Kleine Geschichte einer großen Stadt

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Ein Führer durch Stadt und Geschichte Rothenburgs ob der Tauber widmet sich auch ausführlich der reichen jüdischen Geschichte.

Autor Horst F. Rupp, em. Professor an der Universität Würzburg, legt mit diesem Band eine Darstellung der bewegten Rothenburger Geschichte von ihren Anfängen im 12. Jahrhundert bis in die unmittelbare Gegenwart vor. Rothenburg, das als die Stadt in Deutschland gilt, die so authentisch wie keine zweite ihr mittelalterlich-frühneuzeitliches Stadtbild konserviert hat, wird in all seinen Facetten vorgestellt, mit den Höhepunkten im Mittelalter, aber auch mit manchen in ihrer Geschichte feststellbaren Fehlwegen.

Ausführlich wird auf die unterschiedlichen Stationen der jüdischen Geschichte der Stadt eingegangen. In Rothenburg war lange Jahre eine zahlreiche jüdische Gemeinde zuhause, die zu Hoch-Zeiten ca. 10% der Gesamteinwohnerschaft ausmachte, also ca. 500 Mitglieder umfasste. Im 13. Jahrhundert lebte dort Rabbi Meir, der MAHARAM, der den Beinamen „von Rothenburg“ erhielt. Über Jahrzehnte hinweg betrieb er in Rothenburg eine weithin anerkannte Jeschiwa, die zahllose Schüler anzog.

Doch Rothenburg hat auch eine Pogrom-Geschichte zu verzeichnen, so 1298 den sog. Rintfleisch-Pogrom, dem mehr als 450 Menschen zum Opfer fielen; und auch einen Pestpogrom 1348/49 gab es, der erneut die jüdische Gemeinde dezimierte. Rothenburg ist wohl die einzige Stadt, in der zwei mittelalterliche Synagogen in Marienkapellen umgewandelt wurden. Beide sind jedoch aus dem Stadtbild verschwunden. Die Grundmauern der ersten Synagoge wurden nun bei Pflasterarbeiten im Sommer 2025 wiederentdeckt.

Auch heute noch hat Rothenburg eine erstaunlich originäre „Judengasse“, in der vor einigen Jahren in einem Privathaus auch eine Keller-Mikwe entdeckt wurde („Judengasse 10“). Das Haus stammt aus dem beginnenden 15. Jahrhundert, wie man anhand einer dendrochronologischen Bestimmung des verwendeten Bauholzes nachweisen konnte. 1519/20 wurden dann auf Betreiben des Predigers an St. Jakob, Johannes Teuschlein, die letzten sechs jüdischen Familien aus Rothenburg vertrieben. Erst 350 Jahre später gründet sich erneut eine jüdische Gemeinde mit Synagoge in Rothenburg, die dann im Nazi-Reich ausgetilgt wurde.

In den vergangenen Monaten fanden – organsiert von der Stadtverwaltung – mehrere Meetings und Workshops statt, die das Bewusstsein der Rothenburger Bürgerinnen und Bürger für das reiche jüdische Erbe der Stadt schärfen wollen, das sich etwa durchaus vergleichen kann mit demjenigen so bedeutender Ort wie der SCHUM-Städte oder auch von Erfurt.

Die vorliegende Publikation leistet ebenfalls ihren Beitrag dazu.

Horst F. Rupp: Rothenburg ob der Tauber. Kleine Geschichte einer großen Stadt. Ein Führer durch die Stadt und ihre Geschichte. Mit Fotografien von Willi Pfitzinger, Verlag Schneider Druck GmbH 2026, 288 S., Euro 14,80, Bestellen?

LESEPROBE:

DIE BEIDEN SYNAGOGEN DER ROTHENBURGER JÜDISCHEN GEMEINDE IM MITTELALTER

Rothenburgs jüdische Gemeinde im Mittelalter bestand – mit Unterbrechungen durch verschiedene Pogrome – bis zur vom Prediger Johannes Teuschlein 1519/20 forcierten und dann lange andauernden Vertreibung. In dieser Zeit ihres Bestehens nutzte die Gemeinde zwei Synagogen, beide wurden in Marienkapellen umgewandelt, und beide sind heute aus dem Stadtbild verschwunden. Die erste jüdische Gemeinde Rothenburgs hatte in dem von ihr bewohnten Viertel der Stadt eine ziemlich große Synagoge auf dem heutigen Kapellenplatz errichtet. Da es drei verschiedene Abbildungen – allerdings der dann erweiterten christlichen Marienkapelle, die jedoch noch den ursprünglichen Synagogenbau
erkennen lassen – aus unterschiedlichen Perspektiven gibt, sind wir relativ gut über das Gebäude unterrichtet. Wann genau aber der Ursprungsbau erstellt wurde, ist unbekannt; jedoch wurden im Sommer 2025 bei Pflasterarbeiten am Kapellenplatz die Fundamente des ursprünglichen Synagogenbaus freigelegt.

Es handelte sich um einen freistehenden rechteckigen, mit einem Satteldach versehenen Saalbau, der mit seinen romanischen Elementen auf eine Entstehungszeit im 12. bzw. 13. Jahrhundert schließen lässt. In die Westfassade waren oben zwei rundbogige Fenster sowie darunter zwei querliegende ovale Okuli eingelassen. Links an dieser Westfassade ist auch noch ein Nebeneingang zu erkennen, der vielleicht ursprünglich den Zugang zur Frauenempore der Synagoge gewährte. Der Haupteingang befand sich auf der Südseite und wurde dann nach der Umwandlung in einen christlichen Sakralbau von zwei Heiligenfiguren unter Baldachinen flankiert, eine davon vermutlich Maria, der die Kapelle ja dann gewidmet war – Elemente, die erst im 15. Jahrhundert während der christlichen Nutzung des Baus eingefügt wurden, als der Rothenburger Patrizier Peter Kreglinger die Konversion der Synagoge in eine Marienkapelle veranlasste. Zwei unterschiedlich große Maßwerkfenster ließen Licht in den Innenraum. Ebenfalls im 15. Jahrhundert wurde der Ursprungsbau mit einem eingezogenen polygonalen Ostchor versehen, der filigrane Strebepfeiler und große gotische Maßwerkfenster aufweist, die fast bis zum Boden reichen. Auf dem Dach ist ein sog. Dachreiter zu erkennen, der eine Glocke barg. So enthielt das gesamte Gebäude romanische wie gotische Stilelemente, die die unterschiedliche Entstehungszeit (12./13. bzw. dann 15. Jahrhundert) und die genauso unterschiedliche Nutzung (jüdisch und christlich) belegen.

Das ab dem Beginn des 15. Jahrhunderts als christliche Kapelle genutzte Gebäude wurde zu Beginn des 19. Jahrhunderts, als Rothenburg Teil des Königreichs Bayern wurde, abgerissen.

Mit der Anfang des 15. Jahrhunderts vollzogenen Umsiedlung der Rothenburger jüdischen Gemeinde vom Milchmarkt hin zur Judengasse wurde dann auch der Neubau einer Synagoge nötig, den die Stadt ebenso wie die Wohnstätten als neues Wohnquartier in der Judengasse finanzierte, da den Juden ja Grundbesitz verboten war. Diese zweite Synagoge wurde auf dem Gelände des jüdischen Friedhofs („Judenkirchhof“, heute Schrannenplatz) errichtet, ursprünglich vor dem Stadtring gelegen, durch die Erweiterung der Stadtbefestigung dann jedoch in die Stadt einbezogen. Diese zweite Synagoge war erheblich kleiner, was eben auch auf eine durch die verschiedenen Verfolgungswellen kleiner gewordene jüdische Gemeinde schließen lässt. Durch eine Skizze des Franziskaner-Minoriten Michael Eisenhart aus dem Jahr 1520 sind wir über die Gestalt des Baus recht gut unterrichtet. Auch wenn Eisenhart die neue christliche Kapelle zur „Reinen Maria“ bietet, so lässt sich doch auch hier der ursprüngliche Synagogen-Bau recht gut erkennen. Erneut handelt es sich um einen rechteckigen Saalbau mit Hausteinquadern in den Eckpartien und einem Walmdach. In die Nordseite der Fassade sind zwei rechteckige Fenster sowie nach rechts versetzt ein rundbogiger Eingang eingelassen. Vom Betrachter aus gesehen links vom Eingang befinden sich in der Fassade vier waagrechte Schlitze, die unter Umständen ursprünglich Sehschlitze für die jüdischen Frauen waren, durch die sie den Gottesdienst der jüdischen Männer mitverfolgen konnten. Sekundär mit der christlichen Nutzung des Gebäudes wurde auch hier ein niedriger Ostchor in Fachwerkbauweise angefügt, auf dessen Dach ebenfalls ein Dachreiter für eine Glocke angebracht wurde. Dass es sich bei der hier von Eisenhart gebotenen Darstellung um ein jetzt christliches Bauwerk handelte, lässt sich neben dem Ostchor auch an dem über dem Eingang angebrachten Kreuz erkennen.

Die beiden mittelalterlichen Synagogen der Rothenburger jüdischen Gemeinde verbindet auch ihr Schicksal: Beide wurden der jüdischen Gemeinde weggenommen und in Marienkapellen umgewandelt. Gewaltsame Umwandlungen von Synagogen in Marienkapellen waren in mittelalterlicher Zeit im Reich nicht selten, Marienkapellen waren in mittelalterlicher Zeit im Reich nicht selten, gut zwei Dutzend sind belegt (u.a. in Würzburg, Nürnberg, aber auch in Köln). Dass derartiges in einer Stadt jedoch zweimal geschah, dies ist sozusagen ein Alleinstellungsmerkmal Rothenburgs. Und: Maria als die „Gottesgebärerin“, die „Theotokos“, galt als die „klassische“ Gegenspielerin der Juden im Mittelalter, die eben als „Gottesmörder“ angesehen wurden. Deshalb diese relativ häufigen Umwidmungen von ehemaligen Synagogen in Marienkapellen, die als Sieg der Kirche über die Synagoge interpretiert wurden.

Rothenburg, Marienkapelle von 1520

Dieser zweiten Rothenburger Synagoge am „Judenkirchhof“ war keine lange Lebensdauer beschieden, auch nicht als christliche Wallfahrtskapelle, wozu sie ja der Prediger Johannes Teuschlein für wenige Jahre umfunktioniert hatte. Vermutlich um 1560 war sie wieder
aus dem Stadtbild verschwunden, vielleicht wurde sie aber auch schon während des Bauernkriegs zerstört. In der neuen, östlich der Stadt angelegten Friedhofskapelle tauchen jedenfalls Steine auf, die ursprünglich aus dem Mauerwerk der Synagoge bzw. dann der Kapelle zur „Reinen Maria“ stammten.

Horst F. Rupp: Rothenburg ob der Tauber. Kleine Geschichte einer großen Stadt. Ein Führer durch die Stadt und ihre Geschichte. Mit Fotografien von Willi Pfitzinger, Verlag Schneider Druck GmbH 2026, 288 S., Euro 14,80, Bestellen?