Israel – Was geht mich das an?

Es ist schon ein bisschen her, dass die damalige Frankfurter Oberbürgermeisterin Petra Roth dem einstigen Zentralratspräsidenten Ignatz Bubis s.A. ihre Neujahrswünsche übermittelte, verbunden mit der Hoffnung, dass der „Friedensprozess in Ihrem Lande“ weitergehe. Bubis antwortete schmunzelnd, dass er wie sie ein Deutscher sei, aber von keinem Friedenprozess in Deutschland wisse, der weitergehen könnte. Er hätte aber auch antworten können: „Israel – Was geht mich das an?“

Von Georg M. Hafner

So lautet der Titel eines eben erschienenen Sammelbandes mit Aufsätzen von vor allem jüdischen Autor:innen aus Österreich Deutschland und der Schweiz genau zu diesem Thema: was geht mich dieser Staat an, der so groß wie Hessen ist und immer wieder für Aufregung und Empörung sorgt, für den Juden und Jüdinnen, gleichgültig, wo sie leben, wie selbstverständlich in Haftung genommen werden. Das nervt. „Fragt jemand anderen“, schreibt deshalb der schweizerische Schriftsteller Charles Lewinsky zunächst abwehrend, um dann am Ende doch in einer unverhohlenen Liebeserklärung zu dem gebeutelten Judenstaat zu enden.

„Um meinetwill’n gibt’s Israel, den Staat / Damit auch Schlosser Dago Biermann weiß / Wo er nach Auschwitz noch ne‘ Bleibe hat“ reimt Wolf Biermann in dieser Anthologie und fasst damit zusammen, was alle Beiträge bestimmt: Israel kann niemandem egal sein, der jüdische Wurzel hat. Es ist die Rückversicherung für schlechte Zeiten. Gerade werden die Zeiten wieder schlechter, weshalb viele mal wieder gucken, wo die Koffer sind. Folgerichtig überschreibt die in Sankt Petersburg geborene österreichische Kolumnistin Julya Rabinowich ihren Essay mit: „Ein sicherer Hafen“ und für die Frankfurter Journalistin Esther Schapira ist Israel ihr „anderes Vaterland“.

Alle Beiträge vereint das Ringen mit dem fernen Erez Israel und der eigenen Befangenheit. „Keinem Land werden seine Fehler so hoch in Rechnung gestellt wie Israel“, schreibt Esther Schapira voller Wut. Sie beklagt „die Ungerechtigkeit und Doppelstandards, mit denen dem jüdischen Staat ein ums andere Mal kurzer Prozess gemacht wird“, um schon im nächsten Absatz ihre Kritik israelischer Politik im Umgang mit der arabischen Bevölkerung und den Palästinensern zu thematisieren. Sie formuliert, was viele Beiträge durchzieht, die Angst, dass ihre Kritik, auf öffentlicher Bühne vorgetragen, von Israelhassern instrumentalisiert werden könnte. „Der Applaus von Freunden tut gut, der Beifall von Feinden schmerzt. Beides ist gefährlich und verführt dazu, nicht die ganze Wahrheit zu sagen.“ In diesem Dilemma befinden sich mehr oder weniger alle Autor*innen dieses Buches. Sie haben höchst unterschiedliche politische Biographien, manche sind wie Robert Schindel oder Doron Rabinovici klar links sozialisiert und haben sich erst in einem schmerzhaften inneren Prozess zum Eingeständnis ihrer Liebe durchgerungen.

Israel sei für sie eine „komische Liebe“, eine schwere Liebe“, „eine irre Liebe“ schreibt die Schriftstellerin Mirna Funk, stellvertretend für viele. Der arabische Israeli Ahmad Mansour, der heute als Psychologe in Berlin lebt, wuchs im tiefen Hass seiner arabischen Familie auf Juden, auf Israel auf. Denselben Hass erlebt er mittlerweile auch in Berlin. Er wird als Verräter gebrandmarkt, als Zionist beschimpft, auf der Straße angepöbelt und bespuckt. „Keinesfalls nur von Palästinensern“, sondern auch aus dem „linksextremen Spektrum“. Ein Verteidiger Israels, der jetzt in Deutschland unter Personenschutz steht.

Petra Roth hat sich übrigens umgehend bei Ignatz Bubis entschuldigt, er, der Deutschland so wenig traute, dass er sich lieber in Israel hat beerdigen lassen. Der Sammelband, herausgegeben von Erwin Javor, dem Gründer von mena-watch, einem renommierten Nahost-Think-tank und von Stefan Kaltenbrunner, dem ehemaligen Chefredakteur digital der österreichischen Tageszeitung KURIER, ist gerade rechtzeitig vor Chanukka und Weihnachten erschienen. Es ist ein wunderbar ehrliches Lesebuch, amüsant trotz des schweren Stoffes, erhellend auch für die, die glauben, schon alles zu wissen über Israel. Also einer großen Leserschaft ans Herz gelegt.

Erwin Javor / Stefan Kaltenbrunner (Hg.): Israel. Was geht mich das an?, Thespis 2022, 250 S., Euro 25,00, Bestellen?

Der Beitrag erschien zuerst in der jüngsten Ausgabe des DIG-Magazins. Wir danken für die Nachruckerlaubnis.

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