Nachrichtensperre verwirrt Israelis

Die Zeitung Jedijot Achronot erlaubte sich einen seltenen Jux. Auf einer ganzen Seite gab sie einen übersetzten Agenturbericht wieder, in weiten Teilen jedoch bis zur Unkenntlichkeit geschwärzt…

Von Ulrich W. Sahm, Jerusalem, 8. April 2010

„Ich rede mit Kennern, die gezwungen…. nichts zu sagen…wäre glücklich zu erzählen…Auch ihr Anwalt…würden gerne reden….“ Weder der Name der Figur, um die es geht, noch ihr vermeintliches Verbrechen durften wegen einer Verfügung der Bezirksrichterin Einat Ron aus dem Tel Aviver Vorort Petach Tikwa erwähnt werden. „Alle Welt weiß Bescheid, nur die Israelis nicht“, klagte Moderator Jaron Dekel im Radio. Während einer zweistündigen Debatte zu dem Thema fragte er die Militärkorrespondentin Carmella Menasche: „Kannst Du uns mehr verraten?“ Die sonst so gesprächige Enthüllungsjournalistin zu delikaten Missständen in der israelischen Armee sagte kurz: „Nein, ich will mich mit der Zensur nicht anlegen.“ Dabei blieb es.

Das Internet ist derweil überschwemmt mit der mysteriösen Geschichte einer seit Dezember unter Hausarrest stehenden jungen Frau. „Wir wollen die volle Wahrheit über Anat Kam“ wird derweil auf Hebräisch beim sozialen Netzwerk Facebook gefordert, mitsamt einem Bild der 23 Jahre alten Journalistin. Angeblich hat sie während ihres Militärdienstes an Uri Blau der linksliberalen Zeitung Haaretz geheime fotokopierte Pläne des Militärs weitergegeben, gezielte Tötungen an Palästinensern vorzunehmen, unter Missachtung bestehender Gesetze und Regeln. Kam wurde unter Hausarrest gestellt. Falls schuldig gesprochen, drohen ihr wegen Hochverrat und Spionage 14 Jahre Haft.

Die Affäre macht in Israel große Schlagzeilen, freilich ohne Namensnennung, ohne das Verbrechen zu erwähnen, ohne Andeutung, worum es eigentlich geht. Dalia Dorner, eine ehemalige Oberrichterin und heute Vorsitzende der Journalistenvereinigung, hält die übereilten richterlichen Veröffentlichungsverbote im Zeitalter des Internet für „lächerlich, überflüssig, veraltet, schädlich und traurig“. Ein Fernsehsender und Haaretz forderten bislang erfolglos eine Aufhebung des Publikationsverbots. Andere reden vom Schaden für das Ansehen Israels. Aus welchen Gründen die Richterin Ron die Nachrichtensperre verhängt hat, kann nur erraten werden.

„Schaden für die Sicherheit des Staates“ ist die übliche Ausrede der Militärzensur, der im Prinzip alle israelischen und per Unterschrift auch alle akkreditierten Auslandskorrespondenten unterliegen. Doch seit vielen Jahren ist von der Pressezensur des Militärs kaum etwas zu spüren, solange Reporter sich brav auf „ausländische Quellen“ berufen, wenn sie über die vermeintlich existierenden israelischen Atombomben berichten, oder behaupten, dass israelische Kampfflugzeuge im September 2009 eine vermeintliche Atomanlage im Norden Syriens bombardiert hätten. Nur in Kriegszeiten erwacht die Zensur, indem sie Fernsehsendern verbietet, live über den genauen Ort der Treffer feindlicher Raketen zu berichten. CNN, BBC oder Al Dschesira sollen daran gehindert werden, den Raketenschützen der Hisbollah im Libanon und früher des Irak als Zielhelfer zu dienen.

Ansonsten sorgt die Zensur dafür, dass die Namen gefallener Soldaten nicht vorzeitig veröffentlicht werden, damit deren Familienangehörige vom Tod ihrer Söhne nicht aus den Medien erfahren müssen. In Begleitung von Psychologen und Sozialarbeitern übermitteln erst einmal Vertreter des Militärs den Familien einzeln die schreckliche Nachricht. Deshalb dauert es oft Stunden, bis der Militärsprecher Grenzzwischenfälle bestätigt, bei denen es israelische Opfer gab. Gemäß einem ähnlichen Prinzip handelt auch die Polizei nach Autounfällen, denn am Ende wird der Name eines jeden israelischen Verkehrstoten in den Nachrichten veröffentlicht.

Im vorliegenden Fall der „verheimlichten Affäre“ hat die Militärzensur erklärt, sie für die Nachrichtensperre keine Verantwortung trägt. Das „Schweigegebot“ habe ein Richter verhängt, nicht die Zensur.

Problematisch ist tatsächlich die Leichtigkeit, mit der Richter Nachrichtensperren verhängen, nicht nur, um Opfer von Sexualverbrechen oder Minderjährige zu schützen.

So wurde im Zusammenhang mit dem Korruptionsprozess gegen den ehemaligen Ministerpräsidenten Ehud Olmert augenzwinkernd berichtet, dass demnächst „eine sehr hohe Persönlichkeit“ zwecks Verhör in Haft genommen werden könnte. Es ist anzunehmen, dass es sich nicht um die zusammen mit Olmert angeklagte Sekretärin handelt… Der Name jener Persönlichkeit unterliegt auch einer Nachrichtensperre.

© Ulrich W. Sahm / haGalil.com

103 Kommentare zu “Nachrichtensperre verwirrt Israelis

  1. @H. P.:

    Der Ton macht die Musik. Was sollen die Provokationen bezwecken? Normalerweise spricht jemand nur so, wenn er sich verletzt fühlt. Dann wird der andere einmal so richtig nach Strich und Faden „gedisst“, wie die Jugendlichen es heute nennen. Es ist nicht nur unfeiner Stil, sondern auch ein Zeichen von Schwäche und fehlender Souveränität. Man hat damit seine Glaubwürdigkeit verloren und fühlt sich keineswegs besser, zumindest nicht ganz tief in der Seele. Ich kann mir gut vorstellen, dass Sie in Israel auch Positives mit Israelis erlebt haben und diese Menschen Ihnen in der Zwischenzeit etwas bedeuten. Wollen Sie wirklich derart grob über diese Ihre Freunde sprechen und all die Vorurteile, denen sie ein Leben lang ausgesetzt sind und worunter Sie leiden, noch Vorschub leisten mit Ihren Sätzen? Ich hab den Eindruck, dass Sie jetzt einfach verletzt sind und Sie es nicht wirklich so meinen.

    Lieben Gruß

  2. „Sie wollen doch auf dieser Plattform ernst genommen werden, nicht?“
    – Nein, wie Lo bereits angemerkt hat. Ich nehme mich nicht einmal selbst ernst, weshalb ich das auch nicht von Anderen erwarten kann. Wenn Sie mich als infantil bezeichnen, macht mich das in gewisser Weise sogar gluecklich, da ich immer Kind im Herzen bleiben wollte. So emotionsbeladen bin ich im Uebrigen nun auch wieder nicht, was Sie in Ermangelung der Kenntnis meiner Mimik und Gestik aber nicht wissen koennen…

    Weiterhin gebe ich Aeusserungen auf Pennaelerniveau der Bezeichnung eines Schwarzen als ‚Obimbo‘ tausendmal eher den Vorzug, ueber die sich Keiner, kein Einziger von Ihnen auch nur ansatzweise beschwert hat, aber hier ist wohl der falsche Ort, abgesehen von Antisemitismus, andere Auswuechse von Rassismus anzukreiden.

    Drei Dinge noch, bevor ich mich wieder wichtigeren Dingen widme: Herr Zion, Sie stellen folgende, durchaus gewagte These auf: “ Im übrigen das was sie besetzte Gebiete nennen heisst Schomrom und Judea und damit gibt es keine sogenannten besetzten Gebiete.
    Weil alles ist Israelisch Staatsgebiet denn die Grenze im Osten ist die zu Jordanien und Syrien.“ Verbindet man diese, Ihre Aussage mit folgender, naemlich „Es sei denn Sie sind ein deutscher Aufbauhelfer bei den Palestinäser. Was eigentlich mehr Sinn macht…”, fragt man sich doch letzten Endes wie es sein kann, dass ein Land mit einem BIP von 22.475 $ pro Kopf im Jahre 2007 Aufbauhilfe aus dem Ausland benoetigt, wo die Zahlen doch eindeutig von einer vitalen Wirtschaft sprechen. Und Ihre Behauptung, Palaestinenser waeren – speziell auf das dritte Reich bezogen – germanophil, haette ich doch gerne mit irgendwelchen stichhaltigen Querverweisen untermaeurt gesehen. Wenigstens erkennen Sie durch Ihre Aeusserungen indirekt das erwachte palaestinensiche Nationalbewusstsein an, denn sonst haetten Sie selbige als Araber bezeichnet, nicht wahr?

    Zu Ihnen, Herr Schlickewitz, folgendes: Grundsaetzlich teile ich Ihre Ansichten ueber Adenauer, lasse mich aber im Umgang mit Rassisten jeder Couleur eher von Voltaire, dessen Meinung ueber das juedische Volk, jedoch nicht die Religion, nicht von mir geteilt wird, als von irgendeinem reaktionaerem Gewaltaufruf leiten: „Du bist anderer Meinung als ich und ich werde dein Recht darauf bis in den Tod verteidigen.“
    Auch muss ich Ihnen eingestehen, aus einer pazifistischer Grundeinstellung heraus – der Widerspruch zu vorigem Zitat ist mir durchaus bewusst – dankbar die Moeglichkeit der Wehrdienstverweigerung wahrgenommen zu haben, sowie weder einen Reisefuehrer noch ein Woerterbuch mein Eigen nennen zu duerfen. Da ich seit ueber einem halben Jahr statt in meiner Muttersprache in Englisch kommuniziere, hielt ich das ‚a‘ durchaus angebracht, haette aber vielleicht aufgrund der Klangreinheit ein ‚v‘ anstelle eines ‚w‘ benutzen sollen. Sind Ihnen eigentlich jemals die doch sehr unterschiedlichen Uebertragungen der hebraeischen Lettern in die lateinischen auf den Strassenschildern aufgefallen?
    Die Kommentare verfasse ich uebrigens waehrend meiner Arbeitszeit, da ich in meiner Freizeit wirklich Wichtigeres zu tuen habe, als bei HaGalil zu schwadronieren oder gar einen Ulpan zu besuchen und irgendwie muss ich ja bei meinen israelischen Arbeitskollegen den Anschein eines bienenfleissigen Deutschen wahren. Aber haben Sie keine Angst, Herr Schlickewitz, lange muessen Sie mich nicht mehr ertragen, denn morgen ist mein letzter Arbeitstag in Israel und Anfang naechster Woche darf ich wieder meinen blutbefleckten Heimatboden kuessen, was gleichzeitig mein Interesse gegenueber dem israelischen Staat und dem Kampf fuer bzw. gegen Pressefreiheit gegen Null tendieren laesst.
    Anstatt auf meine Schreibe zu reagieren, koennen Sie dann Ihrerseits mehr Freizeit in Ihre aeh… Mai-Chronik fliessen lassen. Ich habe zwar keine Ahnung, worueber es darin gehen soll, da Sie mir aber mittlerweile sympathischer als Jane sind, welche wohl arbeitslos ist oder keine Freunde hat, dass sie ihre Zeit derart mit HaGalil vergeuden muss, lasse ich Sie einen kleinen Blick auf das in meinen Augen beste Beispiel einer historischen Ironie werfen:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Fugu-Plan

    天皇陛下万歳!

    Sollte ich tatsaechlich einmal unter Potenzproblemen leiden, kann ich mir zum Glueck dank privater Krankenversicherung vom Arzt meines Vertrauens Dauerbummsdragees verschreiben lassen und wenn die nicht helfen, werde ich wohl in meiner frei gewordenen Zeit wieder bei HaGalil unqualifizierte Kommentare abgegen muessen.

  3. Mein Neffe (16) erzählt mir immer wieder mal, wie seine deutschen Kumpels aus dem Internet sich beklagen, wie emotional kalt sie Deutschland erleben. Ich habe auch schon festgestellt, dass z. B. der deutsche Humor ganz anders liegt als der schweizerische und offenbar nicht so viel auf Höflichkeit wert gelegt wird wie in der Schweiz. Wollte damit nur sagen, dass es allein schon zwischen der Schweiz und Deutschland kulturelle Unterschiede gibt, die immer wieder zu Problemen führen. Deshalb ist es nicht verwunderlich, wenn dann noch ein Nord-Süd-Gefälle hinzukommt. Überhaupt werden Völkerverständigungsprobleme so gesehen verständlicher. Ich selbst hege auch Vorurteile aufgrund von negativen Erfahrungen, lerne aber dann immer wieder Menschen aus der von mir vorverurteilten Bevölkerung kennen, die mir zeigen, dass es zumindest Ausnahmen zu geben scheint. Natürlich könnten auch die negativen Beispiele Ausnahmen sein, weil ich ja nicht ALLE kenne.

    Jedenfalls kann ich gut verstehen, wenn jemand nichts mehr mit einer bestimmten Bevölkerungsgruppe zu tun haben will, weil er etwas gravierend Schlimmes damit verbindet. Es ist sogar verwunderlich, wie viele deutsche Juden doch noch an Deutschland hängen und sich als Deutsche empfinden. Natürlich darf man nicht vergessen, dass viele Juden in deutschem Boden ruhen und ihnen Ehre erwiesen wird nach all dem Leid. Es werden auch immer wieder neue Judengräber gefunden. In diesem Sinne ist Deutschland auch jüdisch, gerade auch durch die jahrhundertelange Geschichte der deutschen Juden. Es gibt auch kein arisches deutsches Volk. Das ist ein Mythos der Nazis. In Wirklichkeit sind alle Mischlinge und nicht wenige mit jüdischen Wurzeln. Ich gehe eher davon aus, dass es nicht die ethnische Herkunft ist, sondern die Kultur, welche die Menschen so prägt.

    Lieben Gruß

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