„Uns brennt der Boden unter den Füßen“

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Die jüdische Familiengeschichte von Claudio Pincus

Von Roland Kaufhold 

Der 1945 in Chile geborene Claudio Pincus forschte schon länger über seine Familiengeschichte. Sein Vater Rudi Pincus gehörte zu den ganz wenigen Überlebenden seiner großen jüdischen Familie. 1939 war ihm unter abenteuerlichen Umständen die Flucht nach Chile gelungen. Von dort aus versuchte er verzweifelt, zusammen mit seinem bereits 1925 nach Chile ausgewanderten Cousin Berni Pincus, seine in Deutschland lebende Familie zu retten – während er damit beschäftigt war, sich eine eigene Existenz im Exil aufzubauen.

Diese – gescheiterten – Rettungsbemühungen erzählt die Autorin Stefanie Oswalt in dem im Auftrag von Claudio Pincus verfassten Buch minutiös und beklemmend nach.

Begonnen mit dieser Spurensuche hatte der Überlebende Rudi Pincus selbst. Er versammelte wenige Jahre vor seinem Tode seine über die gesamte Welt verstreute Familie, darunter seinen in New York lebenden Sohn Claudio, seine in Tel Aviv lebende Tochter Eliana und seinen weiterhin in Chile lebenden Sohn Roberto sowie einige Enkelkinder, ausgerechnet in Berlin, um sie mit dem Ort vertraut zu machen, in dem seine Eltern Anna Zacharias und Siegfried Elkan Pincus und deren insgesamt acht Geschwister gelebt hatten. Die große Mehrzahl von ihnen wurde, wie auch der das Buch abschließende Familienstammbaum veranschaulicht, von den Deutschen im Ghetto Litzmannstadt und in den Konzentrationslagern Kulmhof, Riga, Auschwitz und Theresienstadt ermordet.

In Bewegung kam die familiäre Spurensuche durch einen Brief aus Deutschland, den Claudio Pincus im Oktober 2018 in New York erhielt. Verfasserin war eine Claudia Mellwig, sie wurde 1966 geboren. Ihre Urgroßmutter war 80 Jahre zuvor die Vermieterin der Familie Pincus in der Berliner Michaelkirchstraße 13 und ihr Vater hatte als Kind oft in diesem Haus gespielt. Er hatte als Siebenjähriger den erzwungenen Auszug der jüdischen Familie erlebt, der in ihrer Ermordung mündete. Im Gegensatz zu der großen Mehrheit der Deutschen hatte ihm dies keine Ruhe gelassen, und er hatte seiner Tochter auch oft von dieser Familie erzählt. Claudia Mellwig machte sich auf die Spurensuche. Schrittweise erfuhr sie, so im Berliner Gedenkbuch, weitere grausige Details von dem schrecklichen Ende dieser befreundeten Familie. Sie erfuhr auch, dass ein Sohn der Familie Pincus sich ins Ausland hatte retten können. 

Nach einer „komplizierten Recherche“ (S. 11) erhielt sie die Anschrift von Claudio Pincus in New York – und schickte ihm einen ausführlichen Brief: „Mein Vater, Wolfgang Mellwig, der vor fünf Jahren starb, besuchte als kleiner Junge regelmäßig seine Großmutter, die ein Haus (…) im Berliner Bezirk Mitte besaß.“ (S. 12) Bei den Besuchen freundete er sich als kleiner Junge mit den betagten jüdischen Mietern an und empfand diese als Freunde. Irgendwann klingelte er bei dem Paar, aber niemand öffnete. Viele Jahre später erfuhr er von ihrem grausamen Tod in Konzentrationslagern: „Er erzählte mir oft von seinen Freunden und ihrem Verschwinden und dass es ein Schmerz war, den er nicht überwinden konnte. Und so wurden sie auch ein Teil meines Lebens.“ (S. 12) Claudia Mellwig und Claudio Pincus trafen sich in Folge mehrmals, obwohl sie auf unterschiedlichen Kontinenten lebten.

Zentral für das Entstehen des vorliegenden Buchs sind außerdem die Briefe, die die Familie einige Zeit nach dem Tod von Rudi Pincus in einer vergessenen Schuhschachtel in Santiago de Chile fand: Briefe, die die Eltern aus Berlin an ihren Sohn Rudi nach Santiago schrieben. Der Historiker Stefan Bamberg und die Ethnologin Susanne Bressan transkribierten die handschriftlichen Briefe und recherchierten akribisch ihren Kontext.

In umfassender, lesbarer Weise entfaltet die Autorin Stefanie Oswalt anhand der Briefe den verzweifelten Überlebenskampf der jüdischen Familie wie auch den schwierigen Neuanfang von Rudi in Chile (Kapitel „Weiterleben in Chile“).  

In dem Kapitel „Berlin 1933 bis 1939: Bleiben oder gehen“ wird die zunehmend auswegloser werdende Lebensgeschichte von Rudis Eltern und ihren Geschwistern nacherzählt. Ihre Emigrationspläne scheiterten immer wieder, weil letztlich kein Land bereit war, Juden aufzunehmen. Auch die Emigrationspläne nach Chile sowie Auswanderungspläne nach Palästina scheiterten; die Deutschen ließen Juden nahezu nicht mehr ausreisen.

Einzig der 20-jährige Rudi Pincus, der die „Pogromnacht“ 1938 und die antisemitischen Verfolgungs- und Ausgrenzungsmaßnahmen noch erleben musste, erhielt Ende 1938 ein Einreisevisum nach Chile. Am 31.1.1939 fuhr Rudi los. Die Abschiedsszenen waren dramatisch, seine Eltern „sprechen persönlich ihren letzten Segen über ihren Sohn. (…) Es ist der Abschied für immer.“ (S. 83)

Die Briefe bis zum August 1939 und in den dann folgenden Kriegsjahren werden in verständlicher Weise in jeweils eigenständigen Kapiteln wiedergegeben, wodurch die ganze Dramatik des – letztlich gescheiterten – Überlebenskampfes nachvollziehbar wird.

So schreibt Elkan am 12.5.1939 an ihren in Chile lebenden Sohn: „Wir (…) sprechen täglich von Dir und Deinen Zukunftsaussichten, die ja auch lebenswichtig für uns sind, da ja auch unsere Anforderung hiermit verknüpft ist.“ Und seine Frau Anna fügt hinzu: „Ich bin schon ganz zermürbt von all den Sorgen, die ich mir um Deinetwegen gemacht habe. (…) Von uns gibt es wenig Neues zu berichten, das Leben für uns hier wird immer unerträglicher, man kommt sich wie geächtet vor. Hoffentlich können wir uns noch mal als freie Menschen fühlen.“ (S. 99)

Rudi und Berni schicken immer wieder Lebensmittelpakete nach Berlin. Alle verzweifelten Versuche, noch Visa für ihre Verwandten zu erhalten, scheitern immer wieder. Im April 1941 ist Ecuador die letzte Hoffnung als Zufluchtsland, aber auch das scheitert. Die Welt hat vor dem Leid der Juden endgültig alle Pforten geschlossen und lässt sie im Stich.

In einem weiteren Kapitel wird die Deportation von Rudis Eltern im Oktober 1941 ins Ghetto Litzmannstadt nachgezeichnet. Auch hierüber sind Briefe erhalten, die Verwandte schrieben, die zu diesem Zeitpunkt noch in Berlin lebten. Der wichtigste Zeitzeuge für dieses Ghetto ist der jüdische Schriftsteller Oskar Rosenfeld (1984 – 1944 Auschwitz) mit seinem erhalten gebliebenen Tagebuch, aus dem im Buch zitiert wird.

2021 wurden in der Michaelkirchstraße 13 in Berlin Stolpersteine für die Ermordeten verlegt. Ein Rabbiner las das Kaddisch, und die angereisten Mitglieder der Familie lasen aus den Briefen ihrer Großeltern und Urgroßeltern aus den 1930er und 1940er Jahren.

Ein gut lesbares Werk. 

Stefanie Oswalt: „Uns brennt der Boden unter den Füßen“. Eine jüdische Familie zwischen Berlin, Santiago de Chile und dem Ghetto Litzmannstadt, Hentrich & Hentrich 2026, 216 S., 24 Euro, Bestellen?

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