Vor rund neun Monaten startete die Kooperation zwischen den Staatlichen Archiven Bayerns und den Arolsen Archives zu den Abschiedsbriefen in den Hinrichtungsakten von NS-Opfern aus der zentralen Hinrichtungsstätte München-Stadelheim. Jetzt ziehen die Kooperationspartner eine erste Zwischenbilanz für das Projekt #lostwords.
Erfolgreiche Suche dank freiwilliger Unterstützung
Mithilfe ihres europaweiten Netzwerks von Freiwilligen ist es den Arolsen Archives gelungen, binnen weniger Monate 14 Familien ausfindig zu machen. Darüber hinaus wurden zahlreiche Informationen zu den Absendern der Abschiedsbriefe recherchiert. Erleichtert wird die Suche nach Angehörigen durch die oft ausführlichen Angaben in den Hinrichtungsakten, die im Staatsarchiv München aufbewahrt werden.
Ein Beispiel für die erfolgreiche Suche nach Hinterbliebenen ist die Recherche zu Lorenz Frühschütz, der am 12. Oktober 1943 in München-Stadelheim hingerichtet wurde. Freiwillige fanden auf Social Media Spuren zu seiner Tochter. Die 82-jährige Helga Knott lebt heute auf Sardinien. Dass ihr Vater hingerichtet wurde, erfuhr sie erst durch #lostwords. Weil ihre Mutter früh verstorben ist, wusste sie bis dahin nichts über sein Schicksal. „Ich bin eigentlich für die Realität. Wenn irgendwas ist, will ich‘s wissen“, so Helga Knott. Deshalb hat sie nicht nur die Briefe gelesen, sondern sich auch mit seiner Hinrichtungsakte beschäftigt. „Er hatte eine andere Meinung. Und er hat zur falschen Zeit gelebt. Wenn er zur anderen Zeit gelebt hätte, hätte er über seine Meinung frei verfügen können.“
Nicht alle Suchen führen zu Familienangehörigen
Manche Hinrichtungsopfer waren so jung, dass sie bei ihrer Ermordung noch keine eigenen Familien gegründet hatten. Dennoch schließen die Recherchen oft wichtige Lücken und stellen Verbindungen her. Das zeigt der Fall von Jean Ferrier aus Frankreich. Dort führte die Suche nach Angehörigen in seinen Geburtsort, in dem bereits eine Straße nach ihm benannt ist. Der Abschiedsbrief trägt nun vor Ort dazu bei, die Erinnerung an den Ermordeten wachzuhalten.
Unerwartete Kooperationen und neue Forschungen
Durch #lostwords haben sich überdies überraschende Querverbindungen zu anderen Forschungsvorhaben ergeben. Anfang 2025 wurden in der Sammlung des Instituts für Anatomie in Erlangen mikroskopische Präparate von mehreren Hingerichteten aus München-Stadelheim entdeckt. Zur NS-Zeit war es gängige Praxis, die sterblichen Überreste der Hinrichtungsopfer nicht zu beerdigen, sondern an nahegelegene anatomische Institute abzugeben, die sie für Forschung und Lehre nutzten. Zusammen mit den Arolsen Archives sucht die Anatomie Erlangen nun ebenfalls nach Hinterbliebenen.
Außerdem wurden bei der Forschung in verschiedenen Archiven weitere Bestände von nicht abgeschickten Abschiedsbriefen aus der NS-Zeit in gefunden.
Abschiedsbriefe, die nie zugestellt wurden
Die Haftanstalt München-Stadelheim war im Nationalsozialismus eine „zentrale Hinrichtungsstätte“ und zählt damit zu den Hauptorten des NS-Unrechts in München. 1.188 Menschen wurden dort bis 1945 hingerichtet. Bewegende Dokumente sind nicht zugestellte Abschiedsbriefe von Verurteilten an ihre Angehörigen, die von der damaligen Gefängnisverwaltung oder den damaligen Strafvollzugsstellen zurückbehalten wurden.
Mehr als 50 solcher Briefe finden sich in 844 sogenannten Hinrichtungsakten, die seit 1975 im Staatsarchiv München für wissenschaftliche und private Recherchen frei zugänglich aufbewahrt werden.
Die NS-Justiz als Instrument der Verfolgung
Zwischen 1933 und 1945 wurde die Justiz für die Ziele des NS-Regimes instrumentalisiert und damit Teil des Unrechtssystems. Während dieser Zeit stieg die Zahl der mit der Todesstrafe belegten Straftaten von drei auf 46. Die „Rechtsprechung“ der Sondergerichte war politisch motiviert und sollte dem Machterhalt, der Ausschaltung von Gegnern und der Einschüchterung der Bevölkerung dienen.
Ausführliche Informationen über das Projekt #lostwords, die Hinrichtungsakten und die
Kooperation unter https://arolsen-archives.org/mitmachen/lostwords/.



