„Sieben Leben“ – geflohen vor der Vernichtung

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Das „Schwedische Holocaust Museum“ hat im Sommer in Stockholm seine Türen geöffnet. Eine erste Ausstellung erinnert an sieben Holocaust-Überlebende, die vor der Vernichtung ins sichere Schweden fliehen konnten.

Von Armin Pfahl-Traughber

Anhand der Darstellung von Einzelschicksalen lassen sich beklemmende historische Ereignisse wie der Holocaust für die breitere Öffentlichkeit wohlmöglich besser vermitteln als mit abstrakten Opferzahlen. Dieser Gedanke motivierte vielleicht auch das neue „Schwedische Holocaust-Museum“ zu einer ersten Präsenzausstellung, die schlicht „Sju liv“ („Sieben Leben“) betitelt wurde und anhand von Holocaust-Überlebenden den antisemitischen Massenmord während des Zweiten Weltkriegs thematisiert. Es geht dabei um Alice, Czeslaw, Eva, Hanna, Kiwa, Lilo und Walter. Ihnen allen gelang seinerzeit die Flucht nach Schweden vor der beabsichtigten Vernichtung. Die Ausstellung liefert Informationen zu ihrem Schicksal, gezeigt werden Brief und Fotos zur Veranschaulichung. So entsteht ein sehr individuelles und persönliches Bild von dem schlimmsten Ereignis für Juden in der Weltgeschichte. Indessen wird diese besondere Dimension des Holocaust nicht so richtig deutlich, denn es geht um die glücklich Überlebenden dieses Verbrechens.

Es ist aber auch die erste Ausstellung des „Schwedischen Holocaust-Museums“, das in der Landessprache als „Sveriges museum om förintelsen“ (also ungefähr: „Schwedens Museum über die Vernichtung“) benannt wurde. Dessen Entstehung hatte konkrete persönliche wie politische Gründe: Ein Holocaust-Überlebender, der polnische Jude Max Safir, hatte die Idee für ein solches Museum. Und er fand dafür Akzeptanz bei früheren schwedischen Regierungen, die von sozialdemokratischen Ministerpräsidenten geführt wurden: Stefan Löfven und Göran Persson. Letzterer hatte in seiner Amtszeit mitbekommen, dass der Holocaust gut 30 Prozent der jungen Schweden nicht bekannt war. So initiierte er 2000 eine Aufklärungskampagne, die u.a. in einer stark verbreiteten Broschüre zur Information für Jugendliche mündete. Darin fand sich auch ein Kapitel über die eher düstere Neutralität von Schweden während des Zweiten Weltkriegs. Denn diese bestand in einem damals weitgehenden öffentlichen Schweigen über das grausame Verbrechen.

Eine weitere Initiative startete Löfven, der als schwedischer Ministerpräsident 2021 schrieb: „Der Holocaust und sein Gedenken sind für alle in unserem Land wichtig“. Und weiter bemerkte er: „Der Holocaust ist auch Teil der schwedischen Geschichte.“ Die Gründung eines entsprechenden Museums wurde damals von seiner Regierung beschlossen. 2022 entstand es als „Webmuseum“, d. h. es zunächst nur im Internet präsent und informierte so über das Schicksal der Überlebenden. Erst 2023 öffnete es für Interessierte seine Türen, wobei die erwähnte Ausstellung als erstes Informationsangebot präsentiert wurde. Betritt man die Räumlichkeiten, die in Stockholm in der Torsgatan 19 und damit nicht im Zentrum liegen, so kann man Zeitungslektüre betreiben. Ausschnitte aus der Presse veranschaulichen, dass man damals sehr wohl öffentlich über die Judenverfolgung und –vernichtung in Schweden wissen konnte. Die Dokumentation enthält dazu keine dezidierten Kommentare, korrigiert aber so eine beliebte Geschichtslegende mit sehr einfachen Mitteln.

Ansonsten hat man sich die Aufgabe gestellt, die Erinnerung an den Holocaust zu verbreiten und zu vertiefen. Hierbei stehen Dokumente der Überlebenden im Zentrum. Dies macht auch der Blick in die kleine Bücherabteilung deutlich, wo eben persönliche Darstellungen von solchen Menschen dominieren. Allgemeine Abhandlungen zur Geschichte des Völkermordes findet man darin nicht, ebenso wenig gibt es kritische Erörterungen zur damaligen Politik Schwedens. Gleichwohl wird die behauptete Ahnungslosigkeit im Land durch die erwähnte Pressedokumentation widerlegt. Vielleicht regt sie manchen jungen Historiker dazu an, die schwedische Geschichtsaufarbeitung kritisch zu untersuchen. Darüber hinaus muss um einer Differenzierung willen betont werden, dass das Museum noch nicht lange existiert. Mit seiner Gründung wurde Max Safirs Traum wahr. Allerdings erlebte der Holocaust-Überlebende dies nicht mehr, starb er doch bereits 2020. Wer nach mehr Informationen zum Museum sucht, der kann sie im Internet unter www.museumforintelsen.se finden.

Foto: Ola Myrin, Sveriges museum om Förintelsen/SHM