Otti Berger – Weberin im Bauhaus

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Gruppenbild mit Otti Berger (obere Reihe, 2. von rechts, neben Webmeister Kurt Wanke), Webereiklasse Bauhaus Dessau

Schräg gegenüber der Synagoge des liberalen Judentums baute der Architekt Bernhard Sehring 1889/90 das „Künstlerhaus“ St. Lukas, ein Haus für künstlerisches Zusammenleben mit Wohnungen und Ateliers. Eine architektonische Einmaligkeit damals in der Stadt Charlottenburg mit ausgeklügelten Details am Äußeren und im Inneren des Gebäudes, direkt an der S-Bahn. In Ritterrüstung mit dem Modell des Künstlerhauses im Arm verewigte sich der Architekt im Wandrelief im Innenhof. Einen Katzensprung weiter in der Kantstraße ist das luxuriöse und exklusive Theater des Westens vom gleichen Architekten zu bewundern.

Von Christel Wollmann-Fiedler

Ein Schild ist aufgestellt vor diesem Künstlerhaus in der Fasanenstraße 13 in Berlin – Charlottenburg. Für Otti Berger soll ein Stolperstein gelegt werden. Otti bezieht 1932 als Kunstgewerblerin ein Atelier in diesem architektonisch eimaligen Künstlerhaus.

Alexandra Matz hat ein großartiges Manuskript aus Südwestdeutschland mitgebracht, hat sich jahrelang auf Ottis Spuren begeben und intensiv, ganz privat mit Begeisterung und Enthusiasmus über die Textilkünstlerin am Bauhaus in Dessau erfahren. 1933 wird diese moderne Ausbildungsstätte von den Nationalsozialisten geschlossen und jüdische Schüler und Lehrer des Bauhauses verlassen bereits das Land und versuchen in England und in den USA erneut Fuß zu fassen. Die Ausbildung am Bauhaus wird ein Markenzeichen.

Gunta Stölzl, die damalige Leiterin der Textilabteilung und Walter Gropius, der Architekt, schätzen und anerkennen die hohe künstlerische Qualität von Otti Bergers Textilarbeiten. Auch Laszlo Moholy-Nagy, der ungarische Bauhauslehrer und Künstler schätzt ihre großartigen Entwürfe. Ihre Arbeiten gehören zu den „Besten“ wird ihr attestiert. Für Frauen war das Bauhaus eher problematisch, wenige Frauen kamen in leitende Funktionen, meist wurden sie in die Weberei oder Töpferei abgeschoben, obwohl sie anderes vorhatten. Die Männerdominanz herrschte vor. Bekannt ist allgemein, dass es nicht gerade frauenfreundlich im Bauhaus zuging.

Otilija Ester Berger, genannt. Otti, wird 1898 im alten Österreich-Ungarn in der kleinen Ortschaft Zmajevac in der Baranje geboren. Heute gehört diese nordöstlich gelegene schöne Landschaft zu Kroatien im ehemaligen Jugoslawien. In Wien besucht sie eine höhere Mädchenschule. 1922 beginnt Otti ein mehrjähriges Studium an der Königlichen Akademie für Kunst und Kunstgewerbe in Zagreb. Doch das Bauhaus in Dessau bleibt ihr Wunsch. Sie bewirbt sich in Dessau, beginnt mit einem Vorkurs 1927 und wird in die Webereiklasse aufgenommen. Gunta Stölzl leitet damals diese Klasse, wie schon erwähnt. Die Webschule von Johanna Branson in Stockholm ist einen Sommer lang eine kurze Zwischenstation. 1930 besteht Otti im sächsischen Glauchau bei der Handwerkskammer die Gesellenprüfung als Weberin, bekommt den Gesellenbrief und noch im gleichen Jahr das Bauhausdiplom.

1932 zieht Otti als selbständige Textilkünstlerin in das Künstlerhaus von Architekt Sehring in die Charlottenburger Fasanenstraße 13. Die feinsten Bezugsstoffe, Vorhangstoffe, auch Teppiche und Stoffe für Bekleidung webt sie in bester und hoher künstlerischer Qualität. Eine innige sehr persönliche Verbundenheit zu Stoffen ihrer Art entwickelt die fast gehörlose Künstlerin. Ihre Auftraggeber sind bekannte Textilunternehmen im In- und Ausland, Innenarchitekten und Privatleute. Viele ihrer Entwürfe werden patentiert. Innovativ arbeitet sie an Stoffen jeglicher Art und Verwendung, entwirft die Innenausstattung für die Villa Schminke in Löbau in der Oberlausitz, die Hans Scharoun, der Architekt, entwirft und baut. Die Zukunft steht Otti Berger offen, Ideen und Fleiß sind ihre Markenzeichen.

Ab 1933 wird in Deutschland das Leben für die Jüdische Bevölkerung erbärmlich und lebensbedrohlich.

Gunta Stölzl und der jüdische Architekt Arieh Sharon trennen sich, sie geht mit der gemeinsamen Tochter Yael in die Schweiz und er zuvor nach Palästina, wo bereits eine Frau und auch Aufträge auf ihn warten.

Otti Berger bekommt 1936 Berufsverbot, emigriert kurzzeitig nach London, arbeitet für ein Textilunternehmen in Manchester und wird dort kaum Fuß fassen. Ihr Lebensgefährte Ludwig Hilberseimer, der 1928 von dem Schweizer Architekten Hannes Meyer als Meister für Siedlungswesen und Städtebau ans Bauhaus berufen wird,  ist bereits 1938 mit dem Architekten Ludwig Mies van der Rohe in Chicago angekommen und Otti fährt 1938 zu den Eltern ins österreichisch-deutsche Staatsgebiet, um sich um die kranke Mutter zu kümmern. Den 2. Weltkrieg zettelt Hitler 1939 an und eine Ausreise in die USA zu Hilberseimer wird für Otti Berger, die Textilkünstlerin mit Bauhausdiplom, unmöglich. 1941 stirbt Ottis Vater und 1941 endet der Briefwechsel mit Hilberseimer, mit dem Mann, zu dem sie gehen möchte, den sie nie wieder sehen wird. 1944 wird Otti mit der Mutter und den Geschwistern aus der Baranje über Umwege nach Auschwitz deportiert und ermordet. Der jüngste Bruder Otto überlebt das Todeslager.

Über 10.000 Stolpersteine soll es in Berlin geben, alleine 4.000 in Charlottenburg. Nun ist der Stolperstein für Otti Berger, der Textilkünstlerin und Weberin, hinzugekommen und erinnert uns allen an eine talentierte, begabte und sehr geschätzte Kollegin und Künstlerin aus dem längst Historie gewordenen Bauhaus in Dessau.

Am 24. Juni 2023, 13.30, fand in Berlin die Stolpersteinverlegung für Otti Berger statt, initiiert von Sabine Hartmann (Bauhaus-Archiv Berlin), Dr. Anke Blümm (Klassik Stiftung Weimar) und Alexandra Matz (Design Researcherin). Zur selben Uhrzeit fanden zwei Gedenkveranstaltungen statt: im Otti-Berger-Park in Zagreb (auch ein Studienort von Otti), veranstaltet von Maja Kolar (OAZA Design & Art Kollektiv), Antonija Mlikota (Otti-Berger-Expertin und Professorin am Institut für Kunstgeschichte der Universität in Zadar/Sveučilište u Zadru), Saša Šimpraga und Darko Simičić (Tomislav Gotovac Institute) sowie im Geburtsort Zmajevac – ein Gedenkspaziergang vom Geburtshaus Otti Bergers zum Grabstein der Familie Berger, organisiert von Vasilije und Gabriela Lozano Vranić (Baranja Alternativa).

Dr. Ingeborg Szöllösi vom Deutschen Kulturforum östliches Europa mit dem Schwerpunkt Südosteuropa in Potsdam verschickte den Hinweis zu dieser sehr wichtigen Stolpersteinverlegung.

Siehe auch Hedwig Brenner: Jüdische Frauen in der bildenden Kunst II – Ein biographisches Verzeichnis. S. 34/35. Herausgegeben von Erhard Roy Wiehn, Hartung Gorre Verlag Konstanz, 2004