„Wir hielten die Vernichtung an“

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Der Name Rudolf Kasztner ist mit dem Versuch verbunden, das Leben von Juden aus Ungarn gegen Waren und Devisen zu tauschen. 1685 Juden konnten mit einem von ihm organisierten Transport in die Schweiz gerettet werden. Kasztner wanderte später nach Israel aus, wo ihm vor Gericht gesagt wurde, er habe „seine Seele dem Teufel verkauft“. Kasztner wurde 1957 auf der Straße angeschossen und starb an den Folgen dieses Attentats.

Rudolf Kasztner handelte jedoch nicht alleine. Seinen Plan versuchte er u.a. mit der Hilfe von Andreas Biss zu verwirklichen, der darüber ein Buch schrieb, das 1966 in Deutschland erschien. Biss, 1904 in Budapest geboren, wuchs in Bistritz (Siebenbürgen) auf, wo er deutschsprachig und im evangelischen Glauben erzogen wurde. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs lebte er bis 1957 abwechselnd in der Schweiz und in Frankreich, anschließend bis zu seinem Tod 1990 in Berlin, wo er auf dem Friedhof der jüdischen Gemeinde beerdigt wurde.

Sein Zeugnis über die Rettungsaktion ist nun im März-Verlag neu aufgelegt erschienen. Es erzählt das Unvorstellbare: Indem sie sich als Stellvertreter der „Jüdischen Weltmacht“ ausgaben, traten Biss und Kasztner mit Eichmann und Himmler in Verhandlung über die Rettung von ungarischen Juden. Ständig die eigene Deportation vor Augen, nutzten Biss und Kastner die widerstreitenden Interessen der Nazis, deren Angst vor der vorhersehbaren Niederlage, vor einer möglichen kommenden Vergeltung – und ihre Gier nach Geld und Macht. Schließlich konnten sie sogar erreichen, dass in den letzten Monaten vor der Befreiung keine ungarischen Juden mehr im KZ Bergen-Belsen ermordet wurden. Das für Himmler wertvolle „Tauschmaterial Juden“ sollte nicht mehr „im Gas vergeudet“ werden.

Die Neuausgabe ist durch ein einführendes Vorwort von Dieter Pohl über die Ermordung der jüdischen Bevölkerung Groß-Ungarns 1944/45 und eine Zeittafel erweitert. Vor allem aber enthält sie ein Interview, das Jörg Schröder, der 2020 verstorbene Gründer des legendären März-Verlags, mit Andreas Biss 1985 in dessen Berliner Wohnung führte. Barbara Kalender, die den Verlag weiterführt, ist dafür zu danken, dass dieses wichtige Zeugnis nun zu lesen ist.

List als Waffe – »Wir hielten die Vernichtung an«- Hrsg. von Barbara Kalender, mit einem Vorwort von Dieter Pohl – Mit einem Interview: Jörg Schröder befragt Andreas Biss zum jüdischen Rettungskomitee. 399 Seiten mit zahlreichen Dokumenten, Faksimiles, Zeittafeln und Register, März Verlag 2023, S., € 32,00, Bestellen?