Vom Schtetl nach Stuttgart

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Die jüdischen Schtetl in Osteuropa gibt es nicht mehr. Geflohen sind die Bewohner vor über 80 Jahren, andere wurden von den Nazis in die Konzentrationslager getrieben und brutal ermordet. Die Kultur des Schtetls, des kleinen Städtleins, wird für immer zerstört und ausgelöscht. Die jüdische Künstlerin Mina Gampel erinnert an die damaligen Traditionen in ihrer alten Heimat, erzählt malerisch die Szenen, die Erlebnisse, die Gedanken und bringt sie künstlerisch auf die Leinwand.

Von Christel Wollmann-Fiedler

In Pinsk in einem polnischen Schtetl wird sie vor dreiundachtzig Jahren geboren. Die deutsche Wehrmacht und die SS überfallen 1939 Polen und 1941 die Sowjetunion. Minas Familie Juszkiewicz flieht mit den acht Kindern in Richtung Osten, ins asiatische Gebiet der Sowjetunion, nach Samarkand und Kirgisien und rettet sich. Mina überlebte als Baby und Kleinkind den Holocaust und bleibt bis ins hohe Alter dem Judentum treu.

1945 kehrt die Familie nach Stettin/ Szczecin ins neugegründete Polen, ins frühere Hinterpommern, zurück. Nach dem 2. Weltkrieg wird Stettin vorübergehend zu einem wichtigen Treffpunkt für überlebende polnische Jüdinnen und Juden. Ende der 1960er Jahre verlassen viele von ihnen die Ostseestadt in Richtung Israel und USA. Die Kinder- und Jugendzeit verbringt Mina am Stettiner Haff, in Westpommern, schön muss es dort gewesen sein. Sehr jung heiratet sie und geht mit dem Angeheirateten 1957 ins Gelobte Land, ins neu gegründete, Freiheit versprechende Israel. Drei Söhne werden geboren.

Ende der 1960er Jahre lockt ein Verwandter die jüdische Familie in unser Land, in den Südwesten, nach Baden-Württemberg, wo Mina seit über 50 Jahren wohnt. Malerei studiert sie an den Akademien in Trier und Esslingen, die jüdische Gemeinde in Stuttgart ist ihr Zuhause, der mosaische Glaube Ihre Religion und Kultur. Dozentin an der Esslinger Kunstakademie ist sie seit vielen Jahren. Ihre künstlerischen Bilder sind sehr begehrt. Die längst vergangenen Zeiten des Judentums sind ihre Themen. Eine von sehr wenigen Künstlerinnen in Deutschland und Polen ist sie mit ihren berühmten Judaica. Das Vergangene, das Gewesene prägen ihre Bilder, erinnern an die Eltern, an die Großeltern, an die Familiengeschichte damals in Polen, heute Belarus/Weißrussland. Die Musikanten lässt sie durchs Dorf ziehen, es wird getanzt und gefeiert. Im Atelier in Stuttgart entstehen diese Raritäten. Große farblich bunte Blumenbilder gehören ebenfalls zu ihrem künstlerischen Repertoire.

Das eben fertig gewordene Gemälde in Acryl gemalt, im Format 100 cm x 80 cm, zeigt das neuzeitliche Israel, das Israel zu Beginn des letzten Jahres mit dem Titel „Am Israel Chai“.