Die AfD und ihr Think Tank VIII

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Heute: Mr. Y

Von Christian Niemeyer

Mr. Y, Hauptperson dieser Folge VIII sowie von Kap. 10 meines Buches Die AfD und ihr Think Tank im Sog von Trumps & Putins Untergang (2023) und auch den Leser*innen dieses Internetmagazin kein Unbekannter[1], ist meine Rache für die Neu-Rechts-Ikone „Gerald Franz“; den es gleichfalls nicht gibt. So dass man auch einen Wikipedia-Artikel über ihn vergebens sucht (ansonsten, wie wir in Folge VII am Beispiel des Pärchens Kubitschek/Kositza notieren durften, ihm ein fetter Eintrag, unter Beihilfe von „Jergen“, gewiss wäre.).

Nein, solch‘ eine Kanaille ist dieser „Franz“ nicht. Vielmehr verweist die An- und Abführung soeben sowie in der Überschrift auf einen dem Reich des Klandestinen zugehörigen Namenszauber bezogen auf den Think Tank der Neuen Rechten.

Etwa Raskolnikow, geb. 1975 in „Nordostbrandenburg“, von dem wir in Folge VII einige prächtige Zitate brachten; er zeichnet als „vaterloser Bastard“ und „cholerischer Tunichtgut“ und trägt sein Pseudonym nach einem Gottesleugner bei Dostojewski (vgl. Kositza/Kubitschek 2015: 102).

Mehr als dies: Martin Lichtmesz heißt eigentlich Semlitsch. Thorsten Hinz verwendet das Pseudonym „Doris Neujahr“; und Götz Kubitschek legt offenbar Wert auf die Attitüde des Räuber Hotzenplotz, wie sein psychologisch aufschlussreicher Zusatz andeutet: „Im Kern ein Menschenfreund, aber das weiß keiner.“ (ebd.: 152) Nimmt man noch Björn Höcke, der sich hin und wieder gerne „Asterix“ heißt (vgl. Kap. 5.3), hinzu, würde nicht überraschen, wenn „Gerald Franz“ sich, in Konkurrenz zu Raskolnikow, als „Obelix“ entpuppte.

Und zieht man zusätzlich noch – ich sehe sie spätestens jetzt aufgeregt mitschreiben, die „Pullacher“ – die Folgen von Karlheinz Weißmanns Agieren als Geschichtslehrer am Gymnasium Northeim in Betracht, wo er seinen erfolgreich einem Redpilling unterzogenen Schüler Benjamin Hasselhorn offenbar ermutigte, sich aus Sicherheitsgründen das Pseudonym Martin Grundweg zuzulegen. Und der, zusammen mit Erik Lehnert, keine Bedenken kannte, ihn, Grundweg, sowie Gerald Franz der Antaios-Lesegemeinde im April 2014 unter eben diesen Namen vorzustellen (SH 4: 9), als handele es sich nicht um Pseudonyme.

Angesichts dessen bleibt einem Normalveranlagten, also nicht mir, nur ein Kompliment vom Typ „Elisabeth-Förster-Nietzsche-preisverdächtig“ sowie der Befund: „Rechte müssen lügen“, vor allem sich selbst belügen, denn wie könnten Sie sonst in der Spiegel schauen? Und damit umgehen, dass ich mich jetzt in Sachen Mr. X, also „Gerald Franz“, mal ganz weit aus dem Fenster lehne und neu-rechte Historiker wie Stefan Scheil oder Völkerrechtler wie Alfred de Zayas sowie Zuarbeiter wie insbesondere Günter Zemella, Rolf Michaelis sowie Kurt Mehner als Mr. X verdächtige – und das Glücksrad, irgendwie verständlich, die Toten ignorierend, beim Jüngsten der Genannten einrastet. Also bei Scheil. Was daraus folgt, werden wir (und damit dann auch er) noch sehen.

Und Mr. Y? Nun, stünde jetzt ein Making of an, würde es handeln vom Auspacken meines neuen 166-Euro-PC im Februar 2023; und davon, dass er nach Drücken einiger Tasten plötzlich losschrieb, als erstes die Zeile: „Hello, it’s me, Sam Altman!“ Was war passiert? Hatte man bei Amazon in’s falsche Regal gegriffen und mir die KI-basierte Geheimausführung verpackt? So dass ich jetzt den Wäldern rund um Weinheim und Freiburg ein großräumiges Abholzen in Aussicht stellen musste wegen absehbarer Rekorde im Bereich des Geschriebenen? Zum Glück nein, denn Online ist das passende Stichwort zum Klimawandel. Aber auch leider nein auch dies. Denn Bei genauer Nachprüfung war nur die erste Zeile („Hello, it’s me, Sam Altman!“) von mir. Und der Rest entsprach genau dem, was der Nachrichtensprecher gerade im Radio erzählte, war also Folge des von mir versehentlich aktivierten Mitschreibprogramms. Also mal wieder Pech gehabt, was auch für Sie, liebe Leser*innen, gilt, denen ich ab jetzt nicht Neues, sondern nur den Anfang jenes Kap. 10 (Jenseits von Fretterode, unserem Gut, liegt, bei den sieben Zwergen, Böse, also „Audi“) meines neuen AfD-Buches mit dem Untertitel Oder: Meine therapeutische Reise zum Think Tank II in Graz, zusammen mit dem Aussteiger Mr Y gleichsam als Leseprobe (S. 259-263) bieten kann sowie den Schluss (S. 274 f.), mit Erlaubnis des Verlags Beltz Juventa (Was Audi die Sache wert ist, muss ich noch eruieren).

*

Diese Geschichte begann trivial, nämlich mit der Versicherung des Aussteigers Mr. Y, gleich zu Beginn unserer therapeutischen Reise über 800 Kilometer nach Graz:

„Jede Lüge, Herr Niemeyer, liegt mir fern, beware of my dogs, Trump & Putin geheißen: Ihnen sitzt, wie Pitt Bulls allgemein, das Böse im Geblüt, keine Chance für Hundeflüsterer oder gar für Sozialpädagogen.“

Ich wusste von meinen Vorgesprächen mit Dr. Schrader her: Die abfällige Bemerkung über Sozialpädagogen war eine gezielte Provokation dieses großgewachsenen Mitvierzigers. Schwarzhaarig, mit fetten Koteletten fast à la Elvis, hatte er sich in meinem VW auf dem Beifahrersitz breit gemacht. Der als erstes zu seiner üppigen Kopf- und Körperbehaarung erklärend meinte, er sei wahrlich lange genug als ‚Rechte Glatze‘ rumgelaufen. Vor gut einer Stunde hatte ich ihn in seiner Einrichtung im Thüringischen abgeholt. Dr. Schrader – was für ein merkwürdiger Name, sicherlich kein Klarname – hatte mir nochmals versichert, wie zuversichtlich er sei ob meiner Hilfe. Mr. Y stünde seiner Einschätzung nach trotz regelmäßiger Medikamenteneinnahme am Rande einer Katastrophe, sei voller Hass auf seine früheren Freunde; Selbsthass komme erschwerend hinzu. Diese Reise nach Graz sei womöglich seine letzte Hoffnung.

Keine wirklich ermutigende Botschaft an meine Adresse, wie ich gerne zugebe. Denn wer war ich schon? Ein großer Theoretiker vor dem Herrn, aber ohne jede Praxiserfahrung, wie fast jeder Zweite, der mich nicht wirklich kannte, mutmaßte. Ganz anders Dr. Schrader, der mich unter diesem merkwürdigen Namen vor ein paar Wochen angerufen hatte. Er habe bei mir in Dresden Sozialpädagogik gehört, sei mir, da damals noch recht schüchtern, allerdings vermutlich gar nicht aufgefallen. Ich blätterte das Namensverzeichnis meiner Stúdis durch – von Martin Dulig angefangen alles dabei, was Rang und Namen hatte, aber tatsächlich: Kein Eintrag zu Schrader! Als er bei sich in der Einrichtung im August das Sozialmagazin gelesen habe mit meinem „fantastischen Beitrag“ Sozialpädagogisches Verstehen verstehen, sei ihm, so hatte er am Telefon antichambriert, die Vision gekommen, ich sei der Richtige für diese therapeutischen Reise mit Mr. Y. Viel brauchte ich über ihn nicht wissen, gemäß der schließlich ja auch von mir geteilten Devise, Aktenkenntnis sei hinderlich für vorteilsfreie sozialpädagogische Kasuistik. Außer vielleicht, dass er seinen Patienten mit seiner Niemeyer-Begeisterung angesteckt habe. Mr. Y habe auf der Station, ähnlich wie er selbst, wohl alles von mir gelesen. Nach diesem Vortrag war ich natürlich Feuer und Flamme und unterschrieb elektronisch den mir übersandten Vertrag, eine „therapeutische Erlebnisreise nach Graz mit Mr. Y“ betreffend. Um den Patienten, wie gesagt, vor gut einer Stunde abzuholen.

Anfangs war er tablettenkonform aufgekratzt, schwadronierte also in seinem alten Jargon vor sich hin, etwa wie folgt:   

„Mädels: Wenn ich ein schwerer Junge wäre – gendern ist an dieser Stelle nicht möglich, denn ich bin ein schwerer Junge, nicht gemacht, wie Simone de Beauvoir wohl annehmen würde, sondern immer schon gewesen, also self made, – würde ich meinem Chef Erik Lehnert angesichts des verdammt ausgeschlafenen Thüringer Verfassungsschutzes Reisepläne nur in derart verschlüsselter Form, wie im Haupttitel beschrieben und im Untertitel übersetzt, mitteilen. Okay, der Untertitel macht gleichfalls deutlich: Inzwischen bin ich Aussteiger, mein Name ist Y, Mister Y, please. Liefe bei mir im Kopfkino ein Film über meine letzte Dienstreise ab, ob nun mit, von oder ohne Roland Emmerich (in diesem Buch offenbar sehr beliebt, wie schon die Einleitung offenbart sowie der Icebreaker), so zeigte das dazugehörende Filmplakat ganz sicher einen King Kong vor Alpenkulisse, wütend Audi-Fahrzeuge um sich werfend. Wie ich zu einem übergroßen Affen mutieren kann, ist Betriebsgeheimnis. Wie bei James Bond die jeweilig Aston-Martin-Technik.“

Ich versuchte, ihn wieder ein wenig einzufangen. Etwa mittels der Frage, wie er eigentlich zu den Neuen Rechten gekommen sei. Dann, wortwörtlich:

„‘Schrei nach Liebe‘ wie bei den Ärzten, oder so etwas in der Art?“

Oh, hätte ich’s nur gelassen! Denn nun brach es aus ihm heraus – und er erzählte mir eine nicht enden wollende Geschichte, die kurz vor Coburg losging und offenbar von Mr. Y als Womanizer handelte, vor der Glatzenzeit, als er noch Daniel hieß und Student war. Das Ganze lief dann in eine Pointe des Inhalts aus, zu seinem Geburtstag am 15. Oktober 2008 habe ihn einer der seltenen Anrufe seines kleinen Bruders Friedrich erreicht, den Daniel seit 2003 „Fred“ rief, manchmal auch, seiner roten Haare wegen: „Fred Feuerstein“. Eigentlich immer schon hatte ihn diese Heulsuse genervt mit Sätzen wie:

„Mami, Daniel gibt mir meine Murmel nicht wieder!“

Nein, dachte sich Daniel damals, das Leben als Junge ist schon ein arger Betrug – wenn man eine Mutter hatte wie Fred, die sich einen Teufel darum scherte, was für ein schrilles Organ ihr Zweitjüngster hatte und welche dummen Sätze er sprach. Und da half es auch kaum, dass er ihn anzuleiten suchte, einfach mal einen einzigen glasklaren Satz zu sprechen, etwa à la John Wayne:

„Ich sage es nur einmal, Fred, und dann nie wieder: Lass‘ die Murmel endlich fallen!“

Denn ab nun galt er in den Augen seiner linken Mutter als „Nazi“, der zarter gebauten Kindern ein schlechtes Vorbild gab.

An dieser Stelle, kurz nach Coburg, trat ich auf die Bremse und fuhr rechts ran. Ich schaltete den Warnblinker an, wie mir Dr. Schrader geraten hatte: als Zeichen auch an den Pat. Y, dass nun ein Time Out angesagt sei. Ich nahm Mr. Y streng ins Visier und konfrontierte ihn mit zwei Ansagen: Erstens: Bitte keine von mir geklauten Geschichten![2] Zweitens: Bitte nicht den gängigen Trick Neu-Rechter kopieren: Ich wurde zum Rechten, weil meine Mutter eine Linke war und zu meinem linken Bruder hielt! Und ich meiner überhöhten Ansprüche wegen Schwierigkeiten mit Frauen hatte!

Das Wunder geschah: Mr. Y gab mir in beiden Punkten recht – und wir konnten weiterfahren, mehr als dies: Mein Beifahrer erwies sich in der Folge als überaus kooperativ, deklarierte beispielsweise:

„Ach wissen Sie, Herr Niemeyer, als Aussteiger mag ich nicht mehr gerne darüber reden, dass es von Bornhagen nach Fretterode ein Katzensprung ist, damit also auch: von Björn Höcke (AfD) hin zu Thorsten Heise (NPD), mehrfach vorbestraft wg. schwerer Körperverletzung, Landfriedensbruch, Nötigung, und Volksverhetzung und zentrale Figur des sich in Fetterode konzentrierenden rechtsextremen Firmengeflechts (vgl. Budler 2020: 27 ff.). Auch nur noch Abscheu erregt in meiner jetzigen Wahrnehmung, dass Höcke wegen Heise spätestens seit Andreas Kemper unter Druck steht und Heise wegen seines von Henry Bernhard auf Deutschlandfunk im O-Ton präsentierten Hate Speech gegen Journalisten vom Typ: „Der Revolver ist schon geladen Herr…“ (Budler 2020: 4) desgleichen (besser: stehen sollte). Dies wegen fast gelungenen Totschlags an zwei Journalisten durch zwei sich mittels Logo auf die Waffen-SS beziehender einheimischer Täter im Jahre 2018. Nur am Rande, ihr Wessies, die ihr es diesen Fetterode-Touristen gleichtun wollt: Konkret spielt dieses Logo an  auf die grausame SS-Sturmbrigade Dirlewanger, mit einem hohen Anteil Krimineller oder auf Bewährung Freigelassener aus Wehrmachtsgefängnissen. Also so etwas wie die Gruppe Wagner, die aktuell in der Ukraine wütet.“

„Apropos Ukraine, Mr. Y: Dieser Raum war auch schon, neben Warschau, ein beliebter Einsatzort für Oskar Dirlewanger (1895-1945). Einer der wohl schlimmsten aller nur denkbaren Kriegsverbrecher, alkohol- und drogenabhängig und versehen mit einer Haftstrafe wegen Vergewaltigung einer Minderjährigen (vgl. Snyder 2013: 250 f.). Gleichwohl wurde Dirlewanger noch 1955 von der HIAG rehabilitiert (vgl. Westemeier 2014: 564), ganz zu schweigen von der späteren Fürsprache des selbsternannten rechtsextremen Militärhistoriker Rolf Michaelis, der sich in neu-rechten Kreisen hoher Wertschätzung erfreut, was Dirlewangers Ansehen in Fretterode erklären könnte, zum Ausdruch kommend bei zwei neo-nazistischen Tätern aus der Arischen Bruderschaft (vgl. Budler 2020: 43) an den eben von Ihnen erwähnten zwei Göttinger Fretterode-Besuchern im Jahr 2018, von den Tätern angeblich nicht als Journalisten erkannt.“

„Ohne allerdings, lieber Herr Niemeyer, vom Landgericht Mühlhausen im September 2022, wie in Thüringen gängig, gerichtlich, von den lächerlichen Strafen ausgehend betrachtet, angemessen sanktioniert zu werden. Besonders pikant dabei: Zuvor hatte die Staatsanwaltschaft Mühlhausen mit nachträglicher Deckung durch das Thüringer Amt für Verfassungsschutz ein Ermittlungsverfahren gegen Thorsten Heise, der ausgerechnet dieses Logo in seinem Online-Shop vertrieb, eingestellt. Obgleich er laut Mobit (= Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus in Thüringen) diese noch nicht einmal in den Jahresberichten der jeweiligen Verfassungsschutzbehörden auftauchende Arischen Bruderschaft um 2000 begründet hatte.“[3]

Auf einmal schnitt uns ein mit dem Buchstaben „Z“ markierter olivfarbener Dodge mit HH-Nummer scharf, so dass ich nur verzögert antworten konnte:

Sorry, wir sind jetzt auf S. 263, hier endet also dieser Teil der Leseprobe, um absprachemäßig dem Schluss (S. 274-275) Platz zu machen. Was zwischendurch geschah? Und wie die Sache mit dem Dodge ausging? Und warum Mr. Y zwischendurch anregte, ein Motel anzusteuern und, etwas zusammenhanglos, von Hitchcocks Psycho erzählte? Tja, da kann nicht nur sagen: Für 48 Euro wären Sie jetzt schlauer! Ohne selbige nur so schlau wie ab jetzt:

**

Als die Rede nach seltsam martialischem Köpfen des Frühstückeis auf Fred Duswald kam, der ihn offenbar an Thorsten Heise und an die von ihm ermunterten Neonazi-Schläger aus Fretterode 2018 erinnerte, setzte bei Mr. Y ein erstaunlicher Wachstumsschub plus galoppierender Behaarung ein. Es wurde so schlimm, das andere Gäste entsetzt aufmerkten und es höchste Zeit für ihn wurde, das Freie aufzusuchen. Wenig später waren durch die Scheiben des Frühstücksraums zu aller Leute Entsetzen nur noch eine Art King Kong zu erkennen, den Alpen zustrebend, mit dem Gedanken im Herzen, so viele Audis wie nur erreichbar ins Tal zu schleudern. Die Bergwacht wurde alarmiert, mit unklarem Ergebnis, wie die kalkweißen Gesichter Zurückkommender gegen Mittag erzählten.

Auf Ursachensuche beschäftigte ich mich des Nachmittags im Hotel erneut (s. Niemeyer 2021: 449 f.) mit Hudals Buch Römische Tagebücher. Lebensbeichte eines alten Bischofs, enthaltend Hudals Abhandlung Die Grundlagen des Nationalsozialismus (1936). Dieses Buch steht inzwischen wie eine Art ‚Weißer Elefant‘ mitten im Porzellanladen der Neuen Rechten zumal der Filiale in Schnellroda, dies insbesondere wegen des Nachworts des Neonazis Fred Duswald, dem die unausgesprochene Frage an die Kollegen bei „Audi“ zu danken ist:

„Was ist denn nun eigentlich mit Bischof Alois Hudal? Wie bewerten Sie, Erik Lehnert, nun seine Rolle – im Vergleich etwa zum Agieren der ‚Stillen Hilfe‘ der Prinzessin, zu der sie sich eigentlich auch nie wirklich geäußert haben? Und würden auch Sie, wie Kollege Duswald, die Unschuldsvermutung auf sämtliche NS-Kriegsverbrecher ausdehnen, mindestens aber auf die von Hudal über die Rattenlinie expedierten?“

Um die Sprengkraft dieser Frage zu ermessen, lohnt ein Blick in dieses Buch, als dessen Verteidiger sich Duswald geriert und das in der Forschung unter dem – Launs Rubrizierung von 2000 rechtfertigenden – Titel Hitlers Mann im Vatikan (Sachslehner 2019) abgelegt wird. Nicht zu Unrecht, hatte doch Hudal die Grundlinien seiner Hilfspolitik pro Nazis nach 1945, speziell die „Rattenlinie“ mit Zielländern wie Argentinien, Brasilien, Spanien, Ägypten und Syrien betreffend, fixiert. Im Mai 1951, also im für Lehnert interessanten Zeitraum, erreichte Hudal beispielsweise, unter Einbindung auch Konrad Adenauers, die Freilassung Otto Wageners (1888-1971), des ‚König von Rhodos‘. Heißt: Unser Bischof aus Graz, für viele von Himmlers schuldbeladenen Kriegern der allerletzte Strohhalm und (deswegen?) in Sönke Neitzels Deutsche Krieger (2020) ohne jede Erwähnung, ebenso wie seine Gegenspieler Simon Wiesenthal sowie Fritz Bauer, hatte die Frechheit, in seiner Lebensbeichte voller Stolz auszurufen:

„Ich habe gegen tausend [Ausweiskarten für Österreicher, meist flüchtige Nazis; d. Verf.] unterschrieben.“ (Hudal 22018: 229)

Nach, wie er wohl wähnte, rechter Christenart interessierte ihn jeder Nazi in Not – gesetzt, er sei, wie Hudal, ein fanatischer Gegner des jüdischen Bolschewismus und entnazifizierbar qua Christentum oder in dieser Frage reumütig. Dabei ging Hudal bis zum Letzten – insofern damit auch der Tod des Otto Freiherrn von Wächter (1901-1949) gemeint ist, der am 13. Juli 1949 in Rom in den Armen Hudals starb. (vgl. Sands 2020: 277) Dieser hatte ihn, „der den Angriff der SS auf den Ballhauslatz im Juli 1934 kommandierte, bei dem der Bundeskanzler Engelbert Dollfuß gefallen war“ und den Hudal beschönigend „Vizegouverneur von Polen“ (Hudal 22018: 298) nennt, zuvor unter falschem Namen in Rom versteckt. Kaum weniger schlimm als dies: Hudal tat in einem Schreiben an das Päpstliche Staatssekretariat vom 12. September 1949 Berichte über diesen Skandal als Verleumdung eines „Journalisten jüdischer Rasse und protestantischer Konfession“ (Klee 1991: 49) ab – und gab eben damit zu erkennen, dass ihm das biblische Lügeverbot nicht einen Pfifferling wert ist und Antisemitismus nach Art der Nazis inzwischen zu einer zweiten Haut geworden war, das Kreuz bei ihm also in eins ging mit dem Hakenkreuz.

Dies, ich gebe es gerne zu, rechtfertigt keinen Auftritt unseres Mr. Y als King Kong neben dem Bergkreuz. Aber auch mir bleibt schließlich ja nichts anderes übrig als die beharrliche Warnung, dass der Weg unserer Gegner nie und unter keinen Umständen der unsere sein darf. Beinahe könnten man wohl den Satz riskieren: Unser „Vater unser“ sitzt am Kopfende einer Couch, im Idealfall: jener des Dr. Schrader.

***

Tja, folks, das war’s mit dem Vorabdruck. Und wäre ich Dr. Schrader, würde ich glatt mutmaßen, Niemeyer habe sich diese Geschichte nur ausgedacht, um zu verdecken, dass ihm sein Patient in Graz schlicht flöten ging. Aber wer bin ich schon? Und wer glaubt mir noch? Zum Beispiel, wenn ich jetzt schreibe:

Fortsetzung folgt?

–> Die AfD und ihr Think Tank im Sog von Trumps und Putins Untergang

Autor: Prof. Dr. Christian Niemeyer, Berlin/TU Dresden

[1] Von der mit einer Illustration von Tom Minnes versehenen Fassung her, zu finden unter dem Link: www.hagalil.com/2022/11/spott-light-jenseits-von-fretterode/print/

[2] Die Story mit Daniel, von Mr. Y leicht verändert und neu datiert, findet sich in meinem als Online-Material bei Beltz Juventa kostenfrei verfügbaren S/F-Roman 2029: Game over AFD! (2019)…

[3] Ein Jahr auf Bewährung für einen jetzt 28-Jährigen, 200 Arbeitsstunden für dessen 23-jährigen Mittäter (nach Jugendstrafrecht), beide Urteile weit unterhalb der Forderungen der Staatsanwaltschaft (drei Jahre und vier Monate o. Bewährung, ein Jahr und neun Monate m. Bewährung).