeschichte. Dass die Hoffe-Töchter mit Marbach jetzt ernsthaft verhandeln, hat im Israelischen Nationalarchiv irgendwelche Ressentiments oder Begehrlichkeiten geweckt. Dort jedoch fehlen für diese deutschsprachigen Texte aus dem einstigen Kulturraum zwischen Wien, Prag und Berlin die sprach- und milieukundigen Leute. […] In Israel gibt es heute weder eine Kafka-Gesamtausgabe, noch eine einzige Straße, die nach Kafka benannt wäre. Und suchen Sie Brod auf Hebräisch, müssen Sie ins Antiquariat gehen.“

Wir, die Unterzeichneten, israelische Akademiker und Forscher die sich mit der deutsch-judischen Geschichte befassen, sind entsetzt über die Art wie die israelische Akademia in der deutschen Presse dargestellt wird, als ob wir weder Interesse, noch das historische Wissen und sprachliches Können hätten, um das Max Brod Archiv zu erforschen. Max Brod ist ein Teil der Geschichte des Staates Israel, ein Schriftsteller und Philosoph, der unzahlige Artikel über den Zionismus geschrieben hat und der sich, nach seiner Flucht vor den Nazis aus Prag, in Israel (damals Palaestina) niederliess und hier uber dreissig Jahre bis zu seinem Tod lebte.

In seinem Testament druckte Brod ausdrucklich seinen Wunsch aus, dass sein Archiv der Nationalbibliothek in Jerusalem vor allem übergeben werde. Es gehört sich, dass die deutsche Presse auch diesem Wunsch seinen Ausdruck verleiht und ihm einen gebührenden Platz einräumt.

Die Unterzeichner:
Prof. Haim Avni, Avraham Harman Institute of Contemporary Jewry, the Hebrew University of Jerusalem.
Prof. David Bankir, Head of the International Institute for Holocaust Research – Yad Vashem
Prof. Yehuda Bauer, Avraham Harman Institute of Contemporary Jewry, the Hebrew University of Jerusalem.
Prof. Sergio DellaPergola, Avraham Harman Institute of Contemporary Jewry, the Hebrew University of Jerusalem.
Prof. Mark Gelber, head of the centre for German and Austrian Studies, Ben-Gurion University.
Prof. Daniel Gutwein, Department of Jewish History, Haifa University
Prof. Joseph Kaplan, Avraham Harman Institute of Contemporary Jewry, the Hebrew University of Jerusalem.
Prof. Otto Dov Kulka, Avraham Harman Institute of Contemporary Jewry, the Hebrew University of Jerusalem.
Prof. Hagit Lavsky, The Institute of Contemporary Jewry, The Hebrew University of Jerusalem
Prof. Eli Lederhendler, Institute of Contemporary Jewry, The Hebrew University of Jerusalem
Prof. Dalia Ofer, Avraham Harman Institute of Contemporary Jewry, the Hebrew University of Jerusalem.
Prof. Dina Porat, Head of the Stephen Roth Institute for the Study of Contemporary Anti-Semitism and Racism, Department of Jewish History, Tel Aviv University
Prof. Shaul Stampfer, Head of the Avraham Harman Institute of Contemporary Jewry, the Hebrew University of Jerusalem.
Prof. Elchanan Reiner, Department of Jewish History, Tel Aviv University
Prof. Gideon Shimoni, Avraham Harman Institute of Contemporary Jewry, the Hebrew University of Jerusalem
Prof. Gabriel Zoran, Department of Hebrew and Comparative Literature, Haifa University
Dr. Manuela Consonni, Scholion Interdisciplinary Research Center in Jewish Studies,The Hebrew University of Jerusalem
Dr. Amos Goldeberg, Scholion Interdisciplinary Research Center in Jewish Studies,The Hebrew University of Jerusalem
Dr. Anat Helman, Avraham Harman Institute of Contemporary Jewry, the Hebrew University, Jerusalem
Dr. Zohar Maor, Department of Jewish History, Bar-Ilan University
Dr. Iael Nidam-Orvieto, Avraham Harman Institute of Contemporary Jewry, the Hebrew University of Jerusalem.
Dr. Yaron Perry, Head of Land of Israel Studies, Haifa University, Israel.
Dr. Marcos Silber, Department of Jewish History, Haifa University
Dr. Dimitry Shumsky, Avraham Harman Institute of Contemporary Jewry, the Hebrew University Jerusalem

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20 Kommentare

  1. Hallo Jakobo,

    „PS.: Bist Du dieselbe Esther die ich meine das du bist?“

    Vermutlich nicht, Jakobo. Wir haben bisher noch nicht miteinander diskutiert und kennen uns, glaube ich, auch nicht aus dem „richtigen“ Leben… Ãœbrigens bin ich nicht-jüdische Deutsche – den Nick habe ich auch deshalb gewählt, weil mich das Schubladen-Denken auf diesem Forum und die ewigen Diskussionen darüber, warum jemand etwas sagt, anstatt was er überhaupt sagt, genervt haben. Da wo meine Identität von Bedeutung ist, sage ich das natürlich…

    Aber zurück zum Thema:
    Wir beide hätten vermutlich keine sonderlichen Probleme, eine konstruktive Lösung zu finden und auch Brod, der z.B. 1965 Marbach besuchte, war wohl wesentlich weniger dogmatisch eingestellt als die meisten, die sich jetzt auf ihn berufen… In seinem Testament spricht er davon, daß sein Nachlaß der Nationalbibliothek in Jerusalem, der Staatsbibliothek von Tel Aviv oder einem anderen öffentlichen Archiv im In- oder Ausland übergeben werden solle. Hieraus einen eindeutigen Letzten Willen *bezüglich des Aufbewahrungsortes* und dementsprechende Rechtsansprüche ableiten zu wollen, zeugt m.E. nun seinerseits von mangelndem Respekt vor dem Menschen Max Brod.

    Das Gegenteil von Kooperation ist natürlich der Rechtsstreit, der z.Zt. um den Brod- und Kafkanachlaß geführt wird, weswegen man eigentlich eine außergerichtliche Einigung anstreben sollte. So soll sich der Leiter des Marbacher Literaturarchivs, Ulrich Raulff, laut ZEIT Nr. 48/2009 am 20.10.2009 an Shmuel Har Noy, den Generaldirektor der Nationalbibliothek in Jerusalem, gewandt haben:
    http://www.zeit.de/2009/48/Kafka

    „Er sei, schreibt Raulff, »alarmiert«, in welcher Weise die internationalen Medien inzwischen über die Auseinandersetzung um den Brod-Nachlass und die Kafka-Manuskripte berichteten, und man solle sich endlich zusammen an einen Tisch setzen, um die verfahrene Angelegenheit zu retten. Worauf ihm in einem messerscharfen Brief vom 22. Oktober, der der ZEIT vorliegt, Shmuel Har Noy antwortet, reden könne man ja gerne – indes müsse dabei immer klar sein: »The rightful place of the Kafka Papers is in the National Library of Israel.« Aber Raulff, Marbach und Deutschland sollten sich keine Sorgen machen, so schreibt der Generaldirektor weiter, »wenn der Kafka-Nachlass in der Nationalbibliothek angekommen ist, würden wir gerne mit Ihnen in puncto Digitalisierung und Katalogisierung zusammenarbeiten«.“

    Sorry, aber ein Kooperationsangebot klingt irgendwie anders – es ist tatsächlich noch viel Arroganz in diesem Thema.

    Was Lösungsmöglichkeiten betrifft, so kennen wir beide uns in der Materie wohl nicht genug aus, um detaillierte Vorschläge machen zu können… Ich plädiere allerdings dafür, den Nachlaß als gemeinsames Erbe und daher auch als gemeinsamen Besitz zu betrachten: D.h. sämtliche Dokumente – beim Brod-Nachlaß soll es sich um ca. 20000 handeln – sollten eingescant und beiden Institutionen vollständig zur Verfügung gestellt werden. Hinsichtlich der systematischen Erfassung müßte eine Kooperationsvereinbarung getroffen werden, die z.B. einen Schwerpunkt bei den zionistischen Schriften in Jerusalem und bei den literarischen in Marbach vorsehen könnte.

    Und was den physischen Aufbewahrungsort anbelangt… nun ja, Jakobo, geh` doch mal auf die Internetseite des Deutschen Literaturarchivs in Marbach: Bedeutende deutsch-jüdische Vor- und Nachlässe befinden sich dort in Verwahrung (was nebenbei vielleicht auch bedeutet, daß es viele Menschen gibt, die dieser Institution ihr Vertrauen schenken)… Kafka und Brod befänden (bzw. befinden) sich dort sicherlich in guter Gesellschaft! Und natürlich wäre dies in Jerusalem nicht anders… Beide Seiten sollten Brods Testament endlich mal als Auftrag zur Zusammenarbeit begreifen!

    Liebe Grüße, Esther

    P.S.: Deine Ausführungen zum Verhältnis zwischen Israel und der Diaspora finde ich sehr interessant… Du wirfst wichtige Aspekte auf, an die ich bisher eigentlich nicht gedacht hatte, zu denen ich als Außenstehende aber auch nicht viel sagen kann – außer, daß mir die Annäherungsversuche Israels, in diesem Fall, etwas gewaltsam, eher wie eine „Einverleibung“ erscheinen.

  2. Hallo Ester:
    Bis jetzt bin ich noch nicht auf die Decke gegangen und damit kann ich dich
    also beruhigen. Danke für deinen Beitrag

    In wie weit deine befürchtungen auf Israel und das Interesse dort zutrifft oder
    nicht kann ich so genau nciht beurteilen. und natürlich braucht man einige geschulte
    leute um sich wissenschaftlich mit einem thema auseinanderzusetzen. deine aussage hat
    also nichts arrogantes an sich. Das trifft auch deine anderen einwände.

    Aber gab es zum Beispiel versuche eine kooperation anzubieten auf gegenseitigkeit?
    Im Stil einer Universitätspartnerschaft zum beispiel? Das wären interesannte möglichkeiten
    denke ich die man versuchen sollte. Und je erfolgreicher eine solche Zusammenarbeit wäre,
    desto schneller wären werke erfasst und könnten um so schneller einem größeren internationalem
    publikum zugänglich gemacht werden*. das könnte von akademiker austausch über leihgaben und so
    weiter gehen. Und den deutsch israelischen beziehungen würde das auch sehr gut tun.

    Ich sage ncith dass deine einwände nicht berechtigt sind und genauso steht es mit
    meinen einwänden. Die Frage ist eher was für Lösungen werden gefunden. Oder auch
    nicht gefunden. Und aus welchem grund? Tut mir leid aber ich sehe immer noch sehr
    viel arroganz in diesem thema und was ich aus der presse bis jetzt gelesen hab
    überzeugt mich nicth von etwas anderem.

    Was mein emotionales engagement betrifft.. bis zu einem gewissen punkt gebe ich dir
    recht. wobei ich jetzt deutschland wenn du so willst nicth als feindesland oder ähnliches
    betrachte. das war etwas dramatisiert von dir ich weis ncith ob absichtlich oder nicth.

    was israel betrifft
    hängt das auch sehr stark davon ab denke ich wie stark die bindung in israel mit der
    diasporah ist. nicht nur mit der diasporah heute sondern auch mit der diasporah als
    teil der eigenen geschichte. und auch damit wie das in israel in die erziehung und
    bildung eingeschlossen ist. Darübe kann ich ehrlich gesagt nicht viel sagen. Ich persönlich
    hatte immer den eindruck, israel will sich von der diasporah abschotten. Und in dem sinn
    hoffe ich dass es ein gutes zeichen ist wenn so viel wert darauf gelegt wird das bekannte
    werke aus der diasporah in israel an bedeutung gewinnen. (Ich hab übrigens letztes jahr
    israelies kennengelernt die gerade shlija gemacht haben und ein sehr ernstes interesse
    an jüdischem leben in der diasporah hatten. das hat mich sehr positiv beeindruckt.)
    Und ich hoffe das das engagement zu einem ausgeglicheren verhältniss zwischen israel
    und der diasporah beitragen kann. Auch wenn das intersse in israel an der diasporah im
    moment vielleicht (ich kann das nicht wirklcih beurteilen) nicth über die anfänge der
    zionistischen bewegung hinausgeht können solche diskussionen trotzdem dazu beitragen
    das verhältniss von israel zur diasporah zu ändern.

    (* Es könnten zum beispiel auch die goethe institute in polen und kalingrad davon profitieren 😉

    Jakobo

    PS.: Bist Du dieselbe Esther die ich meine das du bist?

  3. Einfach zum Nachdenken:

    http://www.archive.org/stream/judeninderdeuts00krojgoog/judeninderdeuts00krojgoog_djvu.txt

    DER DICHTER FRANZ KAFKA von Max Brod

    […]

    Ich erinnere mich eines Gesprächs mit Kafka, das vom heutigen Europa und dem Verfall der Menschheit ausging. „Wir sind“, so sagte er, „nihilistische Gedanken, Selbstmordgedanken, die in Gottes Kopf aufsteigen“. Mich erinnerte das zuerst an das Weltbild der Gnosis: Gott als böser Demiurg, die Welt sein Sündenfall. „O nein, meinte er, „unsere Welt ist nur eine schlechte Laune Gottes, ein schlechter Tag.“ — „So gäbe es außerhalb dieser Erscheinungsform Welt, die wir kennen, Hoffnung?“ — Er lächelte: „Oh, Hoffnung genug, unendlich viel Hoffnung, — nur nicht für uns.“

    Damals schien mir seine ganze Art zu leben, wie auch sein Werk, aus diesem einen Salz begreifbar. „Unendlich viel Hoffnung, nur nicht für uns.“ …

    […]

    „Die Verwandlung“ — der Mensch, der nicht vollkommen ist, Kafka erniedrigt ihn zum Tier, zum Insekt. Oder was noch gräßlicher ist, er läßt („Bericht an eine Akademie“) das Tier zum Menschtum aufrücken, aber zu was für einem Menschtum, zu einer Maskerade, die den Menschen demaskiert.

    Aber auch damit nicht genug! Noch tiefer hinab muß der Mensch sinken — es gibt da nur „alles oder nichts“ — und wenn er zu Gott hinauf sich nicht erheben kann, wenn der Vater ihn zum „Tod durch Ertrinken“ verurteilt hat, wenn restlose Vereinigung mit der Urmoral, der Eintritt in das „Gesetz“ durch einen starken Türhüter verwehrt ist, oder wenn vielmehr der Mensch den Mut nicht hat, diesen Türhüter beiseite zu schieben, — wenn die „kaiserliche Botschaft“ des sterbenden Sonnenfürsten dich ja doch niemals erreicht, — wohlan, so verwandle dich in ein nutzloses Ding, das weder belebt ist, noch unbelebt in eine Zwimspule, die „als Sorge des himmlischen Hausvaters“ ruhelos treppauf, treppab wandelt.

    „Wie heißt du denn?“ — „Odradek“ (und eine ganze Skala slavischer Worte klingt an, die „Abtrünniger“ bedeuten, abtrünnig vom Geschlecht, rod, vom Rat, dem göttlichen Schöpfungsbeschluß rada). „Und wo wohnst du?“ — „Unbestimmter Wohnsitz.“ — Da versteht man, daß Kafka neben allgemeiner Menschheitstragik insbesondere das Leid seines unglücklichen Volkes, des heimatlosen, gespenstischen Judentums, der Masse ohne Gestalt, ohne Körper schreibt, wie kein anderer sonst.

    […]

  4. @ Jakobo
    Ehrlich gesagt, halte ich das Konservierungsargument sogar für das schwächere: Mit einer handvoll Fachkräfte und entsprechendem finanziellen Aufwand läßt sich vermutlich jedes Konservierungsproblem überall auf der Welt lösen. Bedeutsamer erscheint mir die Frage nach den Archivierungs- und Forschungsmöglichkeiten – wenngleich ich selber keine Literaturwissenschaftlerin bin und mich in der Thematik nicht wirklich auskenne. Doch schon für die systematische Erfassung und Bewertung braucht man genügend Leute, die (auch wenn diese Formulierung in Deinen Ohren vermutlich ziemlich arrogant klingt und Du gleich die Wände hochgehst) mehr können, als eine Tasse Kaffee auf deutsch zu bestellen…

    Okay, Jakobo, komm‘ bitte wieder ‚runter von der Decke: Ich hege keinerlei Zweifel, daß z.B. die Unterzeichner des obigen Aufrufs hervorragend deutsch sprechen, doch ich befürchte, daß in Israel die Personaldecke einfach zu dünn ist und es ziemlich lange dauern wird, bis die Gesamtheit der Dokumente der internationalen Forschung irgendwann zugänglich ist. Warum also in Jerusalem das Rad neu erfinden, wenn in Marbach das benötigte Instrumentarium bereits zur Verfügung steht? Das hat nichts mit kolonialistisch-arroganter Attitüde zu tun.

    Im übrigen würde ich durchaus auch relative Zahlen akzeptieren. Natürlich wird es in Deutschland immer mehr Germanisten geben, die sich mit Kafka und Brod beschäftigen, als z.B. in Israel. Dies darf also nicht das alleinige Kriterium sein, da sonst zahlenmäßig große Nationen oder Interessengruppen bestimmte Themen für sich monopolisieren könnten – Dein Einwand ist daher absolut berechtigt. Außerdem existieren neben literaturwissenschaftlichen auch historische und andere Forschungsaspekte…

    Dennoch, Jakobo, Hand auf’s Herz: Glaubst Du, daß sich in Israel (im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung bzw. den in der Forschung Tätigen) ebenso viele Menschen für Kafka und Brod interessieren, wie in Deutschland? Glaubst Du, daß das relative Interesse – abgesehen von der in den Medien z.Zt. stattfindenden Kampagne – dort tatsächlich größer ist?

    Gestatte mir bitte abschließend noch eine persönliche Bemerkung: Ich habe das Gefühl, daß Du bei diesem Thema emotionell stark engagiert bist und es selber sehr persönlich nimmst. Gerade aus Deinem ersten Kommentar spricht die Befürchtung, daß Brod und Kafka sozusagen in „Feindeshand“ gerieten, wenn ihr Nachlaß nach Marbach käme. Und auch mich würde fast nichts so sehr aufregen, wie Arroganz von Menschen, die eigentlich überhaupt keinen Grund dazu haben, die es sich aber aufgrund irgendwelcher Umstände leisten können.

    Solche Empfindungen machen Dich jedoch leider für alle möglichen Ziele benutzbar. Versuch‘ doch, das Ganze etwas distanzierter zu betrachten – vielleicht hilft es Dir, wenn ich Dir meine Sicht der Dinge schildere: In dem Offenen Brief, der sich fast nur um den Zionisten Brod und kaum um Kafka dreht, sehe ich eine propagandistische Vorbereitung dafür, daß der Brod-Nachlaß nach Israel und der Kafka-Nachlaß (auf den der Zugriff rechtlich und faktisch wesentlich schwieriger sein dürfte) nach Deutschland kommt. Die Unterzeichner des Aufrufs hätten damit ihre persönliche Pflicht im zionistischen Abwehrkampf gegen einen imaginierten Feind erfüllt und könnten zumindest die „Brod-Trophäe“ nach Hause tragen… Auf der Strecke blieben Brod, Kafka und eine Menge zerschlagenes Porzellan in den deutsch-israelischen Beziehungen – die Weltkultur hätte eine bessere Lösung verdient!

    Esther

  5. „Sollte Marbach international bessere Konservierungs-, Archivierungs- und Forschungsmöglichkeiten für den Brod- bzw. Kafkanachlaß bieten: Was spricht dann dagegen, ihn dort zu verwahren? (…..)Ich finde, Kulturgüter sollten – in der Regel – dort aufbewahrt werden, wo die meisten qualifizierten Benutzer dafür zu erwarten sind.“

    Ester, aber dann beschränkst du dich aber automatisch auf einen kleinen kreis mit ausgiebiger bildung und gutem einkommen, die in der regel nur in ein paar ländern vorhanden sind.. das kann auch keine lösung sein denke ich… wenn es in marbach zum beispiel so gutes konservierungs know how gibt und sie so kultur interessiert sind was spricht dagegen das know how mit anderen zu teilen? oder natrülich sie stehen auf dem standpunkt das know how gehört uns und die kultur gehört auch uns…

    ich bin genauso wie du aber auch nciht der meinung das die weltkultur, in diesem fall, in deutschland am besten aufgehoben ist.

    jakobo

  6. Nach dem Brand der Anna-Amalia-Bibliothek und dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs ist die Frage durchaus berechtigt, ob Deutschland für alles und jedes automatisch den besten Aufbewahrungsort darstellt – ganz zu schweigen von der Bücherverbrennung durch die Nationalsozialisten… Von deutscher Seite sollte man daher nationalistische Reflexe lieber unterlassen. Wenn solche jedoch von israelischer Seite kommen, macht das die Sache auch nicht besser.

    Sollte Marbach international bessere Konservierungs-, Archivierungs- und Forschungsmöglichkeiten für den Brod- bzw. Kafkanachlaß bieten: Was spricht dann dagegen, ihn dort zu verwahren? Auch eine Liste der Publikationen der Aufruf-Unterzeichner zu Brod und Kafka wäre sicherlich hilfreich, um beurteilen zu können, ob sie ein ernsthaftes Forschungsinteresse an dieser Thematik besitzen oder ihr Interesse eher einem „Der Ötzi gehört uns“- Impuls entspringt. Ich finde, Kulturgüter sollten – in der Regel – dort aufbewahrt werden, wo die meisten qualifizierten Benutzer dafür zu erwarten sind.

  7. Irgendjemand hatte hier das Wort „Kolonialismus“ ins Spiel gebracht?

    Das trifft es sehr gut. In Deutschland gibt es eine sehr ähnliche ueberheblichkeit und ignoranz in bezug auf kultur und sprache wie es sie in spanien auch gibt. Alles was irgendwie in deutschar sprache geschrieben wurde ist deutsch und hat gefälligst in deutschland zu bleiben ohne darauf zu achten dass die deutschen nicht die einzigen sind, die deutsch sprechen und das es unterschiedliche länder, menschen und kulturen gibt die auch deutsch sprechen und in deutscher sprache schreiben. Dazu kommt das es sich hier noch dazu um schreiber handelt, die in deutschland hoechst persönlich ausgebuergert wurden und deren bücher verbrannt wurden. Und wenn die leute etwas von ihrer eigenen geschichte wüssten, dann würde es auch keinen grund geben so beleidigt zu tun oder es sogar persönlich zu nehmen.
    Aber hauptsache mit dem panzer über alles drüber rollen.. alles meins.. alles deutsch.. ich rege mich lieber nicth weiter auf…

    Die töne die ich in artikeln im internet gelesen habe sind absolut arrogant.

    Jakobo

    PS.: „er konnte durch sein schriftstellerisches Werk gerade Deutschen etwas vermitteln“
    Sie können sich ja nicht vorstellen wie sehr mich das
    freut…. unglaublich freut mich das….

  8. zu: „Brod war Jude“ – „Kafka war Deutscher“ usw. – welches Kunstverständnis steckt eigentlich hinter derart kurzatmigen Verkürzungen? „Kunst“, „Literatur“, „Ideen“, „Wissenschaften“ sind doch global = international, sie gehören zum kulturellen Gedächtnis der Menschheit insgesamt, und niemals einzelnen Nationen, Ländern oder Regionen.
    Die Dokumente dieses kulturellen Menschheits-Gedächtnisses sollten eigentlich allesamt irgendwo auf der Welt sicher abgelegt sein, sicher vor Naturkastrophen und sicher vor menschen-verursachten Debakeln aller Arten – wäre vielleicht eine Aufgabe für die UNO? (siehe die einstige Bibliothek von Alexandria unter den Ptolomäern).
    Solange dies nicht der Fall ist, liegen die Dokumente halt aufgrund historischer Zufälle in aller Herren Länder und Archiven verteilt herum (schwierig und umständlich für die Forschung und die live-Verfügung an ihnen, solange sie nicht allesamt ins Internet übernommen sind), und es ist einfach nur -von der Sache her jedenfalls- völlig gegenstandslos, sich um den je aktuellen Lagerungsort solcher Kulturalien zu streiten, es sei denn, es gehe um Geld dabei. Dann aber ist unter kulturellem Aspekt das Thema völlig verfehlt.
    Und heutigen deutschtümelnden Germanisten und Leuten ihres Schlages sei nochmals gesagt, dass Leute wie Brod oder Einstein in Deutschland, das sie heute wieder gerne für sich requirieren möchte, einst samt ihren Werken unter dem Beifall ihrer einstigen Germanisten-Kollegen glattweg umgebracht worden wären.
    Es möge nicht vergessen werden, dass es einst einen sehr wohlbegründeten Ekel gab, deutsch zu sein, als deutsch zu gelten, oder auch nur die deutsche Sprache zu sprechen (siehe Einstein).

  9. „Für Kafka gilt im Wesentlichen das Gleiche. Der war auch nie Deutscher.“

    Er war nie Deutscher, korrekt, aber er konnte durch sein schriftstellerisches Werk gerade Deutschen etwas vermitteln, was er kaum einer anderen Nation derart hätte vermitteln können. Seine deutschen Leser und die Germanistengilde in Deutschland fand in seiner Art Irrationalität wichtige und einzigartige Rückschlüsse und Anknüpfungspunkte auf die eigene Identität, mit der man bekanntlich weiterhin noch hadert.

    Lesen Sie sich zunächst mal über die Person Kafka (z.B.: wikipedia) etwas ein und dann nehmen Sie sich eines seiner Bücher zur Hand. Erlesen Sie ihn sich! Vielleicht kommen Sie dann selbst auf sein Genie und seinen ‚Zauber‘.
    Aber, Vorsicht, er verlangt eine Menge von Ihnen!

    RS

  10. „Es geht den Marbachern weniger um Brod, denn um Kafka. Unsere (deutschen) Germanisten sehen sich da (weltweit?) in einer führenden Position in der Kafkaforschung und -interpretation. Den Brod brauchen sie tatsächlich nicht eigentlich.“

    Für Kafka gilt im Wesentlichen das Gleiche. Der war auch nie Deutscher. Wie gesagt, vom Standpunkt der Tradition her könnten bestenfalls Österreich oder Tschechien Ansprüche anmelden.
    Und das Argument mit der Kafkaforschung ist im Grunde kolonialistisch: Andere Völker sollen ihre Kulturschätze rausrücken, weil wir da ja soviel besser mit umgehen können. (Ein Denken, das auch Israel gegenüber den Palästinensern bisweilen zum Vorwurf zu machen ist.) Wenn es dem Archiv nur darum geht, soll es ein Projekt finanzieren, um in Israel zu arbeiten und Faksimiles zu erstellen. Ich weiß nicht, wie viel Geld man den Hoffe-Töchtern geboten hat, aber so ein Projekt kann auch nicht viel teurer sein.

  11. Der arme Max Brod würde sich wohl im Grabe umdrehen, wenn er diesen unwürdigen und an der Sache vorbeigehenden Streit mitbekäme.
    Man möge das Archiv doch bitte dort lassen, wo es aufgrund historischer und sozialer Zufälle nun einmal ist, zumal der deutsche Anteil an Brod doch nun wirklich minimal ist.
    Und in Israel ist mir persönlich das Archiv auch lieber, bedenkend, dass Brod und seine Schriften zur deutschen Nazi-Zeit beide im „Dichter+Denker-Land“ ja wohl vernichtet worden wären.

  12. Brod musste 1939 fliehen aber soll jetzt aber sozusagen posthum seinen besitz an die Deutschen abtreten???
    Er wäre nicht der erste.

    Ich würde mich schämen für sowas!!

  13. Nun, Einstein hat seine Sachen, wo urheberrechtlich möglich, an die Hebräische Universität zu Jerusalem vermacht. Bis zu seinem Lebensende hat er fast nur auf Deutsch geschrieben. Heute kann schon sehr vieles herunterladen. Also weiter so! Ich sehe die Sache so gelassen wie Robert Schlickewitz oben. Mögen alle Dokumente frei zugänglich für die Forschung sein, auch für mich als Hobbyforscher. Und wenn man mal wieder in Israel ist, ein Besuch in Archiv ist zu empfehlen. Willkommen in der Welt von Max Brod oder Albert Einstein!

  14. @Koshiro

    „Deutsche Literatur? … Aber Deutschland? Sehe ich nicht, Forschungsmöglichkeiten hin oder her.“

    Es geht den Marbachern weniger um Brod, denn um Kafka. Unsere (deutschen) Germanisten sehen sich da (weltweit?) in einer führenden Position in der Kafkaforschung und -interpretation. Den Brod brauchen sie tatsächlich nicht eigentlich.

    RS

  15. Ein bedenkenswertes Argument des Herrn vom Tagesspiegel:
    Das Archiv gehöre nicht nach Israel, weil es dort Werke von Brod auf Hebräisch nur im Antiquariat gebe … Wie? Heißt das, daß in der BRD in jeder Buchhandlung Werke von Brod auf Hebräisch griffbereit vorhanden sind?
    Die andren Argumente, falls man das überhaupt so bezeichnen möchte, sind mutatis mutandis von gleicher Qualität: abstoßend und denunziatorisch!

  16. „Jaja, und die Israelis wollen die Deutsche Literatur des Zionismus halber, d.h. aus politisch-weltanschaulichen Gründen…
    Aber, wer in Israel wird die Gedanken Brods zum Zionismus auf Deutsch lesen wollen?“

    Deutsche Literatur? Max Brod wurde in Prag geboren, war zunächst Bürger Österreich-Ungarns, dann der Tschechoslowakei und später Israels. Und in Israel ist er auch gestorben. Wo sieht man da eine Verbindung zu Deutschland? Wenn Österreich oder Tschechien hergingen und sagten „Max Brod gehört auch zur Tradition unseres Landes“, na gut. Aber Deutschland? Sehe ich nicht, Forschungsmöglichkeiten hin oder her.

  17. @Admin
    Um Spenden betteln können Sie! Würdelose Kriechtiere. Sind sie auch Krieche! Man könnte es meinen. Pfiu. Was machen sie noch für Geld? gegen die Natur kann man nichts. Haha!!!

  18. Jaja, und die Israelis wollen die Deutsche Literatur des Zionismus halber, d.h. aus politisch-weltanschaulichen Gründen…
    Aber, wer in Israel wird die Gedanken Brods zum Zionismus auf Deutsch lesen wollen?

  19. Lasst das Brod-Archiv da, wo es sich befindet, scannt alle Dokumente fein säuberlich ein und schickt sie den Marbachern in digitalisierter Form.
    Dann schauen wir mal, wer in fünf, zehn oder zwanzig Jahren zu den geistreicheren und wissenschaftlich wertvolleren Resultaten in der Lage war.
    Der obige, sich abzeichnende längere juristische Streit ist lächerlich und zweier erwachsener Nationen unwürdig!

    RS

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