Umkehr zum eigentlichen eigenen Selbst

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Foto: Ri Butov

Ein chassidischer Impuls zu Rosch haSchana 5787

Von Thomas Tews

Die chassidischen Meister wiesen darauf hin, dass der hebräische Name des jüdischen Neujahrsfestes Rosch haSchana wörtlich nicht „Anfang des Jahres“, sondern „Kopf des Jahres“ bedeutet. So wie der Kopf den Körper steuert, so haben unsere an Rosch haSchana gefassten Vorsätze einen großen Einfluss auf das kommende Jahr.

Die zehn Tage zwischen dem Neujahrstag Rosch haSchana und dem Versöhnungstag Jom Kippur, dem heiligsten Tag im jüdischen Kalender, werden Furchtbare Tage (Jamim noraïm), Tage der Buße, Tage des Gerichtes oder Tage der Gnade genannt. An ihnen geht es um die Erneuerung der Menschenseele in einem Vorgang der Selbstbesinnung und Umkehr, des Gerichtes und der Gnade. Am Versöhnungstag, dem Tag des Sündenbekenntnisses, der Läuterung und des strengen Fastens, findet der am Neujahrstag begonnene Vorgang der Seelenwende und Seelenerneuerung seine Vollendung.

In der Schule des großen Maggid (Redner/Prediger) Dov Bär von Mesritsch (?–1772), dem Schüler von R. Israel Baal Schem Tov (1698–1760) und nach dessen Tod zweitem Führer der chassidischen Bewegung, nannte man Rosch haSchana das Haupt des Jahres als den Moment des schöpferischen Gedankens und Jom Kippur das Herz des Jahres als den Moment der elementaren Erfüllung.

Bereits Maimonides, eigentlich R. Mosche ben Majmon (Akronym: Rambam; 1135–1204), eine Schlüsselfigur des sephardischen Judentums, hatte in seinem in den Jahren 1168 bis 1177 zusammengestellten Opus magnum Mischneh Tora, dem ersten und einzigen Werk, das systematisch alle Vorschriften und Verordnungen der Tora kodifizierte, darauf hingewiesen, dass es „in den zehn Tagen zwischen Rosch haSchana und Jom Kippur noch wünschenswerter“ als sonst sei, „Teschuwa zu tun und G“tt anzurufen“. Teschuwa besteht Maimonides’ monumentalem Gesetzeskodex zufolge „[d]arin, dass der Sünder sich von seiner Sünde lossagt, sie aus seinen Gedanken entfernt und sich in seinem Herzen entschließt, sie nie wieder zu begehen“. Dabei müsse der Sünder „das Vergangene bereuen“.

Maimonides’ Auffassung von Teschuwa als Reue widersprach R. Menachem Mendel Schneerson (1902–1994), der siebte und letzte ‚Lubawitscher Rebbe‘ der chassidischen Chabad-Bewegung, im zweiten Band seines 39-bändigen Werkes Likkutej Sichot, einer Sammlung seiner – von ihm selbst für die Veröffentlichung zu Aufsätzen überarbeiteten – Reden. Darin versteht er Teschuwa als Rückkehr zum eigentlichen eigenen Wesen:

Teschuwa wird üblicherweise mit Reue übersetzt. Aber in Wahrheit hat das hebräische Wort Teschuwa eine andere, geradezu gegenteilige Bedeutung.

‚Reue‘ bedeutet, dass man die Vergangenheit hinter sich lässt und neu anfängt. Teschuwa bedeutet aber ‚Umkehr‘. Das ist Ausdruck der Annahme, dass der Mensch von Natur aus gut ist und von Natur aus nur Gutes tun will; der Mensch kehrt um zu seinem wahren, eigentlichen Selbst und stellt die Souveränität über sein Leben wieder her.“

Zu Rosch haSchanah:
Die Umkehr als freiwillige Handlung
Das jüdische Neujahrsfest unterscheidet sich wesentlich von allen ähnlichen Festtagen, die andere Religionen, Völker und Kulturen pflegen. Für die jüdische Tradition stehen diese Tage unter dem Zeichen der Umkehr.

haRaMBaM:
Die Hilchoth Teschubah – Die Regeln der Umkehr
Die Hilchoth Teschuwah, Teil des Sefer haMad’a, Teil der Mischne Torah, behandeln ein Gebot: Der Sünder, d.h. jener der einen Fehler begangen hat, soll umkehren von seinem Fehler gegen G’tt und ein Sündenbekenntnis ablegen, d.h. er soll seinen Fehler zugeben.