Das barfüßige Mädchen

0
34

Die Erinnerungen der Schoah-Überlebenden Edith Bruck

In dem kleinen ungarischen Dorf „bekamen die drei jüdischen Mädchen die Gesetze nicht mit der gleichen Härte zu spüren wie die Schulkinder in den Städten.“ Die heile Welt von Ditke, wie das feiheitsliebende Mädchen Edith genannt wird, bekam dennoch bald Risse. Auch die Orden des Vaters halfen nichts. „Der Schatten, der über allem schwebte, wurde zunehmend dunkler und bedrückender“.

Als junges Mädchen lief sie unbeschwert durch die staubigen Gassen ihres Dorfes. Edith Bruck macht diese Szene zum Ausgangs- und Endpunkt ihrer Erinnerungen, die nun auf Deutsch im Aufbau Verlag erschienen sind. Intensiv und ungeschönt erzählt, zeigen sie das Leben einer Frau, deren Kindheit ein abruptes Ende nahm, die die Hölle der Konzentrationslager überlebte und ihren Platz lange nicht finden konnte.

Als Ditke 12 Jahre alt wurde, begann sich die Welt für sie zu schließen. Ausgangssperre für Juden, Schulverbot, am Ende Deportation. „Niemand hätte sagen können, ob die Reise kurz dauerte oder lang, die Echtzeit war, wie meine Kindheit, verschwunden, und die innere Zeit nahm jeder anders wahr.“

In Birkenau von den Eltern getrennt, blieb sie gemeinsam mit ihrer Schwester Judit am Leben. „Der Hunger, die Läuse, die Angst vor der Selektion, die Krankheiten und Selbstmorde durch den elektrischen Stacheldraht beschäftigten und Tag und Nacht.“ Von Birkenau nach Dachau, Kaufering, Landsberg und schließlich Bergen-Belsen, „es war, als wäre die Sonne für immer verloschen, als verschlänge der Totenmonat alles Leben, und wir glaubten nicht mehr an die Nachrichten aus der Latrine, wo man von Bombardierungen munkelte.“

Die Schwestern überlebten „zwischen Sterbensqualen, Toten, Kälte und Hunger“ bis zur Befreiung am 15. April 1945. 

Später machten sie sich alleine auf den Weg zurück nach Budapest, trafen drei ihrer Geschwister wieder, die ihnen jedoch abweisend erschienen. Zu groß ist das Erlebte, das zwischen ihnen stand. „In einem stummen Dialog gaben Judit und ich uns zu verstehen, dass sich zwischen uns und denen, die unsere Erfahrungen nicht teilten, ein Abgrund aufgetan hatte, dass wir anders waren, von einer anderen Spezies.“

Judit schloss sich in Budapest einer Gruppe von Zionisten an, in der Hoffnung, bald nach Palästina auswandern zu können. In jenes Palästina, über das ihre Mutter gesagt hatte, es sei ein „Paradies auf Erden“: „Wir sind Juden. Unser gelobtes Heimatland ist Palästina.“ Ditke schloss sich nicht sofort an, und auch als sie später ebenfalls nach Palästina kam, empfand sie die Zustände weniger paradiesisch. Die Suche der jungen Frau nach einem Platz auf der Welt führte sie schließlich zu einer Tanzgruppe, mit der sie nach Neapel kam. „Zum ersten Mal fühlte ich mich nach meiner langen und traurigen Irrfahrt sofort wohl.“

Dort lernte sie Italienisch, die Sprache, in der sie künftig schreiben sollte. Edith Brucks erstes Buch erschien vor sechzig Jahren. Sie blieb in Italien, heiratete, lebt dort zwischen Journalismus, Romanen, Arbeiten für Fernsehen und Kino, aber auch für die Zeitzeugenschaft. 

Die Aufrichtigkeit von Edith Bruck macht auch nicht vor ihren Ansichten zu Religion und Glauben halt. Ihr Hadern mit Gott, aber auch das Festhalten an Vergebung bilden den beeindruckenden Schluss ihrer Erinnerungen. Und auch ihre Sorgen um die Gegenwart: „Als Adoptivtochter Italiens, das mir zu meiner großen Dankbarkeit sehr viel mehr gegeben hat als das tägliche Brot, bin ich heute tief besorgt um das Land und um Europa, in dem ein von neuem Faschismus, Rassismus, Nationalismus und Antisemitismus verpesteter Wind zu spüren ist“.  

Ein sehr lesenswertes Buch, das einen noch lange beschäftigt. Gerade auch, weil es von der schwierigen Suche nach dem Überleben berichtet. Danke, möchte man Edith Bruck sagen, danke, dass Sie uns davon erzählen.

Edith Bruck, Das barfüßige Mädchen. Die Erinnerungen einer Überlebenden – eine Liebeserklärung an das Leben, Aufbau Verlag 2023, Euro 20,00, Bestellen?
LESEPROBE