Religionspsychologie: Verdrängte eigene Glaubenszweifel führen zu Gewalt gegen Andersgläubige

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Christliche Kirchen – auf katholischer wie evangelischer Seite – haben gegenüber „Abweichlern“ eine Gewaltbereitschaft bewiesen, die dem intoleranten Fanatismus islamischer Fundamentalisten ähnelt. In ihrem Selbstverständnis predigen die Religionen Liebe. Wie entsteht dennoch extreme Gewalt? Prof. Dr. Gerhard Vinnai (Bremen) bietet auf der Basis der analytischen Sozialpsychologie eine Erklärung, veröffentlicht in der aktuellen Ausgabe von „Psychologie und Gesellschaftskritik“…

„Äußere Zwänge und die Angst vor der Verzweiflung bei der Abweichung vom rechten Glauben können Glaubenszweifel nie ganz zum Verschwinden bringen, sie werden allenfalls durch Verdrängung unbewusst gemacht. Die verdrängten Zweifel können aber wiederkehren, indem sie an denen bekämpft werden, die sie offen repräsentieren – an den Andersgläubigen oder Ungläubigen, die den eigenen Gott nicht akzeptieren oder nicht zu akzeptieren scheinen.

Die Intoleranz von Christen ist nicht zuletzt darin begründet, dass sie ihren eigenen Unglauben auf Andere verschieben und an diesen bekämpfen. Die Anderen haben die verpönten Glaubenszweifel zu repräsentieren, die am eigenen Selbst nicht toleriert werden.

Besonders deutlich kommt dies im christlichen Antisemitismus zum Ausdruck. Gegen die Juden werden vor allem zwei Vorwürfe erhoben: Sie sollen Gott getötet haben, und sie glauben nicht an Jesus als den Messias. Sie repräsentieren damit die eigenen Glaubenszweifel von Christen.“ Folgerichtig empfahl Martin Luther, „dass man ihre Synagogen oder Schulen mit Feuer anstecke, und was nicht verbrennen will, mit Erde überhäufe …“

Psychologie und Gesellschaftskritik 1/2-2009, Themenband „Religion“
Pabst, Lengerich/Berlin, 176 Seiten, ISBN 978-3-89967-536-8
www.psychologie-aktuell.com