In alter Tradition: Sorbenfeindlichkeit

Nur der SPD-nahe Informationsdienst „Blick nach Rechts“ berichtete darüber, dass am 13. Februar 2012 beim Nazi-Trauermarsch der Redner Dr. Olaf Rose, ein NPD-Funktionär und Historiker, sich über den sächsischen Ministerpräsidenten Stanislav Tillich (CDU) empörte, der als „Sorbe, der sich gern als Sachse ausgibt“ die echten nationalen Deutschen und Sachsen verunglimpfen würde…

Von Lucius Teidelbaum

Tatsächlich ist der konservative Stanislav Tillich ein Angehöriger der sorbischen Minderheit. Die Sorben oder Wenden, die Eigenbezeichnung lautet auch „Serbja“, sind eine slawische Sprach-Minderheit in der Niederlausitz (Brandenburg) und Oberlausitz (Sachsen), die bis heute immer wieder unter deutschnationalen Chauvinismus zu leiden haben. Bereits der Niederlausitzer Schriftsteller Erwin Strittmacher beschreibt in seinem berühmten Werk „Der Laden“ diesen Konflikt. Er lässt einen Protagonisten seines Buches sagen: „Es wird keen Friede nich, zwischen Deitsch und Wendsch.“

Bei seiner sorbenfeindlichen Verbalattacke hat Olaf Rose tief in der antislawischen Mottenkiste gekramt. Denn die Sorben-Feindlichkeit entstammt dem jahrhundertealten deutschnationalistischen Antislawismus, der sich im Osten im ständigen „Grenzkampf“ mit den Slawen sah. Da waren die beiden slawischen Sprachinseln in der Ober- und der Niederlausitz nach deutschnationalem Verständnis natürlich so etwas wie „Stacheln im Fleisch des deutschen Volkskörpers“. Unter solcherart motivierten Anfeindungen und Diskriminierungen hatten die Sorben besonders im Kaiserreich als auch im Nationalsozialismus zu leiden.

Sorben im Nationalsozialismus

Im Nationalsozialismus wurde versucht die sorbische Minderheit zu „germanisieren“. Sorben mussten ihre traditionellen Namen aufgeben und wurden zum Deutschsprechen verpflichtet. Es wurde versucht aus den Sorben eine Art vergessener Germanen-Stamm zu machen. Wenn der NPDler Ronny Zasowk in „Klarstellung der NPD-Position zu den Sorben und Wenden“ vom 25. Februar 2009 schreibt,[01] es „kann nicht mehr von der Existenz des sorbischen Volkes ausgegangen werden, sondern lediglich von einem traditionell stark verhafteten und kulturell sehr eigenständigen deutschen Volksbestandteil.“, dann bewegt er sich also in alter Nazi-Tradition. Bei den Sorben kann die NPD so natürlich nicht punkten. In den Kerndörfern des sorbischen Siedlungsgebietes schnitt die neonazistische Partei regelmäßig unterdurchschnittlich ab. Allerdings verzeichnete sie in den Randgebieten überdurchschnittlich gute Ergebnisse.

Zwar wurden die Sorben im „Dritten Reich“ nicht kollektiv verfolgt, aber sie wurden diskriminiert und ihre Vertreter wurden mundtot gemacht, verfolgt und zum Teil auch ermordet. Ein Beispiel für ein sorbisches NS-Opfer ist der katholische Priester Alois Andritzki (obersorbisch Alojs Andricki), der am 3. Februar 1943 im Alter von 29 Jahren im KZ Dachau ermordet wurde. Als engagierter Vertreter der Sorben war er ins Visier der Nazis geraten und nach einer Gefängnisstrafe in Dresden wurde er Anfang Oktober 1941 in den „Pfarrerblock des KZ Dachau deportiert. Kein Einzelfall. Gezielt wurden die Sprecher der kleinen Minderheit verfolgt und verbannt.

Der Autor Dr. Peter Schurmann schreibt zu den Zwangsversetzungs-Plänen sorbischer Lehrer aus der Niederlausitz[02]:

„Die Liste der zu versetzenden Personen lag vor und war dem Regierungspräsidenten der Provinz Mark Brandenburg im November 1940 ausgehändigt worden, um entsprechende Schritte einzuleiten. Unter den 25 Lehrern waren bekanntlich 16 aus der Niederlausitz.“

Ziel der Nazis war die „Germanisierung“ bzw. „Eindeutschung“ von Ober- und Niederlausitz. Dafür musste auch die sorbische Sprache ausgeschaltet werden. Das Sorbische wurde 1937 in der Öffentlichkeit und im Unterricht verboten.

Für die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg existierten sogar Umsiedlungspläne der Nazis.

Heinrich Himmler deutete in seiner berüchtigten Rede über die „Behandlung der Fremdvölkischen im Osten“ vom 15. Mai 1940 eine Deportation der Sorben ins besetzte Polen an:

„Die Bevölkerung des Generalgouvernements setzt sich dann zwangsläufig nach einer konsequenten Durchführung dieser Maßnahmen im Laufe der nächsten 10 Jahre aus einer verbleibenden minderwertigen Bevölkerung, die noch durch abgeschobene Bevölkerung der Ostprovinzen sowie all‘ der Teile des deutschen Reiches, die dieselbe rassische und menschliche Art haben (Teile, z. B. der Sorben und Wenden), zusammen.

Im Kern des sorbischen Siedlungsgebietes herrschte vielleicht kein kollektiver Widerstand, doch aber Renitenz gegenüber dem Nationalsozialismus vor. Darüber berichtet auch der deutsch-jüdische Chronist Victor Klemperer aus Dresden in seinen Aufzeichnungen:

„Der ruhige Scholze politisch jetzt erbittert, behauptet, es »koche« in der katholischen Wendei. Seit Wochen wimmelt auch die Zeitung von Schmutzprozessen gegen Pfarrer; es scheint mir das Trommelfeuer vor einem Schlag gegen die katholische Kirche.“[03]

Auch in seinem berühmten „Lingua Tertii Imperii“ schreibt Klemperer von der stark antinazistischen Stimmung unter katholischen Sorben, die ihm das Untertauchen bei der Familie Scholz aus Piskowitz (Sorbisch: Pěskecy, heute: Ortsteil von Nebelschütz) bei Kamenz ermöglichte:

„Wenn nicht ein besonderes Unglück ins Spiel kam, mussten wir in der Abgeschiedenheit des Nestes untertauchen können. Zumal, wie wir genau wußten, die Bevölkerung stark antinazistisch war, Wenn es ihr frommer Katholizismus allein nicht tat, so immunisierte sie bestimmt ihr Wendentum: Diese Menschen hingen an ihrer slawischen Sprache, deren sie der Nazismus im Kult und Religionsunterricht berauben wollte, sie fühlten sich den slawischen Völkern verwandt und durch die germanische Selbstvergottung der Nazis gekränkt – das hatten wir von Agnes und ihren Nachfolgerinnen oft genug gehört.“[04]

Besonders in den katholischen Sorben, eine Minderheit der Minderheit, entdeckte Klemperer Hitler-Verweigerer:

„Aber im gleichen engen Raum gab es auch Gegengifte [gegen Hitler]. Da war die Heiligenecke, ihr Gekreuzigter war (wie fast alle Kruzifixe an den Dorfstraßen) wendisch beschriftet, und ebenso lag dort eine wendische Bibel.“[05]

Sorbenfeindlichkeit nach 1990

Zwar galt die sorbische Minderheit in der DDR als „hofierte Minderheit“, aber das bewahrte die sorbischen Siedlungsgebiete nicht davor dem Braunkohle-Tagebau zum Opfer zu fallen. In der SBZ/DDR wurden von 1945 bis 1989 73 sorbische Dörfer zerstört. Diese Zerstörung setzt sich bis heute fort.

Nach der Wende explodierte auch der deutsche Nationalismus, besonders im Osten, wo es in Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen sogar zu regelrechten Pogromen kam, die Unterstützung und Beteiligung aus der regionalen Bevölkerung erfuhren.

Genaue Zahlen sind unbekannt, da die Fälle von Sorbenfeindlichkeit eigentlich nicht gesondert erfasst werden, zudem dürfte es wie bei allen Fällen von Rassismus eine hohe Dunkelziffer geben.

Für die Jahre 2003 und 2004 dokumentierte das sächsische Innenministerium lediglich vier rassistische Vorfälle gegen Sorben.

Immer wieder werden die zweisprachigen Ortsschilder in der Lausitz „germanisiert“. So wurden im Mai 2005 an vielen zweisprachigen Ortsschildern die sorbischen Bezeichnungen unkenntlich gemacht.

Im Siedlungsgebiet der katholischen Sorben waren zudem immer wieder Kruzifixe mit sorbischer Inschrift das Ziel von Attacken. Bis Mitte August 2008 wurden in der sächsischen Oberlausitz acht Kruzifixe mit sorbischer Inschrift abgerissen und beschädigt.

Besonders auch Sorbischsprecher erfahren immer wieder Anfeindungen. Sie wurden von den Tätern häufig durch ihren nichtdeutschen Sprachgebrauch als „fremd“ kategorisiert und deswegen angefeindet, bedroht oder angegriffen. So werden in Diskotheken junge Sorben, die durch ihre Sprache erkennbar waren, zuweilen als „Sorbenschweine“ beschimpft.

Auch existiert eine strukturelle Diskriminierung gegenüber Sorbischsprechern. Von Arbeitgebern wie Resteraunt-Inhabern oder Fußball-Trainern gibt es immer wieder die Forderung auf den öffentlichen Gebrauch von Sorbisch zu verzichten.

Sogar im Behindertenheim des Klosters Marienstern von Panschwitz-Kuckau soll es die Anweisungen an die Angestellten gegeben haben, dass in Anwesenheit von des Sorbisch Unkundigen grundsätzlich Deutsch zu reden sei. Sonst drohten arbeitsrechtliche Konsequenzen.

Sorbenfeindlichkeit findet sich auch im ostdeutschen Fußball. Die Fans von Energie Cottbus oder Budissa Bautzen werden von ihren Gegnern, meist FSV-Zwickau-, Dynamo-Dresden-, Hnasa-Rostock- oder Hertha-BSC-Fans, als „Sorbenpack“ beschimpft. Wer per Suchmaschine nach „Sorbenpack“ sucht stößt zumeist auf Fußballfan-Foren, wo Stadionsprüche wie „ZICK, ZACK SORBENPACK!!!“ [06] dokumentiert werden.

Sorbenfeindliches Verhalten findet sich immer wieder auch auf Bezirksklassen-Niveau. Am 16. April 2011 in Nebelschütz bei Kamenz  reisten zu einem Spiel der Fußball-Bezirksklasse die Gäste des „SV Germania Bautzen“ mit einer 30- bis 40-köpfigen Hooligantruppe an. Diese provozierte während des Spiels mehrfach. Es soll aus der Gruppe Rufe gegeben haben wie „Heil Hitler!“ und „Scheiß Sorben”.

  1. Ronny Zasowk: Klarstellung der NPD-Position zu den Sorben und Wenden, 25.02.2009, http://npd-lausitz.de/klarstellung-der-npd-position-zu-den-sorben-und-wenden/1292 []
  2. Dr. Peter Schurmann: Zur Lösung der „Wendenfrage“ im so genannten Dritten Reich, in „Nowy Casnik“ vom 10.03.2009 (Nr. 10/2009), http://www.nowycasnik.de/artikle/31 []
  3. Tagebücher des Victor Klemperer, Eintrag vom 12. Mai 1937 []
  4. Victor Klemperer: LTI, Leipzig 1996, Seite 344/345 []
  5. Victor Klemperer: LTI, Leipzig 1996, Seite 347 []
  6. User “Fricky”, 24.02.2008, http://www.redboozers.de/Forum/viewtopic.php?p=305&sid=e977cbb7f28b8adacfae88ed73ab70ca []

7 Kommentare zu “In alter Tradition: Sorbenfeindlichkeit

  1. Soviel Worte für so einen Mückenfurz!
    Nur zur Information…während die DDR-Führung verzweifelt das ganze Land umgraben nach der Braunkohle umgraben ließ mußten viel mehr Nicht-Sorben Haus und Hof verlassen als Sorben! Die waren zu DDR-Zeiten wirklich priviligiert, als Vorzeige-Minderheit.
    Die Sorben sind neben den Dänen in Schleswig-Holstein denen ALLE Minderheiten-Rechte zugestanden worden sind. Sie können in ihrer Sprache unterrichten, haben ihre eigenen Medien und werden vom Staat mit Millionen gefördert.
    Jetzt ist ein Sorbe Ministerpräsident und was ein Neo-Nazi sagt ist natürlich aussagekräftig für den Rassismus einer ganzen Region, jawoll!
    Lichterkette, unbedingt!

  2. Na endlich mal ein echtes Problem!
    Ein Nazi pöbelt die Sorben an.
    Acht Kruzifixe mit sorbischer Inschrift wurden beschädigt. 
    Im Behindertenheim wird darauf geachtet, daß sich Mitarbeiter gegenüber Bewohnern und Besuchern in einer deren bekannten Sprache ausdrücken.
    Fußballfans rufen doch tatsächlich: zick,zack, Sorbenpack und wollen denen vielleicht auch noch die Lederhosen ausziehen.

    Meiner Meinung nach ist eine Lichterkette ein MUß!   

  3. Sorben sind uns Serben bekannt als Lužički Srbi, dass hat mir meine Mutter erzaehlt. Woher sie das weiss? Schule. Von der Sprache her, aehnelt sie mehr der polnischen als der serbischen. Wahrscheinlich sind das nur die Wurzeln die verbinden.
    Z.B. Berlin = Barolina = vom Namen „bara“ = Sumpf, pfuetze. Nun Berlin ist umgeben von Seen und Suempfen?

    • „Die Besiedlung des Gebietes des heutigen Berlin mit Slawen begann etwa zu Anfang des achten Jahrhunderts. Auch auf den trockenen Flächen der Sumpfgebiete zwischen dem Teltow und dem Barnim siedelten sie sich an. Auf der rechten Uferseite der Spree entstand die Siedlung Berlin, und auf einer Spreeinsel Cölln. Bereits zum Ende des 12. Jahrhunderts / Anfang des 13. Jahrhundert, finden sich weitere Siedlungen, die später zum Stadtgebiet Berlins gehören sollten, erwähnt: 1197 Spandau, 1209 Köpenick und 1237 Cölln.
      Die erste urkundliche Erwähnung des Ortes Berlin erfolgte 1244, bereits schon in der Schreibung Berlin. Ein weiterer Beleg von 1288 zeigt den Ort 1288 als Berlyn.
      Da der Ort in slawischem Siedlungsgebiet erwuchs, lässt sich auch der Ortsname aus einer slawischen Sprache, genauer aus dem Altpolabischen, erklären.
      Zugrunde liegt die Wurzel *brl-, die als „Morast, Sumpf“ verstanden werden kann, mit einem in Ortsnamen typischen Suffix -(i)n. Dem Namen nach ist Berlin also der „Ort im Sumpf“. “

      aus http://www.onomastik.com/on_geschichte_berlin.php

    • @lidija,
      entgegen zahlreicher anderslautender serbischer Propagandaschriften, besteht keine besondere Verwandtschaft zwischen Serben und Sorben, außer der natürlich, dass es sich bei beiden um Slaven handelt. Serben gehören der südslavischen Gruppe der Slavinen an, Sorben hingegen, wie Sie bereits selbst korrekt zuordneten, der westslavischen, der auch Polen und Tschechen zuzuordnen sind.
      Die territoriale Verbindung zwischen West- und Südslaven wäre das Gebiet zwischen Tschechien und Slowenien, das heute so gut wie rein deutschsprachig besiedelt ist (österreichisches Territorium).
       
      Zöge man zwischen den deutschen Städten Hamburg, Nürnberg und Passau eine Linie, so erhielte man grob die alte Grenze zwischen Slaven und Germanen. Links, also westlich, das Territorium der Germanen, rechts, bzw. östlich der Linie – Slavenland. Demgemäß findet man in Sachsen, in der Oberpfalz und in Niederbayern zahlreiche Orts- und Personennamen mit slavischer Wurzel (Dresden, Leipzig, Rötz, Beham, Behammer etc.; die niederbayerische Form für hochdeutsch „komm!“ ist wohl ebenfalls slavisch beeinflusst und lautet demgemäß „kim!“)

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