„Probleme des Antirassismus“ – ein kritischer Sammelband

In dem voluminösen Sammelband „Probleme des Antirassismus“ stehen „Postkoloniale Studien, Critical Whiteness und Intersektionalitätsforschung in der Kritik“, so der Untertitel. Die darin enthaltenen 19 Beiträge bewegen sich auf hohem Niveau und üben häufig detaillierte Ideologiekritik an derartigen Konzepten. Auch ist dabei immer wieder eine antisemitische Dimension inhaltlicher Gegenstand. Es handelt sich um einen beachtenswerten Band, wenn auch nicht um leichte Kost.

Von Armin Pfahl-Traughber

Mit dem „neuen“ Antirassismus gehen häufiger andere Konzepte einher: „Critical Whiteness“, „Intersektionalität“, „Postkolonialismus“. Dabei sind die dort vertretenen Auffassungen nicht unproblematisch, richten sie sich doch auch gegen ein universalistisches Antirassismusverständnis: Betroffenen wird ein Erkenntnismonopol zugeschrieben. Ein mit Identitätsfixierung einhergehender Kulturrelativismus macht sich breit. Bei einigen Minderheitenangehörigen wird ihr mitunter praktizierter Rassismus ignoriert. „Struktureller Rassismus“ nutzt man als diffuses Schlagwort. Und ein israelbezogener Antisemitismus findet dabei starke Verbreitung. Mittlerweile gibt es dazu auch argumentative Kritik, die nicht von konservativer, sondern von linker Seite kommt. Ein Beispiel dafür ist der voluminöse Sammelband „Probleme des Antirassismus. Postkoloniale Studien, Critical Whiteness und Intersektionalitätsforschung in der Kritik“. Er enthält 19 längere Aufsätze von guten Kennern der Materie im wissenschaftlichen Sinne.

Hier seien zunächst nur die Themen genannt, um einen Überblick zu geben: Im ersten Teil zu „Problemen antirassistischer Grundkonzepte“ geht es um Einwände gegen den „Critical Whiteness“-Ansatz und um „Strukturellen Rassismus“ als Beitrag zur Rassifizierung der Gesellschaft, aber auch um Einwände gegen Edward Said und sein „Orientalismus“-Konzept. Im zweiten Teil zur „Materialistischen Rassismusanalyse“ stehen Beiträge etwa zum Ursprung der rassistischen Sklaverei im kolonialen Virginia, zum Kontext von Kapitalismus und Rassismus und zur Sozialpsychologie des Rassismus im Zentrum. Der dritte Teil widmet sich „Antirassismus & Antisemitismus“, wo insbesondere auf die Bedeutung der Judenfeindschaft in Rassismustheorien allgemein oder in der „Bio-Macht“-Konzeption von Foucault, aber auch auf das Konzept der „multidirektionalen Erinnerung“ kritisch verwiesen wird. Und schließlich geht es im „Postkolonialismus & Zionismus“ betitelten letzten Teil ebenfalls kritisch um die Deutung von Israel als heutigem siedlerkolonialistischen Staat.  

Einen derart umfangreichen Band mit Beiträgen zu so unterschiedlichen Themen kann man nicht so leicht rezensieren. Zunächst unterscheidet sich „Probleme des Antirassismus“ von ähnlichen Sammelbänden dadurch, dass nicht essayistische Betrachtungen auf wenigen Seiten hintereinander gestellt werden. Die Autoren des zu besprechenden Bandes liefern überaus kenntnisreiche und tiefgründige Beiträge und heben sich damit wohltuend von ähnlichen publizistischen Kontexten in derartigen Zusammenhängen ab. Nicht alle Abhandlungen passen zum eigentlichen inhaltlichen Anliegen, gleichwohl liefern diese Beiträge wichtige Erkenntnisse. Auch kennen sich die einzelnen Autoren in den Debatten und mit den Positionierungen gut aus. Selbst wenn die Kritik gelegentlich scharf vorgetragen wird, gehen damit keine billigen Polemiken einher. Und dann hat man es in der Gesamtschau nicht mit einer leichten Lektüre zu tun. Wer aber an ideologiekritischen Betrachtungen auf hohem Niveau interessiert ist, ist bei dem Sammelband genau richtig.

Das macht bereits die erste Abhandlung über „Critical Whiteness“ deutlich: Zunächst werden die Auffassungen beschreibend referiert und anschließend einer kritischen Prüfung ausgesetzt. Dabei findet man eine detaillierte Auseinandersetzung mit Einseitigkeiten und Fehlschlüssen, Implikationen und Widersprüchen. Während hier ein allgemeiner Ansatz inhaltlicher Gegenstand von Reflexionen ist, werden an anderer Stelle konkrete Texte untersucht. Dies geschieht etwa bezogen auf einen „Debattenbeitrag“ der Historikerin Yasemin Shooman, wobei mustergültig für ihre Argumentation derartige Defizite herausgearbeitet werden. Auch sind bekannte Autoren gesondert Gegenstand der Kritik, was insbesondere für Achille Mbembe und Edward Said gilt. Ihnen gegenüber wird auf Ansätze zu einem postkolonialen Antisemitismus verwiesen. Und dann macht ein Beitrag darauf aufmerksam, dass „Antirassismus“ auch als Schutzschild für Antisemitismus unter Muslimen gelten kann. Die Beiträge sind keine leichte Kost, sie fördern aber Kritik und Reflexionen.

Ingo Elbe u.a. (Hrsg.), Probleme des Antirassismus. Postkoloniale Studien, Critical Whiteness und Intersektionalitätsforschung in der Kritik, Berlin 2022 (Edition Tiamat), 588 S., Bestellen?

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