„Von des Kaisers neuen Kleidern“

Der Kölner Schriftsteller Peter Finkelgruen appelliert in einem Brief an Tom Buhrow, Intendant des WDRs, sich in die Debatte um die Antisemitismus-Dokumentation „Auserwählt und Ausgegrenzt“ einzuschalten. Wir dokumentieren den Brief im Folgenden…

Sehr geehrter Herr Buhrow,

gestatten Sie mir, dass ich, stellvertretendes Mitglied im Rundfunkrat, mich heute zum zweiten Mal direkt an Sie wende:

Vor knapp drei Jahren, während des damaligen Krieges in Gaza schrieb ich Ihnen einen Brief, in dem ich meine Besorgnis über die Ausbreitung eines sich als Kritik an Israel verkleidetem Antisemitismus ausdrückte. Festgemacht hatte ich meine Besorgnis damals an einem Kommentar von Sabine Rau vom 22. Juli 2014.

Mein Schreiben an Sie heute ist ausgelöst durch die Debatte um und das Verhalten des WDR bezüglich des Filmes „Auserwählt und Ausgegrenzt“. Ich schrieb Ihnen damals :

„Ich habe zwischen 1951 und 1959 als junger Mensch in Israel gelebt. 1959 bin ich nach Deutschland gekommen, aus dem meine Eltern vor der nationalsozialistischen Verfolgung bis nach Shanghai geflohen waren. Bereits kurz nach meiner Ankunft in Deutschland habe ich Weihnachten 1959 erlebt, dass die Synagoge in Köln mit Parolen von Rechtsradikalen beschmiert wurde. Danach habe ich immer wieder andere Erlebnisse antisemitischer Art erlebt. Dennoch bin in Deutschland geblieben, habe hier eine Familie gegründet und einen Beruf ergriffen. Ich wurde Journalist.

1974 fuhr ich mit meiner Frau zu einem Besuch nach Israel. Ich erlebte dort das Ma’alot-Massaker. Es war eine Folge der Besetzung einer Schule und der Geiselnahme aller Anwesenden durch DFLP-Terroristen im nordisraelischen Ort Ma’alot am 15. Mai 1974. Alle 21 Schüler kamen ums Leben. Es war noch nicht die Zeit der modernen technologischen Medien, und ich war mit einigen Schwierigkeit in der Lage, bei meiner Redaktion im Funkhaus anzurufen und zu fragen, ob ich einen telefonischen Bericht durchgeben sollte. Der diensttuende Redakteur erwiderte: „Nein. Aber melde Dich, wenn die Israelis zurückschlagen“.“

Heute kann ich dem hinzufügen, dass ich in den Jahrzehnten danach Antisemitismus in den Kölner Rundfunkanstalten immer wieder erlebt habe. Sei es ein Abteilungsleiter der DW, der es für nötig befunden hatte, Interviewpartner von mir telefonisch mit den Worten „Achtung, Vorsicht, Jude“ zu warnen. Sei es ein leitender Redakteur beim Kirchenfunk das damaligen DLF, der seine antisemitischen Vorbehalte nicht unterdrücken konnte. Seien es Redakteure des WDR, die die damalige Abteilungsleiterin des Frauenfunks, die mich öfters in Israel besuchte, auf den Fluren am Wallrafplatz mit Aussagen wie : „Du fährst immer noch in dieses zionistische Gebilde?“ abkanzelten.

All diese Erinnerungen und Erfahrungen sind in den letzten Tagen bei mir lebendig geworden.

Die öffentliche Debatte und das Verhalten der Leitung des WDR droht nach meiner Überzeugung das Renommee des Westdeutschen Rundfunks nachhaltig zu beschädigen.

Dies sage ich, nachdem ich den inkriminierten Film gesehen habe: Ich habe beim Betrachten des Films nichts erfahren, was mir neu oder unbekannt gewesen wäre.

Dabei hatte ich eher das Gefühl, wie beim Hören des Märchens von des Kaisers neuen Kleidern. In dem Film wird auf komprimierte Art und Weise all das gesagt und darüber informiert, was über Jahre und Jahrzehnte jedermann bekannt ist – aber kaum je offen ausgesprochen wird.

Ich unterstelle dabei, dass die in dem Film genannten Fakten und Aussagen alle belegt sind. Teilweise sind sie mir selber durch die letzten Jahrzehnte bekannt. So wie ich den Ruf der journalistischen Leitung der zuständigen Redaktion des Hauses kenne, bin ich von ihrer Gewissenhaftigkeit und Integrität überzeugt.

Der Film beleuchtet die Situation in Europa, die in den letzten Jahren der Grund für die Auswanderung zahlreicher Juden aus Europa, insbesondere aus Frankreich, der Heimat des Programmdirektors Alain Le Diberder.

Zum Schluss, Herr Intendant, möchte ich Ihnen in wenige Zeilen berichten von meinem Besuch in der palästinensischen Stadt Jericho, in Begleitung meines Enkels im März dieses Jahres. Eine Stadt, die ich bis Ende der achtziger Jahre als blühende Oase mit zahlreichen Restaurants, Geschäften und Touristen kannte. Sie ist heute in einem erbärmlichen Zustand, dominiert von Bauruinen, die alle mit angerosteten Schildern ausgezeichnet sind, auf denen die jeweilige europäische Institution oder der Staat benannt sind, die Mittel für den Bau gestellt haben. In Jericho kann man die Auswirkung der Korruption konkret erfahren.

Ich bitte Sie, Herr Intendant, sich, wie sie es auch in anderen Fällen getan haben, sich vor die Redaktion zu stellen. Sie würden damit auch die kleine Zahl der in Deutschland heute lebenden Juden dahingehend beruhigen, dass man aussprechen kann, was diese existentiell seit Jahren verunsichert.

Es wäre vielleicht auch eine gute Idee, diesen Film den Mitgliedern des Rundfunk- und des Verwaltungsrates, möglichst bald zu zeigen.

Ich bin überzeugt, Herr Intendant, dass Sie diese meine Sichtweise verstehen werden.

Da es sich in dieser Sache inzwischen um eine öffentliche Debatte handelt, erlaube ich mir eine Kopie dieses Briefes dem Zentralrat der Juden zu schicken.

Mit freundlichen Grüßen
Peter Finkelgruen

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