Ein Knesset-Abgeordneter, der sich über Recht und Ordnung hinwegsetzt, der sich nicht an Regeln hält und seine Immunität für politische Zwecke ausnutzt? Das ist in Israel nicht wirklich etwas Neues, aber einer hat es besonders auf die Spitze getrieben. Zvi Sukkot, Abgeordneter der Religiösen Zionisten, hat gerade erst wieder für internationale Schlagzeilen gesorgt. Diesmal war auch in Israel sehr deutliche Kritik aus dem gesamten politischen Spektrum zu hören.
Sukkot hatte am Dienstag im palästinensischen Dorf Madama bei Nablus mit einem Vorschlaghammer dabei mitgeholfen, einen Gedenkstein zu entfernen. Im Dorf werden so die „Märtyrer“ geehrt. Das Denkmal wurde von der Terrorgruppe PFLP errichtet und listet auch einen Selbstmordattentäter auf, der bei einem Anschlag an der Geha Kreuzung vier Israelis ermordete. Dass die Verherrlichung von Terror nicht geduldet werden sollte, ist klar und der Gedenkstein sollte sowieso in den kommenden Wochen von der israelischen Armee entfernt werden. Sukkot aber entschied sich, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Nicht ohne Aufnahmen, die er in den Sozialen Medien verbreitete.
عضو كنيست الاحتلال تسبي سوكوت يقتحم بحماية جيش الاحتلال قرية مادما جنوب نابلس ويحطم صرح الشهداء pic.twitter.com/2CblqYtLau
— شبكة قدس الإخبارية (@qudsn) August 25, 2026
Sukkot hatte nach Berichten des Armeesenders Galej Zahal bereits Wochen zuvor eine militärisch begleitete „Denkmal-Tour“ durch mehrere Dörfer, darunter Beita, Burin und Madama, beantragt. Die Armee lehnte zunächst ab, unter anderem wegen der angespannten Personalsituation durch die Vorfälle im nahegelegenen Ort Qusra. Erst als Sukkot drohte, die Tour notfalls ohne Militärschutz durchzuführen, lenkte die Armee ein. Die Zerstörungsaktion selbst sei jedoch nicht abgesprochen gewesen, erklärte das Militär. Die Teilnehmer hätten „täuschend und manipulativ, ohne Befugnis und unter vollständigem Verstoß gegen den genehmigten Rahmen“ gehandelt, so die deutlichen Worte des Armeesprechers. Die Soldaten vor Ort hätten sich nach Bekanntwerden der Aktion mit ihren Vorgesetzten abgestimmt und den Befehl erhalten, einzugreifen und die Gruppe aus dem Dorf zu entfernen. Auf dem veröffentlichten Video ist ein solches Eingreifen allerdings nicht zu sehen. Ein Sprecher der Armee erklärte gegenüber der Jerusalem Post, den Soldaten sei kein Fotograf zugeteilt gewesen, weshalb kein Beweismaterial für ein Eingreifen vorliege. Die Armee betonte zudem, hetzerische Denkmäler und Symbole werden regelmäßig entfernt, allerdings mit den erforderlichen Genehmigungen und in Abstimmung mit der Zivilverwaltung. Sukkot hat selbst übrigens keinen einzigen Tag in der Armee gedient, die er so zynisch ausnutzt.
Sukkots Aktion löste scharfe Kritik quer durchs politische Spektrum aus. Premierminister Benjamin Netanjahu erklärte, Selbstjustiz sei inakzeptabel und beeinträchtige die Fähigkeit der Armee, sich auf ihre eigentlichen Aufgaben im Kampf gegen Terror und Hetze zu konzentrieren. Gadi Eisenkot (Jaschar) nannte Sukkots Verhalten eine „Schande“, die Israel schade, und warf Netanjahu vor, solche Alleingänge zuzulassen und damit die Sicherheit der Siedlungen zu gefährden.
Besonders scharf äußerte sich Oppositionsführer Yair Golan (Demokraten), der in einem inzwischen gelöschten Post auf X schrieb, Sukkot gehöre „hinter Schloss und Riegel und nicht in die Knesset“. Er machte Sukkot zudem dafür verantwortlich, dass die Armee am Vorabend des Massakers vom 7. Oktober ins Westjordanland abgezogen worden sei, und forderte, Kahanisten und Messianisten müssten bei den kommenden Wahlen aus den Machtzentren entfernt werden. Sukkot drohte Golan daraufhin mit einer Klage, sollte er den Post nicht binnen einer halben Stunde löschen – was Golan letztlich tat.
Auch Außenminister Gideon Sa’ar verurteilte den Vorfall und stellte klar, Sukkot sei „nicht der Souverän“ in Judäa und Samaria, alle Entscheidungen müssten vom Staat gemeinsam mit den Sicherheitskräften getroffen werden. Genau das Gegenteil habe der Abgeordnete jedoch wissentlich getan. Der Abgeordnete Gilad Kariv (Demokraten) kritisierte, dass die Armee wiederholte Anfragen zur Eskorte nach Qusra wegen Personalmangels abgelehnt habe, nun aber offenbar doch Kräfte frei gewesen seien, um den „Brandstifter“ ins Herz eines palästinensischen Dorfes zu eskortieren. Erst am Vortag habe der Kommandeur des Zentralkommandos gewarnt, es brauche nur ein Streichholz, um das Westjordanland zu entzünden, Sukkot übernehme diese Rolle mit Begeisterung.
Auch Finanzminister Bezalel Smotrich, Sukkots Parteichef, räumte ein, dass die Zerstörung hetzerischer Denkmäler im Westjordanland allein der Armee vorbehalten sei, warf Oppositionspolitikern aber bei dieser Gelegenheit vor, in Wahrheit die Siedlungen abreißen und einen „Terrorstaat im Herzen unseres Landes“ errichten zu wollen.
Kein Einzelfall
Sukkot, der seit 2023 mit einer kurzen Unterbrechung der Knesset angehört und seit Dezember 2025 den Ausschuss für Bildung, Kultur und Sport leitet, ist bereits mehrfach mit ähnlichen Alleingängen aufgefallen. Im Juli filmte er sich selbst dabei, wie er das Schild einer palästinensischen Schule in der Jerusalemer Altstadt beschädigte, weil diese ein Curriculum der Palästinensischen Autonomiebehörde verwende. Rund zwei Wochen vor dem aktuellen Vorfall war er zudem bei einer offiziellen Besuchstour des Bildungsausschusses in der arabischen Stadt Rahat auf heftigen Widerstand gestoßen: Bewohner beschimpften ihn als „komplette Null“ und Provokateur, dennoch setzte er den geplanten Besuch unter verstärktem Sicherheitsschutz fort. Bereits 2024 war Sukkot zudem an der illegalen Erstürmung des Militärstützpunkts Sde Teiman beteiligt, wo er unter anderem gegen die Festnahme von Reservisten protestierte, denen schwerer Missbrauch eines Gaza-Häftlings vorgeworfen wurde.
Bleibt zu hoffen, dass Sukkot zumindest bald nicht mehr in der Knesset vertreten sein wird. Die Umfragen sagen seiner Partei der Religiösen Zionisten durchgehend voraus, dass sie an der Sperrklausel scheitern wird. Von weiteren Provokationen wird ihn das aber sicher nicht abhalten.



