FH Würzburg: Plakatwettbewerb für Teheran?

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Am 06. und 07. Februar fand in der FH Würzburg die Ausstellung der Diplom-, Master-, und Semesterarbeiten im Bereich Gestaltung statt. Dabei wurden Plakate ausgestellt, die antisemitische und holocaustrelativierende Aussagen enthalten. An die Kursleiterin ging folgende offene Email…

Betreff: FH Würzburg: holocaustrelativierende Aussagen auf öffentlich ausgestellten Plakaten

Sehr geehrte Frau Nolte,
am 06. und 07. Februar wurden bei der Ausstellung der Diplom- Master- und Semesterarbeiten der FH Gestaltung Plakate zum Thema Gazakrieg/Israel ausgestellt. Die inakzeptable Aussagen, der in einem von Ihnen angebotenen Kurs entstanden Werke, orientieren sich an antisemitischen und holocaustrelativierenden Denkmustern.

fhw-2.jpgAuf einem Plakat ist der Spruch „Nun hat auch Israel eine historische Schuld“ zu lesen. Diese Aussage stellt den planmäßigen Mord an sechs Millionen Jüdinnen und Juden und den Krieg gegen die Hamas auf eine Stufe und verharmlost dadurch die Gräuel der NationalsozialistInnen.

fhw-3.jpgEin anderes Plakat bezeichnet die Hamas als Produkt des Staates Israel. Diese Aussage steht im Kontext von antisemitischen Verschwörungstheorien und legitimiert indirekt eine antisemitische Organisation, die den Holocaust leugnet, sich selbst an den Theorien einer jüdischen Weltverschwörung orientiert, und sich den Kampf gegen die BürgerInnen des Staates Israel auf ihre Fahne geschrieben hat.

fhw-1.jpgAuch das Plakat, auf dem der Opferbegriff als Trademark Israels dargestellt wird, ist weit entfernt davon, die Verhältnisse im Nahen Osten angemessen zu reflektieren. Die Aussage, dass Israel seine Opferrolle ausnutzt, reiht sich ein in den Diskurs der rechten und rechtsradikalen HolocaustrelativistInnen. Aus den Jüdinnen und Juden werden dadurch die TäterInnen, und einem antisemitisch motivierten Kampf gegen Israel wird dadurch Recht gegeben.

Man beschäftigte sich in ihrem Kurs mit politischen Themen und sie hielten die Plakate anscheinend auch für ausstellungswürdig, daher haben die Darstellungen die scheinbar autonome Sphäre der Gestaltung verlassen und werden zwangsläufig mit dem Studenten/der Studentin, ihrem Kurs und der FH Gestaltung assoziiert und mit der politischen Sphäre konfrontiert. Daher bitten wir sie um eine Stellungnahme dazu, wie sie zu den auf den Plakaten getroffenen Aussagen stehen und wie es dazu kam, dass sie diese Plakate anscheinend als repräsentativ für Ihren Kurs ansahen. Darüber hinaus würde es uns interessieren, ob innerhalb des Kurses eine Debatte über die zweifelhaften Aussagen überhaupt stattfand.

Eine Kopie dieses offenen Briefes inklusive der fotografierten Plakate wird an VertreterInnen der Presse, den Dekan, die Fachschaft und die Jüdische Gemeinde Würzburgs gesendet.

Mit freundlichen Grüßen

Benjamin Böhm, Eva Drescher, Matthias Labus, Sebastian Loschert, Alexander Blühm, Christoph Warmuth, Rainer Bakonyi, Stefan Gerhard, Micha Baum, Ines Lemmer, Sabrina Koch, Sebastian Kröckel, Sebastian Rüth.

14 Kommentare

  1. Hervorragend recherchiert, geschätzter Makkabäer.  Doch sollten wir uns nicht hüten, das arme Würzburg hier zu stigmatisieren auf Grund der augenscheinlichen Summe alles Bösen, das hier seinen Ursprung nahm? Wohl gemerkt ging es in diesem Artikel um ein völlig daneben gegangenes politisches Seminar an der FH, nicht um eine gemeinsame Erklärung der Würzburger.
    Zugegebener Maßen empfinde ich immer wieder, dass man unter dem Vorwand „doch nur sachliche Kritik am Staate Israel zu üben“, leider immer wieder antisemitisch-lastigenen Antizionismus verpackt. 
    Selbstverständlich hat jeder Mensch in einer demokratischen Gesellschaft das Recht zur freien Meinungsäußerung. Auch Studenten eines politischen Seminars. Nun sind aber die Verhältnisse im Nahen Osten zum Einen äusserst komplex und zum Anderen ist für deutsche Studenten die Meinung der „Gegenseite“ auch um ein Vielfaches präsenter als der israelische Standpunkt. Um so weniger verstehe ich da die Hochschulleitung, von der ich erwartet hätte, diesem Mangel an Informationen entgegen zu steuern und die unerträglich dümmliche Kernaussage „Auch Juden können böse sein, seht Ihr!“ zu unterbinden. Meine persönliche Erfahrung an deutschen Hochschulen Anfang der Achziger Jahre lässt mich vermuten, dass „Informationen aus erster Hand“ von Kommilitonen zu einem verzerrten Meinungsbild geführt haben. Nicht, dass ich palästinensische Ansprüche verneinen würde, es geht mir nur um die einseitige Medien- und damit Bewußtseinspräsenz in Deutschland und Europa. Allein die Tatsache, dass man seitens der Berliner Verkehrsbetriebe der jüdischen Gemeinde verboten hat, Plakate mit Bildern von durch Hamas-Angriffe getötete Israelis am Bahnhof aufzuhängen – weil man „keine Partei ergreifen“ wolle – macht doch deutlich, wie hier gefiltert wird. Grafitti, wie „Kein Frieden mit Israel!“ entfernt man ja auch nicht. Sind ja nur Schmierereien. 

  2. Korrektur: Jakob Wassermann kam natürlich in Fürth zur Welt und leistete in Würzburg (1891/1892)  ’nur‘ seinen Wehrdienst ab.

    Ãœber diesen ‚Dienst an der Waffe‘ in Würzburg, der ihn erstmals massiv mit dem bayerisch-deutschen Judenhass konfrontierte, gibt der  Bestseller-Autor in „Mein Weg als Deutscher und Jude“ (1921) wie folgt Auskunft:
    „Zum ersten Mal begegnete ich jenem in den Volkskörper gedrungenen dumpfen, starren, fast sprachlosen Haß, von dem der Name Antisemitismus fast nichts aussagt… Dieser Haß hat Züge des Aberglaubens ebenso wie der freiwilligen Verblendung, der Dämonenfurcht wie der pfäffischen Verstocktheit, der Ranküne des Benachteiligten, Betrogenen ebenso wie der Unwissenheit, der Lüge und Gewissenlosigkeit wie der berechtigten Abwehr, affenhafter Bosheit wie des religiösen Fanatismus, Gier und Neugier sind in ihm, Blutdurst, Angst verführt, verlockt zu werden, Lust am Geheimnis und Niedrigkeit der Selbsteinschätzung. Er ist in solcher Verquickung und Hintergründigkeit ein besonderes deutsches Phänomen. Es ist ein deutscher Haß.“

    Feststellungen und Beobachtungen, die nichts, aber auch gar nichts, an Aktualität eingebüßt haben.

  3. Würzburg, immer wieder Würzburg…
    Einst ein Ort der Gelehrsamkeit: Meir ben Baruch, Mordechai ben Hillel, Joel ha-Levi, Elieser ha-Levi, Isaak ben Mose Ot Sarua wirkten hier. Aber auch des Grauens: 1147 Ritualmordvorwürfe, Mord, Totschlag, Brandschatzung, Raub, ebenso 1188 und 1253/54, ganz besonders 1298, 1349; 1567 ’nur‘ Judenaustreibung. Intermezzo: 1811 Joel Jakob von Hirsch gründet ein Bankhaus in Würzburg, beteiligt sich am Eisenbahnbau, organisiert den fränkischen Holzhandel neu. Aber1819: In Würzburg erscheint „Der Judenspiegel“ von Hartwig von Hundt-Radowsky („und nie waren die Zigeuner doch einem christlichen Staat so gefährlich als die Juden…“). 1873, ein Lichtblick: Jakob Wassermann kommt zur Welt. 1939, der gebürtige Würzburger Ferdinand Flury, Giftgasexperte und Toxikologe, Mitarbeiter der „Deutschen Gesellschaft für Schädlingsbekämpfung“, schlägt CO-Gas als Mordmittel für Lager- bzw. Anstaltshäftlinge vor. 1941-1945, Judendeportation und Prof. Werner Heyde unternimmt medizinische Experimente an „rassisch Minderwertigen“ in Würzburg. Der gebürtige Würzburger Fremdenlegionär, Sittlichkeitsverbrecher, Alkoholiker, SS-Oberführer Oskar Dirlewanger mobilisiert für den Endkampf auch „rassisch minderwertige Elemente“ (SS-Sondereinheit Dirlewanger). 1946,  der gebürtige Würzburger Alfred Jodl, Chef des Wehrmachtsführungsstabs im Oberkommando der Wehrmacht (rechte Hand des „Führers“) wird hingerichtet (aber bald darauf entnazifiziert). 1976, ehemalige SS-Angehörige treffen sich in Würzburg ‚kameradschaftlich‘. 
    Das Alles, auch wenn es gern unterdrückt wird,  gehört ebenfalls zum (kulturellen und sozialen) Erbe Würzburgs, zum Hintergrund heutigen Geschehens.
    Never forget!

  4. Die Frage ist nur, ob eine Nahost-Diskussion weniger einseitig wird, wenn jede Kritik an israelischer Kriegsführung oder Aussenpolitik gleich mit der Antisemitismus-Keule zum Schweigen gebracht wird. Kritik an Israel  leichtfertig in die Ecke Antisemitismus oder Nationalsozialismus zu mutmassen, als ob kein liberaler oder demokratisch denkender Mensch jemals auf die Idee kommen könnte, die Gewalt im nahen Osten könnte auch von isrealischer Seite irgendwann unangemessene oder unverhältnismässige Ausmaße annehmen – das ist eine leichte und bequeme Antwort, aber dient sie der Sensibilisierung für Jüdische oder Israelische Probleme? Sicher nicht, sie verstärkt schlimmstenfalls den Eindruck, der etwa in den gezeigten Plakaten zum Ausdruck kommt.
    Man kann jede kritische Aussage in die Nähe rechtsextremer Gedankenwelten verargumentieren, und wenn ich solche Reaktionen sehe, dann vermisse ich dabei genauso jede Fähigkeit oder auch nur den Willen zur Differenzierung, der umgekehrt für die Argumentation der hier viel zitierten „braunen Brühe“ bezeichnend ist. Von Verständigungswillen oder gar „Verstehenswillen“ spüre ich wenig. Wenn man jemandem nahebringen möchte, dass sein Eindruck von den Verhältnissen im Nahen Osten nicht den Tatsachen (oder ehrlicher vielleicht den eigenen Standpunkten) entspricht, dann kann man diese Form der pauschalen Anfeindung und Gegenprovokation kaum für besonders produktiv erachten – bleibt die Frage, welche Motivation sich dahinter verbirgt, wenn es nicht Verständigungswille ist, denn jede andre Motivation macht das Ganze in meinen Augen ziemlich sinnlos und überflüssig.

  5. Antisemitismus ist kein deutsches Phänomen, hier wurde es aber zu einem perversen Gütesiegel weltanschaulicher Verfehlungen. Faschismus ist augenscheinlich auch kein deutsches Patent, hier traf er nur auf besonders fruchtbaren Boden. Ob die „braune Brühe“ an der FH in Würzburg hoch schwappte, bezweifle ich persönlich. Aber es wird an deutsche Hochschulen die eine ethische Minderheit beschmust, um sich ja nicht dem Verdacht des Rassismus auszusetzen, während diese ungehemmt ihre verworrene Propaganda verbreiten können.  Ich vermisse hier eine Souveränität der deutschen Bildungsoberschicht.  Man kann einem islamischen Mitbürger durchaus sagen, dass man keinen Wert auf dümmliche Anti-Israel-Hetze legt, ohne gleich ein „ausländerfeindliches Nazischwein“ zu sein.  Man kann aber auch von einem Hochschullehrer, der solche Seminar- und Diplomarbeiten betreut, erwarten dass solche Pamphlete nicht kritiklos der Öffentlichkeit präsentiert werden. Und einem Asta täte es mal ganz gut, nicht nur internationale Multi-Kulti Abende mit zu gestalten und zur Anti-Fascho-Demo aufzurufen, sondern auch mal Stellung zu beziehen, wenn die Hochschule zur Bühne einseitiger Nahost-Diskussionen wird.

  6. Schreien sich die …. die Kehle wund für die Hamas, so kommen man zur Hezbollah und weiter geht`s zu Achmadinedschad ,und zurück  zu den Shoa leugnern in europäische Gefilde!   So bildet sich der braune Reigen seine Kreise. Der Teufel tanzt Ballett! Dies ist so ein Gedanke über Teheran!

  7. Warum das auf die Nazis oder Rechten reduziert wird, verstehe ich auch nicht, denn erstens geht es in dem Artikel nicht um Nazis und zweitens war es nie so, dass Links und Antisemitismus sich ausgeschlossen haben. Man kann gleichzeitig etwas gegen Nazis haben und gegen Juden.
    Nicht alle Antisemiten sind sofort Nazis.

  8. Der neue Faschismus wird nicht sagen: Ich bin der Faschismus.
    Er wird sagen: Ich bin der Antifaschismus!
    “ (Ignazio Silone)

    Die Leute die an der Front der Demonstrationen wo man den Plebs schreien hörte "HAMAS!!! HAMAS!!! Juden in den Gas!!!" marschierte nicht die braune sonder die rote Brühe. Die trotzkisten, stalinisten, neobolschewicken also antidemokraten haben dort ihre wahren Gesichter gezeigt.

  9. „Der Bauch, aus dem das Boese kroch, ist fruchtbar noch“ (B.Brecht)

    leider ist dies in Bezug auf Deutschland heute aktuell und wahr.

  10. Ãœber die Plakate war ich echt entsetzt;  wie wohl die inhaltliche Vorbereitung im Seminar – sofern eine stattgefunden hat – ausgesehen haben mag?
    Wie kann man, wenn man vom Thema und den Inhalten keine Ahnung hat, Plakate anfertigen (lassen)?  Oder, und das wäre nicht weniger erschreckend: die braune Suppe wird absichtlich gekocht … Typisch „Mittelstandnazis“ meint mein 15-jähriger Sohn!

  11. Egal was man in Deutschland abzieht, die braune Brühe kommt immer wieder hoch.
    WEHRET DEN ANFÄNGEN!!!

  12. Wer sich der Illusion hingibt, dass in Deutschland der Faschismus besiegt wurde, der irrt. Das gilt auch fuer Oesterreich. Deswegen soll man immer wachsam bleiben und die Faschos konsequent bekämpfen!!!!

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