David Ben Gurion im DP-Camp Frankfurt-Zeilsheim

„Für die Menschen im Lager erscheint er wie ein Gott“

David Ben Gurions Reise durch die DP-Camps im Herbst 1945…

Von Jim G. Tobias

„Nach dem Mittagessen fuhren wir gemeinsam in Richtung Zeilsheim, es sollte das erste DP-Camp sein, was wir besuchen“, erinnert sich Judah Nadich, Berater für jüdische Angelegenheiten bei der US-Militärregierung. Kurz hinter dem Eingangstor parkte Nadich den Wagen, um mit seinem Gast die letzten Einzelheiten seines Besuchs zu besprechen. Innerhalb weniger Minuten wurde das Auto von zahlreichen Lagerbewohnern umringt. Einer aus der Gruppe blickte ins Wageninnere und erkannte die Person mit „dem ernsten Gesicht und dem weißen Haarschopf. Plötzlich schrie er wie von Sinnen: ,Ben Gurion, Ben Gurion.“‘

Im Oktober 1945 besuchte der damalige Vorsitzende der Jewish Agency auf Einladung von US-General Dwight D. Eisenhower die in Deutschland gestrandeten Shoa-Überlebenden, um sich ein Bild von ihrer Situation und der Versorgungslage zu machen. Auf seiner Route standen die großen Auffanglager, wie sie etwa in Frankfurt, Feldafing oder Landsberg nachweisbar sind. Ben Gurion wusste, welche bedeutende Rolle der Zionismus inzwischen eingenommen hatte. Die Idee von Erez Israel als einzige Zufluchtsstätte auf der Welt, als jüdisches Rettungsfloß, das nun unbedingt gebraucht wurde: denn Zehntausende warteten ungeduldig in den DP-Camps. Nach der Shoa hatten sie den Glauben an ein sicheres, freies und gleichberechtigtes Leben in Europa verloren. Nur die Zionisten hatten ein Programm, das sinnvoll und zukunftsträchtig erschien. Daher sahen viele Ben Gurion als einen Propheten an, wie Moses, der die Israeliten aus der Knechtschaft führte.

Die Nachricht von Ben Gurions Ankunft in Deutschland verbreitete sich nicht nur in Zeilsheim wie ein Lauffeuer. Nur mit größter Mühe konnten er und seine Begleiter sich den Weg durch die Menschenmasse zum Auditorium bahnen. „Alle Sitze in der Halle waren besetzt, die Gänge überfüllt, es gab keinen freien Zentimeter mehr, sogar die Fensterbänke waren belegt“, berichtet Judah Nadich. Nachdem Ben Gurion den Saal betreten hatten, wurde spontan die Hatikwa angestimmt. Das Lied der Hoffnung, das Viele in den dunklen Jahren der Verfolgung nur leise vor sich hinsummen konnten, das ihnen den Mut und die Zuversicht zum Überleben gab.

„Als Ben Gurion das Wort ergriff, versagte ihm zunächst die Stimme, seine Augen wurden feucht“, erinnert sich Judah Nadich. Doch nicht nur er war zu Tränen gerührt. Das gesamte Auditorium schluchzte, die Menschen konnten es kaum fassen, sie hatten überlebt und Ben Gurion war ihr Gast. Auch für den im Jahr 2012 verstorbenen Historiker und Auschwitz-Überlebenden Arno Lustiger war der Besuch von Ben Gurion im DP-Camp Zeilsheim ein unvergessliches emotionales Ereignis. „Er hat natürlich jiddisch gesprochen“, erinnerte er sich an die Rede Ben Gurions. „Ein Strahl der Hoffnung war da, dass bald ein jüdischer Staat entsteht.“

Als nächste Station seiner Reise stand das DP-Camp Landsberg in Bayern auf dem Plan. Für den damaligen US-Lagerkommandanten Irving Heymont kam der Besuch Ben Gurions überraschend, da die Militärverwaltung offensichtlich vergessen hatte ihn zu informieren. „Als erstes Anzeichen seiner Ankunft bemerkte ich, wie die Leute aus dem Lager auf die Zugangsstraße strömten, um ein Spalier zu bilden. Sie trugen Blumensträuße und eilig gebastelte Transparente sowie Tafeln mit sich“, notierte er in seinen Erinnerungen. „Noch niemals vorher hatten wir im Camp solch einen Ausbruch von Tatkraft erlebt. Für die Menschen im Lager erscheint er wie ein Gott.“ In der Person David Ben Gurions vereinigte sich alle Hoffnung auf eine Zukunft im eigenen Staat. Er war, „ein lebendiger Gruß aus Erez Israel“, wie die Landsberger Lager-Cajtung schrieb. „Brüder und Schwestern, der Jischuw ist stark und entschlossen dafür zu sorgen, dass die Alija – mit oder ohne Erlaubnis – vorangeht“, rief Ben Gurion den Massen zu. „Das Land wartet auf euch!“ Seine Worte gingen in euphorischem Applaus unter, die Begeisterung der Menschen war grenzenlos.

Landsberger Lager-Cajtung vom 28. Oktober 1945
Landsberger Lager-Cajtung vom 28. Oktober 1945, Repro: nurinst-archiv

Aber auch für Ben Gurion war die Begegnung mit der Sheerit HaPlejta, dem Rest der Geretteten, ein emotionales Ereignis; er wurde in seiner Überzeugung bestätigt, dass die DPs eine grundlegende Rolle im Kampf für den jüdischen Staat spielten. „Nirgends auf der Welt fand ich ein solches zionistisches Publikum“, erklärte er bei einer Sitzung des Mapei-Vorstandes im November 1945, „ich begriff, dass dieses einen gewaltigen Faktor bei unserem politischen Kampf ausmachen könnte.“

Er täuschte sich nicht: Schon die UN-Teilungserklärung des britischen Mandatsgebiets Palästina in einen jüdischen und arabischen Staat vom 29. November 1947 wurde in den DP-Camps mit grenzenlosem Jubel aufgenommen und die Ersten machten sich umgehend auf den Weg nach Erez Israel. Doch bis zur endgültigen Proklamation des Staates am 14. Mai 1948 wurden die Einwandererschiffe noch von den Briten abgefangen. Erst am 29. Mai 1948 erreichte mit der Battle of the Ayalon Valley das erste Schiff unter jüdischer Flagge mit Hunderten von Einwandern aus den DP-Camps ungehindert die israelische Küste.

Bild oben: David Ben Gurion im DP-Camp Frankfurt-Zeilsheim, Repro: nurinst-archiv

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