Hitlers Geburtshaus: Braunauer Kakaphonie wird zum Politskandal

Vor einem Jahr war Land in Sicht: Alles sprach dafür, dass Hitlers Geburtshaus Salzburger Vorstadt 15 in Braunau am Inn bald eine historisch-wissenschaftliche Gedenkstätte würde, nämlich das von dem Historiker Dr. Andreas Maislinger so genannte „Haus der Verantwortung“…

Von S. Michael Westerholz

Oscar-Preisträger Branko Lustig hatte sich dafür ausgesprochen, der sozialdemokratische Abgeordnete im Wiener Nationalrat, Harry Buchmayr (SPÖ), die Grüne-Abgeordnete im Landtag in Linz, Maria Buchmayr und, zögerlicher, aber letztendlich ermutigend auch einige der Braunauer Stadtoberen. Doch seither ist nichts geschehen – im Gegenteil: Der konservative Bürgermeister Hannes Waidbacher (ÖVP) platzte im Wiener „Kurier“ heraus: „Gedenkstätten gibt es bereits genug in der Umgebung!“ Er könne sich das Gebäude als normales Mietshaus vorstellen.

Drei Jahre hat Adolf Hitler in dem stattlichen Haus gelebt, in dem ganz früher auch schon einmal ein Kaffeehaus Gäste anzog und nach dem mörderischen Wirken Hitlers ein Kindergarten, hernach eine Behinderten-Werkstätte untergebracht waren. Die Pensionistin Gertrude P. hat das Gebäude 1972 auf unbegrenzte Zeit an das Innenministerium vermietet und kassiert monatlich um die 4.500 Euro. Sie selbst hat eine Wohnung in Braunau, ist dort aber selten anzutreffen. Allerdings will sie das geschichtlich belastete Haus nicht verkaufen. Das ministerielle Interesse bestand lediglich darin, dem Haus „bedenkliche Personen“ fernzuhalten.

Maria Buchmayr fordert das Ministerium inzwischen auf, das Haus zu kaufen und dann gemeinsam mit den vielen Gleichgesinnten die Idee des Andreas Maislinger endlich zu verwirklichen. Als Maislinger vor einem Jahr zu den 20. Braunauer Zeitgeschichts-Tagen einlud, klang alles nach flotten Entscheidungen. Maislingers Idee war ja immerhin schon zwei Jahrzehnte in der Welt. Und sie war wissenschaftlich bereits so fundiert, dass jede der drei Ebenen im Haus wie von Maislinger vorgeschlagen, hätte gestaltet werden können: Politische Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft!

Doch in einer Art, die nicht untypisch ist für österreichische Politiker, die sich mit der Aufarbeitung des dunkelsten Kapitels deutscher und deutsch-österreichischer Geschichte befassen sollen, passiert auch hier wieder – NICHTS! Das Haus steht seit einem Jahr leer, Touristen kommen und schauen, ihre drängenden Fragen oder ihre irrige Verniedlichung bis hin zur Verinnerlichung der Hitler-Ideologie bei einem Gang durchs Haus korrekt zu beantworten bzw. zu widerlegen ist unmöglich: Es ist nichts geschehen und es geschieht offenbar auch künftig nichts. Eine vordergründig argumentative Auseinandersetzung der offenen Gegner und der heimlichen Zweifler mit den meist auswärtigen Befürwortern des „Haus der Verantwortung“ oder des „Haus des Friedens“ hat sich jedoch mittlerweile zu einer skandalösen Kakaphonie seltsamer Aussagen entwickelt. Das Maislinger-Projekt der Gutwilligen droht zu scheitern.

Was den Bürgermeister zu seinen skandalösen Aussagen trieb – niemand weiß es. In der Zeitung „Standard“ äußerte er sich noch ausführlicher als im „Kurier“ – und überdies bedenklicher: „Die Stadtgemeinde hat bereits viel Geschichtsaufarbeitung geleistet und muss daher nicht zwingend auch das ungeliebte Gebäude in dieser Art verwenden.“ Mittlerweile mildert er seine bedenklichen Aussagen etwas ab, beruft sich überdies darauf, dass ja die Stadt ohnedies nichts zu entscheiden habe.

Aber seine und offenbar einiger Stadträte Idee ist in der Welt. Ausgerechnet zu Beginn der 21. Zeitgeschichts-Tage in Braunau überschattete sie die eigentlichen, nicht minder brisanten Themen: „Adel verpflichtet. Die Verantwortung des Adels einst und jetzt“. Zur Grundidee Maislingers schweigt der Bürgermeister, sagt einfach: Das Haus sollte zum Mietshaus umgebaut werden. „Illusorisch“, äußern sich dazu Bauinvestoren unbd Makler rein pragmatisch: Das Haus stehe unter Denkmalschutz und könne keinesfalls abgerissen werden. Es sei auch geschichtlich zu belastet, als dass man sich an eine solche Umbauarbeit wagen würde. Und schließlich, so Makler Christian Haidinger: „Die Miethaus-Idee ist unrealistisch. Wer mietet sich denn dort ein?“

Das alles wie die Diskussion überhaupt schreckt den Chef des Braunauer Zeitgeschichtsvereins, Florian Kolanko, nicht. Man müsse das Haus nicht dämonisieren, sagt er, und es sei Zeit, zur Normalität im Umgang mit dem Gebäude zurückzukehren. Seine Verbrechensideen und schließlich so grauenhaft gewirkt habe Hitler ja schließlich an ganz anderen Orten, gewiss aber nicht als Kleinkind in seinem Geburtshaus in Braunau über seine Zukunft nachgedacht.

Mit einem offenbar weiteren Horizont und über den Tellerrand hinausschauend hat sich der lokale Tourismus-Obmann Klaus Prexl in die Diskussion eingeschaltet: Wer sich in Braunau äußere, setze sich in die Nesseln, sagte er, der genau weiß, wie viele und welche Touristen sich häufig verstohlen nach dem Haus umsehen und es oft genug klammheimlich fotografieren: „Aber in Braunau fehlt halt der politische Mut!“

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