Antisemitismus und Wissenschaftsfeindlichkeit

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In einer öffentlichen Diskussion erörterten am 18. Januar in Braunschweig Expertinnen und Experten ein komplexes Themenfeld: die Beziehungen zwischen Antisemitismus und Wissenschaftsfeindlichkeit und ihr Bedrohungspotenzial für eine freie, demokratische und zukunftsorientierte Gesellschaft.

Schon bei den Demonstrationen gegen die Anti-Corona-Maßnahmen zeigte sich, dass Leugnung wissenschaftlicher Erkenntnisse und antisemitische Verschwörungserzählungen oft Hand in Hand gehen. Das Aufflammen des Antisemitismus seit dem 7. Oktober 2024 brachte deutlich zutage, dass auch Kultur und Wissenschaft nicht davor gefeit sind. Der Einladung der Bet Tfila – Forschungsstelle für jüdische Architektur an der Technischen Universität Braunschweig ins Altstadtrathaus waren über 200 Menschen gefolgt – die Dornse, die „gute Stube“ der Stadt, war bis zum letzten Platz gefüllt.

In ihren Grußworten erläuterten Anja Hesse, Kulturdezernentin der Stadt Braunschweig, und Angela Ittel, Präsidentin der Technischen Universität Braunschweig, die Bedeutung, die Antisemitismus und Wissenschaftsfeindlichkeit für die Bürgergesellschaft und für die akademische Welt haben. Felix Klein, Bundesbeauftragter für den Kampf gegen Antisemitismus und für den Schutz jüdischen Lebens in Deutschland, führte dann tiefer in die Thematik ein. Er betonte, dass ein kulturell tief verwurzeltes Ressentiment wie der Antisemitismus komplexe Ursachen und Hintergründe habe und seine Bekämpfung entsprechend vielschichtig sein müsse. Klein hob hervor, dass Antisemitismus prinzipiell wissenschaftsfeindlich sei, weil seine „Erklärungen“ einer komplexen Welt gerade nicht auf wissenschaftlicher Grundlage argumentierten.

Aus unterschiedlichen persönlichen Erfahrungen und mit verschiedenen wissenschaftlichen Perspektiven erörterten dann die Virologin Melanie Brinkmann vom Institut für Genetik der TU Braunschweig / Helmholtz Zentrum für Infektionsforschung, die Kommunikationswissenschaftlerin Friederike Hendriks von der TU Braunschweig und der Historiker Dirk Sadowski vom Leibniz-Institut für Bildungsmedien/Georg-Eckert-Institut, Braunschweig, mit Felix Klein, welche Ähnlichkeiten, Unterschiede und Überlagerungen es zwischen Wissenschaftsfeindlichkeit und Antisemitismus gibt. Moderiert von der Berliner Journalistin Shelly Kupferberg, entwickelte sich ein intensives Gespräch, in das auch vorab vom Publikum eingesandte Fragen an und Kommentare von Angela Ittel, Anja Hesse und Cord Friedrich Berghahn, Präsident des Israel Jacobson Netzwerks e.V., einflossen. Es wurde deutlich, dass dem Antisemitismus und der Wissenschaftsfeindlichkeit ähnliche Denkstrukturen und Handlungsmuster zugrunde liegen. Zwei wichtige Ziele zeichneten sich ab: kurzfristig denen zu helfen, die persönlich und akut von Antisemitismus oder Wissenschaftsfeindlichkeit bedroht sind, und darüber hinaus innerhalb und aus der akademischen Welt heraus mit den Menschen zu kommunizieren, wie Wissenschaft unsere Freiheit ermöglicht und wie sehr Antisemitismus sie gefährdet.

Der Mitschnitt der Podiumsdiskussion ist jetzt auf der Website der Bet Tfila – Forschungsstelle für jüdische Architektur nachzuhören: http://www.bet-tfila.org

Die Bet Tfila – Forschungsstelle für jüdische Architektur dankt als Veranstalter der TU Braunschweig, der Stadt Braunschweig, dem Braunschweigischen Hochschulbund, der Amadeu-Antonio-Stiftung und dem Verein zur Förderung der Bet Tfila – Forschungsstelle für jüdische Architektur e.V. für die Unterstützung der Podiumsdiskussion.

Bild oben: Podiumsdiskussion am 18. Januar im Altstadtrathaus in Braunschweig, von links: Prof. Dr. Angela Ittel, Dr. Felix Klein, Prof. Dr. Ulrike Fauerbach, PD Dr.-Ing. Ulrich Knufinke, , Dr. Dirk Sadowski, Prof. Dr. Melanie Brinkmann; vorne: v.l. Dr.-Ing. Katrin Keßler, Shelly Kupferberg, Prof. Dr. Anja Hesse, Dr. Friederike Hendriks (Foto: © Stadt Braunschweig, Daniela Nielsen)