„Wie man Antisemitismus bekämpft“

In ihrer Streitschrift blickt Bari Weiss, ehemalige Journalistin der „New York Times“, die dort aus Ärger über ein politisches Mobbing gekündigt hatte, auf den islamischen, linken und rechten Antisemitismus. Dies geschieht mehr aus der Blickrichtung von persönlichen Kommentaren, gleichwohl liefert der Band lesenswerte und wichtige Reflexionen nicht nur zur Situation in den USA.

Von Armin Pfahl-Traughber

Drei Jahre lang arbeitete sie für die „New York Times“, 2020 verließ Bari Weiss die Zeitung. Sie beklagte deren aktivistischen Journalismus, der sich auch gegen sie als konservative Kritikerin des angeblich antirassistischen „Wokenesss“ wende. Dass ein israelfeindlicher Antisemitismus dort nicht kritischer kommentiert wurde, nahm die bekennende Jüdin darüber hinaus negativ wahr. Bereits ein Jahr vor ihrer Kündigung veröffentlichte sie dazu eine Streitschrift, die jetzt auch in einer deutschsprachigen Ausgabe vorliegt: „Wie man Antisemitismus bekämpft“. Es handelt sich um eine persönliche Kommentierung, nicht um ein wissenschaftliches Werk. Dieser Ausrichtung muss man sich bewusst sein, wenn keine falschen Erwartungen geweckt werden sollen. Denn die Autorin schreibt auch autobiographisch, definiert ihre Begriffe nicht trennscharf, nennt nur sporadisch genauere Belege, springt bei den Beschreibungen mitunter hin und her und arbeitet wichtige Unterschiede mitunter nicht klar heraus. Gleichwohl ist ihr Band lesenswert und wichtig.

Bereits zu Beginn macht Weiss darauf aufmerksam, dass Antisemitismus aus guten geschichtlichen und gesellschaftlichen Gründen eigentlich in den USA nicht vorkommen dürfe, gleichwohl aber gegenwärtig in vielfältiger Form auszumachen sei. Es handele sich um ein in der amerikanischen Gesellschaft tabuisiertes Phänomen. Immer wieder erwähnt sie dafür gegenwärtige Beispiele, welche in Deutschland aber nur selten wahrgenommen werden. Dann stellt die Autorin auch deutlich gegen einen weit verbreiteten Irrtum darauf ab, dass sich Antisemitismus und Rassismus sehr wohl unterscheiden würden. Es gehe im erstgenannten Fall auch um eine scheinbare Welterklärung, also nicht nur um Abneigungen gegen Minderheitenangehörige: „Die Logik des Antisemitismus unterscheidet sich stark von der Logik der Fremdenfeindlichkeit oder des Rassismus. … der Antisemitismus ist eine umfassende allgemeine Theorie von allem“ (S. 38). Mit einer solchen Blickrichtung geht es dann um den „dreiköpfigen Drachen“ (S. 173).

Gemeint ist damit zunächst der Antisemitismus der „extremen Rechten“, so ihre Wortwahl. Damit sind insbesondere die rassistischen Judenhasser mit neonazistischer Prägung gemeint, welche auch zu Gewalthandlungen mit unterschiedlich hoher Intensität neigten. Während dieser Antisemitismus öffentlich breit thematisiert und verurteilt werde, sei dies aber nicht beobachtbar bei der „extremen Linken“ und dem „radikalen Islam“, so auch wieder die Wortwahl. Für den erstgenannten Bereich werden Fälle an Universitäten genannt, wo israelfeindliche Akteure gegen jüdische Einzelpersonen oder Gruppen vorgehen. Hier bleibt die Autorin aber etwas unkonkret, was auch für die dortige Identitätslinke und ihre Ignoranz gegenüber der Judenfeindschaft gilt. Hier wird aber auf der abstrakte Ebene sehr prägnant das stereotype Judenbild als dann doch „weiße“ Unterdrücker herausgearbeitet (vgl. S. 131f.). Und dann geht es noch gesondert um den Antisemitismus unter Muslimen, der allgemein bedeutend höher als in den westlichen Mehrheitsgesellschaften sei.

Bei diesen Ausführungen fällt auf, dass der Antisemitismus nicht als bloßer westlicher Import in die islamische Welt wahrgenommen wird. Die Autorin formulier treffend: Es habe dort bereits einen „fruchtbaren Boden“ (S. 142) in den religiösen Grundlagen und bei einflussreichen Predigern gegeben. Auch wird bezogen auf die Absicht des Antizionismus die antisemitische Dimension treffend hervorgehoben: „Die Zerstörung eines reell existierenden Staates in der angestammten jüdischen Heimat, indem mehr als sechs Millionen Juden … mit ihren Familien leben“ (S. 110). Gerade derartige Anmerkungen stellen für das Buch die Würze dar. Am Ende finden sich noch Hinweise zum Titel: „Wie man Antisemitismus bekämpft“. Manche sind eher allgemeine Bekundungen, andere liefern sehr praktische Tipps. Die Auffassung vom antisemitischen „dreiköpfigen Drachen“ könnte indessen schief ankommen. Denn es gibt beim Antisemitismus in den genannten Bereichen unterschiedliche Grade und ebenfalls in der Mehrheitsgesellschaft solche Potentiale.

Bari Weiss, Wie man Antisemitismus bekämpft. Eine Streitschrift gegen Geschichtsvergessenheit, Selbstgefälligkeit und Konfliktscheu, Berlin 2022 (Edition Tiamat), 215 S., 20 Euro, Bestellen?

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