Maestro Oren

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Daniel Oren dirigiert Carmen auf Massada, Foto: Yossi Zwecker / CC BY 2.0

Der weltberühmte israelische Dirigent Daniel Oren hat kürzlich seinen 70. Geburtstag gefeiert. Wahrscheinlich noch bedeutsamer für ihn ist das andere Jubiläum: seit 40 Jahren ist er ständiger Gast-Dirigent an den Festspielen der Arena von Verona. Dabei ist er in all den Jahren fast immer den meisten Vorstellungen vorgestanden, die in den Sommer-Monaten Tausende von Zuschauern aus aller Welt begeistern.

Von Ruth Bloch

Während vor vielen Jahren in der historischen Arena manchmal Sitzkissen und Cola-Büchsen umhergeworfen wurden, hat sich die Stimmung zwischenzeitlich völlig verändert. Zwar sieht man nicht mehr so viele Kerzen, die jeweils am Anfang der Aufführung von Zuschauern der unnumerierten Stufen-Sitzplätze weit oben gezündet wurden und eine zauberhafte Atmosphäre verbreiteten. Heute sind es nur noch wenige Kerzen, die in der Dunkelheit leuchten. Dafür kann man in der riesigen Arena, die immerhin bis 16‘000 Zuschauer fassen kann, während den Aufführungen fast eine Nadel zu Boden fallen hören. Auch die Bravo-Rufe gibt’s eher nach einer Arie oder dann – minutenlang – am Ende einer Vorstellung. Die Ausnahme ist „natürlich“ beim berühmten Gefangenen-Chor aus Verdi’s Oper „Nabucco“. Da wird solange frenetisch geklatscht, bis dieser wiederholt wird.

Wir wollten von Maestro Oren – der übrigens nur sehr schwer, selbst für einen kurzen Wortwechsel, zu haben ist – wissen, was denn für ihn die besondere Faszination der Opern-Aufführungen in Verona ist. Er antwortete, der berühmte Dirigent Arturo Toscanini habe einmal gesagt, „in einer Arena unter freiem Himmel könne man höchstens Boccia spielen“. Er aber bemühe sich, auch im Freien „Musik zu machen“. Und diese unablässige Mühe lohnt sich und ist unüberhörbar und unübersehbar. Mit viel Energie, Vehemenz und körperlichem Einsatz vermag er die Musiker- und Sänger-/innen zu Höchst-Leistungen anzuspornen, sodass „der Funke überspringt“ und dadurch Tausende von Zuschauern „elektrisiert“ und berührt werden. So ist er ein wichtiges Aushängeschild des Opern-Festivals von Verona geworden, das vor 3 Jahren die 100. Saison seit der Gründung von 1913 begehen konnte.

Mit grossem Applaus gefeiert wurde er für sein 40jähriges unermüdliches Engagement in einer Vorstellung von Puccini’s „Tosca“. Dies war die Oper, die er bei seinem ersten Auftritt in Verona dirigierte. Er meinte noch, hier gebe es eine besondere Stimmung, wie nirgendwo sonst auf der Welt. Und er kennt tatsächlich „die ganze Welt“.

Daniel Orens Lebenslauf ist sehr beeindruckend. Kaum ein berühmtes Opernhaus oder -Festival weltweit, an dem er nicht dirigiert hat. Als 13jähriger wurde er von Leonard Bernstein ausgewählt, das Knaben-Solo in seinen „Chichester Psalms“ in einer israelischen TV-Produktion zu singen. Nach einer Klavier-, Cello- und Gesangs-Ausbildung in seiner Jugend folgte ein Musik-Studium in Deutschland. Mit nur 20 Jahren gewann er den Herbert-von-Karajan – Dirigier-Wettbewerb. Nach anfänglichen Erfahrungen an kleineren Opernhäusern in Amerika ging es mit seiner Karriere steil aufwärts. Nach der Römer Oper folgten Engagements über die Covent Garden Opera, bis zur Metropolitan Opera, Wiener Staatsoper und vielen weiteren renommierten Opernhäusern der Welt. 2014 wurde er für einige Jahre Musikalischer Direktor der New Israeli Opera in Tel-Aviv, deren Eröffnungs-Vorstellung er 1994 mit „Nabucco“ von Giuseppe Verdi leitete. Zudem dirigierte er 1996 ein Spezial-Konzert zur 3000-Jahr-Feier der Stadt Jerusalem mit sehr berühmten Sänger-/innen wie Deborah Voigt, Agnes Baltsa, Leo Nucci, Roberto Alagna u.a. In seiner langen Karriere arbeitete er mit den welt-bekanntesten Sänger-Persönlichkeiten wie Luciano Pavarotti, Mirella Freni, Nicolai Ghiaurov, Katja Ricciarelli, Renato Bruson, Anna Netrebko und unzähligen anderen zusammen. Viele Jahre dirigierte er – wo und wann immer er auftrat – mit Kippah auf dem Kopf, heute offenbar nur noch in Israel. Vielleicht verrät er etwas über den Grund dafür in seinen vielen online-Tagebuch-Eintragungen, denen man stundenlang folgen könnte.

Dieses Jahr dirigiert Daniel Oren in Verona nur in einer futuristischen Version eine „Aida“. Ich hätte den Maestro – der moderner klassischer Musik durchaus nicht abgeneigt ist – gerne gefragt, wie er es mit solch neuartigen Inszenierungen hält. Ich erinnere mich, dass er vor vielen Jahren, bei einer Aufführung von Verdi’s „Traviata“ am Fuss des Massada-Berges beim Toten Meer in Israel, noch an der Generalprobe verlangte, dass szenisch etwas abgeändert werde. Diese Möglichkeit wird er wohl in Verona, mit „modernen“, aufstrebenden Regisseuren der jüngeren Generation, nicht haben. Während Sänger/innen mir auf diese Frage antworteten „wir singen halt einfach!“ kommt Daniel Oren meist nicht durch den Künstler-Ausgang, wo viele Opern-Fans darauf warten, ein Autogramm zu erhalten, sondern schleicht durch einen der vielen anderen Arena-Bögen weg. Aber zum Glück lässt sich die herrliche Musik der großen Opern-Komponisten meist nicht umbringen, und Maestro Oren sorgt mit seinem virtuosen Können, mit seinem Enthusiasmus und seiner von seinem Alter unabhängigen Leidenschaft dafür, die vielen Mitwirkenden unablässig „mit Feuer und Flamme zu entfachen“, um einen Opern- oder Konzert-Abend unter seiner Leitung zu einem eindrücklichen Erlebnis werden zu lassen.