Nur nicht zu den Löwen

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Ein belletristisches Buch in zeitgemäßer E-Mail-WhatsApp-Briefform über die „Ewige Geliebte“, eine Bildschöne ins Alter gekommene vereinsamte Frau, die sich mutig aus dem Rückblick erzählend ins Leben begibt.

Von Nea Weissberg

Es ist auch ein Buch über die Zahal. Nur nicht zu den Löwen nimmt gleichnishaft Bezug auf das Wappentier Jerusalems: Der Löwe (Arje, hebräisch) ist das Tier des Stammes Juda und steht für eine unbändige Kraft, einen patriotischen Stolz und einen ungebrochenen Verteidigungswillen. Es ist ein Roman in Briefform mit einem Bezug zur widerstreitenden israelischen Gesellschaft, vor dem mörderischen Anschlag der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023, geschrieben.

Früher war die wunderschöne Rivi Greenfeld die Geliebte einflussreicher Männer der Zahal, der unantastbaren Armee. Nun ist sie Ende 69 und soll ihre Wohnung, in der sie ihr ganzes Leben, ihre Kindheit, Jugend und ihr Erwachsenalter verbracht hat, für immer verlassen. Das Haus soll abgerissen werden. Als Rivi gezwungen wird, ihr Zuhause zu räumen, entsteht ihr Wunsch all den Wegefährten zu schreiben, die ihr etwas bedeutet haben.

Geöffnete Pandorabüchsen

Rivi Greenfeld lässt Episoden ihres Lebens Revue passieren, hierbei, begleitet von den sozialen Lebensumständen Israels – einer trotz Gleichberechtigung spürbaren Männerdominanz, nach der Staatsgründung am 14. Mai 1948 wiederkehrende Verteidigungskriege, gesellschaftspolitische Divergenzen, Dispute zwischen Orthodoxie, Liberalismus, Säkularismus, fanatischen Siedlern, jüdischen und arabischen Israelis, kulturelle Differenzen zwischen aschkenasischen (europäischen) Juden und sephardischen (spanischen, nordafrikanischen, arabischen) Juden, Geflüchtete, Verjagte, Zugezogene, Einwanderer aus der Diaspora.

Ein Land zwischen Hoffnung auf einen Friedensdialog mit den Palästinensern und der radikalen Verweigerung jener friedenspolitischen Bestrebungen, eine weltweit florierende Start UP Gesellschaft, überschattet von abgewehrten innerseelischen Unsicherheiten als transgenerationales Erbe der Shoah. Ein Lebensthema Lizzie Dorons, das sich durch ihre Erzählungen zieht, ist das Jiddisch sprechende Nachbarschaftsumfeld von Shoah-Überlebenden, in der Doron in Tel Aviv heranwuchs.

Unter den Staaten, in die europäische Juden und Jüdinnen vor der NS- Verfolgung und Vernichtung einen Zufluchtsort fanden, nimmt Eretz Israel eine wegweisende Bedeutung ein. Shoah-Überlebende hofften auf die Chance die Staatsbürgerschaft eines künftigen jüdischen Nationalstaats zu erhalten, während sie erfahrungsgemäß in allen anderen Exilländern weiterhin zu einer gesellschaftlichen Minorität gehören würden.

„Nur nicht zu den Löwen“ wird vom dtv Verlag als Roman angekündigt. Es ist eine lose Ansammlung von WhatsApp und Mails in Briefform. In sechs Tagen und Nächten schreibt Rivi gegen den geplanten Gebäude-Abriss an.

Rivi Greenfeld wurde 1947 in Neve Tzedek geboren. Inzwischen ist Neve Tzedek ein angesagtes Viertel Tel Avivs. Odelia, eine junge arrivierte Unternehmerin und Nachbarin Rivis, repräsentiert eine zielstrebende, selbstbewusste, moderne israelische Frau. Sie treibt als Software-Entwicklerin das Stadterneuerungsprojekt voran. Sie will den Gebäudekomplex gewinnbringend im Luxus-Stil modernisieren lassen. Greenfeld versucht bis zuletzt dagegen aufzubegehren, erinnert sie doch alles an das gemeinsame Leben mit ihren Eltern in den 1950-60er- Jahren.

„Wir Alten sind dazu bestimmt, Geschichten zu erzählen“

Rivi wird ungewohnt widerständig, indem sie Briefe an Odelia schreibt und gleichzeitig ihr Leben in der Rückschau Seite für Seite vorbeiziehen lässt. Ihre Adressaten sind ihre verflossenen Weggefährten. Ihre Mails und WhatsApps bleiben fast immer ohne Rückantwort.

Und hier beginnt ein weiterer Plot des Buches. Greenfelds Eltern waren der Ansicht, dass ihre Tochter an einem sicheren Arbeitsort wäre, würde sie eine Stelle bei der Zahal, bei der israelischen „Armee des Volkes“ erhalten. Die Gründung der israelischen Verteidigungskräfte am 31. Mai 1948 ist verbunden mit dem Glauben und das Vertrauen an einen starken Staat für die Juden, an eine siegreiche, Schutz gebende Armee, die Lizzie Doron ein Stück weit infrage stellt. Der allgegenwärtige Konflikt mit den Palästinensern und die daraus folgende aufs Neue wiederkehrende Bedrohung, belasten Israel.

Eine einsame Hauptfigur, umgeben von Liebschaften

Schriftstellerin und Protagonistin blicken gemeinsam zurück auf das Familien-Berufs-und Liebesleben Greenfelds. Geschickt umging der überbehütete Teenager Rivi die strikten Verbote der Eltern, sprang nachts aus dem Fenster des Erdgeschosses, um mit gleichaltrigen Jungen zu plaudern. Rivi hatte nicht eine einzige Freundin aus Kindheitstagen.

Greenfeld wurde eine qualifizierte Angestellte der Zahal. Doch raumeinnehmend sind die diversen Liebschaften, länger andauernde Beziehungen zu hauptsächlich verheirateten Männern, zu Vorgesetzten, Generälen, Leutnante, Offizieren im hohen Rang. Diese Baumstark geschilderten Männer werden Salz des Landes genannt. Verluste von Verbindungen – bedingt durch immer wiederkehrende israelische Verteidigungskriege – durchweben gleichsam das Buch.

Durch den Draufblick der Schriftstellerin scheint die bekannte „Mee To“-Debatte anzuklingeln, wird auf die Protagonistin und die Mail-Adressaten übertragen.

Greenfeld selber schildert wenig in dieser Richtung, war sie doch stets bis zum heutigen Tagen mit ihren Liebhabern innigst, wenn auch z. T. mit verzweifelter Erwartung auf ein Happy End verbunden. Als drei ihrer Liebhaber sterben, erlebt sie anteilnehmend diesen Verlust jeweils aus der Perspektive einer Witwe. Sie hegt kaum einen Groll gegen ihre Verehrer, obwohl die Umarmungen ihrer Liebhaber in ihr Hoffnungen auf einen Verlobungsring weckten. Lebenslang „nur“ eine stundenweise begehrte Geliebte, ein „Schätzchen“, „Püppchen“, eine zum Schweigen verurteilte Frau, zu sein, ist nicht nur eine einseitige Lebensentscheidung, sondern beidseitig. Rivi bilanziert, sie sei eine einsame Rekordhalterin der vermasselten Chancen.

Der einsame Blick aus dem Fenster

Rivi Greenfeld ist die Tochter von Shoah-Überlebenden, durch den im Vernichtungslager gewaltsamen Tod der erstgeborenen Tochter ihres Vaters, fungiert sie als Ersatztochter. Sie möge beschützt sein, ist der Auftrag ihrer Eltern. Beim Schreiben wird Rivi klar, wie schwer sie an ihrer Rolle der Zweitgeborenen trug, die die in Auschwitz ermordete Erstgeborene Halbschwester Rejsele nicht ersetzen konnte.

Rivis Mutter stand am Fenster, in der Hoffnung, ihr in der Shoah vermisster Verlobte käme vorbei. „…, ich trete ans Fenster, um Atem zu holen, aber ich bekomme kaum Luft und denke, dass mein Kontakt zur Außenwelt in den letzten Jahren so gut wie ausschließlich durch dieses Fenster stattgefunden hat und dass das Stehen am Fenster so etwas wie ein Erbe ist, oder vielleicht ein Gen, das weitergegeben wird, denn meine Mutter hatte, solange ich zurückdenken kann, am Fenster gestanden. Und nun stehe ich hier, die zweite Generation am Fenster.“

„Was ist genau ist ein gutes Leben“

Ersatztochter zu sein, um ein ermordetes Kind mit neuem Leben auszufüllen, ist prägend und belastend, kann die ungestillte Sehnsucht nach lebenslanger Anerkennung beinhalten.

Rivis innerseelisch gebrochene Eltern sind nicht imstande mit der Tochter über die grausamen unmenschlichen Gewalterfahrungen zu sprechen. Zu schmerzhafte Erinnerungen beschweren ihre Seele.

Dass ich Fruma darüber habe reden hören, mein Vater sei schon mal verheiratet gewesen, mit einer anderen Frau, der Mutter von Rejsele, und als Rejselle acht war, habe man sie beide vor den Augen meines Vaters ermordet. Und ich will ihr sagen, dass ich immer schon gewusst habe, seit ich denken kann, warum sie am Fenster steht.“

„Haben Sie denn ein Danach?“

Die robuste Odelia wird nach und nach durch die dichte briefliche Begegnung mit Rivi herausgefordert. Eines Tages wird sie durch Rivis Erzählungen mit ihrer eigenen, von der Shoa geprägten, Familienherkunft konfrontiert und steht dieser Tatsache zunächst fassungslos gegenüber: Odelias Mutter wurde als Baby einer Adoptivfamilie in einem Kibbuz anvertraut. Odelias Großmutter ist Sonja, eine Nachbarin der Greenfelds, eine „Ver-Rückte“ – mit dem immer gleichen Kinderwagen in der Nachbarschaft umherschweifend. Sonja, die den selbstgestrickten Puppen die Knopfaugen aussticht, damit sich darin nicht die erloschenen Augen der Shoa Ermordeten spiegeln.

Noah, ein kameradschaftlicher Weggefährte wird Rivi an ihrem 70. Geburtstag das Geschenk einer treuen, unverbrüchlichen Freundschaft anbieten. Sie antwortet ihm: „Sobald ich genug Kraft habe, werde ich dich in deinem neuen Blumenladen besuchen.“ Ein unerwarteter Hoffnungsschimmer, der Rivi aus ihrer jahrzehntelangen Einsamkeit erlösen könnte.

Lizzie Doron, Nur nicht zu den Löwen. Aus dem Hebräischen von Markus Lemke, dtv 2023, 192 Seiten, 23 Euro, Bestellen?