„Blauer Strich heißt Leben, Rotes Kreuz bedeutet Tod“

70 Jahre nach Beginn der nationalsozialistischen Euthanasieverbrechen…

Eine Spurensuche von Maximiliane Saalfrank und Thies Marsen

„Immer gegen halb 3 Uhr am Nachmittag sind die grauen Busse in den Hof gefahren“, erinnert sich Sepp Staudinger. Der 85-jährige lebt auf dem Nachbarhof des Paulusstifts in Neuötting und gehört zu einem kleinen Kreis von Zeitzeugen, die über die Geschehnisse der Euthanasie in Bayern berichten können.

Am 1.September 1939 hatte Hitler den „Gnadentod“ unheilbar Kranker angeordnet. Organisiert wurde der Massenmord von der, sich zynisch als „Reichsarbeitsgemeinschaft Heil- und Pflegeanstalten“ bezeichnenden, Euthanasiezentrale. Ihr Sitz war in der Tiergartenstrasse 4 in Berlin, daher auch die Tarnbezeichnung „T4“. Bereits im Oktober 1939 begann die systematische Erfassung Behinderter, psychisch und neurologisch Kranker mittels Meldebögen in allen Heil- und Pflegeanstalten des Deutschen Reichs. 1940 lief dann die Tötungsmaschinerie in den Gaskammern an, der schließlich allein in Bayern 7000 Menschen zum Opfer fallen sollten.

Für die Pfleglinge, die in den Heimen geblieben waren, begann jetzt die Zeit der „wilden Euthanasie“ mit Todesspritzen oder tödlichen Menschenversuchen. Parallel dazu reduzierten die Kliniken die Lebensgrundlagen ihrer Patienten auf ein Minimum: Ohne Essen mussten sie in krass überbelegten Räumen ausharren ohne Heizung, ohne pflegerische oder ärztliche Betreuung.

Meist sind es Nichten, Neffen oder entfernte Verwandte, die sich für das Schicksal von Angehörigen interessieren, die durch die NS-Euthanasie ermordet wurden. Sie kommen in der Sendung ebenso zu Wort, wie Lokalhistoriker, die das Thema aufarbeiten. Etwa Barbara Schwebe aus Wörthsee, die bei ihren Recherchen für die Ortschronik von Etterschlag entdeckte, dass ein Etterschlager in Hartheim ermordet wurde. Oder Peter Bierl aus Dießen am Ammersee, der die Zwangssterilisationen und den Ablauf der Euthanasie im Landkreis Fürstenfeldbruck dokumentiert hat.

70 Jahre nach dem Beginn der industriell-systematischen Vernichtung von Menschen werden viele Spuren der Ermordeten gerade erst entdeckt. Maximiliane Saalfrank und Thies Marsen haben nach solchen Spuren der Euthanasie in altbayerischen Einrichtungen gesucht, sie fragten Zeitzeugen und Angehörige, wälzten Archivgut und kamen zu neuen und oft bestürzenden Erkenntnissen.

Bayern2, Zeit für Bayern, Montag, 1.November 2010, 12.05 Uhr – on Air oder per Internet unter www.bayern2.de
Ab Dienstag, 2. November auch als
podcast.