Erklärung des Auschwitz-Komitees zur rechtsradikalen Attacke in Bergedorf

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In der vergangenen Woche kam es bei der Enthüllung eines Mahnmals für Zwangsarbeiter in Hamburg-Bergedorf zu einem erschreckenden Zwischenfall. Ein 41jähriger Mann attackierte die aus Polen angereisten ehemaligen Zwangsarbeiter und besprühte sie mit Pfefferspray. 7 der 8 Betroffenen mussten im Krankenhaus behandelt werden. Die anwesenden Politiker zeigten sich bestürtzt und beschämt. Der 41jährige Angreifer hat bereits einen Strafbefehl wegen Verebreitung rechtsradikaler Propaganda erhalten…

Das Auschwitz Komitee gab zu dem Vorfall folgende Erklärung ab:

„Wie lange noch müssen wir solche Nachrichten ertragen?

Die Reizgasattacke eines rechtsradikalen Attentäters auf polnische Ehrengäste in Hamburg-Bergedorf während der Enthüllung eines Mahnmals zur Erinnerung an die Leiden der zur Zwangsarbeit Verschleppten hat die Gefahr von rechts wieder einmal öffentlich gemacht. Die attackierten Gäste, ehemalige Zwangarbeiter_innen, sind nach einem kurzen Kranken-hausaufenthalt in ihre Heimat zurückgekehrt. Der Attentäter wird psychiatrisch behandelt. Von Scham und Schande wird in den Medien gesprochen. Wir empfinden Wut und Zorn. Und manchmal auch Verzweiflung.

Seit Wochen aber hören wir von rechtsradikalen oder rassistischen Anschlägen wie kürzlich in Berlin, in Lüneburg, auf Menschen, Gedenkstätten und jüdische Friedhöfe – und jetzt auch in Bergedorf.

Und was passiert hierzulande? Wir sind sehr besorgt über Entscheidungen verschiedener Städte, antifaschistischen Protest zu erschweren wie in Hamburg am 2. Juni, oder sogar unmöglich zu machen; ein trauriges Beispiel setzte hier kürzlich die Stadt Dortmund. Auch die unzureichende, schleppende Aufklärung der Morde der rechten Terrorzelle NSU mit all den Ermittlungsskandalen im Umfeld um die Rolle des Verfassungsschutzes reißt alte Wunden wieder auf.

Esther Bejarano, Überlebende der Konzentrationslager Auschwitz und Ravensbrück und Vorsitzende des Auschwitz-Komitees sagt dazu:

„Ich frage mich, ob ich mich in diesem Land noch sicher fühlen kann, in dem Neonazis ihre menschenverachtende Politik ausleben können mit gewaltsamen Angriffen gegen friedfertige Menschen. Ich fühle mich bedroht und bin sehr besorgt über die Entwicklung und von der Regierung in meiner Befürchtung allein gelassen.“

Und die Hamburgerin Steffi Wittenberg, die als jüdisches Kind in der Emigration überlebte,

„Ich bin entsetzt – sich in das Unrecht der Vergangenheit hineinzuversetzen reicht nicht Die Gegenwart holt uns ein und wird immer bedrohlicher.“

Der Vertrauensverlust in demokratische Zustände ist kaum zu ermessen.

Es ist höchste Zeit zu handeln, rechte Strukturen zu zerschlagen, die NPD und NS-Nachfolgeorganisationen zu verbieten. Endlich.“

11 Kommentare

  1. Guter Artikel, dämliche Überschrift:

    http://www.ndr.de/regional/hamburg/bergedorf181.html

    Näheres zum Täter:

    http://de.indymedia.org/2012/09/335598.shtml

    Im Gegensatz zu der darin vertretenen Meinung, die derzeitige Einsortierung der hinterhältigen Tat in den Komplex psychisch hochgradig irrationalen Fehlverhaltens entspräche ihrer Verharmlosung, könnte auch gesagt werden, dass die gesamte Neonaziszene mit common sense nichts gemein hat und die Idee, ihr mal mit psychiatischer Behandlung des harten Kerns zu begegnen, garnicht so übel ist.

    Die Kapazität der Institutionen der „geschlossenen Psychiatrie“ der BRD, von GewalttäterInnen viel gefürchteter als Gefängnis, reicht freilich nicht, um alle militanten Neonazis darin unterzubringen. Aber als Schwert des Damokles könnte diese „Gefahr“ für die braune Szene in Demokratien (nicht in Diktaturen u.ä., wo sie gern als Waffe gegen Aufmüpfige missbraucht wird) schon einen abschreckenden Effekt haben. Oder?

  2. Na ich mein, in Deustchland gibt es sehr viele „Antisemiten“. Die fahren meiner Meinung nach eine Strategie, welche auch durch diesen Satz „Sogar Kontakte zur NSU, auf Deutsch „Die judäische Volksfront“, werden ihm nachgesagt“ —-(gefunden in der taz heute) charakterisiert werden können.

  3. @ mfb

    Würde es einen Preis geben, der nach Herrn Pfeifer benannt ist, könnte jeder stolz auf die Auszeichnung sein. Danke dass Du mich vorgeschlagen hast. Besonders wenn man sich die Lebensgeschichte von Herrn Pfeifer vor Augen hält. Hier kannst Du es kurz nachlesen:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Pfeifer

    Wie Du siehst, musste Herrn Pfeifer als 14-Jähriger auf abenteuerliche Weise vor den Nazis nach Palästina fliehen. Vielleicht hast Du einen Dokumentarfilm gesehen, der vor längerer Zeit auf ARTE lief: „Die Odyssee der Kinder“:

    http://programm.ard.de/TV/arte/2012/03/04/die-odyssee-der-kinder/eid_287247476107934?monat=1&jahr=2012&list=main

    Wenn ich versuche mir vorzustellen, im Alter von 14 Jahren meinen Eltern entrissen, über die halbe Welt vor dem sicheren Tod fliehen zu müssen, dabei die quälende Sorge um die Angehörigen im Gepäck, fange ich an zu zittern und meine Knie werden weich. Herr Pfeifer hat seine Kräfte wieder gefunden und kämpft unermüdlich gegen Anmaßungen, Verlogenheit und deutsche Besserwisserei. Wenn Du es also nicht fertig bringst einem Menschen, der so schrecklichen Erfahrungen gemacht hat, für die Dir und mir die Vorstellungskraft fehlt, mit dem nötigen Respekt zu begegnen, dann halte lieber den Mund.

    • Bitte, gern geschehen. Du und Pfeiffer .. ihr verdient euch.

      Zur Lebensgeschichte .. was hat denn das damit zu tun. Kannst du dir nicht vorstellen, dass jemandem schlimmes widerfahren ist und er trotzdem ein Arschloch ist .. womit ich latürlich nicht Herrn Peiper meine ;-).

      Meinen Respekt bekommt jemand für seine Einsichten, seine Meinung, sein Handeln und seine Humanität. Nicht für seine Überlebenskünste.

    • ps
      Es gibt auch Neonazis, die in ihrer Kindheit der Hölle der Bombadierung Hamburgs oder Dresdens entronnen sind oder sonstwie schlimme Erfahrungen gemacht haben. Trotzdem sind sie in meinen Augen Aschlöcher ..

  4. @ Sebastian,

    es gab keinen Angriff auf Kramer .. er wurde beleidigt – auf eine völlig idiotische Weise: ihm zu sagen, dass er hingehen soll, wo er herkommt – er ist durch Geburt Deutscher .. nichtsdesdotrotz ist diese Beleidigung antisemitsch und widerlich .. dies mit dem Angriff auf die aus Polen angereisten ehemaligen Zwangsarbeiter zu vergleichen ist mehr als egozentrisch und anmassend. Im übrigen wurde vom „Angriff“ auf Krämer sehr wohl in den deutschen medien (z.B. Spiegel online) berichtet.

    Genauso widerlich ist dein Versuch, den Ausfall antismitischer Idioten in Deutschland sowie Verbrechen in anderen nahöstlichen Diktaturen zu benutzen, um israelische Verbrechen wie den Mauerbau im besetzem Westjordanland zu verteidigen. Dafür gebührt dir der „Karl-Pffeifer-Preis“!

  5. Sowas, wie oben berichtet, den Angriff auf Stefan Kramer oder wenn Angehörige der Neonazi-Szene den Betreiber eines koscheren Lebensmittelgeschäftes vertreiben (haGalil berichtete), kann man dann meistens nur auf haGalil nachlesen:

    http://www.antisemitismus.net/deutschland/berlin.htm

    Die anderen deutschen Medien haben ja schließlich über jugendliche Gewalttäter in Israel zu berichten. Man kann sich ja nicht um alles kümmern, gelle?

    Man muss sich nicht wundern, wenn in einer Stimmung, in der „Konferenzen“ wie „Stop the wall in Palestine“ in Köln abgehalten werden:

    http://www.matthiaskuentzel.de/contents/stop-the-terror-oder-stop-the-wall

    …aber auch nach 30.000 Toten in Syrien, Konferenzen wie z.B.„Stop the war in Syria“ weder in Köln noch in anderen deutschen Städten abgehalten werden, der Zug schon sehr weit abgefahren ist.

    Dass nun auch Überlebende des Holocaust angegriffen werden…… noch tiefer kann man nicht sinken.

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