Wahrheit und Lüge

In und um Wikipedia, Brockhaus & amazon (= Fall „Jergen“, Teil II)

Von Christian Niemeyer

„Nächste Woche folgt Teil II zu Alfred de Zayas (sowie, am Rande: zu ‚Jergens‘ Beiträgen im Internet), vielleicht ja auch, falls sich jemand meiner erbarmt: zu ‚Jergens‘ Klarnamen“, versprach ich hier am 14. Februar – und muss nun, gut eine Woche später, die Zayas- und Klarnamen-Fans leider vertrösten auf Folge III. Denn es gab zwischenzeitlich anderweitig Alarm, etwa auf amazon, wo ein gewisser „Michael Dienstbier“ unter dem Datum „22. Juli 2022“ laut klagte:

„Nach 17 Jahren werde ich von nun an keine Rezensionen mehr auf dieser Plattform veröffentlichen. Der Grund: Seit Ende 2021 sind knapp 600 Buchbesprechungen ohne Angabe von Gründen gelöscht worden.“[1]  

Ich wollte ihm gerade als schwer gebeutelter Rezensent mit einem „Willkommen im Club“ meine Visitenkarte zukommen lassen, als meine Tochter hinter mir erschien und laut intervenierte:

„Papi, tu’s nicht! Ist das nicht der Typ, über den durch in Deinem im August 2021 erschienen Schwarzbuch Neue / Alte Rechte laut beschwert hast? So dass ja sein kann, dass diese Löschungen Folge Deines Buches sind. Und der Typ es nicht lustig finden wird, wenn Du Dich nun bei ihm meldest!“

Ich googelte in Ermangelung meines eigenen Exemplars – Sammy hatte es gestern aus Ärger über ein ausbleibendes Leckerli in den Garten geschleppt und total zerfetzt, – mein Buch, gab „Dienstbier“ ein und fand acht Einträge über diesen „Top-1000-Amazon-Kundenrezensenten“, der glatt als Michael Klonovskys Pressesprecher durchgehen könne, „so gewieft, mehr als dies: so sehr für Insiderwissen zeugend äußert er sich in seinen zahlreichen Klonovsky-Rezensionen über die nächsten karrieremäßigen Schachzüge des von ihm Angehimmelten.“ Oh Gott, was, wenn Klonovsky dieser Bemerkung wegen sein AfD-Bundestagsmandat in Chemnitz vergeigt hatte? Dann aber fand ich Trost in der durch diesen meinen Google-Akt bestärkten Erkenntnis und gab eben diesen meiner Tochter, die längst wieder am Herd stand, zur Antwort:

„Aber Schatz: Wer liest denn schon meine Bücher, als Print-Ausgabe!?“

„Keine Ahnung! Aber Verrückte gibt es ja immer mehr auf der Welt!“

Und weg war sie, im Keller, das Osterhasenkuchen-Rezept suchend. So dass ich meine Gedanken sortieren konnte: Wenn das stimmte, war amazon ja mächtig aufgeweckt, ganz anders als Wikipedia. Denn „Michael Dienstbier“ war tatsächlich ein ganz übler Zeitgenosse, wie ich mich sogleich anhand meines Lieblingsbeispiels überzeugte: Tristesse Droite: Die Abende von Schnellroda, die Bibel des neu-rechten Think Tanks schlechthin, nur zwei Jahre, unvorsichtigerweise, auf dem Markt. Und jetzt so gesucht wie die Erstausgabe von Mein Kampf. Nicht zu Unrecht. Denn wer dieses Buch besitzt und Zeile für Zeile gelesen hat[2], weiß genau, was uns blühen kann von einer Partei wie der AfD unter Björn Höcke, dieses Machwerk zum Maßstab genommen: „Rechtsextremer Irrsinn“ (so „Johanna Jung“ in ihrer Rezension dieses Buches vom 21. Februar 2020) oder „Pseudophilosophisches rechts-verquastes Gefasel völkischer Wirrköpfe“ (so „FuenfPLusEins“ am 17. April 2016).[3] Ich bin ganz sicher: Rezensionen wir diese ließen im Antaios-Verleger Götz Kubitschek den Entschluss reifen, dieses Buch so rasch als möglich vom Markt zu nehmen. So dass bei rapide steigender Nachfrage mein Exemplar jetzt bei 10 Mille liegen dürfte. Ich bin mir sicher: Sollten die Neuen Rechten mir einen auf den Deez geben – dann dieses Exemplars wegen. Musste unbedingt mal googeln, was ich zu Tristesse Droite in meinem neuen Buch Die AfD und ihr Think Tank im

In diesem Moment kam meine Tochter aus dem Keller, mit einem Osterhasen und ihrem berühmten Schulterblick…

„Papi, Du sollst doch nicht so viel googeln, sagt Mami immer! Geh‘ lieber in den Garten, Rosen schneiden! Außerdem ist der Multi-Milliardär Jeff Bezos seit dem 5. Juli 2021 nicht mehr CEO bei Amazon, da musst Du Dich schon an seinen Kumpel, den Multi-Millionär Andy Jassy, wenden!“

Ich beschloss: Morgen würde ich ein „Spott-Light“ schreiben des Inhalts, die Jugend von heute habe keinen Respekt vor den Eltern und hänge an Wikipedia wie an einer Nabelschnur – aber jetzt hieß es erst einmal, Kurs zu halten, am Ende Richtung Kuba, wo Bezos Vater herkam. Und Alfred de Zayas. Wichtig dabei, dass es zeitlich passte: Wenn Jassy im Juli 2021 übernommen und sogleich die interne Kontrolle optimiert hatte, konnte es durchaus sein, dass er mithilfe meines im August erschienen Buches „Michael Dienstbier“ auf die Spur gekommen war. Also antwortete ich ihr versöhnlich:

„Danke für den Hinweis, Schatzi! Dann müssen wir jetzt nur noch erreichen, dass als Nr. 601 auch ‚Dienstbiers‘ Rezension zu Tristesse Droite gelöscht und sein Kumpel ‚Ramones 16‘ abgeschaltet wird.“

„Klingt ein wenig nach George Orwell, also nach thought control, Papi, findest Du nicht? Soll ich Dir mal einen Termin bei unserem PB-Lehrer vermitteln? Der erklärt Dir bestimmt gerne das Wort ‘Meinungsfreiheit‘! Passt doch zu Deiner Lieblingsband The Free!“       

Zum Glück klingelte in diesem Moment das Telefon, mit anderen Worten: der brachiale Auftaktriff zu All right now zerriss die Stille des Weiberfastnachtnachmittags.

*

„Dr. Watson. Womit kann ich dienen!“

Leo kam herein, lächelte sich einen ob des ‚Dr. Watson‘. Auch seine Schwester taute jetzt auf. Erinnerte sich, wie ich gestern zur Gaudi meiner Kinder, „Vampir“ als Kostümierungsvorschlag für Rosenmontag abgelehnt hatte. Mit dem Argument, ich müsse mich zu diesem Zweck, anders als unsere selbstermannte Kriegsministerin Marie-Agnes Strack-Zimmermann[4], aufwändig verkleiden. Also wählte ich als Verkleidung „Dr. Watson“, schon, um die vielen Besucher nicht zu verwirren, die mich zu sprechen wünschten, weil sie nähere Auskunft geben wollten im Fall „Jergen“…

„Hallo, Dr. Watson, sind Sie noch am Apparat?“

Ein paar Entschuldigungen später kam von einer gewissen Ursula aus Schaumweinburg, ob ich womöglich als Wikipedia-Zerstörer, auf der Gehaltsliste des Verlags F.A. Brockhaus (Wiesbaden) stünde:

„Nein, werte Gräfin vom Schaumweinburg, das tue ich nicht!“

Und ich erläuterte der darob schwer Geschmeichelten lang und breit, warum auch bei diesem legendären Print-Lexikon Anonymisierung gang und gäbe war, was Nazis und Rechtsradikale wie „Jergen“ für sich zu nutzen wussten – vom Ergebnis her vergleichbar dem hier in Rede stehenden Fall. Ich erinnere mich noch genau, als wäre es gestern („Es war gestern, Papi!“, korrigiert mich gerade mein hinter mir stehendes Töchterlein): Ungläubig starrte mich Ursula an, zu erkennen an ihrer Folgefrage, ob ich etwa Ihren heißgeliebten 20-bändigen Brockhaus (17. Auflage) durch meine Antwort zu Altpapier stempeln wollte, um es ihr für 10 Euro abzukaufen? Ich bat sie daraufhin, Band 9 aus Ihrem Regal holen zu lassen und die S. 528 f. zum Lemma Jugendbewegung aufzuschlagen. Sie tat, wie geheißen, was sich aber ein wenig hinzog, wohl, weil ihre Zofe gerade Ausgang hatte. So dass ich mir hier aus Zeitgründen erlaube, dasjenige, was ich Ihr am Ende erfolgreich verklickern konnte, aus einer mir nicht unbekannten Quelle[5] herzusetzen:

„Die Verbindung zwischen Werner Kindt und Theodor Wilhelm verstärkt sich 1965 nach Erscheinen eines beide belastenden, dem Antisemitismuskapitel zuzurechnenden Literaturberichts von Hermann Meier-Cronemeyer, aber auch infolge der Zusammenhang im Blick auf die der Jugendbewegen zugedachten Stichworte für die ab 1966 erschienene 17. Auflage des Großen Brockhaus. Mit deren Erstellung war zunächst Wilhelm beauftragt, wohl infolge des Nutzens einer Seilschaft mit einem alten NS-Kameraden, nämlich des nun als Brockhaus-Chefredakteur agierenden vormaligen Dozenten am Erzieherseminar der Adolf-Hitler-Schule Sonthofen, Wilhelm Hehlmann (1901-1998), Verfasser des durch die Einträge in der Nazi-Zeit diskreditierten Pädagogischen Wörterbuchs des Kröner-Verlags. Wilhelm, der am 10.08.1965 einen entsprechenden Vertrag mit Brockhaus geschlossen hatte, fühlte sich der Aufgabe – auch aus Zeitgründen – nicht recht gewachsen und gab den Job weiter an Kindt. Aufschlussreich ist dabei vor allem der Streit um den zentralen Stichwortartikel („Jugendbewegung“), insofern Kindt die nun – abweichend zur 16. Auflage von 1955, und dies trotz Umfangsbeschränkung – zu verzeichnende, insgesamt positive Würdigung Gustav Wynekens nicht vertreten wollte. Voller Empörung angesichts der ihm übersandten Druckvorlage ließ Kindt den Verlag am 28.06.1969 wissen, dass „unrichtige und unwichtige Dinge“ in seinen Text „hineinverbessert“ worden seien. Wyneken beispielsweise habe „niemals zur Jugendbewegung gehört“, der von ihm „geschaffene Begriff der ‚Jugendkultur’“ habe „nichts mit der Jugendbewegung zu tun.“ Hinter dieser Bewertung, die Kindt nur ein Jahr zuvor in ähnlicher Form auch in Band II seiner Edition platzierte, verbarg sich der Mythos, es habe vor Wynekens Intervention eine Art Paradiesland der Jugendbewegung gegeben, aus dem diese dann aufgeschreckt und, unter Verstoß gegen die für sie maßgebenden Prinzipien, zur Gegenwehr getrieben worden sei. Das Gegenteil ist richtig: Der Wandervogel war von seinem Beginn an Objekt politischer Zwecksetzungen, nur dass diese – und dies machte sie möglicherweise für Kindt erträglicher – mehrheitlich eher dem ‚rechten‘ denn dem ‚linken‘ Spektrum zuzurechnen sind. Die Pointe liegt auf der Hand: Anonymisierung ist der gemeinsame Nenner aller Probleme, ob nun „Print“ oder „Non-Print“, platter geredet: Alt-Nazis, wie eben am Brockhaus nach 1945 gezeigt, finden, klandestin wie sie sind und/oder sein müssen, finden überall hinein, so es nur einen gibt, der von innen die Seilschaft absichert (wie in diesem Fall Wilhelm Hehlmann). Da gilt es anzusetzen, bei der Mitarbeiteranwerbung. Meint zugleich: Wenn die Entscheidungsoption Pro Print und Contra Netz entfällt, weil beide Varianten ein gemeinsames Problem haben, muss ich ja auch nicht länger meine vielleicht überraschende Liebeserklärung an Wikipedia zurückhalten: Danke, Wikipedia, dass es Dich gibt, so kann ich Tag für Tag bequem und ohne Gang in die Bibliothek auf die Jagd gehen, beispielsweise nach „Jergen“.

„Soweit verständlich, Frau Gräfin?“ – aber die Dame aus Schaumweinburg hatte längst aufgelegt.

„Na ja, was soll’s, Papi: Wir sind ja noch da, hören begeistert zu und lesen mit!“, säuselte meine Tochter dazu aus der Küche, fette Kopfhörer auf den Ohren.

**

Dafür sind Sie ja noch da, liebe Leserin, lieber Leser – und wollen noch was genau wissen? Ach ja, natürlich: Ob ich nach meiner Jagd nach „Jergen“, der als Wikipedia-Autor aus Rache am 11./12. Februar 2023 meine Wikipedia-Seite zerlegt hatte[6], weitergekommen bin. Nun ja, kommt drauf an. Denn die erste Reaktion auf Folge I war durchaus bemerkenswert: Ich entnehme daraus, schrieb mir ein Freund, „dass die alten Nazi-Seilschaften nach wie vor vorhanden sind, obwohl die Mitglieder der alten Jb, die in den NS verstrickt waren, inzwischen verstorben sind.“ Heißt: Mein Informant machte erst gar kein großes Aufhebens darum, dass „Jergen“ Teil einer „Nazi-Seilschaft“ war. Nur: Wo war deren Zentrum? Ob nun aus dem Netz gefischt oder von weiteren Freunden und Informanten, wie etwa Olaf (den Nachnamen müssen Sie schon selbst heraussuchen), aufgeschnappt: Nein, „Jergen“ kann unmöglich in Siegen, Leipzig, Wien oder Graz gesichtet worden sein. Zumal noch nicht einmal feststeht, wie er überhaupt aussieht. Aus diesem Grund sei, wie der nächste Anrufer meldete, der Typ, dessen Gespräch er belauscht habe, gewiss nicht „Jergen“. Beschied ich ihm und wollte auflegen.

Ob er seinen Mitschnitt gleichwohl vorlesen dürfe?

Ich nickte, sagte „Meinetwegen!“ – und bekam ein durchaus ordentlich gemachtes Stück Prosa zu hören, nämlich das folgende:

„9. September 2022, gegen Mittag, im Wartebereich einer Praxis für Zahngesundheit in Berlin-Tegel mit, wie ich bestätigen kann, wunderschönem Personal und erstklassigem Betäubungsgewehr. Zwei recht robust wirkende Männer, beide mit Glatze und Tattoos, ragen heraus aus einer ansonsten recht unscheinbaren Schar Wartender. Sagt der eine, unter Verweis auf einen Text des neu-rechten Ideologen Erik Lehnert vom Tag zuvor auf Sezession:

„Hey Alter, haste gelesen, was E.H. gestern auf S. über P.L. schrieb? Ganz schönes Weichei, oder?“

„Kannste laut sagen, Alter! Robert de Niro aus Martin Scorseses GoodFellas (1990) hätte es dem Typen ganz anders besorgt! Übrigens mein Lieblingsfilm! Steckt voller Anregungen!“

„Kenn‘ ich nicht. Ist doch ein Ami!“

„Na Alter, keine Vorurteile! Donald Trump ist auch ein Ami!“

„Haste auch wieder Recht!“

„Und? Wie hätte es diese Schwuchtel de Niro dem Typen besorgt!“

„Hey, Alter, nicht ‚URN‘ gelesen zu E. L’s Diskussionbeitrag? ‚Der Schwimmmeister solle den Schluss der Planscherei verkünden!‘ Das ist doch eine Art Kassiber an uns alle!“

„Was für ein Kassiber? Und welchen Inhalts?“

Da jetzt ein Herr mit, wie Loriot, Baron-Habitus plus Hornbrille und FAZ, die bisher seinen klugen Kopf verbarg, die Zeitung merklich senkt und mahnend in ihre Richtung schaut, kommt es jetzt nur noch flüsternd aus unserem Mafia-Freund heraus:

„Na Alter, das liegt doch auf der Hand: ‚Schwimmmeister‘ bei der Mafia ist, wie 2017 in New York im Fall Carmine Carini, Sohn eines gleichnamigen Mafiabosses[7], derjenige, der die ‚Betonfüße‘ verteilt. Ergo…“

Ich wartete und wartete – aber es kam nichts mehr. Also gähnte ich demonstrativ, tat so, als ob ich auflegen wollte und erklärte meinem Informanten mit dem clever gewählten Decknamen „Inkognito“, dass ich ja nur terrorisiert worden sei von einem im Internet und nie behauptet hätte, mir sei die Mafia auf der Spur. Ich lege den Hörer in die Gabel, um gleich darauf Olaf anzurufen. Nein, erkläre ich ihm, Jens Bergen haut nicht hin, auch nicht Johann Ergen, vielleicht aber Johann Gergen (bitte melden!), wo die Sache mit dem Beruf stimmt, nicht aber die mit dem Ort. Und: Ja, München ist nicht weit entfernt von Wien, das Geburtsjahr stimmt auch, nicht aber das Sterbedatum (14. Juli 2020), denn zwar hat der Mafia-Spruch „Nur ein toter Zeuge ist ein guter Zeuge“ etwas für sich, nicht aber in diesem Fall, wo Reden durchaus etwas für sich hätte.

Anderntags bin ich vor Ort, am Grab des Müncheners mit Spuren bis nach Österreich, die ich schon verfolgt hätte bis zum berüchtigten NS-Volkskundler Richard Wolfram (1901-1995) – hätte sich in diesem Moment nicht die Grabplatte bewegt und es aus ihr in meine Richtung geflüstert:

„Am 1. Mai 2004 war ich auf Vermittlung von Arno Klönne Referent bei einem merkwürdigen Gedenktreffen von Veteranen des Österreichischen Wandervogels in Wien. Kontaktperson war Reinald Wolfram (Jg. 1941), der sich als Bundesführer des ÖWV vorstellte. Der Kreis, der dort zusammenkam, war derart reaktionär und antikommunistisch, dass ich mich geradezu in eine Zusammenkunft von Alt bzw. Noch-Nazis versetzt fühlte. Bei dem, was du über ‚Jergen‘ schreibst, denke ich an die WV-Veteranen, mit denen ich damals in Wien ins Gespräch kam. Ein Kontakt hat sich jedoch nicht erhalten.“

Fluchtartig verlasse ich den Friedhof, auf dem Weg ins Hotel. Und denke über den Namen nach, den ich aus dem Grab vernommen zu haben wähnte und der zu ihm und meiner Stimmung wunderbar passte: Hans Graul (1909-1997) habe, so erinnerte ich mich jetzt der Grabesstimme, ihn damals in Tübingen „als einen ‚Umerzogenen‘ tituliert“ und war stolz „auf seine unveränderte Nazi-Sicht“ – obwohl er „von 1961 bis 1974 ordentlicher Geographie-Prof. an der Uni Heidelberg war.“ „Schon wieder so einer!“, schüttelte es mich, in Erinnerung an die zahllosen Kritiker von den Neuen Rechten an der US-Reeducation, die unser Volk, in US-Absicht, bewusst habe kleinhalten wollen, nur wegen dieses, so der AfD-Ehrenvorsitzende Alexander Gauland, „Vogelschiss“ Drittes Reich?! Und ich war so wütend, dass ich nicht zum Hotel fuhr, sondern im Navi auf „Heimatadresse“ drückte.

***

Zurück in Berlin, wusste ich, was zu tun war: Ich fand in meiner unerschöpflichen Bibliothek tatsächlich eine Hans-Graul-Festschrift von 1974, zusammengestellt von Horst Eichler & Heinz Musall. Aus ihr aber erfuhr man nichts von Belang zu Grauls NS-Zeit; nur, dass er „in den dazwischenliegenden Jahren“ in Wien und dann in Krakau arbeitete und „in den Nachkriegsjahren […] nur nebenberuflich.“ (Fricke 1974: 3) Warum? Keine Ahnung – wütend klappte ich das Buch zu und meinen PC auf und durchforstete Wikipedia auf die Suche nach Informationen über einige der Genannten. Was Hans Graul angeht, wurde ich als erstes bei Eckard Holler fündig, genauer: bei Herbert Ammon, der Hollers Biographie Auf der Suche nach der Blauen Blume. Die großen Umwege des legendären Jugendführers Eberhard Koebel (tusk) (2020) am 30. August 2020 auf GlobKult[8] sehr positiv rezensiert hatte. Zum Thema Graul wichtig, weil Holler pro Koebel war, der sich zu Beginn der NS-Zeit mit Graul zerstritt. Wikipedia berichtet unter Hans Graul (abgerufen am 15.02.2023, 17:12) gleichfalls darüber, gab auch Kunde davon, dass er 1939 abgeordnet wurde „zum Amt für Raumordnung im besetzten polnischen Krakau“ sowie 1940 „am Institut für Deutsche Ostarbeit“ war und „zugleich Beauftragter für Raumforschung im Generalgouvernement“, ehe er sich 1942 in München habilitierte. Worum es sich bei diesem vom „Schlächter von Krakau“ Hans Frank (1900-1946) begründeten Institut für „imperial nationalsozialistische“ Ostforschung (Frank) handelte, nämlich um den entscheidenden Mosaikstein des Holocaust (vgl. Wolnik 2010), wird bei Wikipedia nicht berichtet. Auch findet sich kein Wort zu dem durch diesem Vorlauf bedingten, fast zwanzig Jahre währenden Bruch in Grauls Karriere: „In den Nachkriegsjahren arbeitete Graul einige Jahre als Landwirt [und] Gastwirt, dann als Privatdozent in Tübingen (ab 1951)“, erfahren wir aus Wikipedia 2023; erst 1962 wurde er ordentlicher Professor in Heidelberg.

Da überkam mich ein Verdacht: Schrieben Wikipedias willige Helfer in Sachen des ewigen Nazis Graul noch fünfzig Jahre später bei der Kindt-Edition ab, über deren Fragwürdigkeit in Folge 1 wohl genug gesagt wurde? Ich musste nicht lange suchen: Auf S. 1766 von Bd. III dieser Dokumentation, 1974 erschienen, fand ich die Vorlage für Wikipedia ad Graul, letzte Änderung am 2. Januar 2023, 14: 45, wieder, auch die Sache mit dem Bauernhof: „Nach dem Krieg bis 1958 hauptberuflich Land- und Gastwirt (30 ha) in Oberschwaben.“ Und dies abgesegnet von Grauls NS-Mittäter Günther Franz, der in seinem Vorwort (S. 6) „Rüdiger Robert Beer (Köln) für die Bearbeitung der Kurzbiographien besonders zu danken“ für geboten hielt. Ist der Journalist Beer (1903-1985), der ab dem 12. Dezember 1933 über zehn Jahre hinweg für NS-Zeitungen arbeitete, wie man aus einem knappen, immerhin von 16 verschiedenen Autoren erstellter Wikipedia-Artikel erfährt, also unter Autoren des Graul-Artikels oder haben sich „Claude J“, wahlweise auch „Asdrubal“, gleichsam als Ersatz für „Jergen“, dem wohl in diesem Fall das Detailwissen fehlte, als Hauptbearbeiter des Graul-Artikels bei der Kindt-Edition von 1974 bedient?

Man wüsste es gern, zumal vom Wikipedia-Chef. Und nicht zuletzt deswegen, weil nicht sein kann, dass die Verantwortlichen für den grauenhaften Genozid im Generalgouvernement Polen nach wie vor gedeckt werden, weil dem Avanti-Dilettanti-Prinzip zu dank ist, dass es die Täter selbst sind, die ihre Geschichte in Lexikonform aufschreiben dürfen. Deswegen, noch einmal etwas lauter:

Wann, Wikipedia, schenkt ihr uns endlich reinen Wein in Sachen NS-Verbrecher und deren Beiträge zum Genozid und zur Shoa? Ist das Jahr 2023 womöglich immer noch zu früh?  

****

Ziemlich sauer, setzte ich meine Recherchen fort mit dem zweiten Hinweis der Grabesstimme, Arno Klönne betreffend. Warum, um alles in der Welt, traf dieser linke Aufklärer 2004 Alt-Nazis aus der Jugendbewegung? Ratlos schlug ich den Wikipedia-Artikel Arno Klönne auf, fand nur das Nötigste – und klaubte dann zusammen, was sich auf meinen Dateien und in meinen Büchern zu Klönne fand. So, als schriebe ich einen Artikel über diesen für Wikipedia. Um diesen dann mit jenen zu vergleichen und damit letztlich mit „Jergens“ Sicht auf diesen. Denn eines war mir nicht entgangen: „Jergen“ war mit 43,8 % (Stand: 19.02.2023, 13:20) Hauptautor des Wikipedia-Artikels Arno Klönne. Los geht’s also mit meinem Entwurf[9] zu diesem Thema.

Arno Klönnes (1931-2015) Debut als Jugendbewegungshistoriograph war nicht frei von Anfeindungen. Dies zeigt Werner Kindts Rundschreiben vom Juli 1956: In seinem hier für notwendig erklärten Angehen gegen „verfälschende Darstellungen“ der Wandervogel- bzw. Jugendbewegung insbesondere in Sachen des Themenkomplexes ‚Nationalsozialismus und Jugendbewegung‘ wird auch Klönnes Studie Hitlerjugend (1955) erwähnt. Insbesondere dürfte Kindt Klönnes Feststellung geärgert haben, dass „die in der Bündischen Jugend – im Gegensatz zu Wandervogel und Freideutschtum – durchweg vorherrschende ‚völkische‘ Einstellung im Grunde den NS-Anschauungen nichts entgegenzusetzen hatte und ihnen teils völlig, teils mit nur geringen Einwänden zustimmte“ – ein Vorhalt, dem sich Klönne gut vierzig Jahre später erneut ausgesetzt sah, diesmal aus der Feder von Norbert Schwarte & Jürgen Reulecke (1997), die sich darüber empörten, dass Klönne Nachkriegsverdikte aus der Bündischen Jugend gegen das Wiederaufgreifen von Wandervogelromantik zugänglich gemacht hatte, die in die Pointe ausliefen, dies habe schon einmal „in eine verheerende Katastrophe geführt.“ Die sich auch hier aussprechende Skepsis gegenüber Klönne – als müsse man ihn immer wieder in die Herde zurücktreiben – könnte darin ihren Grund haben, dass Klönne, genau besehen, von Harry Pross herkommt, 1968 bis 1983 Ordinarius für Publizistik an der FU Berlin. Pross, über eigene leidvolle Erfahrungen in der HJ verfügend, verfasste seine Heidelberger Dissertation zum Thema Nationale und soziale Prinzipien in der Bündischen Jugend (1949). Das achte, mit Bündische Jugend und Hitlerbewegung überschriebene Kapitel lobte Klönne als „außerordentlich interessant“ (Klönne 1955: 54). Seine eigene Dissertation zeigte einen jungen Menschen à la Pross an der Arbeit, unerschrocken gegen den damaligen Mainstream angehend, etwa gegen Eduard Sprangers (1882-1963) Hochschätzung der in der Weimarer Zeit erschienenen Neupfadfinderzeitschrift  Der Weiße Ritter, die Spranger noch 1950 zu „einer der besten im Gesamtbereich der Jugendbewegung“ erklärte, wohingegen Klönne drei Jahre später in seiner Dissertation trocken festhielt, einige Vorschläge in dieser Zeitschrift wiesen „geradezu verblüffend auf die spätere SS-Ideologie hin.“ Mehr als die und nun auf das Fazit dieser Dissertation kommend:

„[D]ie HJ […] ist […] ohne die Vorläuferschaft der Bündischen und ohne die Übernahme vieler, im Raum der Bündischen Jugend vorentwickelter Sozialformen, Ideologieelemente und Aktivitäten nicht zu denken, wie ja überhaupt der NS nicht ohne die Anknüpfung an völkische Traditionen erklärbar ist. Ein Großteil der Methoden und Gestaltungsmittel der NS-Jugendarbeit, der Gruppenformen und des Verbandsaufbaus der HJ hat im Bündischen seinen Ursprung: so unter anderem […] das Führer-Gefolgschaft-Prinzip, die Formen von Fahrt, Lager, Geländespiel und Heimabend, das Liedgut und der Kultstil, – – bis hin zur Symbolsprache und den ‚Zeichen‘ der HJ.“ (Klönne 1953: 52 f.)

Sätze wie diese sorgten dafür, dass Klönne sich bald dem Tatvorwurf der ‚Brunnenvergiftung‘ ausgesetzt sah – nicht ganz zu Unrecht übrigens, wenn man bedenkt, dass er 1953 in einem Nachruf auf den vormaligen Jungkonservativen und späteren Goebbels-Propagandisten Hans Fritzsche (1900-1953) diesen mit dem namensgleichen Ringpfadfinder (1891-1942) verwechselt hatte, zur Empörung letztgenannter, selbstredend. Dieser gravierende Fauxpas, an den erinnert zu werden, wie ich aus Eigenerleben berichten kann, ihn an die Decke gehen ließ, wirkte traumatisierend und erklärt vielleicht Klönnes ab da an währende Vorsicht in Fragen wie diesen. Sicherlich: Klönne legte zwischendurch, etwa 1989, immer wieder seinen Finger in die noch schwärende NS-Wunde und kritisierte beispielsweise eine „gänzlich unkritisch[e] […], vom Freundeskreis der Artamanen verlegt[e]“ einschlägige Diplomarbeit, monierte die in ihr vorangetriebene „‚Entpolitisierung‘ der Geschichte der Artamanen“ im Interesse „ehemals Beteiligter.“ Aber in der Hauptsache konzentrierte er sich fortan auf die Thema Hitlerjugend sowie, damit zusammenhängend, deutscher Widerstand, gleichsam an und für sich, also ohne (erneut) den Zusammenhängen zwischen dieser und deren Vorgängern nachzugehen. Dies indes schützte ihn nicht vor der Wachsamkeit der Veteranen, etwa jener des Fritz-Martin Schulz in seiner Eigenschaft als (seit 1974) Bundesführer des Nerother Wandervogel und Burgwart der Burg Waldeck. 2001 beispielsweise erklärte Schulz der neu-rechten Wochenzeitung Junge Freiheit im Blick auf die anstehende 100-Jahr-Feier in Steglitz in einem Leserbrief, er werde selbstverständlich nicht an dieser Veranstaltung teilnehmen – nun, wo ihm bekannt geworden sei, dass dort ein linker Soziologe (= Arno Klönne) auftreten werde. In historischer Übersetzung geredet: Schulz, vormals Bundeswehroffizier, kopierte mit eben diesem schneidigen Argument eben jene Ressentiments, für die Jugendbewegungsführer – genannt sei hier exemplarisch nur Edmund Neuendorff – berühmt-berüchtigt sind und in deren Linie eben jenes Problem auf uns alle gekommen ist, das die 100-Jahrfeier aus Anlass der Gründung des Steglitzer Wandervogel, übrigens nur ganz am Rande (vgl. Niemeyer 2001), thematisierte: die NS-Vergangenheit Jugendbewegter. Dazu passt, dass Schulz dreizehn Jahre später am nämlichen Ort (Junge Freiheit) klarstellte, er werde das kurz zuvor in der taz von Micha Brumlik (2014) positiv rezensierte Buch des „Herrn Niedermeyer“ – gemeint ist der Band Die dunklen Seiten der Jugendbewegung. Vom Wandervogel zur Hitlerjugend (2013; 22022) – nicht lesen. Vor diesem Hintergrund muss durchaus auffallen, dass dieses Buch, als es noch kaum mehr war als ein DFG-Projektantrag des Inhalts, es gelte „Motive für Auslassungen“ in Werner Kindts Dokumentation der Jugendbewegung im „NS-apologetischen Bereich“ zu erkunden beabsichtigte. Der denkwürdige Ablehnungsbescheid ging dahin, die „kritische Revision“, die durch das Projekt in Aussicht gestellt werde, sei „in der neueren Forschung zur Jugendbewegung […] längst angekommen.“ (zit. n. Niemeyer 2013: 15) Dies erinnert ein wenig an Arno Klönnes Argument von 2009, die auf den hier thematischen Bereich bezügliche „gezielte Vergesslichkeit“ bzw. „Gedächtnisschwäche“ sei „inzwischen weitgehend korrigiert.“ (Klönne 2009: 20) Was, zusammen mit weiteren Eindrücken, die ich aus Gesprächen mit Klönne über mein Buch empfing, so klingt, als habe dieser bedeutende linke Theoretiker gegen Ende seines langen Lebens einem zwanzig Jahre jüngeren Kollegen nicht den Erfolg gegönnt, den er, im Streben, dem Mainstream der Jugendbewegungshistoriographen in Gestalt insbesondere Jürgen Reuleckes, einen Gefallen zu tun, im von ihm 1953 mit Verve angegangenen Themenbereich nicht zur Ernte gebracht hat.

Soweit mein Entwurf zu einem Wikipedia-Artikel Arno Klönne, die es nun jenem real existierenden Artikel „Jergens“ (& Co.) zu kontrastieren gilt. Von vornherein klar: Dass mein Entwurf allein an Klönnes Beiträgen zur Jugendbewegung orientiert war und keine Erläuterungen zum Lebenslauf des Gemeinten gibt, umgekehrt: dass „Jergen“ nur einer von 46 Autoren des Wikipedia-Artikels zu Klönne ist, aber, mit weitem Abstand zu Nr. 2 (8,8 %), als Hauptautor zu gelten hat mit, wie gesagt, 43,8%. Ansonsten kann der Vergleich knapp gehalten werden: Abgesehen von dem Hinweis, dass Klönne „seine Doktorarbeit bei Wolfgang Abendroth über die Hitlerjugend schrieb“ und „seine jugendsoziologische Studie Jugend im Dritten Reich als Standardwerk im zur Geschichte der Hitlerjugend und ihrer Gegner [gilt]“, gibt dieser Artikel selbst (abgesehen etwa von Weblinks) keine Information von Relevanz, damit aber auch: von Relevanz im Blick auf weitere Informationen über „Jergen“. Es sei denn, man betrachtet das Nicht-Erzählte als Information, also etwa das Schweigen über die Klönne-Skepsis des Nerother Bundesführers Franz-Martin Schulz.

Da es zu diesem keinen Artikel gibt, wohl aber zum Nerother Wandervogel, erneut mit „Jergen“ als Hauptautor, diesmal mit 53,7 %, bietet es sich an, diesen Artikel in die Analyse mit einzubeziehen. Und siehe da: Diesmal ist Schulz dabei, etwa mit einem Weblink zu einem allerdings völlig harmlosen maschinenstürmerischen Artikelchen von 2002 (Warum wir keine ‚E-Mail‘ haben), wichtiger allerdings: mit einem Weblink zu Schulz‘ Interview vom 9. November (!) 2001 mit der Jungen Freiheit (nicht zu seinem oben erwähnten Leserbrief, der ihn, wie gesehen, als „Niedermeyer“- resp. Niemeyer-Kritiker ausweist). Zwei Thesen stechen dabei heraus:

  • Erstens die These, „das Vorbildliche an der deutschen Jugendbewegung“ sei das „Bekenntnis zum Menschen, mit der notwendigen Distanz zur Politik“ – eine Nebelkerze sondergleichen, die den in eben diesem Jahr (2001) veröffentlichten Nachweisen zum Antisemitismus auch schon der Vorkriegsjugendbewegung[10] diametral entgegensteht und den Zweck verfolgt, den Unterschied zu „den sogenannten ‚68ern‘“ zu markieren.
  • Die zweite These hängt damit zusammen: „Das Archiv der deutschen Jugendbewegung auf Burg Ludwigstein“ sei von „durch den Idealismus alter Wandervögel aufgebaut“ und wurde, als es stand, „durch ideologisierte 68er vereinnahmt“, wie an Publikationen ablesbar, „die die historische deutsche Jugendbewegung als bürgerliche Jugendbewegung abqualifizierten und der Arbeiterbewegung einen neuen Schwerpunkt geben.“ Schulz nennt zwar keine Namen, aber die Vokabel „Arbeiterbewegung“ ist eindeutig: Schulz meint Klönne, dessen Verdienst, meiner Lesart zufolge, darin besteht, das Jahrbuch des Archivs der deutschen Jugendbewegung von einem Vereinsblättchen von Alt-Nazis in ein wissenschaftlich ernstzunehmenden Organ verwandelt zu haben. Insofern steht auch diese zweite These – wohlgemerkt: dem neu-rechten Think Tank um die Junge Freiheit am November (2011) zur Kenntnis gebracht – für eine Nebelkerze: Das Archiv der deutschen Jugendbewegung verdankt sich zwar dem „Idealismus alter Wandervögel“, die aber, wie die zentrale Figur in diesem Zusammenhang, Karl Vogt in seiner Eigenschaft als Ex-SS-Obersturmbannführer und ehemalige persönliche Mitarbeiter von „Hunger-Backes“, am Hungertod von Millionen in und um Leningrad 1941/42 Mitverantwortung trug und dem daran gelegen war, die darauf bezüglichen Unterlagen in der Burg Ludwigstein unter Kontrolle zu halten. (vgl. Niemeyer 22022: 31 f.)

Dies in Rechnung gestellt, überrascht die Naivität der Macher dieser Seite, darunter als Hauptautor „Jergen“, diesen brisanten Text des Fritz-Martin Schulz von 2001 durch Weblink auf der Seite Nerother Wandervogel überhaupt zugänglich gemacht zu haben. Denn dies hätte unbedingt verlangt, ihn, wie eben versucht, zu erläutern. Der angebrachte Hinweis „Ihm [Schulz; d. Verf.] wird vorgeworfen, die politische Neutralität aufgegeben zu haben und rechts-konservative Positionen einzunehmen“, reicht hier nicht und steht für eine Art Verschlimmbesserung im Vergleich zur Version vom 13. Oktober 2005 um 15:56, in welcher der in Rede stehende Weblink mittels des Satzes eingehegt wurde:

„In den letzten Jahren werfen Kritiker dem Nerother Wandervogel vor, die politische Neutralität aufgegeben zu haben und rechts-konservative Positionen einzunehmen. Fritz-Martin Schulz gab unter anderem ein Interview in der Jungen Freiheit (siehe: Weblinks). Nach einem Bericht in der taz (siehe Weblinks) soll Schulz in Rundbriefen des Nerother Wandervogels Ausländer als ‚nicht integrierbare Teile der Bevölkerung‘ und Neonazis als ‚Medienpopanz‘ bezeichnet haben.“

Der entscheidende Mangel war damit aber nicht behoben. Was damals notwendig gewesen wäre und achtzehn Jahre später nach wie vor auf der Agenda steht, ist eine Erläuterung des Junge-Freiheit-Interviews nach oben gegebenen Muster und eine Zurücknahme der offenbar auf „Jergen“[11] zurückgehende Vokabel „rechts-konservativ“ – es sei denn, man nähme die Folgerung in Kauf, auch Alt-Nazis fänden unter diesem Hut ein Dach, etwa auch all jene, die neben Karl Vogt das Archiv der Burg Ludwigstein in eine Begräbnisstätte für völkisches Gedankengut verwandelten, was für den langjährigen Archivleiter Hans Wolf (gleichfalls Ex-SS) sowie Armin Mohler (Ex-SS), aber auch für die vormaligen NS-Professoren Günther Franz und Theodor Schieder sowie deren willigen Helfer Werner Kindt (geeignet, weil der einzige Nicht-Pg.), gilt.

So betrachtet könnte der hier fettgedruckte Satz:

„Dieser Artikel wurde am 13. Oktober 2005 in dieser Version[12] in die Liste der lesenswerten Artikel aufgenommen“

ab morgen zu einem Witz werden, über welchen wenn schon nicht die ganze, so jedoch die gebildete Welt lacht. Zusammen mit dem Neben-Witz, dass es ein Autor wie der für den erstgenannten Witz in der Hauptsache verantwortliche „Jergen“ schaffte, dem für die Aufdeckung dieser Zusammenhänge entscheidenden Wissenschaftler ein Schreibverbot zu verhängen. Ein Sachverhalt, der bis heute von keinem bei Wikipedia Verantwortlichen, eingerechnet Christian Humborg, ernstgenommen wird, ebenso wie meine hier erneuerte Forderungen:

  1. Alle von „Jergen“ am 11./12. Februar 2023 geänderten Seiten über mich oder von mir wieder in den Zustand vor dieser Intervention zurückzuversetzen;
  2. „Jergen“ als Wikipedia-Autor als menschlich ungeeignet zu entlassen;
  3. Ehrenamtlichen sowie künftigen Autor*innen für die Zukunft aufzuerlegen, unter Klarnamen zu agieren.

Um am Ende (nicht das Ende Wikipedias als an sich unverzichtbarem Online-Lexikon) auf den Anfang zu schauen, kann ich nur hoffen, dass Jeff Bezos oder Andy Jassy kooperativer reagieren als Christian Humborg. Denn, richtig: Ich fordere hiermit auch ein amazon-Transparenz-Gesetz, das zumindest Bücherrezensenten die Pflicht auferlegt, ihren Klarnamen zu benutzen. Polemiken oder Verrisse bleiben damit nach wie vor möglich; nur sollten sie anhand des besprochenen Werkes begründet werden, wie bei Rezensionen üblich. Eine akzeptable Erschwernis – denn auf der Habenseite lockt das Versprechen:

Anonyme Heckenschützen und Hate Speech haben bei amazon (ebenso wie bei Wikipedia) in Zukunft keine Chance mehr, ebenso wenig wie abgestimmte Kampagnen, die am Ende Bestsellerlisten kurzfristig durcheinanderbringen können und rechtspopulistischen Müll nach oben spülen. Diese Maßgaben sind drängend im Interesse des Erhalts der freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Der schon Gefahr genug droht von durch alternative Medien Verhetzten. Sie, die Verhetzten, waren es, die Deutschland schon einmal aus einem Land der Dichter und Denker in ein Land der Richter und Henker verwandelten. Dem gilt es u wehren, gerade seitens jener Dichter und Denker, die sich aktuell bei PEN Berlin eine neue Heimat bauen und die eines eint: nämlich nicht von sich maskierenden Wikipedia-Autoren und amazon-Kundenrezensenten in den Schmutz gezogen zu werden.

 

Autor: Prof. Dr. Christian Niemeyer, Berlin/TU Dresden

Text: Weiterentwickelt werden in diesem Dossier Überlegungen aus meinem neuen Buch Die AfD und ihr Think Tank im Sog von Trumps & Putins Untergang. Eine Analyse mit Denk- und Stilmitteln Nietzsches (= Bildung nach Auschwitz, Bd. 2). Beltz Juventa: Weinheim Basel 2023 (i. E.). Dort auch alle sonstigen Literaturhinweise.

Bild oben: Logo von Wikipedia, CC BY-SA 3.0

[1] www.amazon.de/gp/profile/amzn1.account.AFSM5UMKUH22T50SYPPPLHNQ6AAQ/ref

[2] Abzüglich jener, die, wie Per Leo et al. sowie die Lektoren vom Klett-Cotta-Verlag sowie Rezensenten der Zeit, denen Lesen & Verstehen offenbar Probleme bereitet (s. hierzu Oh Zeit, gib mir Deinen Murmeltier-Journalismus bitte nicht auch nächste Woche, sondern stärke jene Krähen, die der andren zur Not auch ein Auge aushacken können, s. www.hagali.com/2022/12/spott-light-oh-zeit/).

[3] Beide Rezensionen abgerufen am 18. Februar 2023, 15: 02.

[4] Zu ihr jetzt, in meiner Berlin/FDP-Nachwahl-Glosse: www.haglil.com/2023/02/spott-light-fdp/

[5] Gemeint ist mein Buch Die dunklen Seiten der Jugendbewegung. Vom Wandervogel zur Hitlerjugend. 2. Auflage, München 2022, S. 35 f.

[6] S. www.hagalil.com/2023/02/wikipedia/

[7] s. www.focus.de/panorama/welt/seine-fuesse-steckten-in-einem-zementblock-polizei-zieht-die-leiche-von-mafioso-sohn-aus-new-yorker-hafenbecken_id_75…

[8] s. globkult.de/geschichte/rezensionen/19-eckart-holler-auf-der-suche-nach-der-blauen-blume-die-großen-umwege-des-legendären-jugendfu…

[9] Der Entwurfscharakter wird vor allem an den fehlenden Quellenangaben deutlich. Diese werde ich erst nachreichen, wenn die Identität meines Kontrahenten „Jergen“ außer Frage steht.

[10] S. meinen Artikel Jugendbewegung und Antisemitismus. Über vergessene Zusammenhänge (2001), am 9. Februar 2023 unverändert eingestellt auf: www.hagalil.com/2023/02/jugendbewegung-und-antisemitismus/

[11] Diese Schlussfolgerung erlaubt sein Dikussionsbeitrag vom 22. April 2005, 23:22 (s. de.wikipedia.org/wiki/Diskussion:Nerother_Wandervogel)

[12] Gemeint ist die eben angesprochene ältere Version von 2005, die sich von der aktuellen, am 12. Februar 2023, 11: 55, abgerufene ansonsten durch Peanuts unterscheidet, etwa durch Fortlassung einiger Literaturhinweise (etwa: Norbert Schwarte, Stefan Krolle (Hg.): „Wer Nerother war, war vogelfrei“. Stuttgart 2002).