Ein jüdisches Kind aus Manisa, gerettet von einem muslimischen Arzt, wird in den USA zum erfolgreichen Unternehmer und vergisst seine Herkunft nie. Die Geschichte von Morris Schinasi erzählt von Dankbarkeit, Migration und einem jüdisch-muslimischen Miteinander, das ohne große Worte auskam und gerade deshalb bis heute wirkt.
Von Kadir Boyaci
Wenn heute über jüdisch-muslimische Beziehungen gesprochen wird, dominieren häufig Konflikte und politische Gegensätze. Doch die Geschichte von Morris Schinasi erinnert daran, dass es auch andere Traditionen gibt: gegenseitige Hilfe, Respekt und gelebte Solidarität. Sein Leben verbindet das osmanische Anatolien mit dem New York des frühen 20. Jahrhunderts und zeigt, wie Dialog jenseits von Programmen und Erklärungen aussehen kann.
Manche Lebensgeschichten erzählen mehr als individuellen Erfolg. Sie öffnen Fenster in eine gemeinsame Vergangenheit, in der Zusammenleben nicht Theorie, sondern gelebter Alltag war. Die Geschichte von Morris Schinasi ist eine solche Geschichte, eine Erzählung über Migration, Unternehmergeist, Dankbarkeit und eine jüdisch-muslimische Verbindung, die bis heute nachwirkt.
Morris Schinasi wurde 1855 in Manisa als Musa Eskenazi geboren, in einer armen sephardisch-jüdischen Familie. Sein Leben nahm eine entscheidende Wendung, als er im Kindesalter an Diphtherie erkrankte, einer Krankheit, die im 19. Jahrhundert oft tödlich endete. Gerettet wurde er von einem muslimischen Arzt namens Şinasi. Was folgte, war kein symbolischer Akt und keine spätere Legende, sondern eine stille, lebenslange Konsequenz: Die Familie übernahm den Namen des Arztes. Aus Musa Eskenazi wurde Morris Schinasi.
Dieser Name war kein klangvolles Pseudonym für die Neue Welt, sondern ein bewusst getragenes Zeichen der Dankbarkeit. In einer Zeit, in der religiöse Identitäten häufig zur Abgrenzung genutzt werden, erzählt diese Entscheidung von etwas anderem: von Anerkennung, Respekt und der Selbstverständlichkeit gegenseitiger Hilfe im osmanischen Alltag. Wer heute behauptet, jüdisch-muslimisches Zusammenleben sei historisch fragil oder grundsätzlich konfliktgeladen, muss erklären, warum ein jüdischer Unternehmer sein Leben lang freiwillig einen muslimischen Namen trug, nicht aus Zwang, sondern aus Überzeugung.
Schon mit 15 Jahren verließ Schinasi seine Heimat. Über Alexandria, das Zentrum des orientalischen Tabakhandels, gelangte er nach New York. Dort erkannte er das wirtschaftliche Potenzial des sogenannten „Türkentabaks“ milder, aromatischer und naturbelassener als der in den USA verbreitete Virginia-Tabak. Mit der Schinasi Brothers Company brachte er diesen Tabak auf den amerikanischen Markt und positionierte ihn als hochwertiges, „natürliches“ Produkt, lange bevor Begriffe wie Nachhaltigkeit oder Bio-Qualität Teil des Marketings wurden.
Sein Erfolg war jedoch nie nur ein individueller. In seinen Fabriken beschäftigte er zahlreiche sephardische Juden aus Manisa und Umgebung, schuf Arbeitsplätze, soziale Sicherheit und neue Perspektiven. Migration bedeutete bei ihm nicht Entwurzelung, sondern kollektiven Aufstieg. Herkunft war kein Ballast, den man abstreift, sondern ein Bezugspunkt, den man mitnimmt.

Am deutlichsten zeigt sich diese Haltung in seinem Testament. Morris Schinasi investierte sein Vermögen nicht in ein Denkmal für sich selbst und auch nicht in ein exklusives jüdisches Prestigeprojekt. Er verfügte den Bau eines modernen Kinderkrankenhauses in seiner Geburtsstadt Manisa, einer überwiegend muslimischen Stadt. 1933 wurde das Morris-Schinasi-Internationale Kinderkrankenhaus eröffnet und behandelte jahrzehntelang Kinder unabhängig von Religion, Herkunft oder sozialem Status. Ein jüdischer Philanthrop aus New York schuf in Anatolien eine Institution, die Leben rettete ohne Bedingungen, ohne religiöse Zuschreibung, ganz im Sinne universeller Menschlichkeit.
Im Jahr 2018 wurde das Krankenhaus durch den türkischen Staat geschlossen. Es gibt anhaltende Bemühungen von zivilgesellschaftlichen Akteur:innen und Initiativen, das historische Erbe von Morris Schinasi sichtbar zu halten und Wege für eine Wiederöffnung oder zumindest eine medizinisch-soziale Nutzung im Sinne des ursprünglichen Stiftungszwecks zu prüfen.
Wenn heute von jüdisch-muslimischem Dialog die Rede ist, denken viele an Podien, Konferenzen und wohlformulierte Erklärungen. Morris Schinasis Leben zeigt eine andere Dimension: Dialog, der nicht gesprochen, sondern gelebt wird. Ein muslimischer Arzt rettet ein jüdisches Kind. Ein jüdischer Mann trägt dessen Namen bis zum Ende seines Lebens. Ein Migrant vergisst seine Herkunft nicht und investiert in die Zukunft der Kinder seiner Heimat. Das ist kein symbolischer Dialog: Es ist gelebte Solidarität.
In Zeiten wachsender Polarisierung wirkt Morris Schinasis Biografie wie eine leise, aber deutliche Gegenrede. Sie erinnert daran, dass jüdisch-muslimische Beziehungen nicht nur von Konflikten geprägt waren, sondern auch von Vertrauen, gegenseitiger Hilfe und gemeinsamer Verantwortung. Vielleicht brauchen wir heute weniger große Worte und mehr Geschichten wie diese.
Morris Schinasi hat keine Dialogprogramme gegründet. Er hat etwas Bleibenderes hinterlassen: ein Beispiel.
Kadir Boyacı ist Soziologe und islamischer Theologe sowie Geschäftsführer des Forums für Interkulturellen Dialog e.V.




Danke für diese schöne Legende – aus wievielter Nacht?
Schliessung einer gestifteten Kinderklinik 2018, heisst es im Text:
war da nicht schon jener moderne Bestimmer an der Macht,
der noch viel „Bleibenderes“ zu hinterlassen erfolgreich ist?
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