Palästinensische Kooperation mit dem Zionismus vor 1948

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Tausende von Arabern verkauften zwischen 1917 und 1948 Land an den Jüdischen Nationalfonds, versorgten zionistische Organisationen mit Informationen, arbeiteten für jüdische Einrichtungen oder bauten persönliche Bande mit Juden auf. Manche lieferten sogar Waffen an zionistische Milizen oder vertrieben ehemalige arabische Pächter vom nun jüdischen Landbesitz. Der israelische Historiker Hillel Cohen hat diesem Phänomen eine instruktive Studie gewidmet, die bereits 2008 erschienen ist.

Von Ingo Elbe

Die Motive für Kooperation waren Cohen zufolge vielfältig: die Verfolgung finanzieller Interessen, Karrierehoffnungen, die Furcht von Dorfvorstehern vor dem Verlust ihrer lokalen Machtbasis angesichts der arabischen Nationalbewegung, ein Primat von Stammes- oder Familienloyalitäten sowie innerarabische Konflikte, ein Ethos guter Nachbarschaft, persönliche Verbundenheit mit Juden, aber auch nationalistische Ideen: Geradezu prophetisch, meint Cohen, mute Muhammad Tawils Warnung vom Beginn der 1930er Jahre an, die unversöhnliche und militante Ablehnung des Zionismus durch Mohammed Amin al-Husseini, den Mufti von Jerusalem, islamistischen Antisemiten und Führer der palästinensisch-arabischen Nationalbewegung, werde zur Niederlage und Vertreibung der palästinensischen Araber führen. Es sei daher, so Tawil, eine patriotische Pflicht, einen anderen Umgang mit den Zionisten zu finden (welcher das sein sollte, bleibt allerdings in der Studie offen). Die ‚einfache Bevölkerung‘ habe hingegen, obwohl meist antizionistisch eingestellt, teils mit Juden kooperiert, weil sie den „Widerspruch zwischen den Interessen des Individuums und den Interessen der Nation“ gespürt habe, „wie sie von der Führung vorgegeben“ worden seien.

Zudem, so Cohen, führte eine ganze Reihe von Faktoren zu einem Misstrauen gegenüber der politischen Elite: die Gewaltakte der Husseini-Fraktion; die Schädigung des arabischen Wirtschaftssektors durch wiederholte Boykottkampagnen gegen den Jischuw; die bisweilen willkürliche Behandlung der als Verräter bezeichneten Araber; mit Gewaltandrohungen erpresste ‚Aufstandssteuern‘; schlichte Plünderungen seitens der nationalistischen Kräfte; Korruption und Vorteilsnahme durch Führungsfiguren, die teilweise selber mit Juden Handel trieben oder ihnen Informationen zukommen ließen. Die arabische Führung wiederum habe angesichts hartnäckiger Kollaborationspraktiken ihre Befürchtung geäußert, die Zionisten seien wirklich in ein „Land ohne Volk“ eingewandert.

Cohens Werk zeichnet nicht nur ein detailliertes Bild arabischer Kooperation mit dem Zionismus, sein Buch ist zugleich eine Geschichte der widersprüchlichen Entstehung eines arabisch-palästinensischen Nationalbewusstseins. Es zeigt, dass die „gemeinsame Bindung an ein Heimatland, das eine einzige territoriale Einheit bildet“ unter den palästinensischen Arabern in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nur schwach ausgebildet war. Familiale, religiöse und lokale Bindungen seien oft als wichtiger erachtet worden. Auch der arabische Nationalismus sei zunächst nicht spezifisch palästinensisch gewesen. Erst ab 1920, seit dem Niedergang der großsyrischen Bestrebungen Faisals durch die Machtübernahme der Franzosen in Damaskus, entwickle sich – neben fortbestehenden panarabischen Ideen – in relevantem Ausmaß die Idee eines distinkt palästinensisch-arabischen Nationalismus. Dessen Etablierungsversuchen geht er nun am Leitmotiv des „Verräters“ nach. Inhalt und Durchsetzungskraft (häufig islamisch-religiös unterfütterter) nationalistischer Normen zeigten sich dem Autor zufolge anhand der Frage, wer als Verräter an der nationalen Sache und der Umma galt. Der allmählichen Verbreitung dieser Normen und ihren Konjunkturen gilt die Aufmerksamkeit Cohens ebenso, wie den nachrichtendienstlichen und politischen Strategien, mit denen der Zionismus darauf reagierte.

Die Ausführungen zum arabischen Aufstand (1936-39) sind besonders interessant: In diesem gelang es Cohen zufolge den Schergen al-Husseinis zunächst, durch eine umfassende innerarabische Terrorkampagne jede Opposition mundtot zu machen oder buchstäblich zu eliminieren. Methoden des Terrors waren demnach Zerstörung des Eigentums, ökonomische Ruinierung, soziale und religiöse Ächtung (manchmal mussten sogar die Gräber getöteter „Kollaborateure“ bewacht werden, um eine Schändung der Leichen zu verhindern, deren Bestattung auf muslimischen Friedhöfen von religiösen Autoritäten verboten worden war) sowie Todesdrohungen und Attentate auf das Leben der „Verräter“. Insbesondere Ansätze zur Akzeptanz des Peel-Teilungsplans Mitte 1937 seien im Keim erstickt worden. Die Liste der als „verräterisch“ eingestuften Handlungen und Akteure, die Cohen herausarbeitet, wurde dabei immer länger: arabische Landverkäufer; Informanten; Pro-Zionisten; sich um friedliche Beziehungen mit dem Jischuw bemühende Dorfvorsteher; Streik- und Boykottbrecher; arabische Angestellte der britischen Mandatsverwaltung und Polizisten; mit Juden befreundete Araber; diplomatische Beziehungen mit dem Jischuw eingehende Politiker oder Kontakt zu Politikern, die sich um solche Beziehungen bemühten; um getötete „Verräter“ trauernde Angehörige oder Freunde; Verweigerer aktiver Unterstützung der aufständischen Banden; Unterstützer des Peel-Teilungsplans; des Verrats Verdächtige (!) und schließlich sämtliche Gegner Amin al-Husseinis, selbst wenn sie sich offen gegen den Zionismus stellten – sie alle wurden zum Gegenstand von Repressalien, nicht selten mit der Konsequenz ihrer Ermordung. Allein zwischen 1936 und 1939 seien ungefähr 1000 Araber von aufständischen Arabern getötet worden, schätzt Cohen. Der unmittelbare Erfolg der Terrorkampagne und die Atmosphäre der Angst, die sich in der ganzen palästinensischen Gesellschaft ausbreitete, hätten mittelfristig zu ihrer inneren Spaltung in tödlich verfeindete Gruppen und zur Verhinderung einer geeinten Nationalbewegung geführt.

Gegen Ende des Aufstands sei daher auch ein Wiederaufleben der Opposition zu verzeichnen gewesen, teilweise eine militärische Kooperation arabischer Einheiten mit Briten und Zionisten gegen die Kräfte al-Husseinis. Hier hätten Motive der Vergeltung für erlittene materielle oder personelle Verluste durch die Banden der Aufständischen sowie der Furcht um persönliche Sicherheit im Mittelpunkt gestanden. Protagonisten der Opposition verfolgten laut Cohen in diesem Kontext eher das Konzept einer transjordanisch-arabischen Nation als die Idee eines palästinensischen Staates – letztere schien ihnen durch Husseinis Okkupation des palästinensischen Nationalismus diskreditiert und noch 1948 „war das letzte, an dem sie interessiert waren, ein unabhängiges Palästina unter der Herrschaft des Muftis“. Nach der Ermordung des prominentesten Gegners des Muftis, Fakhri Nashashibi, im Jahr 1941 sei der ohnehin intern gespaltenen Opposition aber ein empfindlicher Schlag versetzt worden. Nach der Niederlage Rommels in Nordafrika hätten die Parteigänger al-Husseinis zudem ihre Hoffnung auf eine unmittelbare militärische Unterstützung durch die Nazis aufgegeben (interessant ist Cohens Hinweis auf eine Umfrage unter palästinensischen Arabern aus dem Jahr 1941, der zufolge 88 Prozent der Befragten ihre Unterstützung für Hitlerdeutschland bekundeten). Man sei zu dem Schluss gekommen, dass man den Kampf gegen die „Verräter“ und die Zionisten wieder aus eigenen Kräften, unterstützt von der neu gegründeten Arabischen Liga, verschärfen müsse – was auch mit zunehmender Radikalität geschehen sei und zur Panarabisierung von antijüdischen Boykottkampagnen geführt habe.

Am Vorabend des ersten arabisch-zionistischen Krieges, so charakterisiert Cohen die Lage, war die arabisch-palästinensische Gesellschaft gespaltener denn je, was (zusammen mit dem materiellen Interesse von Bauern und Arbeitern am wirtschaftlichen Überleben und an Beziehungen mit dem jüdischen Sektor) ab dem 30.11.1947, dem Beginn des Angriffs arabischer Milizen auf den Jischuw, zu einer gewissen Kampfunwilligkeit in der lokalen Bevölkerung geführt habe. Eine Minderheit von lokalen Familien, berichtet Cohen, nahm sogar gemeinsam mit der Haganah bzw. IDF an Kämpfen gegen die arabischen Invasionsarmeen oder Milizen der Arab Liberation Army teil. Insgesamt habe eine lähmende Furcht vor Verrätern und Spionen geherrscht, eine allgemeine Atmosphäre gegenseitiger Verdächtigungen. Im Falle Haifas führte das dazu, dass die arabische Bevölkerung vor allem aus der Furcht, als Verräter zu gelten, die Stadt verließ (trotz einer Bitte der jüdischen Seite, zu bleiben).

Die Geschichte bis 1948, so Cohen, erweise letztlich „das Fehlen eines verbindenden nationalen Ethos“ in der arabisch-palästinensischen Gesellschaft. Diejenigen sollten recht behalten, die der extremistischen Führung um al-Husseini vorwarfen, mit seiner Intransigenz die Araber Palästinas in den Abgrund zu führen. Dass al-Husseini, aber vor allem die im „Scramble for Palestine“ (Karsh) befindlichen Staatsführer Ägyptens, Syriens, Jordaniens und des Irak den arabischen Kurs gegenüber dem Zionismus bestimmten, dürfte die wahre Katastrophe für die arabischen Palästinenser gewesen sein.

Hillel Cohen: Army of Shadows. Palestinian Collaboration with Zionism, 1917-1948. Berkeley/Los Angeles/London 2008, Bestellen?