Antisemitismus und Friedensforschung bei Johann Galtung – ein verspäteter Nachruf

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Foto: Diario de Madrid / CC BY 4.0

Der jüngst verstorbene Friedensforscher Johan Galtung entwickelte zahlreiche Konzepte, die nicht nur Beachtung in den Sozialwissenschaften fanden. Seine durchaus antisemitisch verstehbaren Bekundungen ignorierten viele Nachrufe, angesichts ihrer gegenwärtigen Aktualität folgt hier eine Erinnerung daran.

Von Armin Pfahl-Traughber

Am 17. Februar 2024 verstarb der norwegische Friedensforscher Johann Galtung, der die damit angesprochene Fachdisziplin durch inhaltliche und organisatorische Innovationen in einem sozialwissenschaftlichen Sinne geprägt und vorangebracht hatte. Der 1930 Geborene hatte die Besatzungszeit in Norwegen während des Zweiten Weltkriegs noch erlebt, wohlmöglich erklärte diese Erfahrung auch seine militärskeptische Haltung. In seiner Geburtsstadt Oslo begann er später ein Studium und beschäftigte sich fortan neben mathematischen insbesondere mit politikethischen Themen. Seine eigentliche akademische Leidenschaft sollte indessen die Soziologie werden. So arbeitete Galtung etwa schon früh mit Paul Lazarsfeld als einem renommierten Repräsentanten der Sozialwissenschaften zusammen, dies dann aber an der University of Columbia in den USA. Insbesondere Fragen der Konfliktentwicklung beschäftigten ihn, bezogen auf Bedingungsfaktoren ebenso wie auf Konsequenzen. Damit deutete sich bereits die Friedensforschung als sein Schwerpunkt an.

Galtung entwickelte ab den 1950er Jahren diverse Modelle und Theorien, welche auf unterschiedliche Aspekte dieser neuen Wissenschaftsdisziplin bezogen waren. Dies machte ihn längerfristig zu einem renommierten Forscher, was Gastprofessuren auch an ausländischen Universitäten veranschaulichen. Die Gründung eines entsprechenden Instituts 1959 wie die Publikation einschlägiger Veröffentlichungen ließen ihn in der sozialwissenschaftlichen Welt international bekannt werden. Ein interdisziplinärer Ansatz zeichnete dabei seine Forschungen und Publikation aus, waren dabei doch Anthropologie und Politikwissenschaften ebenso wichtig wie Psychoanalyse und Wirtschaftswissenschaften. Darüber hinaus wirkte er als Berater bei internationalen Konflikten in unterschiedlichen geographischen Regionen und bei verschiedenen inhaltlichen Zusammenhängen. Kurzum, fortan gehörte Galtung zu den weltweit bekanntesten Intellektuellen, eben auch als eine akademische Stimme mit internationaler Wirkung.

Einer seiner bekanntesten Ansätze war die inhaltliche Bestimmung von „struktureller Gewalt“ als analytischem Terminus, wozu er auch diverse Aufsätze und Bücher der Friedensforschung vorlegte. Er definierte eine Auffassung von Gewalt, die nicht auf eine gezielte Handlung gegen einen Körper, sondern auf gesellschaftliche Rahmenbedingungen und deren diskriminierende Wirkung abstellte. Gemeint war damit eine bestehende Gesellschaft mit einseitigen Machtverhältnissen, die von ungleichen Einkommensverhältnissen und Ressourcenverteilungen geprägt war. Strukturelle Gewalt wären demnach alle sozialen Rahmenbedingungen, die bezogen auf Bedürfnisbefriedigungen das potentiell Mögliche herabsetzten oder verunmöglichten. Als berechtigte Gesellschaftskritik wäre dies nachvollziehbar, aber auch als konkretes Gewaltverständnis? Bedenken äußerten dazu Kritiker mit unterschiedlichen Motiven, da aus der diffusen Auffassung heraus „Gegen-Gewalt“ legitimierbar wäre.

Denn derartige Deutungen kann man in unterschiedlichen Kontexten ausmachen, auch bezogen auf Israel im Nahost-Konflikt. Und dazu fanden sich bedenkliche Bekundungen bei Galtung ab den 2010er Jahren: So äußerte er sich anerkennend über die antisemitische Fälschung der „Protokolle der Weisen von Zion“ bezogen auf eine Wirtschaftskrise, machte eine Andeutung zu Breiviks Massakern mit einem nahegelegten Mossad-Hintergrund, beklagte den jüdischen Einfluss auf internationale Medien oder die US-amerikanischen Universitäten. Gegenüber einschlägiger Kritik sprach er von bloßen Verleumdungen.

Indessen gab es für diese Behauptungen ganz unterschiedliche Quellen, unabhängig voneinander legten sie eine latente, hier dann manifeste antisemitische Prägung des Sozialwissenschaftlers nahe. Seit 2009 hatte sich Galtung für das „Russel-Tribunal zu Palästina“ engagiert, was seine einseitig israelfeindliche Haltung zum Konflikt nahelegt. Die erwähnten Aussagen lassen dafür bei Galtung eine zunächst latente, später manifeste antisemitische Prägung vermuten.

Lesehinweise:

Aderet, Ofer: Pionieer of Global Peace Studies Hints at Link between Norway Massacre and Mossad (30. April 2012), in: www.haaretz.com.
Chaitin, Julia: An Open Letter to Johan Galtung: Peace-making and anti-Semitism Can’t Go Together? (8. Mai 2012), in: www.haaretz.com.
Diehl, Alexander: Wie hältst du’s mit dem Davidstern? (25. Oktober 2023), in: www.taz.de.
Wyss, Michel: Frage an Johan Galtungs Verteidiger (5. September 2022), in: www.audiatur-online.ch.