Erschütternde Stille

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Ein Gespräch mit dem Komponisten und Pianisten Leon Gurvitch über sein neues Werk „Silentium“, historische Zäsuren und die Bedeutung der Stille in der Musik

Von Miriam N. Reinhard

Herr Gurvitch, am 31.03. konnten wir in der Hamburger Elbphilharmonie ein ausverkauftes Konzert von Ihnen unter der Überschrift „Silentium“ erleben. Es geht Ihnen mit Ihrer Musik also um eine besondere Stille?  

Die ersten Solo-Klavierstücke, die ich spielte, habe ich in einer still-gelegten Zeit komponiert. Sie haben die Erlebnisse während der Corona-Pandemie reflektiert, diese Stimmung des Nichts-Machen-Könnens, der plötzliche Stillstand des Kulturbetriebes, die Erfahrung von Stillstand, Ratlosigkeit und Melancholie überall um uns herum, die Bedrückung, die wir in dieser Zeit erlebten. Auch ich hatte plötzlich mehr Zeit als erwartet und habe das, was ich empfunden habe, in dieser Musik zum Ausdruck gebracht.

Musik will das Publikum aber doch wachrütteln. Ist es dann nicht eher hinderlich, sich ausgerechnet der Stille zu verschreiben, dem Schweigen, der Sprachlosigkeit?

Ich wollte mit dieser Musik nicht nur die Zäsur der Pandemie bezeugen, sondern auch Hoffnung transportieren. Diese erzwungene Stille durch die Pandemie hat in meinen Kompositionen nicht das letzte Wort im Sinne einer Resignation. Dennoch erinnern wir uns an die Schwere dieser Zeit, die wir dann gemeinsam überwinden konnten. Doch wenn ich darüber nachdenke, was mit Musik beim Publikum erreicht werden soll, dann spielt auch in dieser Hinsicht die Stille eine wichtige Rolle. Die Musik als künstlerisches Ereignis entsteht auch im Moment ihrer Inszenierung: Dieser Moment, wo die Musiker auf der Bühne miteinander interagieren, mit dem Raum und mit dem Publikum, um es zu binden, um diese konzentrierte Stille zu erreichen, dann, wenn das Publikum der Musik bis in eine Art Trance folgt – dann entsteht eine Stille im Raum, die der Musik auf der Bühne Bedeutung verleiht. Wer Stille vermitteln will, muss zunächst Stille erzeugen.

Das Orchester-Werk, das dann auch den Titel „Silentium“ trägt – und das in Hamburg Premiere hatte – hat die zweite große Zäsur unserer Zeit zum Thema ….

Ich habe „Silentium“, ein Werk für Streichorchester und Klavier, unter dem Eindruck des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine komponiert. Bei der Premiere waren Musiker*innen aus Deutschland und auch aus der Ukraine mit mir auf der Bühne – und ihre persönlichen Geschichten haben mich ebenfalls berührt. Doch es geht mir nicht ausschließlich darum, Menschen aus der Ukraine mit diesem Stück zu erreichen. Jeder, der dieses Werk hört, soll ins Nachdenken kommen, über das, was gerade passiert, warum jeden Tag Menschen sterben müssen, warum es kein Ende dieses Krieges gibt. Es gibt im Moment über 20 bewaffnete Konflikte auf dieser Welt und jetzt geschieht es auch hier: Mitten in Europa ein Krieg, der niemanden von uns unberührt lassen kann – natürlich auch keinen Musiker. Wir alle wünschen uns doch, dass er aufhört.

Ist Musik der erste Ton, der in einem Friedensgespräch erklingt? Und welche Bedeutung hat da dann Stille?

Idealistisch betrachtet, kann man das so sehen. Doch es ist nicht so, dass ein bewegendes Werk auf die Bühne kommt und sich dann alles dadurch zum Besseren wendet. In meinem Werk „Silentium“ kann man vieles assoziieren, was einen aufwühlt: Sirenenalarm, Bombardements – am Schluss werden Assoziationen an einen Herzschlag geweckt. Und dann kommt ganz zum Schluss die Stille. Eine Stille, die zum Werk gehört. Eine Stille, die keine Schweigeminute sein soll, die eine empfundene Betroffenheit zum endgültigen Abschluss bringt, sondern die eine Erschütterung bewirken soll, die über den Abend der Aufführung hinausgeht: All das, was empfunden worden ist, soll sich hier sammeln können, um es dann mitzunehmen. Wir Musiker wollen mit unseren Instrumenten ein Zeichen gegen diesen Krieg setzen. Aber jeder von uns sollte sich fragen, an welchen Ort er sich auch immer mit welcher Aufgabe befindet: Was kann ich tun? Wie kann ich den Menschen helfen? Was kann mein Beitrag sein?

Musik setzt also da ein, wo Politik schweigt?

Musik kann insofern ein Gegenentwurf zur Wirklichkeit sein, weil die Konflikte durch sie einerseits sichtbar werden, einen Ausdruck finden und andererseits aber auch für Momente verschwinden können: Musik ist die einzige Sprache, die keine Übersetzung benötigt. Sie verbindet Menschen unterschiedlichster Sprachen und Kulturen miteinander. Musik ist die Sprache einer kosmopolitischen Gemeinschaft, die überall auf der Welt verstanden wird.

Gleichzeitig lässt sie eine Fülle von Übersetzungen zu…

Jeder versteht immer auch seine eigene Geschichte, wenn er einem Werk zuhört, jeder bringt eigene Erfahrungen und Empfindungen hinein –und er wird zugleich mit dem Anderem konfrontiert in einer Weise, dass er sich ihm nicht mehr entziehen kann. Ich habe versucht, eine sehr direkte Verbindung zu diesem Ereignis des Krieges, das uns alle erschüttert, zu schaffen. Meine Musik ist ehrlich, direkt, jede einzelne Note in meinem Werk, jede Sekunde ist bedeutungsvoll für mich. Ich wollte nichts Künstliches, oder Banales machen, sondern die Menschen direkt ins Herz treffen, ihnen diese Auseinandersetzung zumuten. Nur so, in dieser ehrlichen Weise, kann Musik zu einer Brücke zwischen Menschen werden. Wenn durch die Musik nur ein Mensch mehr ins Nachdenken kommt, der sich vorher nicht damit befassen wollte, dann ist viel erreicht.

Weitere Informationen über Leon Gurvitch:
https://leon-gurvitch.com/

Fotos: (c) Jerzy Pruski