Die Phase

0
1
Noam Bettan und sein Team in Wien, Foto: Granada / CC BY-SA 4.0

Es gab einmal eine Phase, in der ich den European Song Contest gut fand.

Von Eva M. Grünewald

„Das geht vorbei, das ist nur eine Phase“, sagten Bekannte meiner Eltern während meines Aufwachsens immer mal wieder zu meiner Mutter. Als ich in der Schule ein Bündel Blauer Briefe erhielt, als ich blaue Haare hatte, als ich eine Weile gar nicht in die Schule ging, als ich nur schwarze Kleidung trug. Das waren Phasen, die vorübergingen.

Die Phase, in der ich den European Song Contest begeistert verfolgte, war irgendwann in der zweiten Hälfte meines Studiums, und meine Mutter nahm kaum noch Notiz von meinen Phasen. Ich wohnte in einer WG und jobbte nachts in einer Disco, wie wir die Clubs damals nannten, und Guildo Horn trat dort auf. Meine Mitbewohnerinnen und drei Bewohner einer befreundeten WG beneideten mich kurzfristig. Zum Konzert konnte ich sie durch die Hintertür der Disco einschleusen, und von dem Konzert inspiriert organisierte die befreundete WG eine Party, bei der auf dem 32-Zoll-Fernseher, mit dessen Maßen sie eine wirkliche Ausnahme-WG war, die Show des European Song Contest verfolgt wurde. Die Phase endete für mich am 9. Mai gegen 22 Uhr, die Schweiz war aufgetreten und ich beschloss, die ersten fünf Beiträge resümierend, dass die ESC-Welt nicht meine war. Ich ging nach Hause und schlafen.

Am nächsten Morgen erfuhr ich dann beim Frühstück, dass ich eine grandiose Party verpasst hatte, dass Guildo Horn nicht gewonnen hatte, sondern Dana International, eine Sängerin aus Israel. Ich freute mich zunächst heimlich. Obwohl bekannt war, dass ich Jüdin bin, bestand damals noch kein Anlass, meine emotionale Verbundenheit zu Israel zu thematisieren. Selbst wenn bereits in diesen Jahren eine stete Reaktion auf mein Outing als Jüdin darin bestand, mir mitzuteilen, dass es nicht in Ordnung sei, was die Israelis mit den Palästinensern machten.

Meine Freude über Israels Sieg wurde offener, als die Verwunderung, dass eine homosexuelle Transgender-Sängerin ausgerechnet aus Israel in den Wettbewerb geschickt wurde, dazu führte, dass mein Freundeskreis sich immer mehr mit dem Land meines Herzens, meiner Sehnsucht und meiner Lebensversicherung befasste. Wenige Monate vorher noch hatte mich ein Kommilitone gefragt, ob ich mich als Jüdin anders fühle als ein normaler Mensch, woraufhin ich zurückfragen konnte: „Ich weiß nicht. Fühlst du dich als Schwuler anders als ein normaler Mensch?“ und er immerhin peinlich berührt rot anlief. Nun bewirkte Dana International, dass derselbe Kommilitone seine übernächsten Semesterferien in Israel verbrachte und nach weiteren zwei Jahren für eine längere Zeit zu meinem Kurzurlaubssofa in Jerusalem wurde.

Meine Leidenschaft für den ESC blieb jedoch erloschen. Die nächsten 25 Jahre betrachtete ich die Fans dieser Veranstaltung aus skeptisch-sicherer Entfernung und schüttelte manchmal den Kopf über verschiedene Phänomene des ESC, in denen sich in meinen Augen der Umschlag der Vernunft in die Barbarei populärkulturell manifestierte.

Noch 25 Jahre später zog das Spektakel medial an mir vorüber, ohne dass ich aufblicken musste.

Noch 25 Jahre und wenige Wochen später kam jedoch mit dem 7. Oktober der Tag, der alles veränderte. Der Begriff Barbarei erfuhr eine neue Dimension, eine neue Bedeutung, in die wir seither mit jedem neuen Zeugnis tiefer eindringen, die wir aber in ihrer Grausamkeit bis heute nicht vollends erschlossen haben. Trotz der Bilder, die von dieser Barbarei und Grausamkeit zeugten, die wir am 7. Oktober alle sehen konnten, sprach die Welt bereits am 8. Oktober ihr vernichtendes Urteil über Israel so, als gäbe es all diese Bilder gar nicht.

Weniger Monate später dann trat eine junge Frau aus Israel beim ESC an, die zutiefst verletzt das Land repräsentierte, dessen Verletzungen auf der Bühne und in ihrem Lied sicht- und hörbar wurden. Lange zuvor wurde ihr Auftritt diskutiert, ihr Song und dessen Aussage durften nicht zu politisch sein. Die Verletzungen des Landes sollten weder sicht- noch hörbar sein. Am besten sollte von vornherein unmöglich werden, dass Einzelne so etwas wie Empathie mit jüdischen Opfern entwickeln könnten. (Es muss wohl noch ein paar Jahre oder Jahrzehnte dauern, bis die Welt der am 7. Oktober ermordeten Juden gedenken kann.)  Als diese junge Frau dann – international gemobbt, beschimpft, ausgebuht, bedroht, gequält – zurückkehrte in das Land, dessen Verletzungen sie mit unfassbarem Mut international gezeigt hatte, brach sie am Flughafen weinend in den Armen ihrer Familie zusammen. Die kurze Filmaufnahme dieser Rückkehr trieb Menschen mit Herz und Verstand die Tränen in die Augen, doch die meisten nahmen sie nicht einmal zur Kenntnis.

Für mich war sie der Beweis, dass es absolut richtig war, mit allen Telefonen und allen Möglichkeiten den Auftritt dieser jungen Frau zu unterstützen, damit sie sah, dass sie nicht ganz allein in dieser Welt der populärkulturellen Barbarei ist.

Ein Jahr später trat eine Überlebende des 7. Oktober auf; ihre Geschichte wurde bekannt. Während ein großer Mob friedliebender linker Studierender sich auf den Straßen mit den Tüchern zierte, mit denen bereits die Flugzeugentführer der siebziger Jahre ihren Traum von toten Jüdinnen und Juden symbolisiert hatten, während dieser Mob Israels Ausschluss aus dem ESC forderte und „Free Palestine“ grölte, musste sie geschützt werden, damit der Mob seine Phantasien nicht in die Tat um- und die Gräueltaten des 7. Oktober fortsetzen konnte. Derweil hoffte sie, die am 7. Oktober ein Musikfestival besucht hatte, die in einen Bunker geflüchtet war, in dem sie mit weiteren 49 Jugendlichen in der Falle saß, während Terroristen sie beschossen und mit Granaten bewarfen, auf einen neuen Tag. Diese junge Frau, die sich unter den Leichen ihrer Freunde verstecken musste, um zu überleben, wandte sich dem Leben zu, sang über Trauer, Verlust, Erinnerung an all die, die man verloren hatte und hoffte musikalisch darauf, Dunkelheit und Schmerzen zu überwinden. Zu leben.

Sie sang gegen das Publikum, gegen die Buh-Rufe, die Beschimpfungen, Belästigungen, gegen das Mobbing der Barbarei. Und es war richtig, alle meine Stimmen, meine Anrufe für sie einzusetzen. Nicht nur das: Es war wichtig und richtig, auf allen Kanälen Freunde und Vernünftige darauf hinzuweisen, Solidarität zu zeigen. Anzurufen. Für Israel.

Als es hieß, Israel habe betrogen, um dieser jungen Frau zum Sieg zu verhelfen, dachte ich an die Mär der jüdischen Weltverschwörung, an die Protokolle der Weisen von Zion, an die Behauptung der Nazis, dass die Juden am Krieg schuld seien. Ich wünschte, Israel hätte mich dafür bezahlt, dass ich anrufe. Doch musste ich alle meine Stimmen selbst finanzieren und freue mich, dass ich nicht die Einzige war, die diese vollkommen unlukrative Investition getätigt hat. Ökonomisch gesehen.

Ein Jahr später.

Der ESC steht kurz bevor. Inzwischen werden in Europa Synagogen geschändet, Friedhöfe beschmiert, auf Häuserwänden wird zum Judenmord aufgerufen, Jüdinnen und Juden werden weltweit beschimpft, boykottiert, gejagt, angegriffen, ermordet. Und die Welt?

In vielen Fällen ist es kaum noch eine Nachricht wert. Stattdessen wird diskutiert, ob Israel am ESC teilnehmen darf. Fünf Länder boykottieren ihn, um gegen Israels Vorgehen im Gazastreifen zu protestieren. In diesen Ländern brennen Synagogen. Wer protestiert dagegen? Am 8. Oktober haben sie nicht protestiert gegen das Vorgehen der Hamas und Teilen der palästinensischen Bevölkerung. Kongo, Jemen, Sudan, Iran – hunderttausende Tote – ich höre keinen Protest dieser europäischen Staaten.

Kürzlich unterhielt ich mich mit einer Bekannten. Ich erklärte ihr die Geschichte mit den Doppelstandards und dem israelbezogenen Antisemitismus und meine eigene Position hierzu.

„Nein“, war sie sich sicher. „Es hat nichts mit Antisemitismus zu tun, dass alle mehr darauf schauen, ob Israel Menschenrechte verletzt.“ Nein? „Nein, wirklich nicht. Wenn alle nicht in den Sudan, Kongo, in die Ukraine, nach Iran, Syrien, in den Jemen schauen,“ – wo übrigens weit mehr Menschen umgebracht wurden als in Israel, aber das nur am Rande – „sondern nach Israel, dann liegt es nur daran, dass Israel so viel Macht hat.“

Ach so, denke ich. Ich sage nichts mehr.

Vor zwei Tagen habe ich wieder einmal meinen üblichen Aufruf über meine sozialen Netzwerke geschaltet: „Ruft an für Israel!“ In WhatsApp hatte ich vorher die Unbeirrbaren ausgeschlossen, leider sind einige durchgeflutscht. So dauert es nicht lange.

„Beim ESC und im Sport hat die Politik nichts zu suchen! Möge die beliebteste Interpretation siegen!“, wird mir schulmeisterlich mit einem zwinkernden Smiley von ebenjener Bekannten mitgeteilt, die es aus machtpolitischen Erwägungen für richtig und wichtig hält, Israel zu kritisieren. Wie ist das wohl zu verstehen: die „beliebteste Interpretation“? ESC und Sport sind nicht politisch? Dafür finde ich keine Worte. Es bedarf keiner Worte.

Die Worte, die ich stattdessen finde, sind: „Ruft an für Israel!“

Das steht in meinem Status, das schreibe ich auf Facebook, und das verbreite ich auf Instagram. Während der Mob der Welt grölt „Kauft nicht beim Juden!“, sage ich: Steckt euch eure „Nie wieder!“-Schilder ich-sage-nicht-wohin. Dafür ist es zu spät. Wir sind mittendrin. Wenn ihr Rückgrat besitzt, wenn ihr Solidarität zeigen wollt, dann ruft an. Dann unterstützt die Menschen, die dort im Rahmen dieser populärkulturellen Peinlichkeit ausgebuht und erniedrigt werden. Weil sie Jüdinnen und Juden sind. Ob sie singen können, spielt keine Rolle, was sie musikalisch zum Besten geben, ist irrelevant. Das beweisen siebzig Jahr populärkulturelle Sch…ow.

Und doch: Jetzt ist die Phase, anzurufen. Jetzt ist die Zeit. Für Israel. Für Jüdinnen und Juden. Gegen Antisemitismus.

Ich werde dieses Jahr den ESC schauen, vermutlich 95% der Zeit den Ton stumm schalten, und sobald das Voting startet, alle meine Stimmen Israel geben. Aufgrund meiner Vernunft.

Wenn sich nächstes Jahr die Antisemiten dieser Welt (hoffentlich) noch nicht durchgesetzt haben, werde ich auch dann alle meine Stimmen Israel geben, auch im Jahr danach, im Jahr danach und im Jahr danach. Solange meine Vernunft mir sagt, dass es nötig ist.

Doch ich hoffe sehr, dass diese Phase vorübergeht.