Fall Mohammed al-Dura: Israelischer Arzt verurteilt

Der zwölfjährige Mohammed al-Dura, der im September 2000 in den Armen seines Vaters starb, gilt als palästinensische Symbolfigur der „zweiten Intifada“. Nun hat ein französisches Gericht einen israelischen Arzt wegen Verleumdung verurteilt. Der Orthopäde hatte Einzelheiten aus einer Krankenakte von Mohammeds Vater veröffentlicht – damit wollte er belegen, dass dessen Wunden von einer Operation sechs Jahre vor dem Schusswechsel im Gazastreifen stammten…

Von E. Hausen, inn v. 02.05.2011
 
Der israelische Orthopäde David Jehuda hatte den Vater Dschamal al-Dura 1994 im Krankenhaus von Tel HaSchomer bei Tel Aviv behandelt. Die Handnerven des Patienten waren teilweise gelähmt. Der Palästinenser war nach Angaben des Arztes von Hamas-Anhängern angegriffen und verletzt worden, die ihm Kollaboration mit Israel vorwarfen. Daraufhin wurde er zunächst in Gaza medizinisch versorgt und dann nach Tel HaSchomer überwiesen, wo er operiert wurde, hieß es laut der Zeitung „Jediot Aharonot“. Im Jahr 2008 sagte Jehuda einer jüdischen Publikation in Frankreich, die Narben des Vaters seien durch den Hamas-Angriff und die Operation hervorgerufen worden.

Am 30. September 2000, in den ersten Tagen der „Al-Aksa-Intifada“, war es an der Netzarim-Kreuzung im Gazastreifen zu einem Schusswechsel zwischen israelischen Truppen und bewaffneten Palästinensern gekommen. Dschamal al-Dura wurde schwer verwundet, als er seinen Sohn schützen wollte. Die Bilder von Mohammeds Tod gingen um die ganze Welt. Die Palästinenser machten die israelische Armee dafür verantwortlich, doch spätere Berichte warfen Zweifel an dieser Darstellung auf. Die Verfasser äußerten die Vermutung, dass der Zwölfjährige möglicherweise von einer palästinensischen Kugel getroffen worden war.

Das Pariser Gericht verurteilte Jehuda am Freitag zu einer Geldstrafe von 13.000 Euro wegen Verleumdung. Der Orthopäde will allerdings Widerspruch einlegen. Nach seiner Aussage bezieht sich das Urteil auf die Äußerung, dass der Sohn nicht durch eine israelische Kugel gestorben sei. Doch davon sei in der Anklageschrift jedoch keine Rede gewesen. „In den vergangenen zwei Jahren habe ich den gerechten Krieg des Staates Israel gekämpft. Dies ist ein furchtbarer Betrug“, sagte er nach dem Urteil. Die Wahrheit werde mit Füßen getreten. „Ich hatte von Frankreich und von den Richtern Rechtschaffenheit erwartet, aber dies ist widerlich. Eine weitere Welle der Terrorangriffe könnte aus dieser Entscheidung hervorgehen.“

Unterstützung durch israelische Regierung

Der israelische Minister für Strategische Angelegenheiten, Mosche Ja´alon, und der Minister für öffentliche Diplomatie und Diaspora, Juli Edelstein, sicherten Jehuda Unterstützung zu. Der Staat Israel werde für dessen Verteidigung und den Widerspruch aufkommen.

Der arabische Knessetabgeordnete Ahmed Tibi hingegen forderte die israelische Ärztevereinigung und das Gesundheitsministerium auf, den Arzt strafrechtlich zu verfolgen. Denn der Missbrauch und die Fälschung von Krankenakten sei ein Straftatbestand.

Al-Dura sagte in Kairo gegenüber „Jediot Aharonot“: „Ich habe mich sehr gefreut, zu hören, dass das Gericht zu meinen Gunsten geurteilt hat, aber andererseits bin ich noch voller Zorn darüber, dass Israel zu behaupten versucht, dass es nicht meinen Sohn getötet und mich verletzt habe.“ Er habe nichts gegen das israelische Volk, sondern nur gegen die Armee, die versuche, „die Wahrheit hinter der Angelegenheit zu verbergen“.

Der Vater fügte hinzu: „Ich leide immer noch unter der Wunde von dem Vorfall, bei dem mein Sohn getötet wurde, und Israel behauptet immer noch, mich nicht angerührt zu haben.“ Er habe medizinische Dokumente aus Krankenhäusern in Jordanien und im Iran, die ihn nach dem Schusswechsel behandelt hätten. Diese Papiere bewiesen, dass die Worte des israelischen Arztes nicht stimmten. „Er kann alles behaupten, was er möchte, dafür gibt es Gerichte. Er hat gelogen und das französische Gericht hat zu meinen Gunsten geurteilt.“

Inszenierungsvorwurf gegen französischen Sender

Eine Untersuchung der israelischen Armee hatte jedoch nach dem Vorfall ergeben, dass eine palästinensische Kugel den Tod des Jungen verursacht habe. Im Mai 2008 sprach zudem ein französisches Gericht den Medienbeobachter Philipp Karsenty frei, der zuvor wegen Verleumdung des französischen Senders „France 2“ verurteilt worden war. Der Staatssender hatte im Herbst 2000 gezeigt, wie der Junge im Gazastreifen offenbar von israelischen Soldaten erschossen wurde. Dies sah das Gericht als Inszenierung an.

Karsenty von der Agentur „Media-Ratings“ hatte von Anfang an Zweifel an der offiziellen Darstellung gehegt, auch wenn Aufnahmen eines toten Jungen diese offenbar bestätigten: „Der Pathologe hat in der Tat einen toten Jungen untersucht, aber schon um 12 Uhr mittags. Mohammed al-Dura soll aber erst um 3 Uhr nachmittags erschossen worden sein. Und überhaupt: Die Bilder aus dem Leichenschauhaus stimmen nicht mit den Bildern von Mohammed al-Dura überein. Das ist lächerlich.“

Bereits im Jahr 2002 hatte die deutsche Journalistin Esther Schapira Zweifel daran geäußert, dass der junge Palästinenser von Israelis erschossen worden sei. Ihre Dokumentation „Drei Kugeln und ein totes Kind – Wer erschoss Mohammed al-Dura?“ legte nahe, dass palästinensische Kugeln das Kind trafen.

Mittlerweile bestehen sogar Zweifel daran, dass Mohammed überhaupt bei dem Feuergefecht ums Leben gekommen ist.