Beim diesjährigen Eurovision Song Contest (ESC) in Wien erreichte der für Israel teilnehmende Sänger Noam Bettan – einer vorausgegangenen antiisraelischen Boykottkampagne sowie Buhrufen im Saal zum Trotz – mit seinem Liebeslied „Michelle“ den zweiten Platz.
Von Thomas Tews
Vor seinem Auftritt bei der diesjährigen 70. Ausgabe des Eurovision Song Contest (ESC), des größten Gesangswettbewerbes der Welt, beschrieb der für Israel singende 28-jährige Israeli Noam Bettan seine Gefühlswelt wie folgt: „Es ist, als würde man sich in die Höhle des Löwen begeben.“ Um zu üben, sich auf der ESC-Bühne durch Anfeindungen und Ausbuhen nicht aus dem Konzept bringen zu lassen, brüllten ihn bei seinen Proben Mitglieder seines Teams nieder und riefen Beschimpfungen in seine Richtung. In welchem Hotel der von zahlreichen Personenschützern begleitete Musiker übernachtete, musste geheim gehalten werden.
Vorausgegangen war eine beispiellose israelfeindliche Boykottkampagne: Wegen Israels ESC-Teilnahme hatten die Verantwortlichen in Irland, Island, den Niederlanden, Slowenien und Spanien beschlossen, den Wettbewerb dieses Jahr zu boykottieren. Zudem war in einem von Roger Waters mitverfassten und von mehr als 1000 Musiker*innen unterzeichneten Aufruf ein „kultureller Boykott“ gegen Israel gefordert worden.
Trotz dieser Boykottkampagne erhielt Noam Bettan beim gestrigen ESC-Finale mit seinem – Textzeilen auf Hebräisch, Französisch und Englisch enthaltenden – Liebeslied „Michelle“ 123 Jurypunkte (die höchsten Bewertungen kamen von den Jurys in Polen, Moldau und der Ukraine) sowie 220 Publikumspunkte und landete damit am Ende auf dem zweiten Platz. Als er zwischenzeitlich sogar in Führung ging, reagierte ein Teil des Publikums in der Wiener Stadthalle mit lautstarken Buhrufen. Doch Noam Bettan blieb seiner Botschaft treu und zeigte ein mit seinen Händen geformtes Herz in die Kamera – ein starkes Zeichen für den Sieg der Liebe über den Hass.



