Kollage von Erinnerungen

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Blick in die Ausstellung „Ein anderes Land. Jüdisch in der DDR“; Jüdisches Museum Berlin, Foto: Jens Ziehe

Eindrücke von der Ausstellung „Ein anderes Land – Jüdisch in der DDR“ im Jüdischen Museum Berlin

Von Gabriel Berger

Die Ausstellung „Ein anderes Land – Jüdisch in der DDR“ im Jüdischen Museum Berlin lässt weit mehr Fragen offen als sie beantwortet. Es ist zweifellos positiv, dass sich in der Ausstellung zahlreiche Personen äußern, die als selbst Betroffene über das Leben als Juden in der DDR berichten. So nähert man sich dieser Problematik ohne vorgefasste Vorurteile, wie sie in der zeithistorischen Literatur verbreitet sind.

Sie kamen unmittelbar nach dem Krieg und der Shoah, die auch in ihren jüdischen Familien und Freundeskreisen Verwüstungen angerichtet hatte, zurück nach Deutschland, in das Land der Täter. Sie kamen, um den sowjetisch besetzten östlichen Teil Deutschlands zu einem anderen, einem sozialistischen, humanen, toleranten Land zu machen. Das ist der Grundtenor der Ausstellung, der sich soweit mit der historischen Wirklichkeit der damaligen Zeit deckt. Was die Ausstellung nicht thematisiert ist jedoch, wie viele solche jüdischen Idealisten es waren, die die Rückkehr nach Deutschland der Emigration in die USA oder nach Palästina vorzogen. Und kaum beantwortet bleibt die Frage, wie viele von diesen meist kommunistisch orientierten Volontären des sozialistischen Aufbaus sich selbst als Juden sahen. Denn sofern sie aus jüdischen Familien stammten, in denen die jüdische religiöse und geistige Tradition gepflegt wurde, hatten sie sich als Jungkommunisten von jeglicher Religion distanziert, oft auch von jeder Erinnerung an das jüdische Leben ihrer Vorfahren. Und wie viele waren es? In der Literatur findet man die Schätzung von 8 bis 9 Tausend Personen, von denen  nach der Gründung der DDR im Jahre 1949 nur etwa 1500 den jüdischen Gemeinden angehörten[1], 1989 waren es nur noch etwa 400 Mitglieder. Die meisten der jüdischen Rückkehrer blieben als Kommunisten den Gemeinden fern, womit sie ihre Religionsferne demonstrierten. Aber auch die Mitglieder der jüdischen Gemeinden der DDR waren größtenteils zugleich SED-Mitglieder und an die Tradition, nicht aber an die Religion gebunden. Solche Betrachtungen vermisst man in der Ausstellung.

Trotzdem, und das kann ich aus eigener Erfahrung als Jude in der DDR sagen, fühlten sich viele der jüdischen Rückkehrer in die DDR und ihre Kinder als Juden, auch wenn sie in ihrem Leben nie eine Synagoge betreten hatten und statt der jüdischen Feiertage kommunistische begingen. Denn es gab in dem jüdischen Milieu eine Gemeinsamkeit der Erfahrungen, welche die Eltern-, aber auch die Kindergeneration, gravierend von der Mehrheitsgesellschaft unterschied und trennte. Das waren einerseits die Erfahrungen der Verfolgung als Jude und als Kommunist während der Nazizeit. Andererseits war es die Erfahrung der Eltern, die als entschiedene Gegner des Nationalsozialismus oder, wie sie es sagten, des deutschen Faschismus, aus Deutschland fliehen mussten und oft noch außerhalb Deutschlands im Kampf gegen den Faschismus aktiv gewesen sind, sei es in Frankreich, Belgien oder Spanien. Den Kindern dieser „Kämpfer gegen den Faschismus“, wie ihr Ehrentitel in der DDR hieß, zu denen auch ich zählte, war kaum zu verdenken, dass sie auf ihre Eltern stolz waren, sie als Helden sahen, vielleicht auch verehrten. Dieses Gefühl der Kinder privilegierte sie gegenüber der Mehrheit der Gleichaltrigen, die meist auf Eltern zurückblicken mussten, die aktiv oder passiv den Nationalsozialismus unterstützt hatten. Solche Gefühle artikulieren manche der in der Ausstellung vorgestellten Juden der Kindergeneration in ihren Erinnerungen an die Zeit in der DDR.

Etwa 500 Juden haben, wie in der Ausstellung zu lesen ist, 1953 aus Angst vor erneuter Verfolgung die DDR Richtung Westen verlassen. Damals haben auf Geheiß von Stalin in Osteuropa, besonders in der Tschechoslowakei, Prozesse gegen aus dem Westen zurückgekehrte Kommunisten stattgefunden, meist Juden, denen nachrichtendienstliche Tätigkeit für die USA unterstellt wurde. Was aber in der Ausstellung nicht herausgestellt wird ist, dass im Gegensatz zur Tschechoslowakei in der DDR gegen jüdische Kommunisten keine Todesurteile gefällt wurden. Diese finstere stalinistische Episode war aber in der DDR eine bald vergessene Randerscheinung. Und, so erstaunlich es klingen mag, unter den Juden der DDR hat es seit Ende der fünfziger Jahre kaum die Erfahrung des Antisemitismus gegeben. Das ist umso erstaunlicher, als durch die DDR seit dem Sechstagekrieg von 1967 eine unversöhnliche Kampagne gegen den „Aggressor“ Israel rollte, was in der Ausstellung ausgiebig dokumentiert ist. Auch jüdische Exponenten der Kultur und Wissenschaft wurden aufgefordert, Israel öffentlich zu verurteilen, was aber nur eine klägliche Minderheit tat. Das Einstehen für Israel schuf unter Menschen, die fast schon ihre jüdische Identität verloren hatten, eine neue Gemeinsamkeit. Bei manchen, auch bei mir, war es der erste Anstoß für ein Aufbegehren gegen das System des „realen Sozialismus“ in der DDR. Diese innere Entwicklung junger Juden wird z.B. von dem Musiker Martin Schreier, dem Leiter der in der DDR legendären Rock-Gruppe „Sterncombo-Meißen“, in einem Video-Beitrag sehr beindruckend erzählt. Jedoch, wie Martin Schreier hervorhebt, sind die Juden in der DDR sehr gut betreut und sogar materiell privilegiert gewesen, weswegen es für ihn und für viele andere Juden kaum einen Grund gegeben habe, die DDR zu verlassen, zumal er seit 1985 in den Westen reisen durfte.  Er entschied sich, in der DDR zu bleiben, obwohl er seit der Kindheit das diktatorische politische System der DDR zutiefst ablehnte.

Viele der Nachkriegsrückkehrer in die DDR bekleideten hohe Positionen in der Kultur, Wirtschaft, aber auch in der Politik. Letzteres ist in der Ausstellung nicht erwähnt worden, vermutlich um bei den Zuschauern keine Ressentiments zu wecken. Denn die in der Ausstellung nicht erwähnte Riege der in der DDR einflussreichen politischen Elite mit jüdischem Hintergrund spricht für sich: Alexander Abusch, Hermann Axen, Albert Norden, Markus Wolf, Friedrich Karl Kaul[2] ist die unvollständige Aufzählung. Hier kann man natürlich, wie Wolfgang Benz, anführen, dass sich die politisch engagierten Kommunisten meist von ihren jüdischen Wurzeln losgesagt hatten.[3] Das traf aber ebenso auf die meisten Juden in der DDR zu, denen diese Ausstellung gewidmet ist. Oftmals führten erst politische Umwälzungen oder persönliche Schicksalsschläge dazu, dass sie sich an ihre jüdischen Wurzeln erinnerten, was besonders in der Wendezeit bei vielen der Fall gewesen ist.

Die Ausstellung entkräftet den nach der Wende in der Bundesrepublik verbreiteten Vorwurf, man habe in der DDR aus ideologischen Gründen den Holocaust verschwiegen. Noch in der sowjetischen Besatzungszone und später in der DDR entstanden zahlreiche Romane und Spielfilme, die sich der Verfolgung und Ermordung der Juden in der NS-Zeit widmeten. In der Ausstellung werden 38 Titel von Filmen zu diesem Thema genannt, die in der DDR zum Teil ein sehr breites Publikum erreichten.

In der Ausstellung wird auch die wundersame Wandlung Erich Honeckers vom Saulus zum Paulus thematisiert. Nachdem sich die SED Jahrzehnte lang dem Judentum gegenüber reserviert bis misstrauisch verhalten hatte, wurde Honecker Ende der achtziger Jahre zum großzügigem Förderer der kleinen jüdischen Gemeinschaft der DDR. Mit großem Pomp und internationalem Echo wurde die im Zweiten Weltkrieg durch Bomben zerstörte große Synagoge in der Berliner Oranienburger Straße zum Teil restauriert. Jüdische Friedhöfe wurden durch FDJ-Gruppen in Ordnung gebracht. Jüdische Kultur wurde mit behördlicher Förderung öffentlich wahrnehmbar. Vertreter internationaler jüdischer Organisationen und der Westberliner Jüdischen Gemeinde wurden in der DDR wie Staatsmänner empfangen und mit hohen Auszeichnungen bedacht. Hintergrund der demonstrativen Öffnung der DDR-Führung für Belange der jüdischen Gemeinschaft war Honeckers Wunsch, seine politische Laufbahn durch eine Einladung in die USA krönen zu können und die amerikanische Regierung zur finanziellen Unterstützung der maroden DDR-Wirtschaft zu bewegen. Der durch Massendemonstrationen erzwungene Rücktritt Honeckers am 17. Oktober 1989 durchkreuzte seine ehrgeizigen Pläne. Das im März 1990 zum ersten Mal frei gewählte Parlament der DDR bekannte sich zur Verantwortung für den Massenmord der Nationalsozialisten an Juden und beschloss, als Zeichen der Wiedergutmachung bedrängte sowjetische Juden nach Deutschland einzuladen.

Die Ausstellung liefert den Besuchern eine Kollage von Erinnerungen von Juden aus ihrer Zeit in der DDR, die ein völlig anderes Bild ergibt, als die Erinnerungen von Juden aus der Bundesrepublik. Ein wesentlicher Gesichtspunkt ist in der Ausstellung nicht erwähnt worden: Nach der Massenflucht von Juden aus Deutschland und dem anschließenden Massenmord an den in Nazi-Deutschland verbliebenen Juden war Deutschland nach dem Krieg weitgehend „judenfrei“.  In den Westzonen Deutschlands ist ein Teil der in amerikanischen Lagern für displaced persons untergebrachten heimatlosen, meist polnischen Juden geblieben. Sie entschlossen sich, in Deutschland für sich eine neue Existenz aufzubauen und bildeten den Kern der kleinen bundesdeutschen jüdischen Nachkriegsgemeinden. In die Ostzone, die spätere DDR, sind dagegen, wie oben erwähnt, vorwiegend kommunistisch orientierte deutsche Juden zurückgekehrt. Dieser gravierende Ost-West-Unterschied hätte in der Ausstellung hervorgehoben werden können.

Die Ausstellung „Ein anderes Land – Jüdisch in der DDR“ sollte interessierten Personen, besonders aber Zeithistorikern, den Anlass bieten, sich möglichst unvoreingenommen mit dem ungewöhnlichen jüdischen Leben in der ehemaligen DDR gründlich zu beschäftigen.

Laufzeit: 8. Sep 2023 bis 14. Jan 2024, Weitere Informationen, Begleitprogramm und Publikation

Anmerkungen:
[1]     Siehe Monika Richarz: Juden in der BRD und in der DDR seit 1945, in: Micha Brumlik (Hg.): Jüdisches Leben in Deutschland seit 1945, Frankfurt a. M. 1988, S. 13–30, hier S. 16–21; Hartewig: Zurückgekehrt (Anm. 2), S. 2 f.

[2]     Kurt Hager, seit 1963 Sekretär für Wissenschaft, Kultur und Bildung im ZK der SED; Herrmann Axen, seit 1970 Sekretär für Internationale Verbindungen, Internationale Politik und Wirtschaft sowie Auslandsinformation beim ZK der SED; Albert Norden, seit 1958 Sekretär für Auslandsinformation im ZK der SED Mitglied des Nationalen Verteidigungsrates; Alexander Abusch, langjähriger Kulturminister; Markus Wolf, 1952 – 1986 Leiter der Hauptabteilung Aufklärung im Ministerium für Staatssicherheit; Hilde Benjamin, Vizepräsidentin des Obersten Gerichts (1949–1953) und später Justizministerin (1953–1967); Friedrich Karl Kaul, Staranwalt der DDR, unter anderem in internationalen NS-Prozessen.
[3]     Siehe Wolfgang Benz, https://www.juedische-allgemeine.de/kultur/geleugnet-aber-nicht-zu-uebersehen, 2015.