Eine Theatertour von Neve Hanna

Ein jüdisch-beduinisches Theaterstück als Botschaft des Friedens…

Interview: Roland Kaufhold

RK: Sie haben gerade zusammen mit 15 beduinischen und jüdischen Jugendlichen aus dem israelischen Kinderheim Neve Hanna ein Theaterstück in Köln sowie einigen weiteren Städten aufgeführt. Thema ist die Liebe zwischen einem Beduinen und einer Jüdin. Wie kam es zu diesem eindrücklichen Projekt?

Dorit Felsch: Seit 25 Jahren besteht ein enger Kontakt zwischen dem jüdischen Kinderheim Neve Hanna in Kiryat Gat (Südisrael) und muslimischen Beduinen aus Rahat, einer arabischen Stadt in der Negevwüste, etwa 20 Minuten von Kiryat Gat entfernt. Seit zehn Jahren gibt es in Neve Hanna einen Tageshort, in dem jüdische und muslimische Kinder gemeinsam betreut werden. Die gemischte Theatergruppe ist aus dieser langjährigen Kooperation entstanden.

Im Stück wurde Arabisch, Ivrith und Deutsch gesprochen. Die Musik bildete ein zentrales Element. Auch der israelische Heimleiter David Weger hat u.a. deutsch gesprochen. Die Jugendlichen wirkten begeistert. Wie lange haben Sie an dem Theaterstück gearbeitet? Wie haben Sie das selbstgeschriebene Stück eingeübt?  

DF: Die Arbeit an dem Stück begann vor über einem Jahr. Unter der Anleitung einer Theaterpädagogin haben die Jugendliche die Geschichte entwickelt, anschließend wurde die Musik dazu geschrieben und die Tänze eingeübt. Die deutsche Erzählerstimme übernahm eine junge Deutsche, die das letzte Jahr als Freiwillige in Neve Hanna verbrachte, aber auch einige der israelischen Mitwirkenden lernten extra einige deutsche Sätze. Die intensiven Proben wurden durch die Kriegsereignisse im Sommer wochenlang unterbrochen, da sowohl Kiryat Gat als auch Rahat sehr stark vom Raketenbeschuss aus Gaza betroffen waren. Die Jugendlichen haben den Sommer in Schutzräumen verbringen müssen. Treffen und gemeinsame Proben waren in dieser Zeit nicht möglich. Mit großem Engagement aller Beteiligten haben wir es aber geschafft, die verlorene Zeit wieder aufzuholen. Das Stück bekam durch den Krieg noch einmal eine neue und drängendere Aktualität.

Anlass der kleinen Rundreise mit Ihrem Theaterstück ist der 40. Geburtstag des Kinderheimes Neve Hanna. Den gemeinsamen Tageshort des Heims besuchen sowohl jüdische Kinder aus Kiryat Gat als auch beduinische Kinder aus Rahat. Wie funktioniert die Zusammenarbeit im Alltag?

DF: Die Kinder im gemischten Tageshort werden von jüdischen und beduinischen Pädagogen und Erzieherinnen betreut. Im Alltag wird sowohl Hebräisch als auch Arabisch gesprochen, und beide Kulturen und Religionen sind gleichberechtigt. Das heißt zum Beispiel, dass beim gemeinsamen Essen sowohl ein jüdisches als auch ein muslimisches Tischgebet gesprochen wird. Während der Freizeitaktivitäten sind keine Unterschiede zu spüren: Fußball spielen, Musik hören, Inlineskaten – da ist es egal, wer Jude ist und wer Beduine!

Gründerin des Kinderheimes war die Pädagogin Hanni Ullmann. 1908 in Posen geboren und in Berlin aufgewachsen ging sie schon 1929 nach Palästina. Sie war mit Buber, Ernst Simon und Schalom Ben-Chorin befreundet und setzte sich als couragierte Pädagogin schon früh für ein Zusammenleben zwischen jüdischen und arabischen Menschen in Israel ein. Ist ihr Wirken in Israel noch bekannt?

DF: Hanni Ullmann baute während der Nazizeit das Kinderheim „Ahawah“ in Kiryat Bialik im Norden Israels auf. Viele Kinder, die der Shoah entflohen und deren Familien ermordet worden waren, fanden dort ein Zuhause. Nach ihrer Pensionierung gründete Hanni Ullmann das Heim „Neve Hanna“, in dem besonders viel Wert auf eine familienähnliche Atmosphäre gelegt wird. Hier finden seitdem Kinder aus völlig zerrütteten Familien ein Zuhause. Bis zu ihrem Tod 2002 war Hanni Ullmann unermüdlich für das Heim tätig. Zu ihrem 90. Geburtstag erhielt sie für ihr Lebenswerk das Bundesverdienstkreuz. Die Erinnerung an sie ist in mehreren Generationen „ihrer“ Kinder sehr lebendig.

Welche Bedeutung hat die Erinnerung an Hanni Ullmann für Ihr heutiges Wirken?

DF: Hanni Ullmann nahm bereits in den 1960er Jahren in ihrem damaligen Heim „Ahawah“ deutsche Freiwillige auf – nur 15 Jahre nach der Shoah! Sie war überzeugt davon, dass nur persönliche Begegnungen Vorurteile und Hass überwinden und dauerhaft Frieden und gutes Miteinander schaffen können. Aus dieser Überzeugung heraus wurde auch die Kooperation mit den Beduinen begonnen und dieser Grundgedanke prägt die gesamte Arbeit von Neve Hanna in Israel und dem deutschen Freundeskreis.

In Ihrem Kinderheim arbeiten seit seinem Entstehen deutsche Jugendliche im Alter zwischen 18 und 23 für je ein Jahr als Freiwillige. Ist es schwierig, immer wieder geeignete Jahrespraktikanten für dieses Projekt zu gewinnen?

DF: Erfreulicherweise haben wir immer eine recht große Anzahl an Bewerbern und Bewerberinnen. Wir entsenden jedes Jahr fünf bis sieben junge Menschen nach Neve Hanna. Dieser Einsatz wird als „Internationaler Jugendfreiwilligendienst“ (IJFD) anerkannt. Für die Freiwilligen ist es ein einmaliges Jahr: Neben der Mitarbeit im Heim bekommen sie Sprachunterricht und verschiedene Seminare und Ausflüge geboten, bei denen sie das Land, seine Menschen und deren Geschichte kennenlernen. Viele bleiben hinterher in engem Kontakt zu Neve Hanna und kehren immer wieder zu Besuch dorthin zurück.

Mehr Informationen gibt es unter www.nevehanna.de

http://www.hagalil.com/2004/10/neve-hanna.htm

http://www.hagalil.com/01/de/index.php?itemid=1260

http://www.hagalil.com/01/de/Israel.php?itemid=1248

Literatur:

Dagmar Bluthardt: Geschichte, Theorie und Praxis familienähnlicher Heimerziehung, dargestellt am Beispiel der jüdischen Pädagogin Hanni Ullmann. Dissertation 2002. (online auf: tobias-lib.uni-tuebingen.de)

Max Gloor (2009): Die Geschichte des Vereins Neve Hanna Schweiz http://www.nevehanna.ch/geschichte.html

http://de.wikipedia.org/wiki/Hanni_Ullmann